{"id":5994,"date":"2004-02-01T00:00:18","date_gmt":"2004-01-31T22:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5994"},"modified":"2022-07-26T14:24:37","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:37","slug":"arundhati-roy-im-krieg-der-medien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/02\/arundhati-roy-im-krieg-der-medien\/","title":{"rendered":"&#8222;Arundhati Roy&#8220; im Krieg der Medien"},"content":{"rendered":"<p>Seit den Mega-Terroranschl\u00e4gen des 11. September 2001 steht der mediopolitische Diskurs unter enormen Stress. Der den Anschl\u00e4gen von New York und Washington folgende &#8222;Krieg gegen den Terror&#8220; f\u00fchrt zu einer wackligen und gespaltenen Normalit\u00e4t: &#8218;Dort&#8216; (in Afghanistan, im Irak&#8230;) High-tech-Krieg, Besatzung und Terror. &#8218;Hier&#8216; m\u00f6glichst business as usual, also Renormalisierung der M\u00e4rkte und Kurse, ebenso (the show must go on) der medialen Spa\u00dfkultur. Allerdings funktionierte die Trennung zwischen Front und Heimat von Beginn an nicht wirklich (auf Dauer wird sie eh nicht zu halten sein): Der &#8218;Feind&#8216; steckt(e) ja nicht nur in H\u00f6hlen und Erdl\u00f6chern &#8218;dort&#8216;, er war und ist auch der sleeper in Metropolis. Vielleicht schl\u00e4gt er in Hamburg zu, vielleicht aber auch in Homburg. Doch es mag auch sein, dass diese Terror-Warnungen Humbug sind. Oder die Inszenierung eines nerv\u00f6s gewordenen Innensenators auf Abruf, der sich besinnt, dass die Schill-Partei bei der letzten Hamburger B\u00fcrgerschaftswahl von einer Welle des Sicherheitswahns in den Senat gesp\u00fclt wurde.<\/p>\n<p>Eine so prek\u00e4re Normalit\u00e4t, in die jeden Augenblick der Ausnahmezustand einbrechen kann, ist die Hochzeit f\u00fcr das Entweder-Oder, f\u00fcr das, was in der Friedensforschung (so bei John Galtung) &#8222;bin\u00e4re Reduktion&#8220; genannt wird. Da wird dann die ganze Welt in Freund oder Feind aufgeteilt: &#8218;Entweder f\u00fcr Bush oder f\u00fcr Saddam&#8216;, &#8218;entweder f\u00fcr die Weltpolizei oder f\u00fcr den Terror&#8216;.<\/p>\n<p>Wegen ihrer Rede beim Weltsozialforum im Mumbai ger\u00e4t nun ausgerechnet Arundhati Roy, die in ihrem viel beachteten Guardian-Beitrag nach dem 11. September 2001 eine intelligente Resistenzposition jenseits der bin\u00e4ren Reduktion formuliert hatte, in einigen deutschen Medien in die M\u00fchle des bin\u00e4ren Reduktionismus. Am 19. Januar entz\u00fcndete die taz einen &#8222;Brennpunkt&#8220;. &#8222;Kriegserkl\u00e4rung der K\u00e4mpferin&#8220;, lautete der Titel; im Untertitel behauptete die taz: &#8222;Auf dem Weltsozialforum in Bombay fordert die Autorin Arundhati Roy den Krieg der Globalisierungskritiker gegen das Establishment&#8220;. Um noch vor Lekt\u00fcre des Artikels voll im Bilde zu sein, verk\u00fcndet die Kopfzeile: &#8222;In Bombay verk\u00fcndet sie [A. Roy; AS] die Hinwendung der Bewegung von der Systemkritik zum Kampf gegen Neoliberalismus. Als aktuellstes Beispiel nennt sie den militanten Widerstand im Irak, den es zu unterst\u00fctzen gelte.&#8220; So eingestimmt, schweift der Blick auf ein fett hervorgehobenes Zitat: &#8222;Wir fordern Gerechtigkeit f\u00fcr alle. Deshalb m\u00fcssen wir uns als im Krieg befindlich begreifen!&#8220;<\/p>\n<p>Wenn die Augen sich schlie\u00dflich dem Beginn des Artikels zuwenden, sto\u00dfen sie zun\u00e4chst auf ein weiteres heraus geblocktes Zitat: &#8222;Wir m\u00fcssen nicht nur den Widerstand im Irak unterst\u00fctzen, wir m\u00fcssen zum Widerstand werden&#8220;, hei\u00dft es da. Im Artikel wird dieses Zitat als &#8222;der entscheidende Satz&#8220; der Rede pr\u00e4sentiert. Merkw\u00fcrdig nur, dass der &#8222;entscheidende Satz&#8220; hier einen abweichenden Wortlaut hat: &#8222;Wenn wir wirklich gegen Imperialismus und Neoliberalismus sind, dann m\u00fcssen wir nicht nur den Widerstand im Irak unterst\u00fctzen, wir m\u00fcssen selbst zum Widerstand im Irak werden.&#8220; Das klingt wie eine Abschiedsbotschaft Roys kurz vor dem Aufbruch nach Bagdad, wo sie sich dann vielleicht ans Steuer eines mit Sprengstoff beladenen Lieferwagens setzte. Taz-Autor Rainer H\u00f6rig legt nach: &#8222;Arundhati Roy wei\u00df, was sie da sagt&#8220;. Doch wei\u00df die taz, was sie da sagt, Roy sagen l\u00e4sst?<\/p>\n<p>Statt den &#8222;entscheidenden Satz&#8220; im Redekontext und den politischen Debatten zu situieren, folgt ein &#8211; vermutlich vorfabriziertes &#8211; Portr\u00e4t Roys. Wie passend, dass Roy mal zu einer fr\u00fcheren Auseinandersetzung gesagt hat: &#8222;Nat\u00fcrlich findet hier eine Art Krieg statt.&#8220; F\u00e4llt nach so viel &#8222;Krieg&#8220; und Bez\u00fcgen auf &#8222;militanten Widerstand im Irak&#8220; \u00fcberhaupt noch auf, dass die taz nichts \u00fcber genauere Kriegspl\u00e4ne Roys zu melden wei\u00df? F\u00e4llt auf, dass der am Ende des Artikels erw\u00e4hnte konkrete Vorschlag Roys zum Widerstand gegen Irak-Krieg und seitherige Besatzung zivil und gewaltfrei ist? Unter denen, die dies nicht bemerkt haben, dr\u00e4ngte es einen im \u00e4u\u00dfersten Stress zum Verfassen einer Presse-Erkl\u00e4rung: J\u00fcrgen Gr\u00e4sslin, Bundessprecher der DFG-VVK. Der las die Rede-Fetzen Roys aus der taz vor dem Hintergrund der &#8222;10-Euro&#8220;-Kampagne (siehe <a href=\"\/285\/panorama.shtml\">GWR 285<\/a>, S. 1 u. 6), gegen die er &#8211; in der Tendenz ganz richtig &#8211; opponiert hatte; die junge Welt, die sich in zahlreichen Texten f\u00fcr diese Kampagne stark gemacht hatte, nahm dies zum Anlass, Gr\u00e4sslins Position in einem Interview regelrecht vorzuf\u00fchren. Gr\u00e4sslins eilige Presserkl\u00e4rung gegen Roy erschien tags darauf in der jungen Welt. Die brachte auch Roys Rede fast komplett, wie sie in der indischen Tageszeitung The Hindu erschienen war. In der jungen Welt wohl unvermeidlich, diktierte Werner Pirker in einem Leitartikel, wie Roys Rede zu verstehen sei. Auch er konzentrierte sich auf das, was in der taz als &#8222;der entscheidende Satz&#8220; pr\u00e4sentiert worden war, berief sich allerdings auf &#8222;Agenturen&#8220; und schrieb: &#8222;Als zentralen Bezugspunkt dieses Widerstandes nannte sie [A. Roy; AS], so Agenturen, den Irak: &#8218;Wenn wir wirklich gegen Neoliberalismus und Imperialismus sind, m\u00fcssen wir den Widerstand im Irak nicht nur unterst\u00fctzen, sondern selbst zum Widerstand im Irak werden&#8216;.&#8220;<\/p>\n<p>Auf den Roy-Text in derselben Ausgabe der jungen Welt konnte sich Pirker nicht st\u00fctzen. Dort findet sich das &#8222;Agenturen&#8220;- und taz-Zitat nicht, wohl aber eine Passage, die das Gegenteil aussagt und die eingerahmt ist von einer positiven Erinnerung an Gandhis Salzmarsch und dem Vorschlag, exemplarisch zwei am Irak-Krieg verdienende US-Konzerne &#8222;dicht zu machen&#8220;. Das hinderte Pirker aber nicht daran, die Position gewaltfreien Widerstands als &#8222;neokoloniale Attit\u00fcde &#8218;zivilisierter&#8216; Westlinker&#8220; abzukanzeln, was einen fast in die Falle tappen lassen k\u00f6nnte, den Wiener einer &#8222;&#8218;barbarischen&#8216; Ostlinken&#8220; zu nennen. Mit umgekehrter Wertung unterwirft sich Pirker freudig Bushs Vorgabe der bin\u00e4ren Reduktion: Wer sich nicht auf die Seite &#8218;des irakischen Widerstands&#8216; stelle, sei, &#8222;ob bewu\u00dft oder unbewu\u00dft, ein Teil der Besatzung.&#8220; Das best\u00e4tigt einmal mehr den Eindruck, den sein Textstrom in der jungen Welt hinterl\u00e4sst. Die Diskursposition &#8218;Pirker&#8216; ist wie viele Flaschen Fusel, danach muss man kotzen, und auf Dauer droht Verbl\u00f6dung.<\/p>\n<p>Die Antikriegs-Bewegung k\u00f6nnte nichts Bl\u00f6deres tun, als sich pauschal positiv auf &#8218;den irakischen Widerstand&#8216; zu beziehen. Stattdessen gilt es, gegen den bin\u00e4ren Reduktionismus dritte, vierte, n.te Positionen zu entwickeln. Ob Roy daf\u00fcr in Mumbai Anregungen geliefert hat, wo man ihr folgen kann und wo lieber nicht, sollte jedeR erst <em>nach genauer Lekt\u00fcre<\/em> ihres Textes entscheiden &#8211; das mag sp\u00e4ter in diesen Spalten oder anderswo diskutiert werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit den Mega-Terroranschl\u00e4gen des 11. September 2001 steht der mediopolitische Diskurs unter enormen Stress. 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