{"id":5998,"date":"2004-02-01T00:00:33","date_gmt":"2004-01-31T22:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=5998"},"modified":"2022-07-26T14:15:09","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:09","slug":"fur-eine-gewaltfreie-herrschaftslose-gesellschaft-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/02\/fur-eine-gewaltfreie-herrschaftslose-gesellschaft-3\/","title":{"rendered":"F\u00fcr eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p><strong>Graswurzelrevolution: Schon fr\u00fch gab es ein Netzwerk zwischen Graswurzelbewegungen der BRD und der DDR ((1)). Ihr hattet gute Kontakte zu DDR-Graswurzelgruppen. Erz\u00e4hlt doch mal.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Helga:<\/strong> Einerseits gern, weil ich so beeindruckt war von den Menschen, die ich dort traf. Andererseits m\u00fc\u00dften zu diesem Themenkomplex andere etwas sagen, die damals intensiver beteiligt waren und viel mehr Risiken eingegangen sind &#8211; auf beiden Seiten.<\/p>\n<p>Zuerst noch eine Anmerkung zu Deiner Frage. Sehr &#8222;fr\u00fch&#8220; gab es diese Kontakte meines Wissens nicht, aber da mag ich mich irren. Ob man von einem Netzwerk zwischen uns und DDR-Friedensgruppen sprechen kann, bezweifele ich. Daf\u00fcr waren es zu wenig Kontakte, und auch die Gef\u00e4hrdung f\u00fcr die Freunde in der DDR war viel zu gro\u00df. Und ich z\u00f6gere, den Begriff DDR-Graswurzelgruppen zu benutzen. Wenn er in dem Sinne benutzt w\u00fcrde wie in England oder den USA, dann vielleicht &#8211; also Initiativen, die sich ganz unten und von allein entwickeln. Aber &#8222;wir Graswurzler&#8220; haben den Begriff ja immer eng verkn\u00fcpft mit der GWR benutzt. Und in dem Zusammenhang w\u00fcrde ich nicht von DDR-Graswurzelgruppen sprechen wollen. Das schiene mir selbst im Nachhinein noch eine unzul\u00e4ssige Vereinnahmung.<\/p>\n<p>Wie ich die wenigen Menschen wahrgenommen habe, die ich kennen lernte, und dar\u00fcber hinaus die, von denen man im Laufe der Zeit erfuhr &#8211; auch durch die Medien -, haben diese Gruppen sehr eigenst\u00e4ndige Entwicklungen durchlaufen. Sicher hat es gegenseitige Ermutigungen durch Begegnungen und Austausch gegeben. Aber ob wir hier in Westdeutschland von ihrem Mut und ihrer Risikobereitschaft nicht viel mehr h\u00e4tten lernen sollen, als sie an Anregungen aus unseren Aktionsberichten erfahren oder gar h\u00e4tten auf ihre Situation \u00fcbertragen k\u00f6nnen, das h\u00e4tten wir vielleicht damals alle intensiver wahrnehmen und diskutieren sollen. Dar\u00fcber hinaus hat es Ende der 80er und danach, wie Du auch angemerkt hast, viele Gruppen und Organisationen gegeben, die Kontakt zu den gleichen Leuten hatten.<\/p>\n<p>Wir sind durch die damaligen Herausgeber der Graswurzelrevolution in Berlin in direkten Kontakt zu Leuten in Ostberlin gekommen (dort gab es einen philosophischen Arbeitskreis, sp\u00e4ter dann auch die damit eng verbundenen Frauen f\u00fcr den Frieden) sowie zu den Freunden vom Friedensseminar in K\u00f6nigswalde, im S\u00fcden der DDR.<\/p>\n<p>Kleiner Einschub hier f\u00fcr das Wiedererkennungsmoment, das wir ja oft brauchen: In den beiden Gruppen in Berlin waren z.B. B\u00e4rbel Bohley, Frau Havemann, die Poppes und andere, deren Namen in den 1980ern und noch mehr nach der Wiedervereinigung vielen gel\u00e4ufig wurden.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re vielleicht wichtiger, aus der Sicht der damals hier wie dort Beteiligten dar\u00fcber etwas zu lesen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Es w\u00e4re aber schade, wenn Du nichts weiter dazu sagen magst, nachdem Du mir k\u00fcrzlich am Telefon davon erz\u00e4hlt hast.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Helga:<\/strong> Es gab so vieles, was sich mir tief eingepr\u00e4gt hat und mir nach so viel Jahren noch immer wichtig ist. Daf\u00fcr mu\u00df ich zeitlich ein bi\u00dfchen zur\u00fcckgreifen. W\u00e4hrend meiner Arbeit im Londoner WRI-B\u00fcro organisierte die WRI eine weltweite Unterschriftenkampagne unter eine Petition an die Vereinten Nationen zur Anerkennung der Kriegsdienstverweigerung als Menschenrecht. Abgesehen von ein paar eher offiziellen DDR-Adressen, wie dem Deutschen Friedensrat, hatte die WRI auch einige Kontakte zu Privatpersonen in der DDR. Sie alle erhielten nat\u00fcrlich auch diese Petition mit der Bitte um Unterschriftensammlung.<\/p>\n<p>Es dauerte Monate, bis die Unterschriftenlisten aus aller Welt wieder in London eintrafen (noch keine flotten Faxe oder \u00e4hnliches wie heute). Und ich kann Dir gar nicht beschreiben, welchen Eindruck das bei der WRI hinterlassen hat und wie mich das ganz pers\u00f6nlich ber\u00fchrte, als im Laufe der Zeit in mehreren 20g-Briefumschl\u00e4gen insgesamt an die 270 Unterschriften aus der DDR ankamen, immer soviel, wie auf eine DIN A4-Seite drauf passten &#8211; alle auf dem gleichen blauen Durchschlagpapier.<\/p>\n<p>Es waren, glaube ich, aus aller Welt knapp 10.000 Unterschriften &#8211; aber f\u00fcr mich waren diese 270 aus der DDR fast so gewichtig, wie die anderen zusammen. Denn wir konnten uns gut vorstellen, was das f\u00fcr ein Risiko gewesen sein mu\u00df f\u00fcr diejenigen, die sich daf\u00fcr eingesetzt hatten. Erstmal, eine Schreibmaschine, wer durfte die schon haben. Dann die M\u00fche, die Petition und die Liste an die 30 bis 40 x abzutippen, gleich mit vielen Durchschl\u00e4gen zum Weiterreichen. Dann das Weiterreichen selbst und das Dar\u00fcber-Reden mit anderen. Und da\u00df solche &#8222;kritischen&#8220; Geister st\u00e4ndig Kontakt hielten untereinander &#8211; das hat uns sehr ber\u00fchrt. Dabei konnten sie doch nie wissen, wie lange so etwas &#8222;gut geht&#8220;, ob jemand alles verpfeift, welches genau die Folgen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Aus der Zeit schon stammte meine Hochachtung vor diesen Freunden. Viele Jahre sp\u00e4ter, Anfang 1980, habe ich einmal an einem der K\u00f6nigswalder Friedensseminare teilgenommen und traf zu meiner \u00dcberraschung und gro\u00dfen Freude endlich einen, dessen Namen ich aus meiner WRI-Zeit in London kannte, der evtl. schon Kontakt zur WRI hatte, als es die sogenannten Bausoldaten offiziell noch nicht einmal gab, als seine eigene Kriegsdienstverweigerung den DDR-Beh\u00f6rden die ersten Schwierigkeiten bereitete -, und ihm selbst nat\u00fcrlich erst recht. Deren Netzwerke scheinen mir viel \u00e4lter und gr\u00f6\u00dfer als die der Graswurzler und Gewaltfreien Aktionsgruppen, die Anfang der 1970er entstanden.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie wurden die Kontakte aufrecht erhalten?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Helga:<\/strong> Das war nie so ganz einfach. Wir hatten das Gl\u00fcck, Verwandte in Ostberlin zu haben und nutzten die Gelegenheit dann oft, auch die Freunde in Ostberlin zu besuchen, immer im Bem\u00fchen, weder Freunde noch Familie zu gef\u00e4hrden. Und immer mit etwas Angst, ob das gelegentliche Buch, die Schallplatte oder ein Artikelchen sicher durch die Grenze gebracht werden k\u00f6nnten und man nicht unterwegs beobachtet wurde.<\/p>\n<p>Wolfgangs Teilnahme an dem Protest in Budapest im September 1968 gegen den Einmarsch der Warschauer Pakt Staaten in die Tschechoslowakei und die Reaktion der DDR-Beh\u00f6rden darauf war immer im Hinterkopf als ein Gef\u00e4hrdungsgrund f\u00fcr die Freunde. Und als Westler auf Besuch im Osten Kontakt zur DDR-Friedensbewegung zu haben, war immer auch ein Gef\u00e4hrdungsgrund f\u00fcr die Familie.<\/p>\n<p>Daneben entwickelten sich die Beziehungen \u00e4hnlich wie die zur Familie: P\u00e4ckchen hin und wieder verschicken, Briefe und Karten zu den Festtagen. Mitteilungen \u00fcber das t\u00e4gliche Leben, wir erfuhren, wenn Kinder geboren wurden und wie sie sich entwickelten.<\/p>\n<p>Wenn wir Gl\u00fcck hatten, hatte bei einem unserer Besuche der philosophische Arbeitskreis grad seinen Gruppenabend, so da\u00df wir von ihnen auch etwas erfahren konnten. Oder wir berichteten \u00fcber die Arbeit der Gewaltfreien Aktionsgruppen. Mir schien es, da\u00df die Freunde fast immer das Gesetzbuch unterm Arm hatten, um herauszufinden, wie denn &#8222;Gewaltloser Widerstand&#8220;, &#8222;Sitzblockade&#8220; oder &#8222;Ziviler Ungehorsam&#8220; in den DDR-Gesetzen ihren Widerpart f\u00e4nden, wie die Reaktionen sein k\u00f6nnten, wenn so etwas bei ihnen stattf\u00e4nde.<\/p>\n<p>Und wir erfuhren, was passiert, wenn man bei offiziellen DDR-Gro\u00dfveranstaltungen den Mut hat, ein selbstgemaltes Plakat zu tragen; oder wie man Hase und Igel spielt, weil beim n\u00e4chsten Mal schon die Polizei vor der T\u00fcr stand und den Freund mit seiner Plakatrolle verfolgte bis zur Demo und dort die Herausgabe des Plakates forderte &#8211; um feststellen zu m\u00fcssen, da\u00df diesmal nichts drauf stand.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in jeder Gruppe von aufm\u00fcpfigen Menschen weltweit oft \u00fcberlegt wird, was zu tun ist, wenn eine Hausdurchsuchung ansteht, erfuhren wir dort, wie oft das konkret geschah, und wenn man Gl\u00fcck hatte, waren die unter den Kohlen versteckten wertvollen B\u00fccher oder \u00e4hnliches nicht gefunden worden. Wer hat schon Lust, Kohlen zu schippen? Das mag lustig klingen, aber wenn bei jedem Treffen die Polizei das Haus beobachtet, kann man allen Humor verlieren. Die Geschichte der polizeilichen (oder war es die Stasi?) Beobachtungen &#8211; und viel mehr dar\u00fcber hinaus &#8211; des K\u00f6ngswalder Friedensseminars \u00fcber viele Jahre hin, und da\u00df es sich trotzdem von anfangs ca. 20 Leuten in einem privaten Wohnzimmer zu mehr als 700 in einer gro\u00dfen Kirche entwickelte, zeigte uns viel Einfallsreichtum und eine bewundernswerte Durchhaltekraft.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie habt Ihr das Ende der DDR und des Staatssozialismus in Europa erlebt? Wie bewertet Ihr den Einfluss der B\u00fcrgerrechtsbewegung?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wolfgang: <\/strong>Das hat eine pers\u00f6nliche und eine politische Seite. Wenn ich an die pers\u00f6nliche Seite denke, die nat\u00fcrlich mit der politischen zusammenh\u00e4ngt, dann denke ich an die vielen Besuche bei meiner Mutter und anderen Verwandten in der DDR. Die vielen idiotischen Kontrollen &#8211; ein Beispiel:<\/p>\n<p>Meine Mutter besuchte uns j\u00e4hrlich f\u00fcr 4 &#8211; 6 Wochen. Und in einem Jahr, Anfang der 80er Jahre fuhren wir mit ihr zur\u00fcck nach Ostberlin. Wir hatten das Auto vollgepackt mit Schokolade, Kaffee, \u00c4pfeln und allen m\u00f6glichen Konserven. In meiner Aktentasche hatte ich ein Manuskript f\u00fcr ein Buch, das ich w\u00e4hrend des Urlaubs in Ostberlin in Ruhe zu lesen hoffte. Die DDR-Grenzer entdeckten das Manuskript, beratschlagten zwei Stunden oder mehr dar\u00fcber und erlaubten Helga schlie\u00dflich, es zur\u00fcckzubringen zum Westberliner Kontrollpunkt, wo es f\u00fcr uns aufbewahrt wurde.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was war das f\u00fcr ein Buch?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wolfgang: <\/strong>Von Gunar Seitz: \u00d6kologische Kriegsdienstverweigerung, das dann bei uns erschien. W\u00e4hrend Helga ihre Wanderung vom Kontrollpunkt Ost nach West und zur\u00fcck nach Ost machen durfte, mu\u00dfte ich das ganze Auto ausladen und jedes einzelne Teil wurde ger\u00f6ntgt. So verbrachten wir den ganzen Nachmittag zwischen allen St\u00fchlen &#8211; f\u00fcr meine Mutter als DDR-B\u00fcrgerin eine be\u00e4ngstigende Erfahrung &#8211; und f\u00fcr uns auch. Gegen Abend kamen wir dann doch wohlbehalten mit allem Gep\u00e4ck, au\u00dfer dem Manuskript, in ihrer Wohnung an.<\/p>\n<p><strong>Helga: <\/strong>Dazu ist noch zu sagen, da\u00df diese Kriegsdienstverweigerung in dem Manuskript nat\u00fcrlich auch f\u00fcr die DDR-Grenzer be\u00e4ngstigend war. Sie wollten wissen, was wir damit vorhaben, wen wir besuchen wollen, wer der Autor ist und vieles mehr, was ich vergessen habe. Es waren mindestens 6 bis 7 Beamte in st\u00e4ndigem Rennen \u00fcber den Hof zum n\u00e4chsten Vorgesetzten am Entscheidungsproze\u00df beteiligt, ehe ich die Sachen in den Westen r\u00fcbertragen durfte, zum Gl\u00fcck ohne weitere Nachteile f\u00fcr uns, was nicht selbstverst\u00e4ndlich war.<\/p>\n<p><strong>Wolfgang: <\/strong>Unsere politischen Aktivit\u00e4ten hier in der BRD hatten auch andere Familienmitglieder in der DDR zu sp\u00fcren bekommen. Meine Schwester und ihr Mann erhielten wiederholt Besuch von der Stasi, die \u00fcber ihre Kontakte zu uns und \u00fcber unsere politische Bet\u00e4tigung mehr erfahren wollten. Offensichtlich waren wiederholt Briefsendungen abgefangen worden. Es handelte sich wohl um die GWR, und bei \u00d6ffnung des Umschlages sah jemand unsere Adresse von Versandbuchhandlung &amp; Verlag bei den Kontaktadressen. Dies wurde vielleicht als Absender mi\u00dfverstanden oder aber mit anderen Dingen in Zusammenhang gebracht und f\u00fchrte dazu, da\u00df bei der Familie die Stasi auftauchte.<\/p>\n<p>Es gab noch weitere Beispiele: Meiner j\u00fcngeren Schwester, die mehrere Jahre als Dolmetscherin mit DDR-Firmen in arabischen L\u00e4ndern gearbeitet hatte, war es nach meinen Aktivit\u00e4ten im Zusammenhang mit der Besetzung der Tschechoslowakei durch f\u00fcnf Warschauer Pakt Staaten nicht mehr m\u00f6glich, ins Ausland zu reisen.<\/p>\n<p>So war es eine Erl\u00f6sung, als ich am 1. Mai 1990 bei meiner Nichte in Ostberlin zu Besuch war, endlich frei reden zu k\u00f6nnen \u00fcber unsere Arbeit und auch \u00fcber unsere Kontakte zu Freunden in der DDR.<\/p>\n<p>Das Ende der DDR und des Staatssozialismus haben wir zwiesp\u00e4ltig erfahren. Nat\u00fcrlich waren wir froh, mit unseren Freunden in der DDR nun frei kommunizieren und uns mit ihnen treffen zu k\u00f6nnen. Auf der anderen Seite teilten wir ihre Ansichten f\u00fcr einen freien und freiwilligen Sozialismus, womit sie in der DDR eine Minderheit waren und auf viel Widerstand stie\u00dfen. Das hat uns sehr geschmerzt. Es zeigt die Grenzen der Oppositions- und B\u00fcrgerrechtsbewegung, die durch ihre Aktivit\u00e4ten die Menschen dazu ermutigt haben, sich gegen den Staat offen aufzulehnen, aber mit ihrer Forderung nach einer DDR in Freiheit nicht durchkamen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wolfgang, Du warst 1965 Gr\u00fcndungsmitglied und Mitherausgeber der <em>Direkten Aktion<\/em> ((2)). Kannst Du beschreiben, wie sich die <em>Direkte Aktion<\/em> entwickelt hat? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Wolfgang:<\/strong> Ich habe in der letzten Ausgabe der <em>Graswurzelrevolution<\/em> ja schon einiges zu der Arbeit des Kreises um die <em>Direkte Aktion<\/em> gesagt und in welchem politischen Kontext die Arbeit stand. Einer der wichtigsten Aspekte bei der Gruppe bestand wohl darin, da\u00df es sich im Kern um einen Freundeskreis von bis zu 10 Leuten handelte, die sich in wechselnder Zusammensetzung mehrere Male in der Woche trafen. Wenn es nicht um die Vorbereitung von Veranstaltungen oder Aktionen ging, kamen wir zusammen zu nichts anderem als freundschaftlichem Beisammensein mit Wanderungen oder Musik. Es wurden auch Protestsongs getextet und komponiert. Oder es wurden B\u00fccher diskutiert &#8211; nicht nur politische oder sozialkritische Literatur. Wichtig waren die Vorstellungen der Sarvodaya-Gesellschaft, wie sie von Gandhi, Vinoba Bhave und anderen in Indien entwickelt worden waren und die im wesentlichen die indische Variante einer anarchistischen Gesellschaft darstellen. Auf diese Weise versuchten wir Gewaltlosigkeit und Anarchismus zu verbinden und Protagonisten und Gruppen solcher Vorstellungen in Europa zu entdecken. Im Zusammenhang mit Gandhi stie\u00dfen wir auf Tolstoi, entdeckten Landauer und andere. Als Ausweg aus dem Dilemma von Zentralismus und B\u00fcrokratie, auch im Zusammenhang mit Sozialismus, sahen wir die Bildung von Affinit\u00e4tsgruppen von 10-15 Menschen, in denen ein festeres Gemeinschaftsleben, Unabh\u00e4ngigkeit, Selbstbestimmung und Selbstorganisation eher garantiert ist und der Verwirklichung einer direkten, freiheitlichen Demokratie n\u00e4her kommt.<\/p>\n<p>Bald nach dem Beginn der Zeitschrift <em>Direkte Aktion<\/em> bin ich nach England gegangen und habe die Aktivit\u00e4ten nur aus der Ferne verfolgen k\u00f6nnen. So weit ich das feststellen konnte, hat die Gruppe im Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg verst\u00e4rkt Aktionen organisiert, so da\u00df es bald Schwierigkeiten gab, beides &#8211; Zeitschrift und Organisieren von Aktionen &#8211; unter einen Hut zu bringen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was ist aus den anderen Redaktionsmitgliedern geworden? Habt Ihr noch Kontakt?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wolfgang: <\/strong>Als ich 1973 nach Deutschland zur\u00fcckkam, existierte die Redaktion nicht mehr. Bei einigen wenigen Besuchen in Hannover habe ich vier FreundInnen wiedergesehen, die alle im Berufsleben standen. Einer von ihnen war politisch noch sehr aktiv. Er starb vor etwa zehn Jahren. In der Tageszeitung in Hannover stand ein kurzer Nachruf auf ihn, wo er als sozialistisches Urgestein beschrieben wurde. Einen weiteren Freund habe ich vor 25 Jahren bei einer Fahrt an den Bodensee getroffen, der dort in einer anthroposophischen Einrichtung f\u00fcr Behinderte arbeitete. Mit einem Freund in Hannover stehe ich noch in losem Kontakt. Vor drei Jahren hatte die Graswurzelgruppe Hannover mit anderen &#8222;Anarchistische Tage&#8220; organisiert, bei denen er mit seinem Sohn an einigen Veranstaltungen teilgenommen hat und Du ihn auch kennen gelernt hast.<\/p>\n<p>Noch einige Worte zu zwei Leuten, die nicht zur Redaktion geh\u00f6rten, aber zum weiteren Kreis. Es mu\u00df etwa 1970 gewesen sein. Vielleicht war es in dem Jahr als meine j\u00fcngere Schwester starb und wir zur Beerdigung in Ostberlin waren und ich mehrere Wochen in Deutschland war, auch in Hannover. Wir trafen auf einen Freund, der, so weit ich mich erinnere, zu der Zeit studierte und angab, politisierende Bewu\u00dftseinsarbeit mit Drogen zu machen. Wir kannten in swinging London nat\u00fcrlich diese Vorstellungen, hatten dar\u00fcber diskutiert und auch Beobachtungen gemacht und festgestellt, da\u00df mit Experimenten dieser Art leichtsinnig umgegangen wird und Menschen in heillose Verwirrung und Depression geraten k\u00f6nnen. Auf jeden Fall waren wir entsetzt zu sehen, in welche Richtung ein Mensch aus der Gruppe um die <em>Direkte Aktion<\/em> sich entwickelt. Jahre sp\u00e4ter wurde er Verleger einer Stadtzeitung.<\/p>\n<p>Eine Frau, die wenige Monate vor meinem Umzug nach London zu unserer Gruppe gesto\u00dfen war ist sp\u00e4ter zur RAF gegangen. Sie ist im Flugzeug in Mogadischu umgekommen. Es hat mir einen riesigen Schreck eingejagt, als ich das Jahre sp\u00e4ter erfuhr. F\u00fcr mich war das besonders schmerzlich, denn sie hatte gesagt, da\u00df sie wesentliche Anregungen f\u00fcr ihr Denken von mir erhalten hat. Es ist schon eine unbegreifliches Geschichte, in welcher Weise Menschen mitunter Anregungen f\u00fcr ihr eigenes Leben verarbeiten.<\/p>\n<p><strong>GWR: Ihr kennt die <em>Graswurzelrevolution<\/em> seit mehr als 30 Jahren. Wie seht Ihr die Entwicklung der GWR? Was gef\u00e4llt Euch? Was fehlt oder missf\u00e4llt Euch, wenn Ihr die letzten Jahrg\u00e4nge betrachtet?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wolfgang:<\/strong> Die <em>Graswurzelrevolution<\/em> ist eine Zeitung f\u00fcr soziale Bewegungen, besonders gewaltlose Graswurzelbewegungen. Sie berichtet \u00fcber ihre Aktionen, Ideen und Strategien in vielen Teilen der Erde und hilft mit Analysen und Auswertungen Erfolge und Mi\u00dferfolge zu erkl\u00e4ren und zu verstehen. Sie analysiert nationale und internationale Regierungspolitik, vor allem wo sie in Beziehung steht zu der Arbeit und den Kampagnen sozialer Bewegungen. Es gibt aber Fragen, von denen die meisten Menschen betroffen sind, also auch Menschen, die die <em>Graswurzelrevolution<\/em> lesen und ihr schreiben. Aber dennoch wird in dieser Zeitung kaum etwas dar\u00fcber geschrieben. Dazu geh\u00f6rt die Frage der sozialen Sicherheit, der Gesundheit, der Krankenversicherung, der Rentenversicherung. Ich war daher froh, da\u00df in der Nummer 279 ein Beitrag von Horst Blume zu Fragen um den Sozialabbau erschien. Wie stehen wir eigentlich zu einem System der sozialen Sicherung, vor allem Kranken- und Rentenversicherung, die vom Staat gelenkt, kontrolliert und garantiert wird? Diese Fragen scheinen mir aktuell zu sein, vor allem angesichts der Tatsache, da\u00df es immer mehr Stimmen gibt, die eine v\u00f6llige Privatisierung der Alters- und Krankenversicherung fordern. Damit h\u00e4tten wir ja nicht mehr ein System der sozialen Sicherheit, sondern der sozialen Unsicherheit, die von Profit bestimmt wird und dem weltweit rotierenden Kapital mit verheerenden Folgen an den B\u00f6rsen &#8211; siehe das Schicksal der US-Rentenkassen vor einigen Jahren. Gibt es selbstbestimmte und selbstverwaltete Systeme der sozialen Sicherheit? Wie sah es vor der Einf\u00fchrung der staatlichen Alters- und Krankenversicherung aus? In England ist das erst etwas mehr als 50 Jahre her, und einige dieser Einrichtungen sollen bis heute \u00fcberlebt haben, wenn auch in reduzierter Form. Gibt es Alternativen oder Gegenstrategien zur unheiligen Allianz von Pharmaindustrie, Regierung und Parlament, Krankenkassen und \u00c4rzteschaft mit den Folgen, da\u00df Menschen durch Behandlung oft in Krankheit und Abh\u00e4ngigkeit gehalten werden? Sollten uns diese Fragen nicht interessieren?<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie weit entspricht Eurer Meinung nach die Graswurzelrevolution sowohl als Zeitung als auch als &#8222;Bewegung&#8220; dem Ideal der Gewaltfreiheit, das z.B. von Gandhi aufgestellt wurde?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wolfgang: <\/strong>Ich denke, da\u00df Gandhis Handeln und Denken in mancher Hinsicht nicht einem Ideal von Gewaltlosigkeit entspricht. Dazu sind einige Seiten seines Handelns und Denkens zu sehr gebunden an den geschichtlichen und kulturellen Kontext in Indien. Vieles, was in den vergangenen Jahrzehnten in der gewaltlosen Bewegung in vielen Teilen der Erde entwickelt worden ist und was ein Geben, Lernen und Zur\u00fcckgeben mit neuen Erfahrungen und Ideen beinhaltet, geht \u00fcber Gandhi hinaus. Bezugsgruppenmodell, Konsens und andere Elemente von Graswurzelbewegung wurden in Gandhis Indien nicht in der Weise, wie wir es kennen, praktiziert. Daf\u00fcr war Gandhi selbst wahrscheinlich zu sehr Autokrat, Autorit\u00e4t oder Guru. Die <em>Graswurzelrevolution<\/em> hat seit ihrem Bestehen daran gearbeitet, die Verdienste und Bedeutung Gandhis f\u00fcr eine weltweite gewaltlose Bewegung herauszuarbeiten, und an der Weiterentwicklung von Aktion und Theorie gewaltloser Aktion in unterschiedlichen kulturellen und politischen Kontexten mitgewirkt. In dieser Weise f\u00fchrt sie vielleicht fort, was Gandhi meinte, wenn er sagte: &#8222;My Life is My Message&#8220; (Mein Leben ist meine Botschaft).<\/p>\n<p><strong>GWR: Die Graswurzelbewegung erlebt zwar immer mal wieder Hochs. Insgesamt ist die Zahl der aktiven Graswurzelgruppen aber klein, nicht erst seit Aufl\u00f6sung der F\u00f6deration Gewaltfreier Aktionsgruppen (F\u00f6GA). Nicht wenige ehemalige Graswurzelrevolution\u00e4rInnen haben sich entpolitisiert, sich zur\u00fcckgezogen oder sie sind, wie z.B. Michael Schroeren ((3)), ins parteipolitische Lager abgewandert. Nicht alle bleiben so lange ihren gewaltfrei-libert\u00e4ren Idealen treu wie Ihr. Wie erkl\u00e4rt Ihr euch das?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wolfgang<\/strong>: Es gab ja bemerkenswerte Unterschiede zwischen uns und den meisten Menschen, die in den Gewaltfreien- und Graswurzelgruppen aktiv waren. Auf dem ersten Weihnachtstreffen der Graswurzler 1973 waren einige TeilnehmerInnen kaum 18 Jahre alt und au\u00dfer uns nur zwei oder drei \u00e4lter als 25 Jahre. Wir hatten, als wir vier Monate sp\u00e4ter mit der Koordinationsarbeit der Gruppen in der Graswurzelwerkstatt (GWW) anfingen, viele Berufsjahre hinter uns, und ich war 45 Jahre alt. Berufsjahre k\u00f6nnen einem eine gewisse Distanz zu den Zielen und Grunds\u00e4tzen von Gewaltlosigkeit, Anarchismus und Revolution verschaffen. Das Alltagsleben, die Sorgen, N\u00f6te und Freuden von ArbeiterInnen und Angestellten hautnah kennen zulernen und zu teilen, machte uns in der Arbeit f\u00fcr Gewaltlosigkeit, Anarchismus und Revolution bescheidener als viele der 20j\u00e4hrigen, die studierten oder in der Berufsausbildung standen. Es ist eine meiner Vorstellungen, da\u00df jemand, der oder die hauptamtliche Arbeit im Graswurzelzusammenhang oder in der Friedensbewegung macht, eine 5j\u00e4hrige Erfahrung in einem &#8222;normalen&#8220; Beruf haben sollte. Wir haben gegen Anfang unserer Arbeit in der GWW jemanden geh\u00f6rt, der zu Beginn seiner Mitarbeit an der <em>Graswurzelrevolution<\/em> die Vorstellung hatte, da\u00df man nur gen\u00fcgend Zeitungen verkaufen m\u00fcsse und die Menschen damit schon von den Ideen \u00fcberzeugen k\u00f6nne, denn sie seien doch zwingend. Er wird zu der Zeit kaum \u00e4lter als 18 Jahre gewesen sein. Wir waren schockiert und sprachlos. Dies mag 30 Jahre sp\u00e4ter etwas vereinfacht wiedergegeben sein, trifft aber den Kern dessen, was er sagte. Solche Sachen mu\u00df man nat\u00fcrlich im Zusammenhang mit der Atmosph\u00e4re der damaligen Zeit sehen, die f\u00fcr viele Menschen heute kaum nachvollziehbar ist. Auch ich mu\u00dfte das damals erst lernen. Viele Graswurzler bis Ende der 70er Jahre bezogen wesentliche Anst\u00f6\u00dfe aus den Ereignissen und Ideen der 68er. Als ich dies das erste Mal von einem Graswurzler h\u00f6rte, mu\u00dfte ich erst mal tief Luft holen, bis mir klar wurde, wo die Unterschiede zwischen ihm und mir liegen. Wir hatten die Ereignisse seit 1967 in London zwar nur gebremst wahrgenommen, dabei aber deutlich die negativen Tendenzen gesehen, die sich dann vor allem in den K-Gruppen manifestierten &#8211; und nat\u00fcrlich der RAF. F\u00fcr uns geh\u00f6rte das mit zu 68 und machte uns skeptisch.<\/p>\n<p>Das Studium und die streckenweise begeisterte Arbeit und die Gemeinschaft in den Graswurzelgruppen erfuhr bei vielen im Beruf eine mitunter niederschmetternde Ern\u00fcchterung. Daraus erwuchs bei so manchem und mancher eine Ablehnung der eigenen Vergangenheit. So etwas haben wir wiederholt geh\u00f6rt. Nat\u00fcrlich gibt es dabei noch andere Faktoren. Heirat und Familie geh\u00f6ren dazu. Familie war f\u00fcr manche auch so eine \u00fcberraschende Erfahrung, denn in den 70ern waren viele entschiedene Gegner von Familie und Anh\u00e4nger vom Leben in Kommunen, wo die typischen patriarchalen Strukturen der Familie vermieden werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Helga:<\/strong> Ich m\u00f6chte noch &#8222;ein Wort einlegen&#8220; f\u00fcr einige unserer besten Weggef\u00e4hrten, die heute f\u00fcr uns unsichtbar scheinen. Wie Wolfgang schon gesagt hat, schienen wenige eine Vorstellung von den Schwierigkeiten zu haben, die mit dem Leben im Broterwerb einhergehen, oder wie sich die Utopien \u00fcbertragen lassen, was bei der Altersstruktur nicht verwunderlich war. Das mag dazu gef\u00fchrt haben, da\u00df so mancher, der einen dieser anderen Wege einschlug, sogar als &#8222;Verr\u00e4ter&#8220; betrachtet wurde. Ich erinnere mich an Gespr\u00e4che mit einem, der sich wegen dieser Anschuldigung zur\u00fcckzog und erst danach f\u00fcr uns verloren schien. Vielleicht ist es die Absolutheit in den Anspr\u00fcchen, die uns so viele gute Leute hat verlieren lassen.<\/p>\n<p>Aber wer sagt denn, da\u00df sie verloren sind? Ich denke an eine ganze Reihe ganz besonderer Frauen und M\u00e4nner, die den Gruppen, der Zeitung, den Ideen \u00fcber viele Jahre eng verbunden waren und alle ihre Energie und Kreativit\u00e4t einbrachten &#8211; zu unser aller Bereicherung. Sie stehen heute teils mit ihrem Broterwerb, teils dar\u00fcber hinaus im ehrenamtlichen Bereich noch immer in der guten Tradition des Engagements. Aber nicht sichtbar f\u00fcr uns, weil wir grad dort nicht selbst wohnen, die Kontakte nicht aufrecht halten k\u00f6nnen. Und ich wei\u00df von einigen von ihnen, da\u00df sie ihre Arbeit noch immer als &#8222;Graswurzelarbeit&#8220; verstehen. Was es in der Tat auch ist. Eine der Frauen erz\u00e4hlte mir vor einigen Jahren, da\u00df die Zeit und die Ideen in den GAs ihr dieses Handwerkszeug vermittelt h\u00e4tten, das sie bei ihrer Arbeit braucht und anwendet. Also ist es vielleicht so, da\u00df nur, weil wir es nicht wissen, uns das als Verlust erscheint? Oder weil es nicht koordiniert unter unserem Namen l\u00e4uft? Und doch wird es gesamtgesellschaftliche Auswirkungen haben &#8211; zumindest in der Region, wo sie lebt.<\/p>\n<p>Ich bin da etwas zuversichtlicher, was diese scheinbar Unsichtbaren angeht, obwohl ich deren kleine Zahl nat\u00fcrlich sehe gegen\u00fcber all den hunderten, die durch GA-Gruppen ber\u00fchrt und bewegt wurden. Vielleicht auch, weil ich einigen dieser M\u00e4nner und Frauen immer wieder begegne bei den Jahrestagungen des Vers\u00f6hnungsbundes, jetzt sogar mit ihren immer erwachsener werdenden Kindern in einigen F\u00e4llen. Das ist sehr sch\u00f6n, denn es macht mir auch Mut in manchmal mutlosen Zeiten, wenn ich sie dort wiedertreffe, die ich urspr\u00fcnglich vor 30 Jahren bei den Gewaltfreien Aktionsgruppen traf.<\/p>\n<p><strong>Wolfgang: <\/strong>So ganz stellt mich diese Sicht nicht zufrieden. Ich denke dabei an unsere Arbeit in der WRI. Noch gegen Ende der 60er Jahre haben KDVer des Ersten Weltkrieges Kontakt zur WRI gehalten, haben Spenden geschickt und gelegentlich kam Geld aus dem Nachla\u00df von KDVern, die gestorben waren. Uns hat das damals wie heute ungemein beeindruckt. Einige dieser Freunde haben wir auch noch pers\u00f6nlich kennen gelernt. Solch eine langfristige, lebenslange Verbundenheit haben wir nicht und das vermisse ich.<\/p>\n<p><strong>Helga: <\/strong>Leider haben wir Graswurzler es nicht geschafft, mehr dieser Menschen zusammen zu halten, was zu den Aufgaben der Organisationsbildung geh\u00f6rt h\u00e4tte.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was w\u00fcnscht Ihr euch f\u00fcr die Zukunft?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Helga:<\/strong> Hier beschr\u00e4nke ich mich auf den pers\u00f6nlichen Bereich: Ich w\u00fcnsche uns genug Gesundheit und Energie f\u00fcr noch viele Jahre, damit wir weiter mitmischen k\u00f6nnen, wo es uns wichtig ist.<\/p>\n<p><strong>Wolfgang:<\/strong> Als um 1980 die Bewegung gegen die Mittelstreckenraketen an Momentum gewann, war mein Eindruck, da\u00df die Graswurzel- und Gewaltfreien Aktionsgruppen nicht unbedingt gest\u00e4rkt aus dieser Bewegung hervorgehen w\u00fcrden. Wir waren diejenigen, die Gewaltlose Direkte Aktion und Zivilen Ungehorsam in Deutschland auf die Tagesordnung gebracht haben, und zeitweise wurden diese Fragen weithin in der \u00d6ffentlichkeit diskutiert. Gruppen und Organisationen, die diese Aktionsformen noch wenige Jahre vorher abgelehnt hatten, \u00fcbernahmen sie nach und nach. Neue Organisationen wurden gegr\u00fcndet, f\u00fcr die diese Aktionsformen jetzt selbstverst\u00e4ndlich waren. Einige Gruppen und Organisationen l\u00f6sten sich auf oder verloren an Bedeutung, zu denen auch die Graswurzelgruppen geh\u00f6rten. Es w\u00e4re sicher interessant zu untersuchen, was zu diesem Niedergang beigetragen hat, und vielleicht kommt ja noch einmal eine Diskussion dar\u00fcber in gang. Vielleicht gibt es dann etwas Klarheit dar\u00fcber, wo die Schw\u00e4chen bei uns lagen und ob es Faktoren gab, die au\u00dferhalb unserer Kontrolle lagen. Auf jeden Fall w\u00fcnsche ich uns eine lebendige und kraftvolle Graswurzelbewegung, f\u00fcr die es in unserer sozialen, politischen und wirtschaftlichen Situation viele Aufgaben g\u00e4be.<\/p>\n<p><strong>GWR: Gibt es etwas, das Ihr den GWR-LeserInnen mit auf den Weg geben wollt?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wolfgang:<\/strong> Ich denke, da\u00df in diesem Interview einige unserer Erfahrungen zum Ausdruck gekommen sind und vielleicht kann die eine oder der andere daraus etwas mit auf seinen Weg nehmen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Liebe Helga, lieber Wolfgang, herzlichen Dank f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution: Schon fr\u00fch gab es ein Netzwerk zwischen Graswurzelbewegungen der BRD und der DDR ((1)). Ihr hattet gute Kontakte zu DDR-Graswurzelgruppen. Erz\u00e4hlt doch mal. Helga: Einerseits gern, weil ich so beeindruckt war von den Menschen, die ich dort traf. 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