{"id":600,"date":"1996-10-01T00:00:59","date_gmt":"1996-09-30T22:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=600"},"modified":"2022-07-26T14:17:07","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:07","slug":"der-staat-als-blinder-fleck-feministischer-forschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/10\/der-staat-als-blinder-fleck-feministischer-forschung\/","title":{"rendered":"Der Staat als blinder Fleck feministischer Forschung"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Auf den ersten Blick mag es so scheinen, als habe die deutschsprachige feministische politische Theorie, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, in den vergangenen Jahren die staatstheoretische Debatte \u00fcbersehen, vergessen, \u00fcbergangen oder vielleicht gar verschlafen.&#8220; (Barbara Holland-Cunz) So beginnt das Vorwort zu Birgit Seemanns Grundlagenstudie zu feministischer Staatstheorie. Damit ist auch schon der inhaltliche Ausgangspunkt ihrer Arbeit benannt: das Defizit an ausgearbeiteten Strukturanalysen des Verh\u00e4ltnisses von &#8218;Staat&#8216; und &#8218;Geschlecht&#8216;.<\/p>\n<p>Der &#8218;Geschlechtsblindheit&#8216; bundesdeutscher Politikwissenschaft steht die &#8218;Staatsblindheit&#8216; feministischer Forschung gegen\u00fcber. Der staatstheoretische &#8218;male-stream&#8216; h\u00e4lt es im allgemeinen nicht f\u00fcr n\u00f6tig, die Kategorie &#8218;Geschlecht&#8216; konzeptionell miteinzubeziehen. Auf feministischer Seite scheint dagegen die Scheu zu bestehen, ausgehend von der Analyse und Politisierung &#8218;privater&#8216; Verh\u00e4ltnisse theoretisch auch auf die gesamtgesellschaftliche und staatliche Ebene vorzudringen.<\/p>\n<p>Birgit Seemann wirft Fragestellungen auf, die zur Kl\u00e4rung feministischer Positionen und Strategien nicht l\u00e4nger umgangen werden sollten:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Welches Beziehungsgef\u00fcge besteht zwischen &#8218;Staat&#8216; und &#8218;Geschlecht&#8216;? Inwieweit reproduziert der aus m\u00e4nnerdominierten Gesellschaften geformte Staat geschlechtsspezifische Herrschaftsverh\u00e4ltnisse? Wie wirken historisch entwickelte und daher wandelbare Geschlechterbeziehungen auf staatliche Institutionalisierungs- und Transformationsprozesse?&#8220; (zit. nach einem Vorabausdruck)<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr die Vorbereitung m\u00f6glicher Antworten leistet sie erstmal Grundlagenarbeit und durchforstet das umfangreiche Material der bundesdeutschen Frauen- und Patriarchatsforschung unter dem Kriterium, in welcher Weise der Staat charakterisiert wird. In dieser Bestandsaufnahme findet sie v.a. zwei Extreme: Wird der Staat von der einen Seite funktionalistisch als weitgehend interessenneutrales Instrument betrachtet, das es von einer starken Frauenlobby in Dienst zu nehmen gilt, stempelt ihn die andere Seite d\u00e4monisierend zum &#8218;Gesamtpatriarchen&#8216;. Was es aber im Konkreten hei\u00dft, den Staat als patriarchalen Herrschaftsapparat zu identifizieren, m\u00fc\u00dfte eine bisher ausgebliebene dezidierte feministische Institutionenanalyse aufzeigen. Allzu genau hat sich feministische Politologie nicht mit dem Staat befassen wollen und damit zu ihrer eigenen Marginalisierung beigetragen. Beliebter ist es, die Probleme der politisch Machtlosen in den &#8218;traditionellen Frauenbereichen&#8216; wie Soziales, Kultur, Erziehung und Bildung, sowie Psychologie zu beschreiben, als sich analytisch mit den politischen Machtzentren, den sogenannten &#8218;M\u00e4nnerdom\u00e4nen&#8216; (z.B. Industrie-, Finanz-, Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik) zuzuwenden.<\/p>\n<p>Birgit Seemanns Literaturdurchsicht erl\u00e4utert verschiedene Ans\u00e4tze zum Strukturverh\u00e4ltnis &#8218;Staat&#8216; und &#8218;Geschlecht&#8216; und weist auf theoretische Defizite hin. So laufen beispielsweise antistaatliche Konzepte, die dezentrale frauenbestimmte Netzwerke und (Selbst-)Versorgungsgemeinschaften propagieren, Gefahr, sich unbeabsichtigt neokonservativen Privatisierungsstrategien v.a. im Sozialbereich anzun\u00e4hern und dar\u00fcber hinaus den Zentralstaat zu monolithisch als &#8218;m\u00e4nnlich&#8216; zu identifizieren, so als ob politische Herrschaftsaus\u00fcbung reine M\u00e4nnersache sei, die Frauen qua Geschlecht fernliege.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber vers\u00e4umen diejenigen Ans\u00e4tze v.a. feministischer Sozial- und Rechtsstaatskritik, die den Staat frauenpolitisch in die Pflicht nehmen wollen, genauer zu pr\u00e4zisieren, worin denn eigentlich die vermuteten ungenutzten Handlungsspielr\u00e4ume f\u00fcr Frauen in einem sehr wohl als patriarchal-repressiv gekennzeichneten Apparat bestehen. Die in Aussicht gestellte Feminisierung des Staates widerspricht der Erkenntis, da\u00df staatliche Politik \u00fcber die Zuweisung von Zust\u00e4ndigkeitsbereichen, \u00f6konomische Verteilungsmechanismen und auch durch die Kontrolle des weiblichen Geb\u00e4rverm\u00f6gens fortw\u00e4hrend die gesellschaftliche Geschlechterasymmetrie selbst reproduziert.<\/p>\n<p>Da\u00df der Staat sich aus der Dominanz des \u00d6ffentlichen \u00fcber das Private, des &#8218;m\u00e4nnlichen&#8216; Prinzips \u00fcber das &#8218;weibliche&#8216;, der Vernunft \u00fcber die Natur legitimierte und auf der strukturellen Unterdr\u00fcckung der Frau aufbaut, belegen Arbeiten zum staatlichen Gewaltmonopol und M\u00e4nnerbundcharakter des Staates, die Birgit Seemann auch in ihren &#8222;Streifz\u00fcgen&#8220; durch die &#8211; m\u00e4nnliche &#8211; politologische Staatsforschung in der BRD sichtet. Auf der Basis ihrer umfangreichen Bestandsaufnahmen entwickelt die Autorin Forschungsperspektiven, die an der Frage ansetzen, wie Institutionen und Organisationen die urspr\u00fcnglich von M\u00e4nnern gemachten Regeln, Gesetze und die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung schon in ihrer Binnenstruktur im Schein objektiv-rationaler Ordnung umsetzen und immer wieder neu best\u00e4tigen. Birgit Seemann fragt weiter, inwieweit hierarchisch vorgeformte Strukturen gleichsam nur vorgeformte Rollen in einer m\u00e4nnlichen Inszenierung anbieten, mit denen Frauen sich zu arrangieren haben.<\/p>\n<p>Doch die Autorin lenkt den Blick auf einen unsch\u00f6nen Punkt, der einfachen Freund-Feind-Schemata den Boden entzieht: Geschlechtshierarchie wird ja nicht nur in staatstragenden Institutionen organisiert, sondern ver\u00e4stelt sich auch in den informellen Strukturen einer antiinstitutionellen Szene, in alternativen und linksradikalen Gruppen etc. Staat kann nicht ohne seine Verwurzelung in der patriarchalen Grundstruktur der Gesellschaft betrachtet werden. Nicht genug damit, da\u00df ein solch patriarchal verankerter Staat oppositionelle Frauenbewegungen spaltet, reproduzieren die Frauen mehrheitlich selbst patriarchale Strukturen.<\/p>\n<p>So bedarf es eher einer kulturellen Revolution als formaler Geschlechtergleichheit, denn sonst &#8222;wird weibliche &#8218;Selbstbestimmung&#8216; wom\u00f6glich zu einer begrenzten &#8218;Selbststeuerung&#8216; nach m\u00e4nnlich vorgegebenen Richtlinien deformiert. Trifft diese Hypothese zu, hat &#8218;Frauenemanzipation&#8216; innerhalb des &#8218;Patriarchats&#8216; nicht subversiven, sondern innovativen Bedeutungsgehalt.&#8220;<\/p>\n<p>In Birgit Seemanns Arbeit wird deutlich, da\u00df radikal klingende Schlagworte vom patriarchalen Staat keine theoretisch fundierte Staats- und Gesellschaftsanalyse ersetzen, aus der erst eine fruchtbare feministische Auseinandersetzung \u00fcber politische Strategien hervorgehen kann. Dabei sollte m.E. nicht vernachl\u00e4ssigt werden, den Sexismus im Zusammenwirken mit anderen Ausgrenzungs- und Unterdr\u00fcckungsformen zu reflektieren.<\/p>\n<p>Trotz ihres wissenschaftlichen Stils, der einige LeserInnen erm\u00fcden oder abschrecken mag, hat Birgit Seemann mit ihrer Arbeit einen Grundstein gelegt, auf dem sich anarchistisch-feministische Positionen \u00fcberhaupt ernstnehmen und weiterentwickeln k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Auf den ersten Blick mag es so scheinen, als habe die deutschsprachige feministische politische Theorie, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, in den vergangenen Jahren die staatstheoretische Debatte \u00fcbersehen, vergessen, \u00fcbergangen oder vielleicht gar verschlafen.&#8220; (Barbara Holland-Cunz) So beginnt das Vorwort zu Birgit Seemanns Grundlagenstudie zu feministischer Staatstheorie. 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