{"id":6009,"date":"2004-02-01T00:00:14","date_gmt":"2004-01-31T22:00:14","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6009"},"modified":"2022-07-26T14:24:37","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:37","slug":"deutsches-kapital-am-kap","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/02\/deutsches-kapital-am-kap\/","title":{"rendered":"Deutsches Kapital am Kap"},"content":{"rendered":"<p>Robben Island, die ehemalige Gef\u00e4ngnisinsel des Apartheidstaates, ist heute Kapstadts gr\u00f6\u00dfte Touristenattraktion. Da, wo jahrzehntelang Menschen in Gef\u00e4ngniszellen eingesperrt wurden, finden heute Comedy-Shows und Festessen f\u00fcr zahlende Prominente statt, die dann als H\u00f6hepunkt in den Gef\u00e4ngnisw\u00e4rterh\u00e4uschen \u00fcbernachten.<\/p>\n<p>Diese Form des &#8222;Gedenkens&#8220; an die Zeit der Apartheid ist kaum besser als das Vergessen.<\/p>\n<p>Als ich im Ruhrgebiet einige Mitglieder von Nichtregierungsorganisationen auf ihrer Rundreise zu alternativen Energiestandorten begleitete, kam uns einmal ein Spazierg\u00e4nger mit einem gleichg\u00fcltig dahintrottenden Hund entgegen, was einem schwarzen Teilnehmer die Bemerkung entlockte, dass deutsche Hunde offensichtlich friedlicher als s\u00fcdafrikanische seien. Die Schatten der Vergangenheit sind immer noch da.<\/p>\n<p>Das deutsche Kapital strich jahrzehntelang Maximalprofite aus der Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung der Schwarzen ein. Auch hier in Deutschland gab es eine breite Anti-Apartheidbewegung, die gegen die Verletzung der Menschenrechte protestierte. Doch nachdem vor zehn Jahren die Apartheid abgeschafft und in eine formale westliche Demokratie umgewandelt wurde, sind die Zust\u00e4nde in S\u00fcdafrika kein Thema mehr, das gro\u00dfes Aufsehen erregt.<\/p>\n<p>Mit dem Buch von Morgenrath und Wellmer wird diesem Mangel durch eine fundierte Darstellung und Analyse der deutsch-s\u00fcdafrikanischen Gesch\u00e4ftsbeziehungen abgeholfen und in ersch\u00fctternden Berichten gezeigt, wie schlecht es der gro\u00dfen Mehrheit der Bev\u00f6lkerung S\u00fcdafrikas damals wie heute geht und auf welch ignorante Weise jetzt immer noch deutsche Konzerne ihre H\u00e4nde in Unschuld waschen.<\/p>\n<p>Dieses Buch erscheint auch im Kontext der Anklage vor einem US-amerikanischen Gericht, indem 91 s\u00fcdafrikanische Opfer 22 internationale Firmen schwerer Menschenrechtsverletzungen beschuldigen. Die Khulumani Support Group vertritt als Selbsthilfeorganisation 32.000 Apartheidopfer und argumentiert mit dem Rechtsprinzip der &#8222;sekund\u00e4ren Mitverantwortung&#8220;, das durch die N\u00fcrnberger Prozesse in die internationale Rechtssprechung eingef\u00fchrt wurde. Demnach tragen Helfershelfer eines Regimes indirekt eine Mitverantwortung f\u00fcr begangene Verbrechen. Verklagt werden folgende deutsche Firmen: Rheinmetall, Commerzbank, Deutsche Bank, Dresdner Bank, DaimlerChrysler und AEG. In Deutschland selbst k\u00f6nnen diese Firmen nicht belangt werden.<\/p>\n<p>&#8222;Apartheid bedeutete: keine Gewerkschaften, niedrige Steuern, billige Arbeitskr\u00e4fte, hohe Profite &#8211; und ein sch\u00f6nes Leben in einem wundersch\u00f6nen Land mit \u00fcberaus billigem Dienstpersonal.&#8220; F\u00fcnfzig Jahre lang wurden &#8222;unproduktive&#8220; Eingeborene wie Alte, Kinder und Frauen in meist unfruchtbare Gebiete zwangsumgesiedelt, w\u00e4hrend kr\u00e4ftige junge M\u00e4nner als Lohnsklaven in die St\u00e4dte ziehen durften. Auf diese Weise wurden 70 Prozent der Bev\u00f6lkerung in sogenannte Homelands eingepfercht, die nur 13 Prozent der Fl\u00e4che S\u00fcdafrikas ausmachten.<\/p>\n<p>Um sich vor Wirtschaftssanktionen des Auslands zu sch\u00fctzen, zentralisierte das Regime die Wirtschaft in Staatskonzernen. Deutschland gab ab 1980 weltweit die meisten Darlehen an diese Institutionen der Apartheidregierung und versorgte damit die Lebensadern dieser ungerechten Gesellschaftsordnung mit den n\u00f6tigen Finanzmitteln.<\/p>\n<p>Einer der wichtigsten Staatskonzerne war das Energieversorgungsunternehmen ESKOM, \u00fcber das einer seiner Manager vor der Wahrheits- und Vers\u00f6hnungskommission 1997 aussagte: &#8222;Es ist wahr, dass ESKOM effektiv als Institution der Apartheid operierte und dabei haupts\u00e4chlich wei\u00dfen Interessen gedient hat.&#8220; ESKOM betrieb 14 Kohlekraftwerke und zwei Atomkraftwerksbl\u00f6cke in Koeberg bei Kapstadt. &#8222;Die Deutsche, die Dresdner, die Commerz-, die Westdeutsche Landes- und die Bayrische Vereinsbank gaben 30 &#8211; 70 % ihrer Kredite an ESKOM.&#8220; Der Riesenanteil des Stroms ging in den Kohle- und Goldbergbau und nicht etwa an die schwarze Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Im Rahmen eines Kulturaustausches (!) kam es zu regen gegenseitigen Besuchen von Nuklear-Wissenschaftlern zwischen der BRD und S\u00fcdafrika. Insbesondere Experten der Gesellschaft f\u00fcr Kernforschung in Karlsruhe und der teilstaatlichen Essener Steinkohle-Elektrizit\u00e4ts AG (STEAG) fielen hierbei auf und am Ende der Entwicklung war S\u00fcdafrika im Besitz mehrerer Atombomben!<\/p>\n<p>Hermes-B\u00fcrgschaften f\u00fcr deutsche Exporte wurden in den vergangenen Jahrzehnten von jeder deutschen Regierung gerne gegeben und ein Gro\u00dfteil der Kredite ging wieder an ESKOM. Auch der Au\u00dfenminister der Gro\u00dfen Koalition in den 60er Jahren, Willy Brandt, reagierte auf Menschenrechtsverletzungen nach Angaben der beiden Buchautoren &#8222;mit taktvoller Zur\u00fcckhaltung auf der politischen Ebene und eindeutiger Zustimmung auf wirtschaftlichem Gebiet.&#8220; Das die guten alten Verbindungen der Atomindustrie und seiner Wissenschaftler heute immer noch hervorragend sind zeigt die Tatsache, dass mehr als 30 Jahre nach Brandt unter dem gr\u00fcnen Au\u00dfenminister Fischer die nuklearen Kooperationen mit dem Nach-Apartheidstaat ihre Fortsetzung finden: Unter seiner Federf\u00fchrung wurde das deutsche Hochtemperaturreaktor-Know-How f\u00fcr den geplanten Pebble Bed Modular Reactor (PBMR) bei Kapstadt an eine ESKOM-Gesellschaft verscherbelt.<\/p>\n<p>In mehreren gesonderten Kapiteln zeigen die beiden Autoren, wie die Firmen Siemens, die D\u00fcsseldorfer Waffenfabrik Rheinmetall und Mercedes trotz der 1977 verabschiedeten UNO-Resolution 418 f\u00fcr ein obligatorisches R\u00fcstungsembargo den s\u00fcdafrikanischen Herrschaftsapparat an ma\u00dfgeblicher Stelle mit milit\u00e4rischem Ger\u00e4t ausgestattet haben. Im Fall von Mercedes beteiligten sich diese Konzerne sogar unmittelbar an der Repression: &#8222;Diese Mercedes-Manager trugen tags\u00fcber sch\u00f6ne Anz\u00fcge mit Krawatte und nachts zogen sie Tarnanz\u00fcge an und schossen auf unbewaffnete Jugendliche, auf alte Leute, ja sogar auf kleine Kinder, und t\u00f6ten sie. Sie machten Razzien von T\u00fcr zu T\u00fcr.&#8220;<\/p>\n<p>In ihrer detaillierten Studie weisen die beiden Autoren Punkt f\u00fcr Punkt nach, dass die 400 deutschen Firmen mit ihren Filialen in S\u00fcdafrika dem Regime nicht nur &#8222;behilflich&#8220;, sondern Teil des Systems waren. Die Behauptung der Konzerne, in ihren Betrieben h\u00e4tte es keine Diskriminierungen gegeben, werden als plumpe L\u00fcgen entlarvt.<\/p>\n<p>In den Jahren 1983\/84 wurden rund 40 Prozent des Gesamthaushaltes f\u00fcr die Aufr\u00fcstung der Sicherheitskr\u00e4fte und des Repressionsapparates ausgegeben. Die Staatskassen leerten sich. In den 80er Jahren nahm &#8222;die Generation der jungen L\u00f6wen&#8220; den Kampf in den Fabriken auf und forderten mit unglaublicher Kraft und Furchtlosigkeit ihr Menschenrecht auf Gleichberechtigung und W\u00fcrde. Die Schilderungen \u00fcber den Krieg in den Fabriken geh\u00f6ren f\u00fcr mich zu den beeindruckendsten des Buches. Auff\u00e4llig ist auch hier, dass noch 1990 und 1991, als die Befreiungsbewegungen wieder zugelassen wurden, bei der Firma Hoechst Repression und Entlassungen am schlimmsten waren, weil der Konzern vor dem endg\u00fcltigen Ende der Apartheid noch schnell kosteng\u00fcnstig rationalisieren wollte.<\/p>\n<p>Es folgte die Ern\u00fcchterung, als die neue demokratische Regierung die durch die Apartheid geschaffenen ungerechten Gesellschaftsstrukturen nicht korrigierte, sondern seit 1996 mit der neoliberalen Wirtschaftspolitik noch weiter versch\u00e4rfte. Den internationalen Konzernen wurde wieder der rote Teppich ausgerollt. Deutschland entwickelte sich schnell zum Handelspartner Nummer eins f\u00fcr S\u00fcdafrika. Allerdings hat kein einziges deutsches Unternehmen vor der Wahrheitskommission, in der die Vergangenheit aufgearbeitet werden sollte, ausgesagt. Zehntausende von Misshandelten und Gefolterten sowie die Angeh\u00f6rigen der Ermordeten hatten auf eine finanzielle Entsch\u00e4digung gehofft. Denn f\u00fcr viele Menschen geht es angesichts der extremen sozialen Ungleichheit immer noch um das \u00dcberleben. Doch hierf\u00fcr ist kein Geld mehr da; es wird f\u00fcr den Schuldendienst ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p>Die Selbsthilfeorganisation Khulumani fordert zusammen mit 4000 anderen Initiativen, dass sich die Banken und Konzerne zu dem von ihnen begangenen Unrecht bekennen, und verlangt individuelle und kollektive Entsch\u00e4digungen. Sie fordern den Erlass der verabscheuungsw\u00fcrdigen Schulden, denn es war das Apartheidregime, das die Staatsfinanzen ruiniert hatte. &#8222;Der Ruf nach internationalen Reparationen ist ein Ruf nach wirtschaftlicher Umverteilung, politischem Wandel und der Wiederherstellung von Gleichheit unter den Nationen.&#8220;<\/p>\n<p>Der Koordinierungskreis der Kampagne f\u00fcr Entschuldung und Entsch\u00e4digung hat den Dialog mit den Apartheidfinanziers gesucht und demonstriert, Firmenhauptversammlungen besucht, Reden gehalten und Briefe geschrieben. Die Helfer der Apartheid wiegelten ab und verweigern sogar die \u00d6ffnung der Firmenarchive, die das ganze Ausma\u00df ihres verwerflichen Tuns offenbaren w\u00fcrde. Die Gegnerinnen und Gegner der heutigen sozialen Apartheid werden weiterk\u00e4mpfen und hoffen auf unsere Solidarit\u00e4t. Dieses anregend geschriebene und aufr\u00fcttelnde Buch zeigt sehr deutlich, dass die s\u00fcdafrikanische Vergangenheit auch unsere Geschichte ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Robben Island, die ehemalige Gef\u00e4ngnisinsel des Apartheidstaates, ist heute Kapstadts gr\u00f6\u00dfte Touristenattraktion. Da, wo jahrzehntelang Menschen in Gef\u00e4ngniszellen eingesperrt wurden, finden heute Comedy-Shows und Festessen f\u00fcr zahlende Prominente statt, die dann als H\u00f6hepunkt in den Gef\u00e4ngnisw\u00e4rterh\u00e4uschen \u00fcbernachten. Diese Form des &#8222;Gedenkens&#8220; an die Zeit der Apartheid ist kaum besser als das Vergessen. 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