{"id":6023,"date":"2004-03-01T00:00:00","date_gmt":"2004-02-29T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6023"},"modified":"2022-07-26T14:24:36","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:36","slug":"afro-amerikanischer-widerstand-in-den-60er-jahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/03\/afro-amerikanischer-widerstand-in-den-60er-jahren\/","title":{"rendered":"Afro-amerikanischer Widerstand in den 60er Jahren"},"content":{"rendered":"<p><em>Carson, Clayborne: Zeiten des Kampfes. Das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) und das Erwachen des afro-amerikanischen Widerstands in den 60er Jahren. \u00dcbersetzt u. eingeleitet von Lou Marin. Nachwort von Heinrich W. Grosse. Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim, ISBN 3-9806353-6-8, 640 Seiten, ca. 27,90 Euro. Erscheint voraussichtlich Ende M\u00e4rz 2004. <\/em><\/p>\n<p>Das ist mehr als eine Organisationsgeschichte, und wer in sozialen Bewegungen aktiv war oder ist wird schnell feststellen, dass Clayborne Carsons minuti\u00f6se Darstellung der Entwicklung und Debatten des Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC, wird &#8222;Snick&#8220; ausgesprochen) sehr viele typische Abl\u00e4ufe von Emanzipationsbewegungen beschreibt, typische Br\u00fcche und Krisen, Debatten \u00fcber Stabilisierung und\/oder Radikalisierung etwa. Zu r\u00fchmen ist zun\u00e4chst sein Bem\u00fchen um Objektivit\u00e4t, keineswegs selbstverst\u00e4ndlich f\u00fcr die &#8222;Bewegungsforschung&#8220;, die ja meist von ehemals oder immer noch Beteiligten betrieben wird und so oft der Versuchung nachgibt, die eigene Fraktion &#8222;vor der Geschichte&#8220; sch\u00f6n-zu-schreiben, missliebige Tatsachen zu verschweigen und Gegenpositionen zur Karikatur entstellt oder gar nicht behandelt.<\/p>\n<p>Carson, immerhin Herausgeber der Schriften von Martin Luther King und selbst durch die B\u00fcrgerrechtsbewegung gepr\u00e4gt, ist den &#8222;etablierten&#8220; B\u00fcrgerrechtsorganisationen der 60er Jahre gegen\u00fcber in der Regel sehr kritisch und unterst\u00fctzt die spontaneistischen und aktionsorientierten Gruppen, die ein &#8222;schwarzes&#8220; Selbstbewusstsein f\u00f6rderten und mit der blo\u00dfen Integration in die US-Gesellschaft und &#8211; Rechtsordnung nicht zufrieden waren.<\/p>\n<p>F\u00fcr alle Entwicklungsphasen des SNCC hat Carson (manchmal fast zu) detailgenau die Abl\u00e4ufe und Diskussionen rekonstruiert und dabei nicht nur Flugbl\u00e4tter, Protokolle und andere &#8222;graue&#8220; Literatur benutzt, sondern auch die sp\u00e4teren Erinnerungen und Kommentare der Akteure, ihre heutige Sicht, wie sie in Interviews ausgedr\u00fcckt wird. Dadurch entsteht ein Werk, das auch Erinnerungspolitiken vorsichtig korrigiert, verschiedene Standpunkte zu ihrem Recht kommen l\u00e4sst und ein vielschichtiges Bild bietet. Da\u00df er seine eigene Position offen benennt ist dabei von Vorteil.<\/p>\n<p>Das Werk erscheint manchmal wie ein Erinnerungsbuch f\u00fcr die damaligen &#8222;Insider&#8220;, das alles relevante verf\u00fcgbare Material versammelt. &#8211; Aber nicht nur f\u00fcr die unmittelbar Beteiligten macht es Sinn, sich die Entwicklungen der 60er Jahre in den USA neu zu vergegenw\u00e4rtigen. Die Kampf- und Organisationsformen des SNCC waren anregend f\u00fcr viele sp\u00e4tere Bewegungen; w\u00e4hrend die B\u00fcrgerrechtsbewegung zun\u00e4chst auch stark disziplinierende Abl\u00e4ufe vorsah und auch diese Formen breit rezipiert wurden, wurde auch die konfrontative, provokative Spontaneit\u00e4t der sp\u00e4ten 60er Jahre stilbildend &#8211; nicht nur in den USA! ((1)) Und auch die Identifikation mit bewaffneten antikolonialen Bewegungen erreichte, \u00fcber SNCC verst\u00e4rkt, die Bewegungen &#8222;im Herzen der Bestie&#8220;.<\/p>\n<p>Die Erfahrungen des SNCC und vieler einzelner Personen, die durch die Menschenrechtspolitik der 60er Jahre beeinflusst wurden, bilden einen wichtigen Hintergrund f\u00fcr die sp\u00e4teren sozialen Bewegungen, gegen den Vietnamkrieg, gegen staatliche Repression, f\u00fcr Frauenbefreiung und f\u00fcr das Selbstbewu\u00dftsein der Minderheiten. Allerdings sind auch die Fallen der Identit\u00e4tspolitik, der Spaltungen, Feinderkl\u00e4rungen und des Separatismus in der Suche nach dem autonomen schwarzen Selbstbewusstsein vorgezeichnet.<\/p>\n<h3>Die Basisbewegungen der 60er Jahre<\/h3>\n<p>Am Anfang war die Tat: \u00c4hnlich wie fr\u00fcher Rosa Parks mit ihrer Weigerung, den Sitzplatz im Bus f\u00fcr einen Wei\u00dfen freizumachen, den Kampf gegen die Segregation in den \u00f6ffentlichen Verkehrsmitten der US-S\u00fcdstaaten er\u00f6ffnet hatte, fand das erste &#8222;Sit-in&#8220; 1960 in Greensboro, North Carolina statt. Vier schwarze Collegestudenten setzten sich an eine Woolworth-Theke, die nur f\u00fcr Wei\u00dfe reserviert war, und weigerten sich, die Pl\u00e4tze zu verlassen. Dies wirkte zun\u00e4chst auf andere schwarze Studenten des Colleges, dann durch die Medien als Initialz\u00fcndung f\u00fcr zunehmende Aktionen gegen die Segregation in Imbissbuden und Restaurants \u00fcberall im S\u00fcden. Zur Koordinierung der studentischen Proteste wurde 1960 das Koordinationskomitee gegr\u00fcndet, eine typische Bewegungsorganisation.<\/p>\n<p>Als kleine, aber durch Aktionen und Mobilisierungserfolge einflussreiche Gemeinschaft aktivistischer Idealisten war SNCC zun\u00e4chst durch christliche Gewaltlosigkeit und gandhianische Ans\u00e4tze gepr\u00e4gt. Die Sit-ins in nach Rassen getrennten Institutionen f\u00fchrten zur militant-gewaltlosen Konfrontation mit Rassisten; die Beteiligten waren aufeinander angewiesen und bald eine verschworene Gemeinschaft. Die AktivistInnen des SNCC wagten sich in Regionen vor, in denen der Ku-Klux-Klan die Schwarzen terrorisierte und wo es anderen B\u00fcrgerrechtsbewegungen zu gef\u00e4hrlich erschien, f\u00fcr die Aufhebung der Segregation und politische Rechte der Schwarzen zu organisieren, wie etwa im l\u00e4ndlichen Mississippi (&#8222;Mississippi Goddam&#8220;). Die schwarzen Graswurzelrevolution\u00e4re entwickelten phantasievolle Methoden der Organisierung und Mobilisierung der schwarzen Gemeinden, sehr basisbezogen. Sie wollten das Vertrauen in die eigenen F\u00e4higkeiten st\u00e4rken, mit der Repression fertig zu werden und das schwarze Selbstvertrauen st\u00e4rken, die eigene Geschichte mit Stolz zu sehen, die widerst\u00e4ndigen Traditionen neu zu entdecken. Das f\u00fchrte nicht selten zu Konflikten mit anderen B\u00fcrgerrechtsverb\u00e4nden, die weniger radikal und konfrontativ waren und enger mit den liberalen Institutionen verbunden. Dabei erhielt auch SNCC bald finanzielle F\u00f6rderung durch diese liberalen Institutionen und zum Teil auch durch Fonds, die als KP-kontrolliert galten (was schnell zu Forderungen nach Distanzierung f\u00fchrte und bald zu \u00f6ffentlichen Verd\u00e4chtigungen). SNCC verteidigte seine Unabh\u00e4ngigkeit und wurde dabei durch erfahrene und kritische Personen wie Ella Baker unterst\u00fctzt (diese hatte schon vor dem 2. Weltkrieg Kooperativen in den schwarzen Elendsvierteln aufgebaut, zun\u00e4chst in Harlem). Ella Baker war durch ihre bisherigen Erfahrungen in Projekten der B\u00fcrgerrechtsbewegung zu einer Kritik des F\u00fchrertums, des liberalen Lobbyismus gelangt und wollte, dass unter den Schwarzen die Armen, die Frauen und die Jugendlichen sich selbst organisierten. Sie baute immer wieder Br\u00fccken zwischen den auseinanderdriftenden Fraktionen, zwischen Nord- und S\u00fcdstaatlern, zwischen den Generationen, zwischen Intellektuellen und &#8222;einfachen Leuten&#8220;, zwischen den schwarzen Militanten und wei\u00dfen Unterst\u00fctzern. Ihren Pragmatismus nutzte sie, um nicht-hierarchische Beziehungen zu f\u00f6rdern und Konflikte zu schlichten. Carson macht uns also auch mit den vorbildlichen Einzelnen bekannt, die den spirit f\u00fcr die bitteren K\u00e4mpfe anfachten. Ein antiautorit\u00e4rer Aktivist, der sehr erfolgreiche Organisationen aufbaute und an den schwierigsten Orten Menschen bewegen konnte, sich dem Rassismus zu stellen, war der stark von Camus beeinflusste Bob Moses, der f\u00fcr sich jede f\u00fchrende Rolle ablehnte und sich schlie\u00dflich, nachdem er den Namen gewechselt hatte, aus der Bewegung zur\u00fcckzog, weil er nicht zu einer Figur werden wollte, zu der andere aufblickten. Diese gewaltlosen Feinde der Hierarchie pr\u00e4gten einen Stil gewaltloser Militanz, der seinen R\u00fcckhalt in egalit\u00e4ren Gemeinschaften hatte: &#8222;A band of brothers&#8220; (and sisters). Die studentischen Aktivisten wurden in \u00f6rtlichen Gemeinden untergebracht und bekamen ein Taschengeld f\u00fcr ihren Lebensunterhalt und sie teilten im besten Fall das Leben der schwarzen Gemeinden im rassistischen S\u00fcden der USA, lernten deren Kultur respektieren und lieben. Und im schlimmsten Fall erlebten sie gemeinsam die gewaltt\u00e4tigen Anschl\u00e4ge der Rassisten, die mit brutaler Gewalt ihre Privilegien verteidigten.<\/p>\n<p>SNCC k\u00e4mpfte nicht nur mit direkten Aktionen gegen die Rassentrennung (etwa den &#8222;Freedom Rides&#8220;, die sich gegen die Rassentrennung in \u00dcberlandbussen richteten), sondern begann bald mit Kampagnen, schwarze W\u00e4hler zu registrieren, denn es stellte die demokratische Legitimation der USA in Frage, dass in den S\u00fcdstaaten Schwarzen die Zulassung zu Wahlen erschwert oder verweigert wurde. Die Demokratische Partei war in den S\u00fcdstaaten eine rein-wei\u00dfe Organisation; dagegen wurde die Mississippi Freedom Democratic Party gegr\u00fcndet, die 1964 auf dem Bundesparteitag der Demokraten versuchte, als Vertretung der Schwarzen anerkannt zu werden. Damit kam die Organisation in eine Krise. Sie musste sich der Tatsache stellen, dass auseinanderdriftende Konzepte entstanden, besonders die Unterst\u00fctzung durch liberale Wei\u00dfe und die US-Bundesregierung (die B\u00fcrgerrechtsbewegung hatte lange auf die Kennedy-Administration gehofft) wurden in Frage gestellt. Hatten die regierenden Demokraten nicht immer wieder die schwarze Bewegung den wei\u00dfen Rassisten in der Partei oder schlicht wahltaktischen \u00dcberlegungen geopfert? Waren nicht auch die wei\u00dfen studentischen Aktivisten mit ihrer guten Ausbildung ein Hindernis f\u00fcr die Entwicklung des schwarzen Selbstbewusstseins (auch die Medien suchten oft eher den Kontakt zu den wei\u00dfen Freiwilligen)? Wie sollten die Schwarzen eigene Organisationen und Institutionen aufbauen? Sollten sie nicht dies forcieren, statt auf Integration, Gleichberechtigung innerhalb einer unverbesserlich rassistischen Gesellschaft zu hoffen? Und war Gewaltlosigkeit ad\u00e4quat? Im S\u00fcden gab es auch Traditionen bewaffneter Selbstverteidigung bei den schwarzen Farmern.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt: SNCC entwickelte sich von einer Organisation, die studentische Aktionsgruppen koordinieren sollte, zu einer Kaderorganisation, die nun ein Programm und erfolgversprechende Strategien suchte. Die gro\u00dfe Zahl neuer Mitarbeiter (seit dem Mississippi Freedom Summer 1964 bildeten 200 bezahlte Organisatoren das R\u00fcckgrat des SNCC) zerst\u00f6rte auch die engen pers\u00f6nlichen Bindungen, die zuvor die Unterschiede gemildert hatten. Es wurde gefordert, dass alle geschult und diszipliniert sein mussten; Angst vor polizeilicher Infiltration kam dazu. Tats\u00e4chlich war die Organisation in der Krise, ihr Auftreten uneinheitlich, Subkulturen von &#8222;Flippern&#8220; und Berufsrevolution\u00e4ren standen gegeneinander. Die Projekte und M\u00e4rsche ab 1965 konnten die Differenzen nicht aufheben, Tendenzen der B\u00fcrokratisierung und Zentralisierung standen gegen lokale Selbstverantwortung.<\/p>\n<p>Bei der Aufnahme des &#8222;Black Power&#8220;-Slogans durch gro\u00dfe Teile der schwarzen Bewegung l\u00e4sst Carson erkennen, dass er die Ablehnung der Parole durch King und andere Sprecher des explizit gewaltlosen Fl\u00fcgels f\u00fcr taktisch falsch h\u00e4lt und eher eine positive Aufnahme der Parole und ein F\u00fcllen mit nicht-gewaltt\u00e4tigen Inhalten f\u00fcr kl\u00fcger hielt. Denn soziale Macht f\u00fcr die Afroamerikaner war notwendig, und es war kein Zufall, dass in einer bestimmten Situation dieser Slogan so begeistert aufgegriffen wurde. Auch dies trifft nat\u00fcrlich ein immer neues Problem sozialer Bewegungen: Theoretische Konsequenz und Eindeutigkeit stehen gegen &#8222;Bewegungsopportunismus&#8220; ((2)).<\/p>\n<p>Wer hat nicht schon die F\u00fchrer und Agitatoren gesehen, die ihrem Publikum nach dem Munde reden, und auch je nach Publikum durchaus verschiedene Ausdrucksweisen und Ansichten bieten. Es ist ja schon katastrophal genug, wenn dann solche Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer sozialer Bewegungen die Macht erreichen, Inhalte umzudefinieren. Bei scharfer Abgrenzung und polemischer Kritik droht andererseits die Gefahr, unn\u00f6tige Spaltungen zu verursachen und durch Rechthaberei und Sektierertum zum Niedergang einer Bewegung beizutragen. Diese Probleme stellen sich immer wieder neu und k\u00f6nnen nicht abstrakt-allgemein entschieden werden.<\/p>\n<p>Im Fall des SNCC l\u00e4sst sich dann auch geradezu lehrst\u00fcckhaft verfolgen wie die inneren Differenzen durch \u00e4u\u00dfere Repression versch\u00e4rft wurden<\/p>\n<h3>Gegenkultur oder Kontrakultur<\/h3>\n<p>Die Aktionsformen und Diskussionen des SNCC waren stilbildend auch f\u00fcr Teile der deutschen Linken. Diese hatte zun\u00e4chst die gewaltlosen Taktiken der B\u00fcrgerrechtsbewegung aufgegriffen (auch in den 50er und 60er Jahre sind Aktionsformen und deren Begr\u00fcndungen schon international als Botschaften weltweiter Protestbewegungen angenommen worden). Die Sit-ins sind daf\u00fcr bekannte Beispiele. War nicht auch die Rote-Punkt-Aktion in Hannover 1968, als die Stra\u00dfenbahnen boykottiert und Fahrgemeinschaften gebildet wurden, beeinflusst von den Busboykott-Kampagnen in Montgomery und anderen Orten der US-S\u00fcdstaaten, die schon in den 50er Jahren stattgefunden hatten? Als dann die Themen Selbstverteidigung, bewaffneter Widerstand, Solidarit\u00e4t mit der &#8222;Dritten Welt&#8220; die Black-Power-Bewegung pr\u00e4gte, fand auch das ein breites Echo etwa in der Bundesrepublik. Ein Anfang der Guerilla ist hier zu suchen.<\/p>\n<p>Auch theoretisch sind etwa die Schriften Herbert Marcuses gar nicht zu begreifen, wenn man sie nicht zu den Diskusssionen und Erfahrungen der Bewegungen in den USA in Beziehung setzt. Er hat h\u00e4ufig Geschehnisse, Reden, Prozesse vor Augen, die er intellektuell unterst\u00fctzt und aus denen er theoretische Schl\u00fcsse zieht, manchmal sehr bewegungsnah (Angela Davis war seine Sch\u00fclerin). \u00c4hnliches lie\u00dfe sich f\u00fcr viele andere TheoretikerInnen zeigen, Hannah Arendt w\u00e4re ein prominentes Beispiel. Ebenso sind Diskussionen \u00fcber Widerstandsrecht, zivilen Ungehorsam usw. im akademischen Milieu ein Reflex auf die Aktionen der B\u00fcrgerrechtsbewegung, dann der Bewegung gegen den Vietnamkrieg (Verteidigungsreden und Gutachten vor Gericht sind oft Ausgangspunkte rechtsphilosophischer Diskurse gewesen).<\/p>\n<p>Viele der f\u00fcr die neuen sozialen Bewegungen typischen Debatten \u00fcber Emanzipation, Minderheitenrechte, Aktions- und Organisationsformen beginnen im SNCC. Die Debatten \u00fcber Effektivit\u00e4t und Demokratie, Disziplin und Spontaneit\u00e4t, Macht und Provokation haben sich sp\u00e4ter noch h\u00e4ufig wiederholt wenn Bewegungen an ihre Grenzen kamen. Der Umgang mit Repression, herrschender Gewalt auf der Stra\u00dfe und in Gerichtss\u00e4len, mit Spitzeln und Provokateuren, die Fragen nach Abschottung und Offenheit, alles unvermeidbare Dauerthemen sozialer Bewegungen. Viele der sektiererischen Ausgrenzungen, subjektiven Radikalisierungen, erschlichenen Opferrollen ebenso. Der falsche Avantgardismus einer Identit\u00e4tspolitik, die keine Diskussionen und Korrekturen mehr zul\u00e4sst, die Spaltungen, das F\u00fchrertum, die Gewaltt\u00e4tigkeit, die in die eigene Struktur zur\u00fcckschl\u00e4gt und selbstzerst\u00f6rerisch wird nachdem die urspr\u00fcngliche Moral der Revolte zerst\u00f6rt ist. Die Erfahrung dass Emanzipationsbewegungen Z\u00fcge dessen annehmen &#8211; und oft versch\u00e4rft zeigen &#8211; was sie gerade bek\u00e4mpfen wollten, kurz: der ganze elende Weg, dass noch die Feindbilder der Herrschenden positiv (und nicht ironisch!) angenommen und ausagiert werden, dass noch das Selbstbild aus der Perspektive des Gegners, also gerade nicht autonom, konstruiert ist (Peter Br\u00fcckner hat das mehrfach thematisiert, Gerd Wartenberg nannte das: Von der Gegenkultur zur, manchmal kriminellen, Kontrakultur). Dies ist seitdem zu oft geschehen und bedroht immer neu jede Befreiungsbewegung. In diesem Sinne ist die Darstellung der Geschichte der afroamerikanischen Bewegung der 60er Jahre ein Lehrst\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Carson, Clayborne: Zeiten des Kampfes. Das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) und das Erwachen des afro-amerikanischen Widerstands in den 60er Jahren. \u00dcbersetzt u. eingeleitet von Lou Marin. 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