{"id":6082,"date":"2004-04-01T00:00:33","date_gmt":"2004-03-31T22:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6082"},"modified":"2022-07-26T13:56:52","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:52","slug":"mit-schiller-am-hindukusch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/04\/mit-schiller-am-hindukusch\/","title":{"rendered":"Mit Schiller am Hindukusch"},"content":{"rendered":"<p>Als Hohmann den Brief des damaligen Befehlshabers des Kommando Spezialkr\u00e4fte (KSK) ZDF-Journalisten zu seiner Verteidigung pr\u00e4sentierte, zog Milit\u00e4rminister Peter Struck sogleich die Notbremse: Er entlie\u00df G\u00fcnzel und demonstrierte damit der CDU, was sie im Fall ihres Bundestagsabgeordneten dringend zu tun h\u00e4tte. Die CDU\/CSU-Fraktion schloss Hohmann dann gegen das Votum einer beachtlichen Zahl ihrer Mitglieder aus. Das Parteiausschluss-Verfahren im Landesverband Hessen ist nun f\u00fcr April angek\u00fcndigt. Ende Februar meldete sich G\u00fcnzel in der Wochenzeitung Junge Freiheit wieder zu Wort. ((1)) Mit seiner &#8211; im einschl\u00e4gigen Jargon gesprochen &#8211; &#8222;Wortergreifung&#8220; liefert der bis zu seiner Entlassung exponierteste General der Bundeswehr ein Stimmungsbild aus der Truppe, f\u00fcr das man ihm vielleicht auch dankbar sein sollte; denn vorausgesetzt, man liest es, wie in Zeiten des &#8222;Ernstfalls&#8220; geboten, gegen den Strich, hat es hohen aufkl\u00e4rerischen Wert.<\/p>\n<p>G\u00fcnzel stellt sich als verfolgte Unschuld dar. V\u00f6llig ma\u00dflos kommentiert er seine Entlassung: &#8222;Tja, wer an einem Tabu r\u00fchrt, der mu\u00df mit allen Mitteln vernichtet werden&#8220;, meint er, und die Junge Freiheit generiert daraus die Schlagzeile. Strucks Vorgehen erinnere ihn &#8222;an die Methoden der kommunistischen Herrschaft in Osteuropa&#8220;, es gehe Struck darum, &#8222;das konservative Lager auszugrenzen, m\u00f6glichst auszumerzen&#8220;, der Minister habe &#8222;nicht einfach die Fassung verloren, sondern [&#8230;] hat diesen Exorzismus systematisch inszeniert&#8220;. Dass G\u00fcnzel zum Opfer eines &#8222;Rituals [&#8230;] wie vor Urzeiten&#8220; geworden sei, l\u00e4sst die <em>Junge Freiheit<\/em> sp\u00e4ter nach seiner pers\u00f6nlichen Disposition fragen.<\/p>\n<p>Die knappe Antwort besteht aus einer Applikation eines deutschen Klassikers: <em>&#8222;Im &#8218;Tell&#8216; steht der Satz: &#8218;W\u00e4r&#8216; ich besonnen, w\u00e4r ich nicht der Tell.&#8220;<\/em> Und so ist auch das Foto beschriftet, das G\u00fcnzel, in ein Zielfernrohr schauend, bei einer KSK-Schie\u00df\u00fcbung in Afghanistan zeigt. G\u00fcnzel zitiert hier aus Tells Antwort, als dieser in Schillers Befreiungskampf-Drama zur Rede gestellt wird, dass er den Gessler-Hut nicht gegr\u00fc\u00dft hat, bevor er dann mit seiner Armbrust den Apfel vom Kopf seines Sohnes schie\u00dfen muss. Ob G\u00fcnzel wohl davon tr\u00e4umt, wie der Tell nach dieser herrschaftlichen Dem\u00fctigung auf der Lauer zu liegen (&#8218;Durch diese hohle Gasse muss Struck kommen&#8230;&#8216;) und den Tyrannen zur Strecke zu bringen? Man muss diese Frage nach der Lekt\u00fcre des Interviews stellen. Denn auf die Frage, wann denn die angebliche <em>&#8222;stillschweigende politische S\u00e4uberung in der Bundwehr<\/em> [&#8230;] <em>enden&#8220;<\/em> werde, antwortet der KSK-Tell \u00e4u\u00dferst knapp: <em>&#8222;Mit dem ersten scharfen Schuss.&#8220; <\/em>Kriegseins\u00e4tze der Bundeswehr k\u00f6nnen damit nicht gemeint sein, denn da sind die ersten scharfen Sch\u00fcsse 1999 gefallen.<\/p>\n<p>G\u00fcnzel kontrastiert die von ihm erlittene finstere Dem\u00fctigung durch Gessler-Struck mit der Reaktion seiner Truppe, <em>der<\/em> Eliteeinheit der Bundeswehr: <em>&#8222;Im Gegensatz zu meinen Vorgesetzten und Generalskameraden war die Reaktion meiner Untergebenen solidarisch. Die M\u00e4nner waren schlicht schockiert. Da standen Tr\u00e4nen in den Augen. Einige wollten spontan ihr Barett hinwerfen. Ich habe sie aber davon abgehalten <\/em>&#8211;<em> was h\u00e4tte das schon genutzt?&#8220; &#8222;Die M\u00e4nner&#8220;<\/em> h\u00e4tten &#8211; einer f\u00fcr alle, alle f\u00fcr einen! &#8211; G\u00fcnzels Entlassung <em>&#8222;als einen Schlag ins Gesicht des KSK empfunden&#8220;. &#8222;Eben ist das KSK noch f\u00fcr seinen Einsatz in Afghanistan gelobt worden, und nun wird es durch einen solchen Umgang mit seinem Kommandeur, der wie ein Hund fortgejagt wird und dem man den Abschied von seiner Truppe verweigert, beleidigt.&#8220; <\/em>Wenn es stimmt, dass sich das KSK derart mit der Position G\u00fcnzels identifiziert, seiner in der f\u00fcr die &#8222;Neuen&#8220; Rechten typischen Diktion ((2)) formulierten Zustimmung zu Hohmanns antisemitischer Rede, w\u00e4re dies (allein schon) ein guter Grund, die Einheit komplett aufzul\u00f6sen. Das wird allerdings nicht passieren, obwohl G\u00fcnzel im Interview zus\u00e4tzliche Belege f\u00fcr das unaufl\u00f6sliche Spannungsverh\u00e4ltnis von Demokratie und Milit\u00e4r (bzw. insbesondere Eliteeinheiten des Milit\u00e4rs) liefern wird.<\/p>\n<p>Die <em>Junge Freiheit<\/em> nimmt G\u00fcnzels Behandlung und insbesondere das von ihm bitter beklagte Verhalten der <em>&#8222;Generalskameraden&#8220;<\/em> zum Anlass, die Generalit\u00e4t der Bundeswehr mit der von Hitlers Wehrmacht zu vergleichen. Angesprochen auf Hitlers Entlassung des Oberbefehlshabers des Heeres, Werner Freiherr von Fritsch, wegen angeblicher Homosexualit\u00e4t ger\u00e4t G\u00fcnzel ins Schw\u00e4rmen: <em>&#8222;Ja, und die Generalit\u00e4t der Wehrmacht setzte schlie\u00dflich die Rehabilitierung von Fritschs durch, weil sie ihn, der offensichtlich zu Unrecht beschuldigt worden war, nicht fallen lie\u00df, sondern auch vor Hitler zu ihrem Kameraden stand. Eine Leistung der Generalit\u00e4t, der vielgeschm\u00e4hten Wehrmacht &#8211; in einer Diktatur -, zu der die Generalit\u00e4t der Bundeswehr &#8211; in einer Demokratie &#8211; bislang nicht imstande war. 1984 gab es in der Bundeswehr keine Soldaten mehr, die noch in der Wehrmacht gedient hatten. Man kann also im Fall Kie\u00dfling durchaus die Bew\u00e4hrungsprobe des neuen Erziehungsideals der Bundeswehr sehen. Heute blicken nicht wenige voll Verachtung auf die Zeiten unserer Geschichte, die vom sogenannten Untertanengeist gepr\u00e4gt waren und in denen es mit Sicherheit nicht weniger &#8218;M\u00e4nnerstolz vor K\u00f6nigsthronen&#8216; und nicht weniger Selbstbewu\u00dftsein und Verantwortungsgef\u00fchl gegeben hat als heute.&#8220;<\/em> Aus G\u00fcnzels Perspektive schneiden die Generalit\u00e4t und die Ideale der Wehrmacht also besser ab als die der Bundeswehr. G\u00fcnzel stimmt gar verz\u00fcckt Friedrich Schillers Ode &#8222;An die Freude&#8220; an, in der der &#8222;M\u00e4nnerstolz vor K\u00f6nigsthronen&#8220; besungen wird &#8211; als w\u00e4re die Wehrmacht der Ort der Verwirklichung des Traums universeller Verbr\u00fcderung (&#8222;Alle Menschen werden Br\u00fcder&#8220;).<\/p>\n<p>Da f\u00e4llt es der <em>Jungen Freiheit<\/em> leicht, sich im Dialog mit dem General a.D. kritisch zu gerieren: <em>&#8222;Allerdings belastet die Ehre der Wehrmacht nicht nur der Verrat an zwei Generalen w\u00e4hrend des &#8218;R\u00f6hm-Putsches&#8216; sondern vor allem die Duldung der Ma\u00dfnahmen gegen die j\u00fcdischen Kameraden durch die Nationalsozialisten.<\/em><strong><\/strong><\/p>\n<p><em>G\u00fcnzel: Ich habe mich fr\u00fcher auch echauffiert, wie die Kameraden damals so etwas nur haben geschehen lassen k\u00f6nnen. Inzwischen aber, nachdem ich mich durch viel Lekt\u00fcre mit dieser Zeit auseinandergesetzt habe, wei\u00df ich, da\u00df diese Emp\u00f6rung der Selbstgerechtigkeit der Jugend entsprang. Mit dem, was ich heute \u00fcber die N\u00f6te und Zw\u00e4nge dieser Zeit wei\u00df, bin ich nicht mehr bereit, \u00fcber irgend jemanden selbstherrlich den Stab zu brechen, wie dies heute bei uns in d\u00fcnkelhaftem Hochmut fast schon zum guten Ton geh\u00f6rt.<\/em><\/p>\n<p><em>Aber die Aussonderung der j\u00fcdischen Kameraden war eine Sache, die ganz klar gegen den damaligen Soldaten-Kodex und<\/em> <em>gegen den tradierten Ehrbegriff der Konservativen in Deutschland verstie\u00df.<\/em><\/p>\n<p><em>G\u00fcnzel: Das ist nat\u00fcrlich richtig, und nat\u00fcrlich sind diese Dinge ein Makel auf dem Schild der Wehrmacht und nicht zu vereinbaren mit dem deutschen Offizier- und Soldatenethos. Das sich aber bei anderer Gelegenheit auch gegen die nationalsozialistischen Machthaber durchaus bewiesen hat.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Von den Verbrechen der Wehrmacht, ihrer Beteiligung an der Judenvernichtung ist nicht die Rede. Schon bei Hohmanns Neuhofer Rede musste man ja bef\u00fcrchten, dass es keine Verwechslung von But und G\u00f6se war, als er von &#8222;braunen Horden, die sich unter den Symbolen des Guten sammeln&#8220;, sprach, sondern dass mit den &#8222;Symbolen des Guten&#8220; Transparente von Neonazi-Aufm\u00e4rschen gegen die Ausstellung &#8222;Vernichtungskrieg &#8211; Verbrechen der Wehrmacht&#8220; gemeint waren.<\/p>\n<p>Statt sich mit historischen Fakten \u00fcber die Wehrmacht beim Judenmord aufzuhalten, schwenkt die <em>Junge Freiheit<\/em> \u00fcber zur Frage, ob es <em>&#8222;bei der Bundeswehr denn noch ein Offizier- beziehungsweise auch nur ein Soldatenethos&#8220;<\/em> gebe. G\u00fcnzel nimmt die Frage zum Anlass f\u00fcr eine Generalabrechnung mit der Konzeption der Bundeswehr: <em>&#8222;Nein, ein solches Ethos gibt es <\/em>[&#8230;]<em> wirklich nicht mehr. Wie soll es denn das auch geben bei einem &#8218;Beruf wie jedem anderen&#8216;.&#8220;<\/em> Ganz auf der Linie der Kulpabilisierung von 68, wie sie von allen Publikationen des v\u00f6lkischen Nationalismus betrieben wird ((3)), kommen in G\u00fcnzels Herleitung die 68er zu Ehren: <em>&#8222;Vielleicht war dies auch ein Nebenprodukt der Achtundsechziger Kulturrevolution. Die sozial-liberale Koalition hat schlie\u00dflich an der &#8218;Ein Beruf wie jeder andere&#8216;-Vorstellung konsequent weitergearbeitet, etwa mit der Unterst\u00fctzung der &#8218;Leutnante 70&#8216; <\/em>[&#8230;]<em> Damals wurde dem Offizierkorps der Zahn gezogen, besondere ethische Verpflichtungen zu haben. Und dies ist bis heute das Credo von Armee und Politik geblieben.<\/em>&#8220;<\/p>\n<p>Nach den eigenwillig geschichtsklitternden Lobpreisungen auf die Wehrmacht kann G\u00fcnzels Diagnose des Geburtsfehlers der Bundeswehr nicht sonderlich verwundern<em>: &#8222;Die Bundeswehr krankt <\/em>[&#8230;]<em> daran, da\u00df es schon bei ihrer Aufstellung nicht in erster Linie darum gegangen ist, als milit\u00e4rischer Verband Schlagkraft zu entwickeln. Es war die Zeit der &#8218;Abschreckung&#8216;. Vorrangig war, unseren Alliierten schnell ein paar Divisionen hinzustellen. Und auch in der folgenden Zeit ist alles getan worden, um zu verhindern, da\u00df die Bundeswehr eine Armee wie jede andere wird, das hei\u00dft sich auch wieder in den nationalen Traditionen sieht, was n\u00e4mlich bedingt h\u00e4tte, bei der Wehrmacht anzuschlie\u00dfen. Unter diesem Gesichtspunkt ist es dann geradezu erstaunlich, da\u00df sich die Bundeswehr doch noch so gut entwickelt hat.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><em><\/em>Die <em>Junge Freiheit<\/em> bohrt nach, indem sie die Behauptung Martin van Crevelds<em> <\/em>einwirft, dass &#8222;<em>es sich bei der Bundeswehr nicht um eine Nationalarmee&#8220; <\/em>handele. Martin van Creveld wird ausdr\u00fccklich als <em>&#8222;israelischer Milit\u00e4rhistoriker&#8220;<\/em> vorgestellt. ((4)) Die <em>Junge Freiheit<\/em> pflegt einen guten Draht zu van Creveld, der seinerseits, so scheint&#8217;s, nicht kapiert, dass er so in die Rolle des Alibi-Israeli der deutschen extremen Rechten gedr\u00e4ngt wird; auch in der Zeitschrift <em>Sezession<\/em>, der Vierteljahreszeitschrift des der <em>Jungen Freiheit<\/em> nahe stehenden Instituts f\u00fcr Staatspolitik (INSTAPO) ((5)), ist er zum Interview angetreten. ((6)) Widerspruch erntet er dort bezeichnenderweise lediglich f\u00fcr seine Behauptung, die Verbrechen des Angriffskrieges und der Ausrottung der Juden w\u00e4ren ohne &#8222;aktive oder passive (Mit-)Wirkung&#8220; der Wehrmacht &#8222;unm\u00f6glich gewesen&#8220;. ((7))<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst beschreibt G\u00fcnzel den Aufbau der Bundeswehr relativ n\u00fcchtern: <em>&#8222;Es ging darum, eine funktionale Truppe <\/em>&#8211;<em> Abschreckung der sowjetischen Bedrohung <\/em>&#8211;<em> mit \u00fcbergeordneten westlichen Werten und unter Kontrolle der Westm\u00e4chte statt der Nation zu schaffen.&#8220; <\/em>In gezielter Umkehrung einer historischen Interpretation, die die deutsche Nationalstaatsentwicklung als &#8222;Sonderweg&#8220; ansieht und in diesem den historischen Vorlauf f\u00fcr Entstehung und Durchsetzung des Nazismus sieht, nennt die<em> Junge Freiheit<\/em> diese Entwicklung der Bundeswehr einen<em> &#8222;deutschen Sonderweg&#8220; <\/em>und fragt, ob dieser<em> &#8222;ein Ungl\u00fcck&#8220; <\/em>sei. G\u00fcnzel nutzt diese Vorgabe: <em>&#8222;Eine Armee, die sich nicht aus nationalen Wurzeln speist, ist allemal eine ungl\u00fcckliche Konstruktion. Jeder Soldat w\u00fcnscht sich, in einer selbstbewu\u00dften und effektiven Armee dienen zu d\u00fcrfen. Wenn man aber weder patriotisch noch soldatisch sein darf, was bleibt dann noch \u00fcbrig?&#8220;<\/em> Da kann die Frage, &#8222;w<em>ie kampfkr\u00e4ftig <\/em>[&#8230;]<em> die Bundeswehr tats\u00e4chlich&#8220; <\/em>sei, nicht ausbleiben. Dazu der General a.D.: <em>&#8222;Eine Armee bew\u00e4hrt sich immer erst im Krieg. <\/em>[&#8230;]<em> Das Bild, das die Bundeswehr bei ihren bisherigen Auslandseins\u00e4tzen abgibt, ist in der Tat mindestens ebenso gut wie das der Armeen anderer Nationen. Das liegt zum einen an dem hervorragenden Nachwuchs, der immer noch zu dieser Armee geht, und zum anderen an einem offensichtlich immer noch gewissen soldatischen Kern in unserem Lande.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Dass G\u00fcnzel hier nicht von einem &#8218;gewissen milit\u00e4rischen&#8216;, sondern tats\u00e4chlich von einem <em>&#8222;soldatischen Kern in unserem Lande&#8220;<\/em> spricht, verdient Beachtung. Da G\u00fcnzel gerne Schiller zitiert, sei das mit &#8222;soldatisch&#8220; Gemeinte anhand von Schillers &#8222;Reiterlied&#8220; (1797) verdeutlicht. Das von Jakob Zahn vertonte Reiterlied aus dem Wallenstein war ein wichtiges Mittel soldatischer Propaganda, die eben nicht erst mit Ernst J\u00fcnger begann. Mit ihm wird bis heute die soldatische Tradition am Leben gehalten. Im Zeitalter von TV und Internet fehlt vielen vielleicht die Vorstellung, dass ein auswendig zu lernendes bzw. zu singendes Gedicht ein effektives Propagandamittel sein kann, doch tats\u00e4chlich wurden Generationen des &#8218;Volkes der Dichter und Denker&#8216; (!) mit Schiller soldatisch angefixt. 1914 erschien beispielsweise als &#8222;Taschenausgabe f\u00fcr Klavier zum Begleiten gemeinsamer Ges\u00e4nge&#8220; eine Auswahl von 50 Vaterlands- und Soldatenliedern aus den &#8222;4 B\u00e4nden der schwarz-wei\u00df-roten Sammlung Unsere Vaterlandslieder und Armeem\u00e4rsche&#8220; mit dem Reiterlied &#8211; f\u00fcr Sch\u00fctzengraben-Simulation im b\u00fcrgerlichen Wohnzimmer. Sp\u00e4ter, nach dem Erfolg der von Robert Musil &#8222;Abschaffung des Zivilisten&#8220; ((8)) genannten Tendenz, die den Soldaten gegen den B\u00fcrger ausspielte, fand es u.a. Eingang in das Liederbuch der Hitlerjugend. ((9)) Unter dem Titel &#8222;Wohl auf, Kameraden&#8220;, der ersten Zeile, findet es sich heute auch auf einschl\u00e4gigen CDs, so auf &#8222;Auf zum Streit, sei bereit. Deutsche Soldatenlieder aus drei Jahrhunderten&#8220; von Landsknechte, auf &#8222;Das Feuer der Freiheit&#8220; von Der Bundschuh und auf der beim DSZ-Verlag erh\u00e4ltlichen CD &#8222;Soldaten, Helden, Vaterland&#8220; (hier &#8222;mit M\u00e4nnerchor und H\u00f6rnern&#8220;). Das Reiterlied suggeriert, im Krieg sei &#8211; im Unterschied zur arbeitsteiligen Gesellschaft (siehe 2. Strophe) &#8211; noch eine ganzheitliche Erfahrung der menschlichen (und das hei\u00dft hier m\u00e4nnlichen) Existenz m\u00f6glich, im Feld gebe es Freiheit (Z 2), &#8222;da ist der Mann noch was wert&#8220; (Z 3), in der Herausforderung des Todes, also im Einsatz des eigenen Lebens gewinnt Mann erst das wahre Leben (siehe Schluss-Zeilen).<\/p>\n<p>Die <em>Junge Freiheit<\/em> interessiert sich in der ihr eigenen Weise f\u00fcr die Motivation der KSK-Soldaten und fragt, ob beim KSK <em>&#8222;Soldatenethos und \u00fcbergeordnete Werte wie Ritterlichkeit und Vaterland zu finden&#8220; seien, und<\/em> so gibt G\u00fcnzel einen Einblick in Motivation und Kampfmoral derer, die er <em>&#8222;meine M\u00e4nner&#8220;<\/em> zu nennen pflegt: <em>&#8222;Dieser Spezialverband ist noch zu jung, als das man auf diese Frage eine abschlie\u00dfende Antwort geben k\u00f6nnte. Wohl die wenigsten KSK-Soldaten wollen das christliche Abendland gegen die heranst\u00fcrmenden &#8222;Horden von Kommunisten&#8220;, oder heute Islamisten, verteidigen. Vielmehr suchen sie, wie junge Leute zu allen Zeiten, die Bew\u00e4hrung. Sie wollen zur Elite geh\u00f6ren und suchen die Gemeinschaft Gleichgesinnter. Das sind M\u00e4nner, die &#8211; im \u00fcbertragenen Sinne &#8211; auf den Mount Everest klettern wollen. Diesen Typ kann man \u00fcberhaupt nicht mit dem normalen Soldaten vergleichen, der die Masse der Bundeswehrsoldaten ausmacht.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>All diesen Abenteuer-Vorstellungen verhafteten soldatischen Subjekten und dem Typ Bungee-Springer ist die Entwicklung des Krieges im 20. Jahrhundert entgangen, die Karl Kraus als passende Antwort auf die dummen anachronistischen Vorstellungen von &#8222;Ritterlichkeit&#8220; seinem Doktor Ing. Abendrot in den Mund legte: &#8222;Als Ritter vom Geist greifen wir noch zum Schwert, \/ wenn sich l\u00e4ngst schon der Flammenwerfer bew\u00e4hrt, \/ und sind entschlossen, mit D\u00fcnsten und D\u00e4mpfen \/ und Minen bis aufs Messer zu k\u00e4mpfen. \/ Den Wortschmuck beziehen wir gern f\u00fcr die Tat \/ aus der Zeit, wo es die noch gegeben nicht hat, \/ und sind selbst heut in Turnieren befangen, \/ wo wir l\u00e4ngst schon die chlorreichsten Siege errangen. \/ Mit allen Schikanen der chemischen Kraft \/ k\u00e4mpft der Deutsche im Geiste der Ritterschaft.&#8220; ((10))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Hohmann den Brief des damaligen Befehlshabers des Kommando Spezialkr\u00e4fte (KSK) ZDF-Journalisten zu seiner Verteidigung pr\u00e4sentierte, zog Milit\u00e4rminister Peter Struck sogleich die Notbremse: Er entlie\u00df G\u00fcnzel und demonstrierte damit der CDU, was sie im Fall ihres Bundestagsabgeordneten dringend zu tun h\u00e4tte. 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