{"id":6087,"date":"2004-04-01T00:00:53","date_gmt":"2004-03-31T22:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6087"},"modified":"2022-07-26T14:24:35","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:35","slug":"no-mas-bombas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/04\/no-mas-bombas\/","title":{"rendered":"&#8222;No m\u00e1s bombas, &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber 200 Menschen sind tot und \u00fcber 1000 Menschen zum Teil schwer verletzt. Spanien hat die letzte, unversch\u00e4mte L\u00fcge des ohnehin scheidenden Ministerpr\u00e4sidenten Aznar und seiner Clique beantwortet. Man t\u00e4usche sich nicht: Zapatero und seine form- und farblose PSOE sind nicht gew\u00e4hlt worden. Der Partido Popular wurde <em>abgew\u00e4hlt<\/em> &#8211; und das ist alles.<\/p>\n<p>Man sollte sich vorsorglich den 20. Juni 2004 im Kalender ankreuzen. Zu diesem Zeitpunkt will Zapatero <em>&#8222;sp\u00e4testens&#8220;<\/em> die spanischen Truppen aus dem Irak heraushaben. M\u00f6glich, da\u00df er auf einen Regimewechsel auch in den USA hofft, der ihm Probleme erspart und ihn Wort halten l\u00e4\u00dft. Aznar, Rajoy und ihr Innenminister \u00c1ngel Acebes hatten jedenfalls ganz richtig erkannt, da\u00df die Nachricht, nicht ETA habe die ungeheure und unmenschliche Bluttat vom 11. M\u00e4rz begangen, ihnen politisch das Grab schaufeln w\u00fcrde &#8211; trotz aller optimistischen Vorhersagen, den Wahlausgang betreffend. Jede auch nur entfernte Verbindung des Anschlags mit der spanischen Beteiligung am Irak-Krieg, die Aznar in schwer zu \u00fcbertreffender Arroganz gegen die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung seines Landes hatte durchpr\u00fcgeln lassen, mu\u00dfte seinem Kandidaten Rajoy wie ein Fels auf den Fu\u00df fallen. Einen Anschlag der ETA dagegen h\u00e4tte der <em>Partido Popular<\/em> zweifellos zum Anlass genommen, seine &#8222;harte Linie&#8220; gegen den &#8222;baskischen Separatismus&#8220; ein weiteres Mal als den einzig gangbaren Weg anzupreisen.<\/p>\n<p>Innere Sicherheit zieht, nicht nur in Deutschland. Es scheint zur politischen Statur europ\u00e4ischer Konservativer zu geh\u00f6ren, sich selbst f\u00fcr \u00e4u\u00dfert schlau, den Rest der Bev\u00f6lkerung aber f\u00fcr chronisch bl\u00f6d zu halten.<\/p>\n<p>Man war beim <em>Partido Popular<\/em> offenbar der Meinung, in das starre Grauen und Entsetzen des 11. M\u00e4rz hinein nur ein paar mal kurz und unbewiesen <em>&#8222;ETA, ETA&#8220;<\/em> murmeln zu m\u00fcssen, und schon w\u00fcrde man mit siegesgewissen Bannern eines endlosen Anti-Terror-Kampfes ins Parlament einziehen. Das Problem war nur, da\u00df in Spanien kaum jemand dieses M\u00e4rchen glaubte &#8211; noch bevor die Fakten auf den Tisch kamen. In Barcelona waren auf der 1,5 Millionen Menschen starken Kundgebung einen Tag nach dem Anschlag mehr Rufe gegen die regierende Partei zu h\u00f6ren als gegen die baskischen Terroristen. Nicht, da\u00df man ihnen eine solche Bluttat nicht zutrauen k\u00f6nnte: 1987 lie\u00df ETA in Barcelona eine Bombe in der Tiefgarage eines Kaufhauses explodieren. 23 Menschen fanden den Tod. Allein an diesem Vergleich aber wird der Unterschied zu den M\u00f6rdern vom 11. M\u00e4rz deutlich. ETA verfolgt innenpolitische Ziele &#8211; die Zusammenf\u00fchrung und staatliche Unabh\u00e4ngigkeit des franz\u00f6sischen und spanischen Baskenlandes, zuz\u00fcglich eines substantiellen Teils der Provinz Navarra (wenn man schon mal dabei ist!) &#8211; und ist trotz allem auf zumindest minimale innenpolitische Unterst\u00fctzung angewiesen. Nach dem Anschlag von Barcelona gab die ETA ein Schreiben heraus, in dem sie die Tat als &#8222;Fehler&#8220; bezeichnete. Daf\u00fcr konnte sich keines der Opfer etwas kaufen. Aber es ist f\u00fcr das Procedere von ETA bezeichnend. Noch nie zuvor hatte ETA ohne Vorwarnung zugeschlagen. Noch nie zuvor hatte ETA mit Bekennerschreiben gegeizt. Und noch nie zuvor hatte ETA Spanier wie Basken gleicherma\u00dfen unterschiedslos abgeschlachtet, einzig mit dem Ziel, so viele Menschen wie m\u00f6glich zu t\u00f6ten &#8211; noch dazu in Z\u00fcgen, die aus Madrids armen, proletarischen Vororten in die Innenstadt fuhren. Selbst in den h\u00f6heren Etagen der Presse wurde man nachdenklich. In der Sonderausgabe von<em> El Pa\u00eds<\/em>, die schon am Nachmittag des 11. M\u00e4rz an den Kiosken lag und erste Verletztenlisten enthielt, die kostenlos im Netz abgerufen werden konnten, r\u00e4tselte Josep Ramoneda \u00fcber eine m\u00f6gliche Zusammenarbeit von Al Quaida und ETA, und verk\u00fcndete, willentlich oder unwillentlich, was Jos\u00e9 Mar\u00eda Aznar sich w\u00fcnschte: <em>&#8222;Am liebsten m\u00f6chte ich bitten, niemand m\u00f6ge bei den Wahlen<\/em> [am Sonntag]<em> fehlen und seine Stimme denen geben, denen er sie auch gestern gegeben h\u00e4tte. ETA kann nicht eine einzige Stimme \u00e4ndern&#8220;<\/em>&#8230;<\/p>\n<p>Der Anschlag vom 11. M\u00e4rz ist eine Katastrophe. Nicht nur menschlich. Sondern auch politisch. Wir stehen vor einer erneuten Drehung der Gewaltspirale, die das 21. Jahrhundert schon jetzt tief in Blut getaucht hat. Es mag sein, da\u00df Irrsinnige mit Taschen voller Sprengstoff nicht aufzuhalten sind. Staaten, die Krieg und Mord wieder zu normalen Formen der Politik gemacht haben, sind es dagegen schon. Man kann nur hoffen, da\u00df der soziale Widerstand in Spanien erhalten bleibt, vielleicht sogar Schule macht, und sich nicht nur auf das kleine W\u00e4hlerkreuzchen beschr\u00e4nkt, mit dem wir, wie Heinrich B\u00f6ll einmal gesagt hat, <em>&#8222;wenn keine Wahl mehr bleibt, nur noch unseren politischen Analphabetismus bekunden&#8220;<\/em>. Die Macht\u00fcbernahme der Sozialdemokraten wird nicht Wunder wirken, und vielleicht fragt man sich schon bald, wo \u00fcberhaupt der Unterschied liegt zwischen PP und PSOE. Sollte Zapatero aber tats\u00e4chlich die Truppen vom Golf abziehen, ist das ein Fortschritt. Terror hat viele Gesichter, und Krieg ist zweifellos sein widerw\u00e4rtigstes. Ob Romano Prodi das gemeint hat, als er, in sch\u00fctterem Spanisch, seinem Wunsch Ausdruck gab: <em>&#8222;No m\u00e1s bombas, no m\u00e1s muertos&#8220;<\/em> [Keine Bomben mehr, keine Toten mehr]?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber 200 Menschen sind tot und \u00fcber 1000 Menschen zum Teil schwer verletzt. Spanien hat die letzte, unversch\u00e4mte L\u00fcge des ohnehin scheidenden Ministerpr\u00e4sidenten Aznar und seiner Clique beantwortet. Man t\u00e4usche sich nicht: Zapatero und seine form- und farblose PSOE sind nicht gew\u00e4hlt worden. Der Partido Popular wurde abgew\u00e4hlt &#8211; und das ist alles. 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