{"id":6090,"date":"2004-04-01T00:00:38","date_gmt":"2004-03-31T22:00:38","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6090"},"modified":"2022-07-26T14:24:36","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:36","slug":"die-herrschaft-der-vergewaltiger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/04\/die-herrschaft-der-vergewaltiger\/","title":{"rendered":"Die Herrschaft der Vergewaltiger"},"content":{"rendered":"<p>Amnesty international hingegen zeichnet ein anderes Bild: &#8222;Zwei Jahre nach dem Ende der Taliban-Herrschaft hat sich gezeigt, dass die internationale Gemeinschaft und die afghanische \u00dcbergangsregierung unter Pr\u00e4sident Hamid Karsai unf\u00e4hig sind, die Frauen zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Die von bewaffneten Gruppen und ehemaligen Kriegsteilnehmern ausgehende Gefahr von Vergewaltigungen und sexueller Gewalt ist nach wie vor hoch. Die Zwangsverheiratung insbesondere minderj\u00e4hriger M\u00e4dchen ist in vielen Regionen des Landes weit verbreitet, ebenso wie Gewalt gegen Frauen.&#8220; In der Tat: Die Situation der Frauen in Afghanistan ist nach wie vor entsetzlich. Zwar d\u00fcrfen M\u00e4dchen und Frauen in Kabul und einigen anderen Gro\u00dfst\u00e4dten zur Schule gehen und Berufe aus\u00fcben, aber im gr\u00f6\u00dften Teil des Landes sieht es anders aus. In der westlichen Provinz Herat erl\u00e4sst der Kriegsherr Ismail Khan Dekrete, die denen der Taliban gleichen. Viele Frauen haben keinen Zugang zu Bildung und d\u00fcrfen nicht f\u00fcr die ausl\u00e4ndischen Nichtregierungsorganisationen oder die UN arbeiten. In einheimischen Regierungs- und Verwaltungsstellen sind Frauen fast gar nicht vertreten. Frauen d\u00fcrfen ohne Begleitung eines nahen m\u00e4nnlichen Verwandten weder ein Taxi nehmen noch zu Fu\u00df unterwegs sein. Wenn sie mit M\u00e4nnern angetroffen werden, die keine nahen Verwandten sind, k\u00f6nnen Frauen von der Sonderpolizei festgenommen und gezwungen werden, eine \u00e4rztliche Untersuchung \u00fcber sich ergehen zu lassen, um festzustellen, ob sie vor kurzem Geschlechtsverkehr hatten. Wegen dieser andauernden Unterdr\u00fcckung begehen Monat f\u00fcr Monat viele M\u00e4dchen Suizid &#8211; deutlich mehr als unter der Taliban-Herrschaft.<\/p>\n<p>Auch im von der Nordallianz kontrollierten Norden und S\u00fcden Afghanistans ist es um die Frauenrechte nicht besser bestellt. Eine Mitarbeiterin einer internationalen Nichtregierungsorganisation \u00e4u\u00dferte gegen\u00fcber amnesty international: &#8222;Wenn zur Zeit der Taliban eine Frau in der \u00d6ffentlichkeit einen Zentimeter Haut zeigte, wurde sie ausgepeitscht. Heute wird sie vergewaltigt.&#8220;<\/p>\n<p>Nicht einmal in Kabul, wo Tausende ausl\u00e4ndischer Soldaten stationiert sind, f\u00fchlen sich die afghanischen Frauen sicher, und viele tragen weiterhin die Burka, um sich zu sch\u00fctzen. Wenn \u00fcberhaupt Schulbildung f\u00fcr M\u00e4dchen angeboten wird, haben die Eltern oftmals Angst, ihre T\u00f6chter diese Chance nutzen zu lassen: Mehrere M\u00e4dchenschulen sind bereits niedergebrannt worden, M\u00e4dchen sind auf dem Weg zur Schule entf\u00fchrt worden, und nach Angaben von Human Rights Watch sind sexuelle \u00dcbergriffe gegen Kinder beiderlei Geschlechts an der Tagesordnung.<\/p>\n<h3>Entgegen ihren Beteuerungen betreibt die Karsai-Regierung aktiv eine frauenfeindliche Politik<\/h3>\n<p>Frauen finden keine Arbeit, und in den M\u00e4dchenschulen fehlen h\u00e4ufig die einfachsten Dinge, zum Beispiel B\u00fccher und St\u00fchle. Frauen genie\u00dfen keinen rechtlichen Schutz, und die \u00e4lteren Rechtssysteme schlie\u00dfen sie von notwendigen Hilfsleistungen aus. Im Kabuler Fernsehen d\u00fcrfen keine S\u00e4ngerinnen auftreten, von Frauen gesungene Lieder werden nicht gespielt und Filmszenen, in denen unverschleierte Frauen zu sehen sind, fallen der Zensur anheim.<\/p>\n<p>Die Karsai-Regierung hat ein Frauenministerium eingerichtet, aber nur, um der internationalen Gemeinschaft Sand in die Augen zu streuen. In Wirklichkeit hat dieses Ministerium nichts f\u00fcr die Frauen getan. Es liegen Beschwerden vor, Gelder, die dem Frauenministerium von ausl\u00e4ndischen NGOs zur Verf\u00fcgung gestellt worden seien, seien von m\u00e4chtigen Kriegsherren in Karsais Kabinett einkassiert worden.<\/p>\n<p>Der &#8222;Krieg gegen den Terror&#8220; hat zwar das Taliban-Regime gest\u00fcrzt, nicht aber den religi\u00f6sen Fundamentalismus als wesentliche Ursache des Elends der afghanischen Frauen beseitigt. Vielmehr haben die USA, indem sie die Kriegsherren wieder an die Macht gebracht haben, schlicht ein frauenfeindliches Fundamentalistenregime durch ein anderes ersetzt.<\/p>\n<p>Allerdings haben die USA die Taliban auch nicht deshalb bek\u00e4mpft, weil sie afghanische Frauen retten wollten. Noch im Jahr 2000 gab die US-Administration den Taliban 43 Millionen Dollar als Belohnung f\u00fcr die Eind\u00e4mmung des Opiumanbaus. Jetzt unterst\u00fctzen die USA die Nordallianz, unter deren blutiger Herrschaft in den 1990er Jahren \u00fcber 50.000 Zivilisten get\u00f6tet wurden. Die heutigen Machthaber &#8211; M\u00e4nner wie Karim Khalili, Rabbani, Sayyaf, Fahim, Yunus Qanooni, Mohaqiq und Abdullah &#8211; sind dieselben, die 1992 unmittelbar nach ihrem Machtantritt frauenfeindliche Bestimmungen erlie\u00dfen und eine Terrorherrschaft in ganz Afghanistan errichteten.<\/p>\n<p>Tausende Frauen und M\u00e4dchen wurden von bewaffneten Banditen systematisch vergewaltigt und viele begingen Suizid, um diesen Vergewaltigungen zu entgehen.<\/p>\n<p>Aber das Fehlen von Frauenrechten ist nicht das einzige Problem, mit dem Afghanistan heute zu k\u00e4mpfen hat. Weder der Opiumanbau noch das Kriegsherrentum noch der Terrorismus sind wirklich beseitigt worden. Es gibt weder Frieden noch Stabilit\u00e4t oder Sicherheit. Pr\u00e4sident Karsai ist Gefangener seiner eigenen Regierung, der nominelle Kopf eines Regimes, in dem ehemalige Kommandeure der Nordallianz die eigentliche Macht haben. In einem solchen Klima ist das Resultat der im Juni anstehenden Wahlen leicht vorherzusagen: Einmal mehr wird sich die Nordallianz das Wahlergebnis unter den Nagel rei\u00dfen, um ihre blutige Herrschaft zu legitimieren.<\/p>\n<p>Im November 2001 sagte der US-amerikanische Au\u00dfenminister Colin Powell: &#8222;Die Rechte der Frauen in Afghanistan sind nicht verhandelbar.&#8220; Aber die Frauen Afghanistans haben die Unredlichkeit solcher Stellungnahmen f\u00fchrender US-amerikanischer und britischer Politiker am eigenen Leibe erfahren &#8211; wir wissen, dass sie die Frauenrechte in Afghanistan bereits hinwegverhandelt haben, indem sie das Volk den heimt\u00fcckischsten Kriegsherren ausgeliefert haben. Ihre sch\u00f6nen Reden sind von politischem Kalk\u00fcl und nicht von echter Anteilnahme bestimmt. Von 1992 bis 2001 wurden afghanische Frauen von Fundamentalisten jeglicher Couleur, ob Dschihadis oder Taliban, wie Vieh behandelt. Einige westliche Intellektuelle vertreten die These, diese Unterdr\u00fcckung wurzele in afghanischen Traditionen und Kritik daran sei respektlos gegen\u00fcber der kulturellen Andersartigkeit. Die afghanischen Frauen selbst jedoch sind keine stummen Opfer. Es gibt Widerstand, aber man muss genau hinsehen, um ihn zu erkennen, denn jede ernsthaft antifundamentalistische Gruppierung muss in der Halblegalit\u00e4t arbeiten. Die Revolution\u00e4re Vereinigung der Frauen Afghanistans (RAWA) war bereits unter den Taliban verboten und kann noch heute kein B\u00fcro in Kabul er\u00f6ffnen. Noch immer k\u00f6nnen wir unsere Zeitschrift Payam-e-Zan (Botschaft der Frauen) nicht offen vertreiben. Noch immer werden Ladenbesitzer, die unsere Publikationen im Sortiment haben, mit dem Tode bedroht und Unterst\u00fctzerinnen der RAWA, die unsere Schriften verteilt haben, sind inhaftiert und gefoltert worden. Wer auch nur beim Lesen unserer Publikationen erwischt wird, ist in Gefahr.<\/p>\n<p>Der Feminismus braucht nicht importiert zu werden; er hat in Afghanistan bereits Fu\u00df gefasst. Schon lange vor den US-amerikanischen Bombardements versuchten progressive Organisationen, Freiheit, Demokratie, eine s\u00e4kulare Gesellschaft und Frauenrechte zu etablieren. Damals zeigten die westlichen Regierungen und Medien kaum Interesse an der Not der afghanischen Frauen. Als RAWA vor dem 11. September 2001 der BBC, CNN, ABC und anderen Sendern die filmische Dokumentation der Hinrichtung Zarmeenas \u00fcbergab, hie\u00df es, das Filmmaterial sei zu schockierend, um gesendet zu werden. Nach dem 11. September jedoch wurde die Dokumentation mehrmals von den gleichen Medienanstalten ausgestrahlt. Au\u00dferdem wurden einige Fotos von RAWA, die Misshandlungen von Frauen durch die Taliban dokumentierten, benutzt &#8211; \u00fcbrigens ohne unsere Genehmigung. Sie wurden auf Flugbl\u00e4ttern reproduziert und von amerikanischen Kriegsflugzeugen bei ihren Eins\u00e4tzen \u00fcber Afghanistan abgeworfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Amnesty international hingegen zeichnet ein anderes Bild: &#8222;Zwei Jahre nach dem Ende der Taliban-Herrschaft hat sich gezeigt, dass die internationale Gemeinschaft und die afghanische \u00dcbergangsregierung unter Pr\u00e4sident Hamid Karsai unf\u00e4hig sind, die Frauen zu sch\u00fctzen. Die von bewaffneten Gruppen und ehemaligen Kriegsteilnehmern ausgehende Gefahr von Vergewaltigungen und sexueller Gewalt ist nach wie vor hoch. 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