{"id":6149,"date":"2004-05-01T00:00:15","date_gmt":"2004-04-30T22:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6149"},"modified":"2022-07-26T13:18:13","modified_gmt":"2022-07-26T11:18:13","slug":"weitergehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/05\/weitergehen\/","title":{"rendered":"Weitergehen!"},"content":{"rendered":"<h3>Ein packender Bericht von der K\u00f6lner Demo gegen den Sozialkahlschlag<\/h3>\n<p>Als ich zwei Wochen vorher in der Ver.di-Zentrale war, fiel mir schon dort im Flur die lange Reihe von 17 Kartons auf, die f\u00fcr die 17 geplanten Busse von Hamm\/Unna nach K\u00f6ln bestimmt waren.<\/p>\n<p>Bei der Abfahrt erkl\u00e4rte der Verantwortliche f\u00fcr den Bus, worauf bei dieser Fahrt besonders zu achten sei. Da haben wir als erstes das knallrote K\u00e4ppi mit Ver.di-Aufdruck, f\u00fcr jeden eins. Als n\u00e4chstes liegt f\u00fcr jeden Vierten im Bus die praktische Ver.di-Handfahne bereit. Nur einen Meter lang und notfalls auch als Spazierstock zu benutzen. Dann wird eine gro\u00dfe Leinentasche von Reihe zu Reihe weitergereicht, woraus sich jeder etwas nehmen darf, zum Beispiel Luftballons mit Ver.di-Aufdruck (schlie\u00dflich singt Nena!) und Trillerpfeifen (begrenzter Vorrat!). Da sich der Himmel bedenklich zuzieht und mit Regenschauern zu rechnen ist, haben die Veranstalter f\u00fcr eine ausreichende Anzahl bedruckter, gelblicher Plastikhemden gesorgt, die von ihrem Aussehen her allerdings einem M\u00fcllsack bedenklich nahe kommen. Wer es modischer mag, der kann f\u00fcr schlappe 5 Euro Zuzahlung sch\u00f6ne schwarz-rote (sic!) T-Shirts mit Ver.di-Aufdruck erhalten, vorr\u00e4tig in den Gr\u00f6\u00dfen bis XXL.<\/p>\n<p>Nach der Abwicklung dieser Gesch\u00e4fte mussten noch verschiedene Formalien erledigt werden.<\/p>\n<p>Hierzu wurde ein &#8222;Roter Faden f\u00fcr die TeilnehmerInnen&#8220; verteilt, in dem in den extra hierzu freigelassenen Spalten der Name des Busverantwortlichen, seine Handynummer, die Busnummer, die Parkplatznummer und die vereinbarte R\u00fcckfahrtzeit handschriftlich einzutragen waren. Zus\u00e4tzlich wurden noch ein Stadtplan, ein Terminplan, ein Fahrplan f\u00fcr die Stra\u00dfenbahn und ein kurzes Profil des Organisationsb\u00fcros gereicht, das sich das alles ausgedacht hat.<\/p>\n<p>Inzwischen hungrig geworden, begannen die meisten TeilnehmerInnen ihre mitgebrachten Butterbrote zu essen, denn der DGB hatte bereits im Vorfeld der Demonstration in seinen Flugbl\u00e4ttern mehr Eigenverantwortung auch f\u00fcr seine Mitglieder angek\u00fcndigt: &#8222;F\u00fcr Verpflegung ist selbst zu sorgen&#8220;. Von diesen Aktivit\u00e4ten m\u00fcde geworden, nickten wir w\u00e4hrend der Fahrt leicht ein, bis uns der Busverantwortliche kurz vor K\u00f6ln weckte und jedem von uns pers\u00f6nlich einen ca. 5 mal 5 cm gro\u00dfen roten Aufkleber \u00fcberreichte, auf dem stand: &#8222;Aufstehen! DGB&#8220; und ganz klein in kaum leserlicher Schrift: &#8222;Europ\u00e4ischer Aktionstag 0.3 April 0.4&#8220;. Dieses Schriftst\u00fcck, so erkl\u00e4rte er uns, berechtige zur rechtm\u00e4\u00dfigen Benutzung \u00f6ffentlicher Verkehrsmittel in K\u00f6ln, um wieder zu den gro\u00dfen Busparkpl\u00e4tzen zur\u00fcckzukommen, und sp\u00e4ter k\u00f6nne man diesen Aufkleber sogar verkleben! Anschlie\u00dfend ermahnte er uns eindringlich, sich das Gesicht des Nebenmannes genau einzupr\u00e4gen &#8211; wegen der Vollz\u00e4hligkeit bei der R\u00fcckfahrt.<\/p>\n<p>Endlich angekommen, reihten wir uns in den Zug ein. Von einem gro\u00dfen Wagen ert\u00f6nte laute Karnevalsmusik, und einige von uns reckten schon die H\u00e4lse, ob es nicht auch noch Kamelle geben w\u00fcrde. Und tats\u00e4chlich, es wurde Traubenzucker geworfen, das bringt neue Energie! Da ich zu den ganz wenigen von den insgesamt Hunderttausend geh\u00f6rte, die kein rotes K\u00e4ppi trugen und auch keine Ver.di-Handfahne schwenkten, kam ich mir manchmal etwas fremd vor, aber ich freute mich doch, wenn ich ausnahmsweise mal ein originelles Transparent entdeckte, etwa: &#8222;Opa, wem vererbst du dein Gebiss?&#8220;<\/p>\n<p>Unter den Dutzenden von Flugbl\u00e4ttern, die uns entlang der Strecke in die Hand gedr\u00fcckt wurden, hatte ein ganz Kleines die irgendwie selbstverst\u00e4ndliche \u00dcberschrift &#8222;Weitergehen&#8220; <em>(1), was<\/em> wir trotz Gedr\u00e4nge auch taten, denn in der Ferne h\u00f6rten wir schon, dass Nena mit ihren 99 Luftballons schon angefangen hatte zu singen. Vorbei an der Maus-H\u00fcpfburg und dem Bungee-Jumping-Gestell f\u00fcr Kinder gelangten wir endlich auf die gro\u00dfe Kundgebungsmeile mit den f\u00fcnf riesigen Leinw\u00e4nden, damit wir nichts verpassten.<\/p>\n<p>Ich zog mich in eine italienische Bar zur\u00fcck, trank einen Cappuccino und h\u00f6rte nach geraumer Zeit ein gellendes, hierzulande ungew\u00f6hnlich w\u00fctendes Pfeifkonzert und sich st\u00e4ndig steigernde laute Buh-Rufe. Um den entscheidenden Ausbruch des Volkszornes nicht zu verpassen, lief ich schnell zum Fenster und sah auf der Leinwand Norbert Bl\u00fcm gegen den Sozialabbau wettern. Bei dieser Zumutung konnte man so richtig Dampf ablassen! Es war so wie fr\u00fcher.<\/p>\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt wurde im Bus das Radio eingestellt, um die neuesten Ergebnisse zu h\u00f6ren. 4 : 1 f\u00fcr Schalke, alles in allem also ein erfreulicher Tag. Zum Schluss m\u00f6chte ich noch einmal betonen, dass sich alles genau so zugetragen hat, wie ich es geschrieben habe.<\/p>\n<p>Als ich am n\u00e4chsten Tag zuhause das auch von der Freien ArbeiterInnen Union (FAU) mitunterzeichnete Flugblatt las, erfuhr ich, dass diverse Gruppen den Demonstrationszug an einer bestimmten, von mir unbemerkten Stelle verlassen hatten, um eine eigene Kundgebung abzuhalten. Hiermit wollten sie in ihrer Kritik am Sozialabbau inhaltlich und real &#8222;Weitergehen!&#8220;, als der DGB es tat. H\u00e4tte ich das w\u00e4hrend der Demo bemerkt, h\u00e4tte mein Bericht sicherlich eine ganz unerwartete Wendung erhalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein packender Bericht von der K\u00f6lner Demo gegen den Sozialkahlschlag Als ich zwei Wochen vorher in der Ver.di-Zentrale war, fiel mir schon dort im Flur die lange Reihe von 17 Kartons auf, die f\u00fcr die 17 geplanten Busse von Hamm\/Unna nach K\u00f6ln bestimmt waren. 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