{"id":6154,"date":"2004-05-01T00:00:49","date_gmt":"2004-04-30T22:00:49","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6154"},"modified":"2022-07-26T12:59:03","modified_gmt":"2022-07-26T10:59:03","slug":"uber-kopftuch-king-lear-und-stockelschuh","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/05\/uber-kopftuch-king-lear-und-stockelschuh\/","title":{"rendered":"\u00dcber Kopftuch, King Lear und St\u00f6ckelschuh"},"content":{"rendered":"<p>In der Berliner Ost-West-Wochenzeitung Freitag wird zur Zeit eine fundierte Debatte \u00fcber den Kopftuchstreit gef\u00fchrt. Ein G\u00f6ttinger Sozialwissenschaftler namens M\u00fcnch sieht Kopftuch und Schleier als &#8222;sozial erzwungene Behinderung&#8220; und pl\u00e4diert daher f\u00fcr ein Verbot, worauf Mohssen Massarrat ihn kritisierte, er wolle &#8222;Assimilation&#8220; statt Integration. Sabine Kebir kommt in der Ausgabe Nr.11\/04 mit einer milderen, aber realit\u00e4tsnaheren Version von Alice Schwarzers Meinung, das Kopftuch sei so oder so einfach Symbol des Islamismus und der \u00f6stlichen Unterdr\u00fcckung der Frau, und das sei zuerst zu betrachten, bevor man von &#8222;jeder ist frei, so rumzulaufen, wie es ihm gef\u00e4llt&#8220; spricht. Man solle auch bedenken, welch katastrophale Zeichen man an die patriarchale Dominanz des Islamismus aussende, wenn hierzulande Lehrerinnen verschleiert unterrichten d\u00fcrften.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich hat diese Diskussion teilweise wenig mit Takt zu tun. Da spielen sich Theoretiker einerseits und konservative Spie\u00dfer andererseits auf, bis sie platzen, \u00fcber Dinge, von denen sie keine Ahnung haben, weil sie sie nur aus klugen B\u00fcchern oder von anderen Leuten kennen, aber nicht selbst erfahren haben. Das ist genauso wie bei der Drogenpolitik, wo Leute \u00fcber Drogen wettern, die noch nie im Leben welche genommen haben &#8211; au\u00dfer Alkohol nat\u00fcrlich, aber das ist ja schlie\u00dflich, so ihr emp\u00f6rtes Credo, keine Droge.<\/p>\n<p>Die Drogenpolitik ist bekanntlich unlogisch, ineffektiv, ungerecht und typisch deutsch: gesetzesh\u00f6rig. Alles wird panisch in Gesetze und Untergesetze gepackt, alles wird eifrig verallgemeinert, Einzelf\u00e4lle gibt es nicht, das w\u00e4re ja anarchisch.<\/p>\n<p>Genauso gesetzesh\u00f6rig ist das Gezerre um das Kopftuch. Warum braucht alles ein fixes Gesetz? Warum sind wir so symbolh\u00f6rig? An jeder \u00f6ffentlichen Anstalt gibt es eine Hausordnung, die besagt, da\u00df sich jeder, der sich hier aufh\u00e4lt, so verhalten soll, da\u00df die anderen Menschen nicht beeintr\u00e4chtigt werden. Wenn eine verschleierte Lehrerin nun anf\u00e4ngt, den Geschichts- zum Koranunterricht umzubauen oder das Klassenzimmer islamistisch zu dekorieren, ist sie selbstverst\u00e4ndlich zu r\u00fcgen. Aber nicht ausschlie\u00dflich des Kopftuchs wegen! Es ist Quatsch, jede Kopftuchtr\u00e4gerin als potentielle Terroristin zu betrachten, genauso wie es auch Quatsch ist, jeden Gelegenheitskiffer als Heroinwrack \u00e1 la Christiane F. oder gar als potentiellen zuk\u00fcnftigen Crackdealer zu verurteilen. Es gibt nichts Unmenschlicheres, als einen Menschen zu verurteilen f\u00fcr Dinge, die er nicht getan hat, aber vielleicht eventuell irgendwann mal tun k\u00f6nnte. Das steht schon in Shakespeares King Lear: Goneril und Regan, Lears \u00e4ltere T\u00f6chter, sind an der Macht, und sie n\u00fctzen diese aus, indem sie dem Vater die Eskorte von hundert Rittern, die er sich als Rente ausbedungen hatte, kurzerhand abziehen mit dem klassischen Spie\u00dferargument: &#8222;Wo k\u00e4men wir denn da hin! Die brauchst du doch gar nicht!&#8220;<\/p>\n<p>Wo k\u00e4men wir denn da hin, wenn das alle t\u00e4ten!? Es tun aber nicht alle, und das meine ich mit Einzelfall. Lear will die Ritter nicht, um irgendwann einen Putschversuch zu machen, sondern f\u00fcr ihn, den Ex-Herrscher \u00fcber England, Schottland und Wales, sind die hundert pers\u00f6nlichen Ritter ein Teil seines Selbst, kein Machtinstrument. &#8222;Oh reason not the need&#8220;, schimpft er verzweifelt, &#8222;es geht doch nicht ums Brauchen, es geht schlicht und einfach ums Menschliche!&#8220; Und als die T\u00f6chter ihrem Vater nur den Narren lassen, dreht er durch, er f\u00fchlt sich gedem\u00fctigt, erniedrigt, seiner Pers\u00f6nlichkeitsrechte beraubt. DIE W\u00dcRDE DES MENSCHEN IST UNANTASTBAR &#8211; steht das nicht im Grundgesetz?<\/p>\n<p>Und dennoch geb\u00e4ren sich die Anti-Kopftuch-Krieger teilweise wie Goneril und Regan. Ich las gerade ein interessantes Buch (Fawzia Zouari, Das Land in dem ich sterbe), in dem es um die &#8222;Integration&#8220; einer algerischen Familie in Paris geht. Es ist einfach taktlos, sich hinzustellen und zu sagen, Kopft\u00fccher sind reaktion\u00e4r, das hier ist ein emanzipiertes Land, also weg mit diesem Tausendundeinenacht-Firlefanz! Das ist M\u00fcnchs Meinung aus dem Freitag, und da kommt mir wirklich das Kotzen \u00fcber diese ach so emanzipierten fortschrittlichen westlichen Alleswisser.<\/p>\n<p>Sicher, die Zwangsverschleierung der Frauen ist reaktion\u00e4r, das schreibt auch Fawzia Zouari, und die Behandlung von verschleierten T\u00f6chtern und Ehefrauen in muslimischen L\u00e4ndern ist mitunter unmenschlich; aber nicht \u00fcberall, und das Problem ist nicht das Kopftuch als Ding! Bei den Tuareg sind es die M\u00e4nner, die sich verschleiern.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen einfach von dieser krankhaften Allgemeinisiererei wegkommen und von der deutschen Arroganz, die alles wei\u00df, und zwar alles besser, und der vor allem eins klar ist: wir sind die Fortschrittlichen, die da sind die Reaktion\u00e4ren, wir sind die Modernen und Emanzipierten, die da sind die Regressiven, wir sind der aufgekl\u00e4rte Westen, die da sind das im Mittelalter steckengebliebene Morgenland. Das ist dasselbe Ged\u00f6ns, das Bush am 11.9.01 von sich gab und das nicht nur LeserInnen der taz vor Schmerz aufjaulen lie\u00df. Und jetzt tr\u00f6tet man hierzulande ins gleiche verstimmte Horn.<\/p>\n<p>Nein, ich widerspreche Alice Schwarzer nicht, wenn sie sagt, das Kopftuch sei ein Symbol der \u00f6stlichen Unterdr\u00fcckung der Frau. Aber was ist denn mit dem Westen? Werden die Frauen hier nicht auch unterdr\u00fcckt? Man nennt es hier vielleicht eher Instrumentalisierung und Konformisierung, aber es ist dasselbe &#8211; &#8222;Faschismus der Seele&#8220; (Marcuse). Symbole der westlichen Unterdr\u00fcckung der Frau und eine westliche &#8222;sozial erzwungene Behinderung&#8220; (M\u00fcnch) sind f\u00fcr mich Minirock, St\u00f6ckelschuh, Make-up, Dekollet\u00e9. Frauen, die sich ohne Make-Up nicht aus dem Haus trauen und die wegen zu hohen Abs\u00e4tzen, zu knappem R\u00f6ckchen und zu \u00f6ffentlich h\u00fcpfendem Busen nicht mehr gehen, sondern nur noch trippeln k\u00f6nnen, sind nicht emanzipiert, sondern behindert. Wenn die S\u00e4ngerin Sasha in dem neuen Video von Sean Paul au\u00dfer Arschwackeln nicht viel tun mu\u00df und dazu in H\u00f6schen und T\u00f6pchen so knapp wie m\u00f6glich auf h\u00f6chsten Hacken rumsteht und ihre Lippen spitzt, dann ist das f\u00fcr mich nicht gerade ein Zeichen westlicher Emanzipation, sondern eher eines von der Zwangsreduzierung der Frau zum Sexobjekt. Auch Simone de Beauvoir sch\u00fcttelte damals den Kopf, als sie Das andere Geschlecht rausgab: da kommen Amerikanerinnen, angemalt, aufgebrezelt, k\u00f6nnen vor St\u00f6ckelschuhen kaum stehen &#8211; und die schw\u00e4tzen dann von Selbstbestimmung und Frauenemanzipation. Ohne Mann k\u00e4men die nicht mal heil ins Auto.<\/p>\n<p>Sicher: nicht jede Frau in Minirock ist ein Sexobjekt. Genausowenig wie jede Frau mit Kopftuch eine potentielle Terroristin ist.<\/p>\n<p>&#8222;Sozial erzwungene Behinderung&#8220;? &#8222;Fahne der Unterdr\u00fcckung&#8220;? Fa\u00dft euch an die eigene Nase. Emanzipation ist was anderes. Emanzipation braucht keine beschlipsten Klugschei\u00dfer, sondern Menschenverstand.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Berliner Ost-West-Wochenzeitung Freitag wird zur Zeit eine fundierte Debatte \u00fcber den Kopftuchstreit gef\u00fchrt. 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