{"id":617,"date":"1996-10-01T00:00:24","date_gmt":"1996-09-30T22:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=617"},"modified":"2022-07-26T13:06:12","modified_gmt":"2022-07-26T11:06:12","slug":"den-knoten-losen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/10\/den-knoten-losen\/","title":{"rendered":"Den Knoten l\u00f6sen&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Es ist selten, da\u00df man eine Neuerscheinung aus so viel Erfahrung rezensieren kann wie in diesem Fall. &#8222;Das freundliche Klassenzimmer&#8220;, die \u00dcbersetzung des Handbuches des Programms &#8222;Children&#8217;s Creative Response to Conflict&#8220; (CCRC) in den Vereinigten Staaten, existierte auf Deutsch bereits einige Jahre in einer internen Pilotversion. In den Kreisen der Menschen, die an diesem Thema Interesse haben, wurde das Buch schon lange erwartet. Der Titel steht schon f\u00fcr sich. Ich rezensiere also mehr den Ansatz als das Buch selbst.<\/p>\n<p>Der Untertitel &#8222;Gewaltlose Konfliktl\u00f6sungen im Schulalltag&#8220; erkl\u00e4rt den Sinn des Buches. Aus Erfahrungen in den gewaltfreien Trainings schon in den 70er Jahren wurden in den Vereinigten Staaten Programme f\u00fcr die Arbeit mit Kindern entwickelt. Daraus entstand das oben genannte Programm (CCRC).<\/p>\n<p>Die Grundidee ist also gar nicht neu. Trotzdem m\u00f6chte ich sie kurz erkl\u00e4ren, zumindest in der Form, in der ich sie in den letzten Jahren angewandt habe. Sie ist verbl\u00fcffend einfach, und dennoch scheint sie wirklich wenig verbreitet oder verstanden zu sein.<\/p>\n<p>Um in der Lage zu sein, Probleme und Konflikte konstruktiv zu bew\u00e4ltigen, sind einige Grundkompetenzen hilfreich bzw n\u00f6tig, wie z.B. Kooperationsf\u00e4higkeit, ein gesundes Selbstbewu\u00dftsein, Respekt f\u00fcr andere, oder die F\u00e4higkeit, mit anderen zu kommunizieren. Au\u00dferdem gibt es viele Wege, die \u00fcber Gedanken von Sieg und Niederlage (im Konflikt) hinausgehen, um kreative L\u00f6sungen zu finden. Das sind alles Sachen, die erlernbar sind, und dieses Buch beschreibt, wie ein solcher Lernproze\u00df, in den (Grund-)Schulunterricht integriert, erm\u00f6glicht werden kann.<\/p>\n<p>Es funktioniert. Das kann ich aus meiner eigenen Erfahrung mit diesem Ansatz schreiben, aus meiner Erfahrung in ENCORE (Europ\u00e4ischem Netz f\u00fcr Konfliktl\u00f6sung in Erziehung und Bildung) sowie aus Berichten aus Nordamerika.<\/p>\n<p>In einer 5. Klasse in der Gesamtschule habe ich gesehen, wie ein Au\u00dfenseiter wieder mehr Zugeh\u00f6rigkeit in der Klasse gefunden hat, wie Spannungen zwischen einer dominanten Clique und den anderen in der Klasse abgebaut wurden, wie die Klassenlehrerin durch unser Projekt \u00fcber ihr eigenes Verh\u00e4ltnis zur Klasse reflektieren konnte. Oder in einer 4. Klasse, wie unsere Arbeit zur St\u00e4rkung des Selbstbewu\u00dftseins einiger Kinder langsam Fr\u00fcchte trug.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hat die Vermittlung solcher Kompetenzen und das Erm\u00f6glichen positiver Erfahrungen im Umgang mit Konflikten keine Erfolgsgarantie. Faktoren wie das soziale Umfeld der Schule oder die Atmosph\u00e4re im Kollegium spielen auch eine wichtige Rolle. Und die Forschung in den angels\u00e4chsichen L\u00e4ndern ist l\u00e4ngst schon zu dem Schlu\u00df gekommen, da\u00df die Schule h\u00f6chstens 20 % der &#8222;Pr\u00e4gung&#8220; eines Menschen ausmacht. In Deutschland wird es \u00e4hnlich sein. Der Einflu\u00df der Schule ist einfach begrenzt.<\/p>\n<p>Dieser Ansatz funktioniert auch nicht, wenn es als ordin\u00e4res &#8222;Schulfach&#8220; eingesetzt wird, ohne das Engagement der Lehrkr\u00e4fte. Kinder lernen ja sehr schnell, was die &#8222;richtigen&#8220; Antworten sind, und haben diese parat. Wenn die Lehrkr\u00e4fte oder TrainerInnen nicht im Einklang mit dem eigenen Programm handeln, werden sie durchschaut, das Vermittelte verliert an Glaubw\u00fcrdigkeit, wird letztlich nicht angenommen. Wenn die Kinder aber erleben, da\u00df die Lehrkr\u00e4fte oder TrainerInnen selbst daran glauben, erh\u00f6ht sich die Wahrscheinlichkeit, da\u00df die Kinder auch ihre Erfahrungen wirklich mitnehmen und f\u00fcr sich anwenden. Neben der Methodik liegen die &#8222;Erfolgsaussichten&#8220; mindestens zur H\u00e4lfte in der menschlichen Beziehung zur Gruppe. Auf die Frage hin, ob die Gewaltfreiheit ein &#8222;Lebensprinzip&#8220; oder eine &#8222;praktische Hilfe zur Bew\u00e4ltigung von Konflikten&#8220; ist, weist der letztgenannte Punkt f\u00fcr mich stark darauf hin, da\u00df sie ein Lebensprinzip sein mu\u00df. Man kann bei Kindern nicht so tun, als ob man gewaltfrei w\u00e4re&#8230; Dieses Buch fordert also heraus.<\/p>\n<p>Es gibt schon andere B\u00fccher mit dem gleichen Ansatz auf deutsch. Jamie Walker, die 1989 eine Studie \u00fcber Konfliktl\u00f6sungans\u00e4tze in Europa ver\u00f6ffentlichte und den Ansatz von CCRC in Berlin erprobte, ver\u00f6ffentlichte letztes Jahr zwei sehr brauchbare Handb\u00fccher f\u00fcr die Grundschule und die Sekundarstufe I (Walker, Jamie: &#8218;Gewalt und Konfliktl\u00f6sung in Schulen&#8216;, Br\u00fcssel, 1989; Hrsg vom Qu\u00e4kerrat f\u00fcr Europ\u00e4ische Angelegenheiten und dem Europarat, sowie: &#8218;Gewaltfreier Umgang mit Konflikten in der Grundschule&#8216;, und &#8218;Gewaltfreier Umgang mit Konflikten in der Sekundarstufe I&#8216;, Frankfurt\/Main 1995). Ihre Herangehensweise gibt etwas mehr Anleitung, strukturiert mehr als &#8222;Das freundliche Klassenzimmer&#8220;. F\u00fcr den Anfang ist das sehr hilfreich &#8211; eine Schritt f\u00fcr Schritt Einf\u00fchrung in das Konzept bietet &#8222;Das freundliche Klassenzimmer&#8220; nicht, es wird mehr Selbstarbeit verlangt. Das lohnt sich aber, weil &#8222;Das freundliche Klassenzimmer&#8220; meiner Meinung nach ein anderes Ziel hat.<\/p>\n<p>Die Vermittlung von Kompetenzen zur gewaltfreien Konfliktl\u00f6sung kann als getrenntes &#8222;Schulfach&#8220; erfolgen. So hat Jamie Walker gearbeit, so waren die Projekte, die von Umbruch-Bildungswerk f\u00fcr gewaltfreie Ver\u00e4nderung in K\u00f6ln durchgef\u00fchrt wurden, konzipiert. Umfassender, und deshalb schwieriger zu realisieren, ist die Integration dieses kooperativen Arbeitsstils in den ganzen Unterricht, \u00fcber alle F\u00e4cher hinweg. Dazu regt &#8222;Das freundliche Klassenzimmer&#8220; immer wieder mit vielen Vorschl\u00e4gen an. Eine konkrete Anleitung f\u00fcr alle F\u00e4cher und alle F\u00e4lle k\u00f6nnte aber kein Buch leisten, und &#8222;Das freundliche Klassenzimmer&#8220; fordert eben heraus. Wenn Du den gewaltfreien Ansatz mit Leben f\u00fcllst, wird Dir das N\u00f6tige einfallen!<\/p>\n<p>Umfassender ist auch das verlegte Buch. Die zwei letzten Kapitel und die Anh\u00e4nge, die in der Pilotversion nicht enthalten waren, erscheinen nun vollst\u00e4ndig, die Literaturliste ist zwar k\u00fcrzer, daf\u00fcr aber aktueller und, wie die Adressenliste, eingedeutscht. Damit bekommt man auch die Anregungen und Beispiele zu den musikalischen M\u00f6glichkeiten (Musik machen ist ja sehr kooperativ), die freundliche Atmosph\u00e4re in der Klasse zu f\u00f6rdern. Au\u00dferdem gibt es Erfahrungsberichte aus US-amerikanischen Schulen sowie eine Reihe von hilfreichen Ideen zu den Rahmen des Programms, wie z.B. Workshop-Modelle oder Vorschl\u00e4ge f\u00fcr Techniken in verschiedenen Unterrichtsf\u00e4chern.<\/p>\n<p>Mit dem Ansatz der gewaltfreien Konfliktl\u00f6sung f\u00fcr die Schule, wie in &#8222;Das freundliche Klassenzimmer&#8220; beschrieben, hat man ein Ger\u00fcst. Es gibt n\u00e4mlich noch viel mehr B\u00fccher mit allerlei \u00dcbungen und Spiele f\u00fcr interaktives Lernen, oft fehlt aber ein Konzept f\u00fcr eine sinnvolle Anwendung. So kann man den Kindern sogar das Spielen verderben. Mit dem Konzept im Kopf (und im eigenen Handeln) kann man aus allen m\u00f6glichen Quellen die Beispiele in &#8222;Das freundliche Klassenzimmer&#8220; fast endlos erg\u00e4nzen.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnen wir von der Vermittlung gewaltfreier Konfliktl\u00f6sungsmethoden in der Schule erwarten? Auch wenn der Ansatz in allen Klassen einer Schule engagiert eingesetzt w\u00fcrde, blieben die Zensuren, der Stundenplan, die Hierarchie und vieles mehr. Es w\u00fcrde keine Revolution des Schulwesens geben!<\/p>\n<p>Wenn aber immer wieder Schulklassen oder auch einzelne Sch\u00fclerInnen nicht nur erz\u00e4hlt bekommen, sie sollen sich nicht pr\u00fcgeln, sondern f\u00fcr sich erleben, wie sie ihre Probleme anders bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen, kann das mal sp\u00e4ter Fr\u00fcchte tragen. Bei einigen. Sicher nicht sofort bei allen. Eine Kultur &#8211; und die hiesige Konfliktkultur kann nur als brutal bezeichnet werden &#8211; kann man nicht \u00fcber Nacht neu definieren.<\/p>\n<p>Wer meint, er oder sie hat schon lange nichts mehr mit der Schule zu tun, findet vielleicht doch etwas in diesem Buch. Es ist nicht nur auf den Einsatz in der Schule beschr\u00e4nkt, und wer sich sonst f\u00fcr gewaltfreie Konfliktl\u00f6sung interessiert und mit Kindern zu tun hat bekommt sicher eine gute Erg\u00e4nzung zu den anderen Trainingsb\u00fcchern mit gewaltfreiem Ansatz, die z.B. Bereiche wie Zivilcourage, abdecken.<\/p>\n<p>&#8222;Das freundliche Klassenzimmer&#8220; ist ein Handbuch f\u00fcr den praktischen Gebrauch. Es stellt keinen Anspruch, revolution\u00e4r zu sein, will auch kein Konzept zur Reform der Schule als Ganzes sein. So habe ich dieses Buch benutzt, und so hat es sich bew\u00e4hrt. Daher kann ich dieses Buch nur sehr positiv rezensieren. Es ist nur wirklich schade, da\u00df es so lange gedauert hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist selten, da\u00df man eine Neuerscheinung aus so viel Erfahrung rezensieren kann wie in diesem Fall. &#8222;Das freundliche Klassenzimmer&#8220;, die \u00dcbersetzung des Handbuches des Programms &#8222;Children&#8217;s Creative Response to Conflict&#8220; (CCRC) in den Vereinigten Staaten, existierte auf Deutsch bereits einige Jahre in einer internen Pilotversion. 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