{"id":6186,"date":"2004-05-01T00:00:21","date_gmt":"2004-04-30T22:00:21","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6186"},"modified":"2022-07-26T14:15:08","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:08","slug":"eine-lebendige-institution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/05\/eine-lebendige-institution\/","title":{"rendered":"Eine lebendige &#8222;Institution&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>GWR: Wolfgang, wie hast Du Dich politisiert ?<\/strong><\/p>\n<p>Wolfgang Hertle: Die bayrisch-schw\u00e4bische Umgebung, in der ich aufwuchs, war konservativ katholisch, dominiert von der CSU. Mein erstes Engagement war im Bund Neudeutschland, heute Kath. Studierende Jugend. Es kam zu harten Konflikten, als ich anfing, aus der gepredigten Moral eigene Konsequenzen zu ziehen: meine damalige Umgebung gab mir deutlich zu verstehen, dass dies nicht erw\u00fcnscht war. Sogar der Bischof von Augsburg bekundete mir Mitte der 60er Jahre schriftlich, dass meine Werbung f\u00fcr Kriegsdienstverweigerung nicht der Meinung der katholischen Kirche entspr\u00e4che &#8211; mit Kopie an den Chef des Kreiswehrersatzamtes.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was waren wichtige Ereignisse in Deinem politischen Leben ?<\/strong><\/p>\n<p>Wolfgang: Wenn mich irgend etwas zum gewaltfreien Engagement angesto\u00dfen hat, dann sicher keine positiven Anregungen aus diesem Umfeld, sondern mehr die Abscheu vor Gewalt, z.B. als ich die ersten Filme \u00fcber Krieg und Konzentrationslager mit den Bildern von Leichenbergen sah und mich fragte: Wie kann es zu solchen Gr\u00e4ueltaten kommen, ohne dass sich die Menschen massenhaft verweigern? Von da an begann ich, in Geschichte und Gegenwart vielf\u00e4ltige Formen von Gewalt zu erkennen, auch solche in Zeiten, die gesellschaftlich als &#8222;normal&#8220; gelten. Dass ich seit fast vierzig Jahren noch immer beim Thema Gewalt, d.h. viel mehr Befreiung von Gewalt geblieben bin, verdanke ich dem Kennen lernen der vielf\u00e4ltigen gewaltfreien Bewegungen. ((2)) Ich k\u00f6nnte so manche politische Ereignisse aufz\u00e4hlen, die ich mehr oder weniger aus der N\u00e4he erlebt habe, aber wichtiger ist mir das Aufzeigen, dass und wie gewaltfreier und Gewalt abbauender Widerstand m\u00f6glich ist, indem ich Wissen gerade auch \u00fcber positive Beispiele verbreite.<\/p>\n<p><strong>Wie kamst Du zum gewaltfreien Anarchismus, und was bedeutet dieser f\u00fcr Dich ?<\/strong><\/p>\n<p>Ich entdeckte, dass es immer wieder Minderheiten gab, die versuchten, an die radikale Ausgangsbotschaft ihrer Gemeinschaften, ob Kirche, Partei oder Friedensorganisation anzukn\u00fcpfen. Oft war der Ausschluss der kritischen Minderheit durch die angepasste Mehrheit die Folge, und es faszinierte mich zu sehen, wie viele gemeinsame \u00dcberzeugungen es zwischen den an den Rand gedr\u00e4ngten Gruppen geben kann. Ich fand wesentliche Gemeinsamkeiten wie die prinzipielle Ablehnung von Gewalt bei Juden, Moslems, Buddhisten oder nicht kirchlich organisierten Menschen ebenso wie bei AnarchistInnen, \u00f6kologisch Motivierten oder HumanistInnen. Im Zentrum steht die Maxime, das Leben und seine Qualit\u00e4t zu sch\u00fctzen, von daher verbietet sich Gewalt gegen Menschen. Von der politischen Grundhaltung entspricht dem eine libert\u00e4re, Herrschaft und Gewalt ablehnende Einstellung, die Selbstorganisation auf allen Ebenen. Die abschreckenden Erfahrungen mit sozialdemokratischen oder kommunistischen Machterwerbsgruppen innerhalb der Friedensbewegung der 1960er Jahre sowie die positiven Erfahrungen mit B\u00fcrgerinitiativen und Basisgruppen brachten mich dazu, keine Energie mehr in parteipolitischen Streit zu setzen. Als die Gr\u00fcndung der Gr\u00fcnen auch innerhalb von Graswurzelgruppen diskutiert wurde, schien mir das Ergebnis von vorneherein klar. Nur, dass die Grund\u00fcberzeugungen so schnell dem Machterwerb geopfert werden w\u00fcrden, konnte ich mir nicht vorstellen.<\/p>\n<p>Nach meinem pers\u00f6nlichen Verst\u00e4ndnis ist Freiwilligkeit anstelle von Staatsgewalt logischer Bestandteil von Gewaltfreiheit. Eine herrschaftslose Gesellschaft kann nur durch Abschaffung und \u00dcberwindung von direkter und struktureller Gewalt erreicht werden. Wir m\u00fcssen immer neu die Bedeutung von Begriffen kl\u00e4ren. Unsere politische Gegner bem\u00fchen sich, die Begriffe, die uns wichtig sind, zu entwerten, verharmlosen oder zu verteufeln, in jedem Fall in ihrem Sinne umzudeuten.<\/p>\n<p>Das verdient mindestens einen eigenen Artikel. Das verlangt, im konkreten Fall zu erkl\u00e4ren, was gemeint ist. Meist ist eine eindeutige Praxis beredter und \u00fcberzeugender als eine lange verbale Auseinandersetzung.<\/p>\n<p><strong>Anfang 1969 warst Du Mitbegr\u00fcnder der Gewaltfreien Aktion Augsburg (GAA). Was hat Euch damals zur Gr\u00fcndung dieser Graswurzelgruppe inspiriert ?<\/strong><\/p>\n<p>Weil damals pazifistische Gruppen in Augsburg wie die IDK &#8211; Internationale der Kriegsdienstgegner, der Internationale Vers\u00f6hnungsbund und Pax Christi keine direkten gewaltfreien Aktionen organisierten, suchte ich bundesweit bzw. international. Im Sommer 1968 las ich mit Begeisterung Artikel von Theodor Ebert in ZEIT und Spiegel \u00fcber die Widerstandsformen der tschechischen Bev\u00f6lkerung gegen die Okkupation durch die Warschauer Pakt-Truppen, mit denen Ebert das Konzept von Sozialer Verteidigung illustrierte. Bald danach bekam ich erste Kontakte zu gewaltfreien Gruppen und Zeitschriften in Frankreich wie \u201aAnarchisme et Nonviolence&#8216; und las Zeitschriften wie \u201aCombat Non-Violent&#8216; und sp\u00e4ter \u201aLa Gueule Ouverte&#8216;. Im englischsprachigen Raum beeindruckten mich \u201aPeace News &#8211; for nonviolent revolution&#8216; aus London sowie \u201aWIN Magazine&#8216; aus New York. Diese Zeitschriften mit Praxisberichten \u00fcber Aktionen und Kampagnen in aller Welt er\u00f6ffneten mir ein weites Feld inhaltlicher Zusammenh\u00e4nge, dort las ich erstmals \u00fcber politische \u00d6kologie und gewaltfreie Revolution. Vor allem die M\u00f6glichkeit des Vergleichs machten den Mangel an radikaler Theorie und Praxis gewaltfreien Widerstands in Deutschland deutlich. ((3))<\/p>\n<p><strong>Welche Aktionen sind Dir bis heute in Erinnerung geblieben?<\/strong><\/p>\n<p>Zum Beispiel die Beteiligung an einer internationalen Demonstration im Vatikan zugunsten der spanischen Kriegsdienstverweigerer. Die damalige DFG-IDK-F\u00fchrung hatte ihre Mitglieder bewusst nicht informiert, da sie es nicht verantworten wollte, dass Mitglieder ihres Verbandes in die Folgen von Zivilen Ungehorsam verwickelt w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die GA Augsburg ging allm\u00e4hlich von der Beratung von Kriegsdienstverweigerern \u00fcber die Suche nach origineller \u00d6ffentlichkeitsarbeit zur direkten Aktion \u00fcber. Wir traten z.B. als Songgruppe beim Ostermarsch auf, agitierten mit Flugbl\u00e4ttern und Plakaten, die wir gelegentlich auch auf Windschutzscheiben von Bundeswehrfahrzeugen klebten. Wir verteilten z.B. Plastikbeutel als &#8222;Taschens\u00e4rge&#8220; und erkl\u00e4rten auf darin liegenden Flugbl\u00e4ttern den verwunderten Passanten, dass dies im Falle eines Atombombenangriffs f\u00fcr ihre sterblichen \u00dcberreste ausreiche, da im n\u00e4chsten Bunker nicht gen\u00fcgend Pl\u00e4tze vorhanden seien usw., falls man es bis dort \u00fcberhaupt schaffe&#8230; ((4)) Ganz neues thematisches Terrain betraten wir 1969 mit der Aktion &#8222;Kritischer Konsum&#8220;, die auf die Verschleuderung von Ressourcen und Arbeitskraft durch geplanten Verschlei\u00df, aber auch auf die Umweltbelastung hinwies.<\/p>\n<p><strong>Du warst 1972 Gr\u00fcndungsmitglied und Mitherausgeber der Graswurzelrevolution. Was hat Euch dazu bewogen, die GWR zu gr\u00fcnden?<\/strong><\/p>\n<p>1969 gr\u00fcndete Theodor Ebert die Zeitschrift \u201aGewaltfreie Aktion&#8216; (GA), von der ich einiges erhoffte. Bald wurde mir aber klar, dass dort inhaltlich von einem &#8222;gewaltfreien Aufstand&#8220; ((5)) nicht ernsthaft die Rede sein konnte. Es fehlte eine sowohl praxisnahe als auch politisch radikalere Zeitschrift. Als ich erstmals den Gedanken \u00e4u\u00dferte, diesen Mangel mit einer neuen Zeitschrift f\u00fcr die gewaltfreie Bewegung zu beheben, vermutete Theodor Ebert, dass der Stoff f\u00fcr ein neues Blatt schon nach wenigen Nummern ausgehen werde. Gernot Jochheim schrieb im Editorial f\u00fcr das Heft 3 der \u201aGewaltfreien Aktion&#8216; (1. Quartal 1970) &#8222;Die M\u00f6glichkeit, eine Zeitschrift zum politischen Sammlungsorgan machen zu k\u00f6nnen, ist &#8230; passe\u00b4.&#8220; So vermessen waren wir bei der Gr\u00fcndung der Graswurzelrevolution auch nicht, unsere Annahme best\u00e4tigte sich jedoch, dass es innerhalb bestehender Organisationen z.B. der Friedensbewegung viele Unzufriedene gab, sowie nicht oder nicht mehr Organisierte, die nach PartnerInnen f\u00fcr Diskussion und Aktion in einer eindeutig gewaltfrei aktiven Perspektive suchten. Daher starteten wir 1972 gleichzeitig mit der Vorbereitung der GWR-Nullnummer eine bundesweite Kampagne (die international bereits lief) zur Solidarit\u00e4t mit den spanischen Kriegsdienstverweigern. \u00dcber diese Kampagne kamen die ersten GraswurzlerInnen, bzw. Aktionsgruppen miteinander in Kontakt, ein Netz, das sich \u00fcber LeserInnen- und Aktiventreffen in den Ferien um das Jahresende, um Ostern und im Sommer erweiterte. Daraus ergaben sich weitere Kampagnen, wie 1973 gegen die franz\u00f6sischen Atomtests, andere unterst\u00fctzten den Outspan-Boykott gegen die s\u00fcdafrikanische Apartheid oder den Streik kalifornischer Wanderarbeiter. Beim Ostertreffen 1974 in B\u00fcckeburg wurde die Graswurzelwerkstatt gegr\u00fcndet (siehe dazu die Interviews mit Helga und Wolfgang Weber-Zucht in GWR Nr. <a href=\"\/284\/wezu.shtml\">284<\/a>, <a href=\"\/285\/wezu.shtml\">285<\/a>, <a href=\"\/286\/wezu.shtml\">286<\/a>) Eine politische Str\u00f6mung hatte sich in Bewegung gesetzt&#8230;<\/p>\n<p><strong>Wie seid Ihr auf den Namen &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; gekommen ?<\/strong><\/p>\n<p>Klar war die Grundausrichtung: Gewaltfreie Direkte Aktion, Antimilitarismus, freiheitlicher Sozialismus, Gesellschaftsver\u00e4nderung von unten, Selbstorganisation, Ziviler Ungehorsam und Konstruktive Alternativen&#8230; es war nicht einfach, einen Namen zu finden, der nach M\u00f6glichkeit all das ausdr\u00fcckt. Beim Aufschreiben von Adjektiven stand dann mal untereinander: Gewaltfrei, radikaldemokratisch, antiautorit\u00e4r, sozialistisch: die Anfangsbuchstaben ergaben Gras, und ich erinnerte mich an einen noch nicht eindeutig besetzten Begriff, Graswurzel-Bewegung, die \u00dcbersetzung von grass roots movement &#8211; und so war der Name gefunden. Er entwickelte sich bald zu einem &#8222;Markenzeichen&#8220;. Falsch ist die Behauptung, der Name der Zeitung sei aus Prag gekommen, richtig dagegen, dass das lockere Original-Logo &#8222;graswurzelrevolution&#8220;, das von sp\u00e4teren Redakteuren begradigt wurde, von Ludwiga, entworfen wurde, die bis zum August 1968 in Prag bei der Zeitung \u201aRude Pravo&#8216; als Grafikerin gearbeitet hatte&#8230;<\/p>\n<p><strong>Hast Du noch Kontakte zu den ehemaligen MitarbeiterInnen der Augsburger Redaktion?<\/strong><\/p>\n<p>In der Augsburger Redaktion waren wir nie mehr als 3 Personen, die Idee und das Bed\u00fcrfnis nach einer Zeitung, wie es dann die GWR wurde, war in meinem Kopf entstanden und bedeutete mir am meisten. Martin Scharr machte vor allem den Vertrieb. Wolfgang Kroner hatte nach seiner Zeit im Gef\u00e4ngnis von Barcelona ((6)) einiges im Studium nachzuholen. Ich habe seit langem keinen Kontakt mehr zu den beiden. 1973 zog ich zum Studium nach Berlin, nahm die Redaktion der Zeitung mit. Michael Schroeren kam aus M\u00f6nchengladbach dazu. Es gibt heute kaum noch Kontakte unter uns.<\/p>\n<p><strong>In den 1980er Jahren hast Du in der Bildungs- und Begegnungsst\u00e4tte f\u00fcr gewaltfreie Aktion in Wustrow gearbeitet. Heute betreust Du das Archiv Aktiv in Hamburg. Kannst Du die Geschichte von Kurve Wustrow und Archiv Aktiv skizzieren?<\/strong><\/p>\n<p>Seit dem Graswurzel-Sommerlager 1974 auf dem Kaiserstuhl, wo die GAF (Gewaltfreie Aktion Freiburg) uns mit den badisch-els\u00e4ssischen B\u00fcrgerinitiativen bekannt machte, arbeiteten gewaltfreie Gruppen in der Anti-AKW-Bewegung. Nach Erfahrungen in Wyhl und Brokdorf bekam ich, ab der ersten Demo im Fr\u00fchjahr 1977, Kontakt zum Gorleben-Widerstand. Berichte \u00fcber das Life Center in Philadelphia, die Besetzungen des AKW-Bauplatzes Seabrook, New Hampshire und die Besuche im Zentrum f\u00fcr gewaltfreie Aktion Le Cun du Larzac in S\u00fcdfrankreich brachten mich auf den Gedanken, dass in Deutschland etwas wie ein &#8222;ressource center for nonviolence&#8220; notwendig sei. Wichtig war mir dabei die Praxisn\u00e4he, d.h. die Anbindung des Projektes an einen wichtigen gesellschaftlichen Konflikt, der vermutlich l\u00e4ngere Zeit anhalten w\u00fcrde. Ohne den Gorleben-Konflikt in der Region w\u00e4re die Wahl nicht auf einen damals verkehrsm\u00e4\u00dfig sehr ung\u00fcnstigen Ort nahe der DDR-Grenze wie Wustrow gefallen. Es war schade, dass damals in der Anfangsphase ab 1979\/80 so wenige GraswurzlerInnen das Angebot annahmen, dieses Projekt zusammen mit anderen gewaltfreien Gruppen aufzubauen. Der Tr\u00e4gerverein wurde 1980 gegr\u00fcndet, die ersten Seminare fanden in gemieteten R\u00e4umen statt. 1981 begann die Renovierungsarbeit eines ehemaligen Gasthofes in Wustrow, im Volksmund &#8222;die Kurve&#8220; genannt. ((7)) Als ich nach zehn Jahren Aufbauarbeit die Kurve schon wieder verlassen hatte, zog f\u00fcr ein paar Jahre die Redaktion der GWR mit Jochen Stay in die Kurve. Die Geschichte der Kurve muss erst noch geschrieben werden, Quellen \u00fcber das erste Jahrzehnt liegen reichlich im Archiv Aktiv f\u00fcr gewaltfreie Bewegungen. Nur Mut!<\/p>\n<p>Das heutige <em>Archiv Aktiv &#8211; Anregungen und Auswertungen f\u00fcr gewaltfreie Bewegungen<\/em> war <em>1987 <\/em>als Archiv \u00d6kologie und Frieden gegr\u00fcndet worden, als die Redaktion der graswurzelrevolution von Hamburg nach Heidelberg wechselte. Den Grundstock f\u00fcr das Archiv bildeten Austauschabonnements der GWR-Redaktion sowie der Nachlass von Gertrud Westhoff (1900-1987). Trude hatte seit den 50er Jahren Kontakte zu einem breiten Spektrum der Umweltschutz- und Friedensbewegung, von Frauen- und Dritte Welt-Gruppen und dabei viele Rundbriefe, Zeitschriften, Brosch\u00fcren usw. gesammelt. Auf der langen Suche nach ihrer politischen Heimat fand sie diese gegen Ende ihres Lebens am ehesten bei den GraswurzlerInnen, welche sie nach ihren Kr\u00e4ften unterst\u00fctzte. Sp\u00e4ter gingen weitere wichtige Sammlungen, wie die Unterlagen der Graswurzelwerkstatt aus K\u00f6ln (vorher Kassel und G\u00f6ttingen), des Koordinationsb\u00fcro Ziviler Ungehorsam Bremen zur Totalverweigerung an das Archiv an der Hamburger Sternschanze 1, einem ehemaligen Bahnhof. Von Zeitzeugen kamen Korrespondenzordner \u00fcber ihre gewaltlose Arbeit in den 50er und 60er Jahren, manch fehlende Unterlagen erg\u00e4nzte ich durch systematische Recherchen. Viel Material kommt von lokalen<em> <\/em>Gewaltfreien Aktionsgruppen oder bundesweiten Kampagnen wie dem Stromzahlungsboykott (Ende der 70er Jahre), x1000 mal quer, resist, von Standorten gewaltfreien Widerstands wie Mutlangen, Gorleben, usw.<\/p>\n<p>Schwierig war ab 1984 der \u00dcbergang des Archivs von der F\u00f6rderung \u00fcber ABM-Stellen zum politischen Projekt, das sich aus Spenden finanziert und mit ausschlie\u00dflich ehrenamtlicher Arbeit stets am Rande der \u00dcberlastung steht. Andererseits war diese Ver\u00e4nderung \u00fcberlebensnotwendig f\u00fcr das Archiv. Ohne Verankerung in aktuellen Bewegungen bzw. ohne den Kontakt mit noch immer interessierten, aber nicht mehr aktiv an Aktionen Beteiligten w\u00e4re es weder m\u00f6glich, den Nutzen f\u00fcr die gewaltfreie Bewegung zu beweisen, noch materiell zu \u00fcberleben ohne jegliche institutionelle F\u00f6rderung.<\/p>\n<p>Es gibt leider eine Reihe von Beispielen, wie aus der Bewegung entstandene Einrichtungen irgendwann ganz aufgeben mussten oder ihre zentralen Inhalte bis zur Unkenntnis an die finanziell f\u00f6rdernden Instanzen anpassten, in sofern k\u00f6nnen wir mit der Aufbauarbeit der vergangenen zehn Jahre recht zufrieden sein &#8211; trotz der chronischen finanziellen Enge und personellen Unterbesetzung.<\/p>\n<p>Ausdr\u00fccklich m\u00f6chte ich alle, die in Gewaltfreien Aktionsgruppen mitgewirkt haben, aber auch diejenigen, die in aktuellen Kampagnen arbeiten, dazu einladen, sich am Schreiben der Geschichte(n) der gewaltfreien Bewegung zu beteiligen. Im Archiv Aktiv f\u00fcr gewaltfreie Bewegungen (u. a. auch Archiv der Kampagne X-tausendmal quer) lagert ein wertvoller Erfahrungsschatz aus gewaltfreien Kampagnen. Er sollte ausgewertet werden: von Aktiven aus Aktionsgruppen zur Anregung f\u00fcr weitere Praxis, von StudentInnen, die daraus Stoff f\u00fcr Seminar- oder Diplomarbeiten entnehmen, oder von JournalistInnen, um auch zwischen den hei\u00dfen Phasen das (Selbst-)Bewusstsein der gewaltfreien Bewegung zu st\u00e4rken. Aber wer ist kompetenter, &#8222;Geschichte zu schreiben&#8220; als ZeitzeugInnen. Sie k\u00f6nnen am besten die verschiedenen schriftlichen Quellen mit ihren eigenen Erinnerungen, Aufzeichnungen und Schlussfolgerungen vergleichen und bearbeiten. Fragen von Forschern oder J\u00fcngeren k\u00f6nnen dabei ebenso n\u00fctzlich sein, wie der Austausch mit ehemaligen Aktiven.<\/p>\n<p><strong>Wie sch\u00e4tzt Du die heutige Situation der Linken und Libert\u00e4ren und die Bereitschaft der Leute zu politischer Aktivit\u00e4t ein?<\/strong><\/p>\n<p>In den letzten Jahren kamen einige Entwicklungen hinzu, die es schwerer machen als fr\u00fcher, St\u00e4rke von Bewegungen wahrzunehmen und zu messen. Deutlich ist der Trend, sich nicht mehr langfristig zu Engagement in Organisationen zu verpflichten, sondern sich lieber kurzfristig in Kampagnen einzuklinken. Der Sozialdemokratismus hat die Eigenschaft, Protestbewegungen zu integrieren oder zum resignierten Verstummen zu bringen, das war in Frankreich nach dem Wahlsieg Mitterands 1981 \u00e4hnlich. Die Medien tragen ihren Teil dazu bei, dass Bewegungen nur sporadisch und oberfl\u00e4chlich in der \u00d6ffentlichkeit vorkommen und dabei ihre Bedeutung eher kleingeschrieben als gew\u00fcrdigt wird.<\/p>\n<p>Der derzeitige Stil vieler Journalisten verlangt die Personalisierung, hebt lieber Einzelpersonen hervor, statt Gruppen und Kampagnen zu beschreiben. Langj\u00e4hriger Widerstand mit unvermeidlichen Wiederholungen von Ereignissen wie der Protest gegen Castor-Transporte f\u00fchren bei gelangweilten Medienvertretern zu Abwertungen wie &#8222;Museum des Widerstands&#8220;, wobei sie nicht in der Lage sind, die Kreativit\u00e4t und Lebendigkeit der oft sehr jungen DemonstrantInnen zu w\u00fcrdigen. Die Linke hat also die Aufgabe, die Realit\u00e4t von Bewegungen in der \u00d6ffentlichkeit deutlicher werden zu lassen.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Schw\u00e4che der Linken und der Libert\u00e4ren scheint mir die mangelnde Verwurzelung in relevanten Bev\u00f6lkerungsgruppen. Wenn z.B. dr\u00e4ngende Probleme wie Erwerbslosigkeit und Sozialabbau in der politischen Arbeit nicht ernst genommen werden (ich meine damit keine folgenlosen Verbalradikalismen), dann hat die Linke erst recht keine Chance, in der Bev\u00f6lkerung die Hoffnung auf Gesellschaftsver\u00e4nderung zu st\u00e4rken und sich gemeinsam auf den Weg zu machen.<\/p>\n<p><strong>Wie siehst Du die Entwicklung der GWR? Was gef\u00e4llt Dir?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist sch\u00f6n und alles andere als selbstverst\u00e4ndlich, dass es diese Zeitung nach 32 Jahren immer noch gibt und den Eindruck macht, dass sie noch eine Menge Zukunft vor sich hat. Schon weil es so wenige au\u00dferparlamentarische Gruppierungen und Zeitschriften gibt, die so lange und ohne Auszehrungserscheinungen bestehen, ist das eine beachtliche Leistung. Eine lebendige &#8222;Institution&#8220;, die f\u00fcr viele Menschen einen bleibenden Einfluss auf ihr politisches Denken und Verhalten aus\u00fcbt.<\/p>\n<p>Die Offenheit f\u00fcr die internationale Bewegung freut mich besonders.<\/p>\n<p><strong>Was fehlt oder missf\u00e4llt Dir, wenn Du die letzten GWR-Jahrg\u00e4nge betrachtest?<\/strong><\/p>\n<p>Manchmal sagen mir Menschen, die ich von ihrer fr\u00fcheren AktivistInnenzeit kenne, dass sie die GWR nicht mehr oder nur teilweise lesen. Das kommt nicht nur von oft sehr langen Artikeln. Die \u00dcberzeugung von Machbarkeit wie Gewaltfreiheit und Herrschaftslosigkeit kommt weniger aus radikalen Worten, als aus der Bew\u00e4hrung so gro\u00dfer Prinzipien in der ganz &#8222;normalen&#8220; Welt. Den mangelnden Antworten auf zentrale Probleme der heutigen Gesellschaft entspricht das eigenartig verschwommene Bild der organisierten politischen Kraft der &#8222;GraswurzlerInnen&#8220;. Wenn der Verfassungsschutz \u00fcber Jahre \u00fcberdimensionierte Gruppen und Aktivenzahlen ver\u00f6ffentlicht, um die eigene Existenzberechtigung durch Aufbauschen der angeblich verfassungsgef\u00e4hrdenden Kr\u00e4fte zu behaupten, ist das eine Sache. Wenn aber auch wohlgesonnene Menschen sich schwer tun, einigerma\u00dfen realistische Vorstellungen von der gesellschaftlichen Kraft zu gewinnen, bedeutet das zumindest M\u00e4ngel ihrer Selbstdarstellung. Nat\u00fcrlich ist die GWR nur Teil des Ganzen, nur wo wird \u00fcber diese Fragen sonst informiert und diskutiert? Weshalb bleibt z.B. die F\u00f6deration Gewaltfreier Aktionsgruppen (F\u00d6GA) suspendiert, weshalb ist keine andere Organisationsform als Alternative in Sicht?<\/p>\n<p><strong>Welche Entwicklung der GWR w\u00fcnscht Du Dir zuk\u00fcnftig ?<\/strong><\/p>\n<p>Mehr Verankerung in nicht-studentischen Milieus, mehr Entwicklung von Theorie und Praxis in Selbstorganisation, ob im produzierenden Bereich oder im Wohn- und Konsumbereich.<\/p>\n<p>Protest und Widerstand sind notwendig, aber nicht ausreichend. \u00dcberzeugende Alternativen m\u00fcssen entwickelt und als wirksam demonstriert werden. Klassiker-Texte k\u00f6nnen unterst\u00fctzend wirken, aber die aktuellen Fragen verlangen angemessene Antworten f\u00fcr heute und morgen.<\/p>\n<p><strong>Was w\u00fcnscht Du Dir f\u00fcr die Zukunft ?<\/strong><\/p>\n<p>Pers\u00f6nlich w\u00fcnsche ich mir f\u00fcr die Zukunft mehr an gemeinschaftlicher Arbeit f\u00fcr eine gewaltfreiere Gesellschaft. Ich kenne viele beeindruckende und sympathische Menschen in der weltweiten Bewegung, aber mir fehlt zunehmend der Austausch und die Zusammenarbeit im Alltag.<\/p>\n<p>Der Bewegung w\u00fcnsche ich, dass sie selbstbewusster wird. Das hei\u00dft, nicht nur offensiv die Ziele vertreten, es bedeutet auch, die Vielfalt der Ans\u00e4tze und Herk\u00fcnfte in den Bewegungsstr\u00e4ngen freundlich zu betrachten, sich klarer der Gemeinsamkeiten wie auch der Unterschiede bewusst zu werden. Dann erst k\u00f6nnen in bewusster Entscheidung f\u00fcr Zusammenarbeit die gesamten Ressourcen genutzt werden.<\/p>\n<p>Wenn wir uns erfolgreiche gewaltfreie Kampagnen oder Gesellschaftsver\u00e4nderungen anschauen, dann war immer der soziale Zusammenhalt wichtig. Egal ob die indische Unabh\u00e4ngigkeits- oder die US-amerikanische B\u00fcrgerrechtsbewegung, ob Larzac oder Wyhl. Stets entschlossen sich Menschen zum Widerstand zusammen aus gemeinsamer Betroffenheit \u00fcber Zust\u00e4nde, die nicht mehr zu ertragen waren, oder \u00fcber existenzielle Gefahren, die verhindert werden mussten. Sie kannten sich aus dem Alltagsleben, lebten in \u00e4hnlichen sozialen Verh\u00e4ltnissen, hatten gemeinsame kulturelle Wurzeln und weltanschauliche Vorstellungen. Diese sozialen Bindekr\u00e4fte trugen zum Erfolg bei, wenn sie mit dem Willen zum gewaltfreien Widerstand verbunden wurden.<\/p>\n<p>Beim Vergleich von Beispielen erfolgreichen gewaltfreien Widerstands gibt es zwei Muster:<\/p>\n<ul>\n<li>Vor Ort beschlie\u00dft ein relevanter Teil der betroffenen Bev\u00f6lkerung, sich zu wehren, einigt sich auf Ziele und Charakter des Widerstands und wird zum bestimmenden Kern der Aktionen, zu deren Unterst\u00fctzung sie \u00fcberregional aufrufen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Oder:<\/p>\n<ul>\n<li>Der Widerstand vor Ort fehlt, ist uneins oder zu schwach: \u00dcberregional schlie\u00dfen sich Gruppen und Individuen zu einer Kampagne zusammen, die selbst\u00e4ndig vor Ort Aktionen durchf\u00fchrt und \/ oder in einem dezentralen Konzept das Thema an m\u00f6glichst vielen Orten verdeutlicht und dramatisiert. Nach dem Motto: Larzac \/ Wyhl \/ Gorleben&#8230; ist \u00fcberall ! ((8))<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die meisten F\u00e4lle sind Mischformen zwischen den beiden angedeuteten Modellen. Die Chance auf politischen Erfolg scheint dann am gr\u00f6\u00dften, wenn die Menschen vor Ort selbst das Handeln im Sinne gewaltfreien Widerstands bestimmen. Sie kennen am besten die \u00f6rtlichen Bedingungen, k\u00f6nnen am ehesten den Widerstand in ihren Alltag einpassen. Wenn Junge wie Alte aus allen Berufen und Schichten mitmachen, vermitteln sie der \u00d6ffentlichkeit \u00fcberzeugend Betroffenheit und moralisches Recht auf Widerstand. In lebenswichtigen Fragen wie Milit\u00e4r oder Atomindustrie sind nat\u00fcrlich auch entfernter Wohnende betroffen und haben das Recht, sich zu wehren und Aktionen notfalls auch ohne lokalen Widerstand zu organisieren.<\/p>\n<p>Dennoch sollte nie die St\u00e4rkung des \u00f6rtlichen Widerstandspotentials vernachl\u00e4ssigt werden.<\/p>\n<p>Gewaltfreie Aktionsgruppen haben die besten Chancen, ihre Erfahrungen und ihre &#8222;Philosophie&#8220; in die Diskussion vor Ort einflie\u00dfen zu lassen. Wie weit Politisierung, Mobilisierung und Verankerung gelingt, h\u00e4ngt auch vom Verhalten der Ausw\u00e4rtigen gegen\u00fcber den Menschen vor Ort ab.<\/p>\n<p>Wer in diesem Zusammenhang noch einmal den Artikel &#8222;Von Aktivisten und Reservisten -Anmerkungen zum Zustand der &#8222;gewaltfreien Bewegung&#8220; in der Bundesrepublik&#8220; in der \u201aGewaltfreien Aktion&#8216; Nr. 41\/42, 3. und 4. Quartal 1979 liest, hat den Eindruck, dass sich seither der \u00e4u\u00dfere Rahmen ver\u00e4ndert hat, aber letztlich wenig am Zustand der gewaltfreien Bewegung.<\/p>\n<p><strong>Lieber Wolfgang, herzlichen Dank!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Wolfgang, wie hast Du Dich politisiert ? Wolfgang Hertle: Die bayrisch-schw\u00e4bische Umgebung, in der ich aufwuchs, war konservativ katholisch, dominiert von der CSU. Mein erstes Engagement war im Bund Neudeutschland, heute Kath. Studierende Jugend. Es kam zu harten Konflikten, als ich anfing, aus der gepredigten Moral eigene Konsequenzen zu ziehen: meine damalige Umgebung gab &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/05\/eine-lebendige-institution\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Eine lebendige \"Institution\" - graswurzelrevolution","description":"GWR: Wolfgang, wie hast Du Dich politisiert ? 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