{"id":6208,"date":"2004-05-01T00:00:45","date_gmt":"2004-04-30T22:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6208"},"modified":"2022-07-26T14:15:08","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:08","slug":"bewegungsluft-schnuppern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/05\/bewegungsluft-schnuppern\/","title":{"rendered":"Bewegungsluft schnuppern"},"content":{"rendered":"<p>Zum Beispiel in der von 1919 bis 1922 in Dresden erschienenen <strong>Schaffenden Frau<\/strong>, &#8222;Zeitschrift f\u00fcr soziale Fragen, Pazifismus, Erziehungs-, Schul- und Frauenfragen, Moden neuer Richtung, Schneiderei und Handarbeiten&#8220; (Untertitel).<\/p>\n<h3>Eine schwarz-rote <em>Brigitte<\/em>?<\/h3>\n<p>Diese libert\u00e4r-&#8222;sozialistische Frauenzeitung mit Modenbeilage&#8220; war keineswegs ein Witz, sondern neben <strong>DER FRAUENBUND<\/strong> eine der auflagenst\u00e4rksten anarchistischen Frauenzeitschriften der 1920er Jahre. Den Macherinnen ging es darum, ihren meist proletarischen Leserinnen &#8211; neben Texten u.a. der Herausgeberin Aimee K\u00f6ster und des gewaltfreien Anarchisten Leo Tolstoi &#8211; die M\u00f6glichkeit an die Hand zu geben, ihre Kleidung selbst zu produzieren, anstatt sie f\u00fcr viel Geld kaufen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Auch beim Lesen der anarchistischen Tageszeitung <strong>Die Sch\u00f6pfung<\/strong> (1921-24), der <strong>Freien Jugend<\/strong>, &#8222;Jugendschrift f\u00fcr herrschaftslosen Sozialismus&#8220; (1919-1926), der anarchistisch-pazifistischen Wochenzeitung <strong>Schwarze Fahne<\/strong> (1925-1929) und dem &#8222;Organ freiheitlicher Kindergruppen&#8220; <strong>Der Kinderwille<\/strong> kann erkannt werden, dass es sich bei der zeitweise gro\u00dfen anarchistischen Bewegung der Weimarer Republik auch um eine radikale kulturelle Bewegung gehandelt hat. Ein Ziel der libert\u00e4r-sozialistischen Medien war es, die b\u00fcrgerliche Presse komplett zu ersetzen. Eine Offenbarung f\u00fcr BewegungsforscherInnen ist in diesem Zusammenhang auch die anarchosyndikalistische Wochenzeitung <strong>Der Syndikalist<\/strong> (1918-1932, Auflage: bis zu 120.000).<\/p>\n<p>Heute nahezu unbekannte Untergrundbl\u00e4tter wie zum Beispiel <strong>Die Internationale<\/strong> (1924-1935), die ab 1933 in Amsterdam von der anarchosyndikalistischen Exilorganisation DAS produziert und als Tarnschrift unter dem Deckblatt <strong>Deutschtum im Ausland<\/strong> ins Reichsgebiet geschmuggelt wurde, sowie die im Rheinland von sozialrevolution\u00e4ren ArbeiterInnen produzierte <strong>Direkte Aktion<\/strong> wurden zur Zeit des Nationalsozialismus unter Lebensgefahr verbreitet. Sie beweisen, dass Widerstand selbst unter schwierigsten Umst\u00e4nden m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Auch libert\u00e4re Zeitschriften der Nachkriegszeit sind nicht nur Bewegungsspiegel und Zeitdokumente. Um die Geschichte des Widerstands und der sozialrevolution\u00e4ren Bewegungen zu verstehen, ist es sinnvoll, solche Periodika zu studieren, etwa die von 1948 bis 1978 erschienene <strong>Befreiung<\/strong>, die seit 1972 erscheinende <strong>graswurzelrevolution<\/strong>, &#8222;Monatszeitung f\u00fcr eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft&#8220;, die seit 1977 erscheinende anarchosyndikalistische <strong>da<\/strong>, die von DDR-GraswurzelbewegungsaktivistInnen ab 1986 publizierten <strong>Umweltbl\u00e4tter<\/strong>, und die 1980 gegr\u00fcndete, im April 2004 nach 1 1\/2j\u00e4hriger Erscheinungspause wieder herausgekommene &#8222;Vierteljahresschrift f\u00fcr Lust und Freiheit&#8220; <strong>Schwarzer Faden<\/strong> ((1)).<\/p>\n<h3>Wo aber finde ich diese &#8222;graue Literatur&#8220;?<\/h3>\n<p>Publikationen der au\u00dferparlamentarischen Oppositionsgruppen verirren sich nur selten in staatlich gef\u00f6rderte Bibliotheken. Dabei sind sie bedeutende Quellen, auch um sozialen Wandel zu begreifen. Das Auswerten der bewegungseigenen Periodika kann sich als Voraussetzung erweisen f\u00fcr die kritische Aneignung der eigenen Widerstands- und Protestgeschichte durch die heutigen AktivistInnen. Was fr\u00fchere Bewegungs-Aktive gedacht und gemacht haben, oft in Minimedien publiziert, l\u00e4sst sich wiederum in den Archiven der Sozialen Bewegungen entdecken.<\/p>\n<p>Die weltweit gr\u00f6\u00dfte Ansammlung von &#8222;grauer Literatur&#8220; existiert im Internationalen Institut f\u00fcr Sozialgeschichte (IISG) in Amsterdam. Dort sind auch alle oben genannten Zeitschriften im Original einsehbar.<\/p>\n<p>Das sch\u00f6nste AnArchiv Europas ist m.E. das Centre International de Recherches sur l&#8217;anarchisme (CIRA) in Lausanne, seit 1957 liebevoll gestaltet und ausgebaut vor allem von den gewaltfreien Anarchistinnen Marie-Christine und Marianne Enckell. Fundgruben f\u00fcr Libert\u00e4re sind auch der Papiertiger in Berlin und das afas in Duisburg. F\u00fcr Anti-Atom-AktivistInnen ist das Archiv des M\u00fcnsteraner Umweltzentrums eine Schatzinsel &#8211; eines der gr\u00f6\u00dften Bewegungsarchive in der Bundesrepublik.<\/p>\n<p>Wer aber weder nach Holland noch in die franz\u00f6sische Schweiz, nicht nach Berlin, M\u00fcnster oder Duisburg fahren m\u00f6chte, um seine bibliophilen Neigungen zu befriedigen, der kann in ca. 280 &#8222;Archiven von unten&#8220; hierzulande den verf\u00fchrerischen Duft von Druckerschw\u00e4rze und verstaubten Papierbergen inhalieren.<\/p>\n<p>Wer wissen will, wo sich diese Bibliotheken befinden und was sich dort finden l\u00e4sst, dem seien zwei Publikationen ans Herz gelegt.<\/p>\n<h3>Empfehlenswert ist der \u00fcbersichtliche Reader &#8222;Archive von unten&#8220;<\/h3>\n<p>&#8222;Dieses Verzeichnis soll bei der Suche nach Material aus und \u00fcber neue soziale Bewegungen helfen und die vielf\u00e4ltige Szene der Archive von unten mit ihren einmaligen Sammlungen bekannter machen&#8220;, so schreibt Herausgeber Bernd H\u00fcttner. Diesem Anspruch wird das Buch des Bremer Archivars gerecht. Er hat mit &#8222;Archive von unten&#8220; ein wichtiges Nachschlagewerk nicht nur f\u00fcr BibliothekarInnen, Infoladengruppen und Archivw\u00fcrmer vorgelegt.<\/p>\n<p>Neben kurzen inhaltlichen Beitr\u00e4gen werden die Adressen von 276 Bewegungsarchiven aufgelistet. Einen Vorgeschmack auf die Sammlungen von ca. 50 Bibliotheken erm\u00f6glichen die kurzen Selbstdarstellungen, in denen u.a. die Nutzungsm\u00f6glichkeiten, Best\u00e4nde und Themenschwerpunkte skizziert werden. Erg\u00e4nzt wird das Ganze durch Service-Informationen, Internet-Adressen, Orts- und Namensregister.<\/p>\n<p>Viele ArchivbetreiberInnen wurden entweder nicht vorab angefragt oder haben trotz vorheriger Anfrage die Chance verpasst, ihr Projekt eingehend zu beschreiben. So findet sich z.B. vom Neust\u00e4dter AnArchiv zwar die Adresse, aber kein Hinweis auf den reichhaltigen Bestand. Schade, denn dieses von Horst Stowasser betreute Anarchistische Dokumentationszentrum geh\u00f6rt sicher zu den interessantesten Archiven. Es diente dem bekannten Autor Stowasser nicht zuletzt auch als Inspirationsquelle f\u00fcr seine anarchistischen Klassiker &#8222;Leben ohne Chef und Staat&#8220;, &#8222;Das Projekt A&#8220; und &#8222;Freiheit pur&#8220;. Die weitere Existenz des AnArchivs ist aufgrund einer Firmenpleite des Betreibers bedroht. ((2))<\/p>\n<p>Bernd H\u00fcttner hat viele, aber nicht alle Bewegungsarchive erfasst. Das ist kein Vorwurf. Von vielen Infol\u00e4den und Libert\u00e4ren Treffs ist kaum bekannt, dass auch dort Materialien aus den Bewegungen gesammelt werden. So fehlen in H\u00fcttners Sammlung z.B. das Archiv des Leipziger Libert\u00e4ren Zentrums LIBELLE und das Infoladen-Bankrott-AnArchiv M\u00fcnster.<\/p>\n<p>Ein solcher Reader muss regelm\u00e4\u00dfig aktualisiert werden, denn Archive werden neu gegr\u00fcndet, andere l\u00f6sen sich auf oder \u00e4ndern ihre Adresse. Im M\u00e4rz 2004, wenige Monate nach Erscheinen seines Buches, hat H\u00fcttner bereits einen Nachtrag in der <strong>CONTRASTE<\/strong>, &#8222;Monatszeitung f\u00fcr Selbstverwaltung&#8220;, ver\u00f6ffentlicht: &#8222;41 Prozent aller Bewegungsarchive befinden sich in nur zehn St\u00e4dten.&#8220;<\/p>\n<p>Sch\u00f6n w\u00e4re es, wenn Aktualisierungen und die Adressen von fehlenden Archiven den Weg in die n\u00e4chste Auflage finden k\u00f6nnten. Die ArchivarInnen seien hiermit aufgefordert, ihre Selbstdarstellungen an das Bremer Archiv der sozialen Bewegungen ((3)) nachzureichen.<\/p>\n<h3>BUNTE SEITEN<\/h3>\n<p>Sehr brauchbar, nicht nur als Erg\u00e4nzung zu H\u00fcttners Archivreader, sind auch die BUNTEN SEITEN. Sie werden alle zwei Jahre von der <strong>CONTRASTE<\/strong> herausgegeben. Die BUNTEN SEITEN 2003+ enthalten rund 13.500 ausgew\u00e4hlte Anschriften aus der Bundesrepublik, Schweiz, \u00d6sterreich sowie im Anhang einen \u00dcberblick internationaler Adressen. Als zus\u00e4tzlicher Serviceteil enthalten ist der &#8222;Reader der AlternativMedien&#8220; mit vielen alternativen, libert\u00e4ren und linken Zeitschriften sowie Charakteristika wie Erscheinungsweise, Verbreitungsgrad, Seitenzahl, Preise und thematische Schwerpunkte und Anspr\u00fcche. Vorgestellt werden Zeitschriften vor allem aus dem deutschsprachigen Raum, aber auch auf internationaler Ebene. Ein \u00dcberblick \u00fcber Freie Radios, linke Verlage, \u00fcber Film- und Videogruppen rundet das Werk ab.<\/p>\n<p>Also, Ihr AnarchismusforscherInnen und Geschichte von unten-SucherInnen: Holt Euch diese Reader und dann auf ins n\u00e4chste (An-)Archiv: Bewegungsluft schnuppern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Beispiel in der von 1919 bis 1922 in Dresden erschienenen Schaffenden Frau, &#8222;Zeitschrift f\u00fcr soziale Fragen, Pazifismus, Erziehungs-, Schul- und Frauenfragen, Moden neuer Richtung, Schneiderei und Handarbeiten&#8220; (Untertitel). Eine schwarz-rote Brigitte? Diese libert\u00e4r-&#8222;sozialistische Frauenzeitung mit Modenbeilage&#8220; war keineswegs ein Witz, sondern neben DER FRAUENBUND eine der auflagenst\u00e4rksten anarchistischen Frauenzeitschriften der 1920er Jahre. 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