{"id":6226,"date":"2004-06-01T00:00:35","date_gmt":"2004-05-31T22:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6226"},"modified":"2022-07-26T13:06:02","modified_gmt":"2022-07-26T11:06:02","slug":"einstiegsdroge-in-den-ungehorsam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/06\/einstiegsdroge-in-den-ungehorsam\/","title":{"rendered":"Einstiegsdroge in den Ungehorsam"},"content":{"rendered":"<p>Weil diese Menschen passionierte MusikerInnen waren, lag deshalb f\u00fcr sie nichts n\u00e4her als die vielleicht etwas befremdliche Idee, sich die Wartezeit in der Blockade mit Musik, genauer mit musizieren, zu vertreiben. Doch um klassische Musik zu spielen, braucht es ein klassisches Orchester.<\/p>\n<p>Und so schalteten sie im Fr\u00fchjahr 1986 in der taz eine Anzeige, in der sie offen und ungeniert zu &#8222;einer Konzertblockade in Mutlangen&#8220; einluden. Die Idee z\u00fcndete \u00fcberraschend gut, mehr als 120 MusikerInnen kamen. Gespielt werden sollte &#8222;bis zur R\u00e4umung&#8220;. Nach \u00fcber 10 Stunden Konzertprogramm wurde das letzte Ensemble in der Nacht ger\u00e4umt, und einige MusikerInnen wurden in Gewahrsam genommen.<\/p>\n<p>Kaum jemand h\u00e4tte sich damals denken k\u00f6nnen, dass heute, 18 Jahre sp\u00e4ter, Aktionsform und Gruppe immer noch bestehen und seitdem kontinuierlich an Aktionen teilgenommen haben. Wenn auch &#8211; um im MusikerInnenslang zu bleiben &#8211; mit st\u00e4ndig wechselnder Besetzung und Orchesterst\u00e4rke.<\/p>\n<p>Dass Musik damals einzig und allein &#8222;klassische&#8220; Musik (und davon vor allem die Klassik der b\u00fcrgerlichen, besonders aber auch der kirchlichen Tradition) bedeutete, schien den MusikerInnen anfangs selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Begriffe wie &#8222;Musik des Lebens gegen das Chaos von Krieg und Zerst\u00f6rung&#8220; pr\u00e4gten diese Phase der Gruppe. Auf der einen Seite stand die Musik als kreative Kraft, auf der anderen Seite die destruktive Macht von Gewalt und Krieg. Man mag diese Gegen\u00fcberstellung, vor allem den aus der b\u00fcrgerlichen Musiktradition \u00fcbernommenen Begriff der &#8222;guten und sch\u00f6nen Kunst&#8220;, heute etwas bel\u00e4cheln.<\/p>\n<p>Der Widerspruch, die &#8222;Musik der Herrschenden&#8220; als Mittel zum Protest zu w\u00e4hlen, regte sich jedoch schon im direkt im Anschluss an die Mutlangen-Aktion ver\u00f6ffentlichten Reader. F\u00fcr die damals Beteiligten, von denen sich viele ihrer &#8222;b\u00fcrgerlichen&#8220; Musikausbildung bewusst waren, war diese Musik jedoch eine Hilfe f\u00fcr den Schritt von der Kritik zur Aktion, bewusst griffen sie etwas f\u00fcr sie Vertrautes auf, um damit Neuland zu betreten.<\/p>\n<p>Zwei Jahre nach Mutlangen, 1988, entschied sich Lebenslaute, nach Wackersdorf zu gehen. Und ging damit einen weiteren Schritt, n\u00e4mlich durchaus an Orten aktiv zu werden, an denen sie f\u00fcr ihre Aktionsform auch bel\u00e4chelt wurden. Wackersdorf, damals der Inbegriff des entschlossenen und auch militanten Widerstands gegen den Atomstaat, schien ein wenig geeigneter Ort f\u00fcr einen musikalischen Protest &#8211; eine &#8222;idyllisch friedliche&#8220; Musik-Blockade zwischen Wasserwerfern und Tr\u00e4nengas. Zu einer solchen Blockade kam es dort erst gar nicht, da die Polizei diese bereits im Vorfeld unterband.<\/p>\n<p>Diese ersten Aktionen zeigten bereits die verschiedenen Aspekte der \u00fcber die Jahre von Lebenslaute weiterentwickelten Aktionsform: die Musik als Hilfe und Mittel zur \u00dcberwindung der eigenen Angst zu nutzen, um von der theoretischen Auseinandersetzung zu einem direkten, ungehorsamen Eingreifen \u00fcberzugehen und auch die damit verbundene Repression in Kauf zu nehmen.<\/p>\n<p>Schon in diesen fr\u00fchen Jahren trafen in der Lebenslaute zwei unterschiedliche Gruppen aufeinander. Da waren zum einen die, die die Musik als &#8222;Einstiegsdroge in den zivilen Ungehorsam&#8220; nutzen wollten, oft politisch unerfahren. Da Lebenslaute sich von Anfang an mit Aktionstraining und \u00dcbungen in Konsensfindung ausf\u00fchrlich auf die Aktionen vorbereitete, war dies f\u00fcr sie der rundum ideale Einstieg. Zum anderen diejenigen, die in der Musik- und Konzertaktion vor allem ein geeignetes Mittel sahen, politisch einzugreifen und den eingefahrenen Vorstellungen von zivilem Ungehorsam einen neuen und \u00fcberraschenden Aspekt hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Bald tauchte zudem der Begriff der &#8222;unr\u00e4umbaren Blockade&#8220; auf.<\/p>\n<p>&#8222;Unr\u00e4umbar&#8220; war die Konzertblockade, wie Wackersdorf gezeigt hatte, zwar wirklich niemals, aber die mit der ungewohnten Aktionsform konfrontierte Staatsmacht tat sich sichtlich schwer, ein klassisches Orchester zu r\u00e4umen oder andere Gewalt gegen dieses anzuwenden. So wurde der angelernte Respekt vor der Erscheinung der b\u00fcrgerlichen Kultur (dem Orchester) zum Aktionsmittel und zu einer St\u00e4rke der Gruppe. Gleichzeitig wird diese b\u00fcrgerliche Musiktradition ad absurdum gef\u00fchrt, da sie Mittel zum Zweck des Protests gegen die bestehende Gesellschaft wird.<\/p>\n<p>1995, vor dem Zwischenlager in Gorleben, ging es noch einen Schritt weiter: Eine Gruppe von KammermusikerInnen kletterte nach dem ersten Teil des Konzerts \u00fcber die Mauern des Zwischenlagers, um innerhalb des abgesperrten Bereichs des Atomm\u00fcll-Lagers zu musizieren.<\/p>\n<p>Damit wurde ein neuer Aspekt des Ungehorsams hinzugef\u00fcgt, aus dem recht &#8222;passiven&#8220; Blockieren der ersten Aktionen wurde eine Form der dynamischen Aktion. Diese dynamische Bewegung wurde bei den sp\u00e4teren Platzbegehungen der Truppen\u00fcbungspl\u00e4tze in Gruorn und Wittstock, meist im Anschluss an Orchesterkonzerte, wieder aufgegriffen.<\/p>\n<p>Unter anderen Umst\u00e4nden bedurfte es nicht einmal eines ausgepr\u00e4gten Ungehorsams, es reichte aus, das Orchester an einen ungew\u00f6hnlichen Ort zu verpflanzen. In Flugh\u00e4fen, vor Atomkraftwerken oder Giftm\u00fclldepots steht das Orchester allein durch seine Deplaziertheit als Metapher f\u00fcr die Absurdit\u00e4t der Gesellschaft. Genauso deplaziert und unwirklich wie der Urlauber im Frankfurter oder Hamburger Flughafen, der sich neben der ausgewiesenen Migrantin ins Flugzeug setzt. Verst\u00e4rkt wird dies durch das auf den ersten Blick unsinnige Festhalten am klassischen Konzertprogramm und seiner Konventionen. Lebenslaute Chor und Orchester treten stets in eleganter Garderobe und mit zugeh\u00f6rigen Requisiten &#8211; Stuhl und Notenst\u00e4nder &#8211; auf. Und mit Dirigent(in). Das Zusammenf\u00fchren von basisdemokratischen Entscheidungsstrukturen, wie sie in politischen Gruppen \u00fcber Jahre entwickelt wurden, und der hierarchischen Organisation des Orchesters (Dirigent &#8211; 1.Geige &#8211; 2. Geige usw.) ist ein bis heute nicht abgeschlossenes Experiment.<\/p>\n<p>Im Juli 2001 gelang es dem Orchester zusammen mit rund 1.000 AktivistInnen des Frankfurter Grenzcamps, in den Terminal des Frankfurter Flughafens einzudringen, um dort gegen Grenzen und Ausgrenzung zu musizieren. Abgeschirmt von mindestens ebenso vielen Polizeikr\u00e4ften.<\/p>\n<p>Die Bildzeitung verpackte das dabei entstandene absurde Theater in der hilflosen Schlagzeile: &#8222;Stundenlang Chaos am Flughafen. Demo-Orchester spielte Mozart.&#8220;<\/p>\n<p>Besonders wichtig war Lebenslaute in all den Jahren die Zusammenarbeit mit lokalen Gruppen am Aktionsort. Sowohl bedingt durch die Notwendigkeit der Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Durchf\u00fchrung eines solchen Konzerts, als auch, um sich in die politische und soziale Situation vor Ort einzuleben.<\/p>\n<p>F\u00fcr viele war Lebenslaute die bereits erw\u00e4hnte &#8222;Einstiegsdroge&#8220;, viele schlossen sich sp\u00e4ter anderen politischen Gruppen an, arbeiteten zu anderen Themen, an die sie die Mitarbeit bei Lebenslaute herangef\u00fchrt hatte. Andere kehrten nach Jahren wieder in die Gruppe zur\u00fcck. Auch die &#8222;reine klassische Lehre&#8220; brach hin und wieder auf, mit zeitgen\u00f6ssischen &#8211; vor allem politischen &#8211; Werken, aber auch mit modernen Liedern und popul\u00e4ren St\u00fccken.<\/p>\n<p>Die \u00fcber 18 Jahren oft und lang gef\u00fchrten Diskussionen \u00fcber unterschiedliche Gewichtung von Musik und Aktion, den unterschiedlichen W\u00fcnschen von professionellen MusikerInnen auf der einen und musizierenden AktivistInnen auf der anderen Seite, auch die immer wieder grunds\u00e4tzliche Kritik der Aktionsform, haben die Gruppe ver\u00e4ndert und gepr\u00e4gt. Ebenso die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Politikfeldern, von den Anti-Atom-Protesten von Wackersdorf \u00fcber Militarismus bis zum Antirassismus.<\/p>\n<p>An einige Orte ist auch Lebenslaute immer wieder zur\u00fcckgekehrt. Auch um zu vermeiden, dass aus der Gruppe eine oberfl\u00e4chliche Reisegruppe wird, die von Demo zu Demo, von Thema zu Thema hetzt. Deshalb reist Lebenslaute in diesem Sommer wieder in die Kyritz-Ruppiner Heide nach Wittstock, um auf dem Bombenabwurfplatz gegen die Militarisierung der Politik zu protestieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weil diese Menschen passionierte MusikerInnen waren, lag deshalb f\u00fcr sie nichts n\u00e4her als die vielleicht etwas befremdliche Idee, sich die Wartezeit in der Blockade mit Musik, genauer mit musizieren, zu vertreiben. Doch um klassische Musik zu spielen, braucht es ein klassisches Orchester. 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