{"id":6270,"date":"2004-06-01T00:00:40","date_gmt":"2004-05-31T22:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6270"},"modified":"2022-07-26T14:15:08","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:08","slug":"das-neue-paradigma-der-friedens-und-konfliktforschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/06\/das-neue-paradigma-der-friedens-und-konfliktforschung\/","title":{"rendered":"Das neue Paradigma der Friedens- und Konfliktforschung"},"content":{"rendered":"<p>Zielorientiert aufgebaut, kamen dieser wissenschaftliche Bereich und die AktivistInnen oft zu gleichen Schl\u00fcssen.<\/p>\n<p>Kaum verwunderlich, wenn z.B. Karlheinz Koppe die Friedensforschung zielabh\u00e4ngig definiert: Friedens- und Konfliktforschung ist laut Koppe n\u00e4mlich keineswegs die Forschung, die sich einfach mit Krieg und Frieden besch\u00e4ftigt, sondern jene, die auf das Ziel Frieden hinarbeitet. ((0)) Selbstverst\u00e4ndlich gab es da immer Ausnahmen: Die sogenannte &#8222;revolution\u00e4re Friedensforschung&#8220; etwa, die zu dem Schluss gekommen ist, dass selbstverst\u00e4ndlich im Kapitalismus Krieg herrsche und auch Kriege n\u00f6tig seien, um eines Tages zum Ziel des friedlichen Kommunismus zu gelangen. Ob nun plausibel oder nicht, mit der Akzeptanz kriegerischer Gewalt erf\u00fcllt die &#8222;revolution\u00e4re Friedensforschung&#8220; die Definition Koppes nicht.<\/p>\n<p>Der theoretische Konsens zwischen Anarchismus und Friedensforschung manifestierte sich insbesondere in zwei Standardwerken der Forschung und deren Rezeption: Dies waren zum einen Johan Galtungs &#8222;Strukturelle Gewalt&#8220; ((1)) und zum anderen Ekkehart Krippendorffs &#8222;Staat und Krieg&#8220; ((2)).<\/p>\n<h3>Strukturelle Gewalt<\/h3>\n<p>Galtungs zentrales Interesse lag in der Erweiterung der Begriffe von Gewalt und Frieden. Frieden ist f\u00fcr Galtung Teil eines dualistischen Konzeptes. Das Gegenst\u00fcck zu Frieden ist nicht Krieg, wie allgemein \u00fcblich konnotiert wird, sondern Gewalt. Frieden ist demnach definiert als Abwesenheit von Gewalt. Galtung definiert Gewalt als Beeinflussung des Menschen, so dass ihre aktuelle k\u00f6rperliche und geistige Verfassung unter dem Niveau ihrer potentiellen Verwirklichung liegt. Ein wichtiger Faktor in dieser Definition ist die Vermeidbarkeit.<\/p>\n<p>Liegt tats\u00e4chlich ein negativ zu bewertender, aber vermeidbarer Zustand vor, muss nach Galtung von Gewalt gesprochen werden.<\/p>\n<p>Weiter definiert Galtung Gewalt als Einflussverh\u00e4ltnis, das aus den drei Faktoren Subjekt, Objekt und Aktion besteht. Er sieht auch Schw\u00e4chen in dieser Definition, die seiner Meinung nach darin liegen, dass es Formen von Gewalt g\u00e4be, in denen entweder Subjekt oder Objekt oder beides fehlten &#8211; hier kommt der Begriff der strukturellen Gewalt ins Spiel.<\/p>\n<p>Deswegen geht Galtung auf verschiedene Dimensionen des Gewaltbegriffes ein: Die Unterscheidung physischer und psychischer Gewalt, die Unterscheidung zwischen negativer (Bestrafung) und positiver (Belohnung) Einflussnahme, die Frage des Objekts der Gewalt, die Frage des Subjekts der Gewalt (und ob ein solches \u00fcberhaupt vorhanden ist), die Intention von Gewalt und die Unterscheidung von manifester und latenter Gewalt. Die Frage nach dem Vorhandensein des Subjekts ist dabei die nach der strukturellen Gewalt, auf die Galtung besonderen Wert legt.<\/p>\n<p>Zur Konstruktion einer Typologie struktureller Gewalt setzt er Ungleichheit als zugrundeliegende Formel voraus. Daher konstatiert er die Ungleichverteilung von Macht als verantwortlich f\u00fcr strukturelle Gewalt. Hieraus ergeben sich die entsprechenden Fragen, die auch f\u00fcr eine anarchistische Bewegung bedeutsam sind, n\u00e4mlich, warum und wie diese Ungleichverteilungen organisiert sind.<\/p>\n<p>Galtungs Erkl\u00e4rungsmuster sind &#8211; intuitiv h\u00e4tten wir es nicht anders erwartet &#8211; in Kapitalismusanalysen zu finden.<\/p>\n<h3>Staat und Krieg<\/h3>\n<p>Der eigentliche Grund f\u00fcr die Existenz von Krieg und Milit\u00e4r ist f\u00fcr Krippendorff der Staat. Staat und Milit\u00e4r bezeichnet er als &#8222;Zwillingsinstitutionen&#8220;, die synonym f\u00fcr Herrschaft und organisierte Gewaltt\u00e4tigkeit stehen.<\/p>\n<p>Krippendorff leistet, um dieses Ph\u00e4nomen zu erkl\u00e4ren, eine sehr breite historische Analyse, in der er Gewaltverh\u00e4ltnisse in Fr\u00fchgesellschaften, die Entstehung von Protostaaten (er nennt sie Fr\u00fchstaaten) und den \u00dcbergang dieser in eine moderne (National)Staatlichkeit beschreibt. All diese \u00dcberg\u00e4nge sind von Gewaltt\u00e4tigkeit bestimmt, immer auch von einer patriarchalen und einer \u00f6konomischen Gewaltf\u00f6rmigkeit. ((3)) Insbesondere beschreibt er den \u00dcbergang zu moderner Staatlichkeit als besonders gewaltintensiv, als kriegerisch. Staatlichkeit ist also schon historisch nicht ohne Krieg zu denken.<\/p>\n<p>Innerhalb der modernen Staatlichkeit sind Milit\u00e4r und Krieg Ausdr\u00fccke der Staatsraison, der Absolutsetzung der staatlichen Interessen \u00fcber jene der Individuen oder in der Staatlichkeit existierender gesellschaftlicher Kollektive. Dieses Ignorieren der Bed\u00fcrfnisse und auch der selbst nach innen aufgestellten Regeln ist das, was Krippendorff &#8222;politische Unvernunft&#8220; nennt.<\/p>\n<p>In mehr oder minder (potentiell) revolution\u00e4ren Situationen, wie der BRD nach dem Zweiten Weltkrieg, den USA nach der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung, w\u00e4hrend der Oktoberrevolution in Russland und der franz\u00f6sischen Revolution, bemerkt Krippendorff, dass sich auf Grund einer antimilit\u00e4rischen und pazifistischen Grundhaltung der Bev\u00f6lkerungen die Gelegenheit einer Entmilitarisierung darbot. Mit der Neumanifestierung von Staatlichkeit wurden diese Chancen jedoch sofort verspielt: Kein Staat ohne Milit\u00e4r und Militarismus, wenn auch die Gr\u00fcnde hierf\u00fcr jeweils spezifische waren.<\/p>\n<p>Krippendorff zitiert Tolstoi: &#8222;Solange Regierungen und Heere existieren werden, ist das Aufh\u00f6ren der R\u00fcstungen und Kriege nicht m\u00f6glich.&#8220; Die Quintessenz aus &#8222;Staat und Krieg&#8220; ist dann auch eine, die jedem und jeder AnarchistIn einleuchtet: Wer Kriege abschaffen will, muss Staaten abschaffen.<\/p>\n<h3>Strukturelle Gewalt als Verharmlosung personaler Gewalt?<\/h3>\n<p>Wie schon erw\u00e4hnt: Galtungs und Krippendorffs Erkl\u00e4rungsmodelle f\u00fcr Gewalt bzw. Krieg erfreuten sich selbstverst\u00e4ndlich nicht nur einer Beliebtheit in anarchistischen Kreisen, bis zum Ende des Kalten Krieges k\u00f6nnen sie als leitende Paradigmen der Friedens- und Konfliktforschung gelten. Aber die Zeiten des Konsens zwischen Wissenschaft und Bewegung sind vorbei, die beiden alten Herren der Friedensforschung werden oftmals nur noch bel\u00e4chelt. Wer k\u00f6nne denn, so ein weit verbreitetes Urteil, nach dem 11.9.2001 noch von struktureller Gewalt sprechen? Zynischerweise kommt heutigen SozialwissenschaftlerInnen eine solche Erkenntnis 50 Jahre nach Auschwitz, aber das muss wohl nicht weiter kommentiert werden.<\/p>\n<p>Das Adjektiv &#8222;strukturell&#8220;, soweit mag der neuen Friedensforschung recht gegeben werden, verleitet zu Verallgemeinerungen, das ist aus anderen Debatten, die diese Vokabel nutzen, bekannt. Aber diese WissenschaftlerInnen sollten Galtung noch einmal genau lesen: Wesentlich ist die weite und auch durchaus utopische Definition des Friedens als Abwesenheit von Gewalt &#8211; nicht als Abwesenheit von Krieg, also einem negativen Frieden.<\/p>\n<p>Die Debatte um die Frage &#8222;Welchen Frieden wollen wir?&#8220; ist keine neue, vielmehr ist sie die Grundfrage der Friedensforschung, die seit den fr\u00fchen 70er Jahren vielfach dokumentiert wurde. ((4)) W\u00e4hrend es aber in den 70er und 80er Jahren weit verbreitet war, f\u00fcr einen absoluten Frieden zu argumentieren, hat nun die realistische Schule die Oberhand. Oder, etwas polemisch ausgedr\u00fcckt: Wenn wir es nicht Krieg nennen, dann ist es auch kein Krieg. Kaum verwunderlich, dass diese Position aus der Schule kommt, , die begleitet ist von dem dogmatischen und patriarchal orientiertem Realismus, der in Neoliberalismus und Neokonservatismus m\u00fcndet. Die Aussagen der Politiker in Sachen Kosovo, Afghanistan und Irak gingen in dieselbe Richtung.<\/p>\n<p>&#8222;Soviel Frieden wie m\u00f6glich, soviel Krieg wie n\u00f6tig&#8220;, so lie\u00dfe sich diese Position zusammenfassen. Je nach Auffassung sind damit sehr einfach milit\u00e4rische Interventionen zu legitimieren, und es ist alles andere als verwunderlich, dass die augustinische Theorie des &#8222;gerechten Krieges&#8220;, die schon in den 20er Jahren verworfen wurde, damit ihre Renaissance erlebt. ((5))<\/p>\n<h3>Der friedensstiftende Staat<\/h3>\n<p>Ein gerade h\u00e4ufig hofierter Konfliktforscher, der von Anfang an Krippendorff kritisierte, ist Herfried M\u00fcnkler. ((6)) In seinen beiden zur Zeit vielbeachteten Werken &#8222;\u00dcber den Krieg&#8220; ((7)) und &#8222;Die neuen Kriege&#8220; ((8)), letzteres basiert haupts\u00e4chlich auf der Studie &#8222;Neue und alte Kriege&#8220; von Mary Kaldor ((9)), die sich haupts\u00e4chlich auf Bosnien-Herzegowina bezieht, konzentriert er sich darauf, eine Entstaatlichung von kriegerischen Konflikten und die zunehmend eigenst\u00e4ndige \u00d6konomie der Krieges zu analysieren.<\/p>\n<p>Das angebliche &#8222;Problem&#8220; des abnehmenden staatlichen Gewaltmonopols f\u00fchrt M\u00fcnkler zu der These, dass der Krieg sich in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten von einem Instrument politischer Willensdurchsetzung zu einer Form privatwirtschaftlicher Einkommenserzielung verwandelt habe. Als Beispiele werden immer wieder Afrika und S\u00fcdostasien herangezogen, kennzeichnend ist die &#8222;Warlordisierung&#8220; sowie die steigende Anzahl von S\u00f6ldnern und Kindersoldaten.<\/p>\n<p>Die Verstaatlichung des Krieges in Europa f\u00fchrt M\u00fcnkler darauf zur\u00fcck, dass die Staaten die einzigen finanzkr\u00e4ftigen Akteure waren, die sich die immer teureren Armeen leisten konnten. Die Totalisierung des Krieges in den Abnutzungsschlachten des ersten Weltkriegs habe schlie\u00dflich in der westlichen Welt zu neuen Strategien gef\u00fchrt, die sich f\u00fcr die sogenannten &#8222;neuen&#8220; oder &#8222;asymmetrischen&#8220; Kriege nicht eignen. Die Entstaatlichung, die im Zusammenhang mit &#8222;asymmetrischen&#8220; Kriegen wie z.B. im Kongo zu finden ist, werde vor allem durch das Fehlen fester Grenzen beg\u00fcnstigt.<\/p>\n<p>M\u00fcnkler legt viel Wert auf die Feststellung, dass demokratische und kapitalistische Staaten nie gegeneinander Krieg f\u00fchrten. Dazu liefert er auch Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze, die \u00f6konomische gegenseitige Abh\u00e4ngigkeit und die Interessen der partizipierenden Bev\u00f6lkerung. Sein eindeutiger Schluss ist die Umkehrung des Krippendorff&#8217;schen Diktums: Wer Krieg abschaffen will, muss Staaten schaffen.<\/p>\n<p>Dabei ist er allerdings pessimistisch: Denn die Kriege, die er als &#8222;neue Kriege&#8220; bezeichnet, h\u00e4lt er nicht f\u00fcr Staatengr\u00fcndungskriege (wie es in der Sicht Krippendorffs wahrscheinlich w\u00e4re), sondern sie besitzen seines Erachtens eine Eigendynamik durch ihre eigene \u00d6konomie.<\/p>\n<p>Vieles daran mag nicht ganz falsch sein: Kapitalistische Staaten ersetzen h\u00e4ufig den milit\u00e4rischen Krieg durch den Wirtschaftskrieg, das, was gemeinhin &#8222;Globalisierung&#8220; genannt wird, hat den Krieg im eigentlichen Sinne in der Tat ver\u00e4ndert, da aber nicht so genau zu konstatieren ist, wann denn die &#8222;Globalisierung&#8220; genau begann, ist auch nicht genau abgegrenzt, ab wann denn nun Kriege &#8222;neue Kriege&#8220; sind.<\/p>\n<p>M\u00fcnklers Fehler liegt in seiner engen und neoklassizistischen Staatsauffassung. Was machen Warlords anderes, als Macht hierarchisch zu organisieren und damit quasi Protostaaten aufzubauen, die allerdings sehr labil sind? Und, wenn diese Staaterei denn so friedliebend ist, warum halten sich auch die Demokratien notwendigerweise immer ein Milit\u00e4r, dass quasi grundlegend zur Staatsdefinition geh\u00f6rt? &#8211; Auch wenn oftmals eine Privatisierung des Krieges und der milit\u00e4rischen Kr\u00e4fte zu konstatieren ist ((10)), so steht doch auf der anderen Seite die Tatsache, dass neoliberale Freihandelsabkommen niemals das milit\u00e4rische Gewaltmonopol eines Staates in Zweifel ziehen. Und warum f\u00fchren die USA als demokratischer Staat sozusagen einen Metakrieg mit ihrem &#8222;War against Terror&#8220;?<\/p>\n<p>M\u00fcnklers Antwort auf diese Frage ist entlarvend. Er wird zu einem klassischen Vertreter des &#8222;alten Europa&#8220; und differenziert die (typisch europ\u00e4ischen) klassischen Nationalstaaten von Imperien. ((11)) So vorsichtig mit der Analyse &#8222;Antiamerikanismus&#8220; umgegangen werden sollte: Diese aus dem \u00c4rmel gesch\u00fcttelte Differenzierung zwischen den USA und den europ\u00e4ischen Nationalstaaten hat etwas antiamerikanisches.<\/p>\n<p>M\u00fcnklers sch\u00f6ne Staatlichkeit wird von Medium zu Medium herumgereicht und als die neue &#8222;Kriegserkl\u00e4rung&#8220; gewertet. In seiner Campus-Einf\u00fchrung nutzt Andreas Herberg-Rothe M\u00fcnkler als nahezu einzig positive Referenz ((12)), um nicht gleich zu sagen: Er schreibt ab. Herberg-Rothes Beurteilung Krippendorffs mag als symptomatisch gelten f\u00fcr die neue Friedens- und Konfliktforschung: &#8222;Bei der [&#8230;] Position wird jedoch \u00fcbersehen, dass das Ende des Staates nicht das Ende der Gewalt, sondern h\u00f6chstens das Ende des Staatenkrieges bedeuten w\u00fcrde.&#8220; ((13))<\/p>\n<p>Was M\u00fcnkler, Herberg-Rothe und anderen fehlt, ist ein Verst\u00e4ndnis von Staat und Antistaatlichkeit, das seine Wurzeln in anarchistischen Theorien hat.<\/p>\n<p>Bei Galtung und Krippendorff, aber auch bei anderen VertreterInnen der &#8222;traditionellen&#8220; Friedens- und Konfliktforschung war dies noch gegeben. Heute ist nicht nur in den Massenmedien, sondern auch in der Theorie der Internationalen Beziehungen Anarchie nur noch ein Synonym f\u00fcr Chaos.<\/p>\n<p>In den Tenor der prostaatlichen Kriegskritik f\u00e4llt \u00fcbrigens auch einer mit ein, von dem es eigentlich so nicht zu erwarten w\u00e4re: Reinhard K\u00fchnl hat sich an einer Einf\u00fchrung in das Thema &#8222;Krieg und Frieden&#8220; versucht ((14)), und ihm scheint Krippendorffs Kriegsanalyse nicht marxistisch genug zu sein: Er kritisiert Krippendorffs Fokussierung auf den Staat als zu wenig kapitalismuskritisch. Erstens liegt er dabei daneben, denn Krippendorff argumentiert wesentlich in \u00f6konomischen Kategorien und sieht den Staat als einen Auswuchs kapitalistischer Gesellschaftsorganisation, zweitens untersch\u00e4tzt er selber die Rolle des Staates.<\/p>\n<p><em><\/em>Das Beispiel des Paradigmas der &#8222;neuen Kriege&#8220; macht deutlich, wie die Produktion diskursiver Hegemonie funktioniert: Eine formulierte These oder Theorie (in diesem Falle Mary Kaldor) wird mit einer effektiveren publizistischen Strategie (die Wahl des Verlags, der Zeitpunkt des Erscheinens, die Medienpr\u00e4senz des Autors, parallele Publikationen mit \u00e4hnlichen Thesen, ein &#8222;populistischer&#8220; Titel und recht allgemeine Sprachverwendung) ein weiteres Mal verk\u00fcndet, bekommt durch die Wahl der publizistischen Mittel einen neuen Stellenwert und wird entsprechend rezipiert, in diesem Fall z.B. durch fast alle gr\u00f6\u00dferen Printmedien und explizit durch Herberg-Rothe. Hier wurde eine diskursive Hegemonie erreicht, die sich u.a. darin wiederspiegelt, dass auch linke Theoretiker (in diesem Fall K\u00fchnl) diese wissenschaftliche Meinung wiedergeben, m\u00f6glicherweise, ohne sich der theoretischen Vorl\u00e4ufer bewusst zu sein (immerhin zitiert K\u00fchnl M\u00fcnkler nicht!) und in jedem Fall erg\u00e4nzt durch Versatzst\u00fccke der eigenen Theorie bzw. Ideologie.<\/p>\n<p>Dass das letztendliche Diskursaggregat M\u00fcnklers (bzw. Kaldors) mit einem staatlichen Interesse \u00fcbereinstimmt, ist mehr als Zufall. Es soll M\u00fcnkler an dieser Stelle nicht unterstellt werden, dies beabsichtigt zu haben, aber der konsequente Effekt liegt in der erneuerten Manifestierung des hegemonialen (Staats)Diskurses.<\/p>\n<h3>Wohin mit der Friedens- und Konfliktforschung?<\/h3>\n<p>Nach dieser Bestandsaufnahme stellt sich notgedrungen die Frage: Wie l\u00e4sst sich, was hier auseinandergedriftet ist, wieder zusammenf\u00fchren bzw. ist diese Zusammenf\u00fchrung \u00fcberhaupt n\u00f6tig und m\u00f6glich?<\/p>\n<p>Zur zweiten Frage: Ja. Es sollte nicht vergessen werden, dass anarchistische Str\u00f6mungen durchaus wissenschaftlich nachhaltig waren und L\u00f6sungskonzepte boten und bieten, die utopisch klingen m\u00f6gen, deswegen aber nicht weniger plausibel sind. Die Staatsanalyse der Anarchismen hat nicht einmal Marx \u00fcbertroffen, selbst wenn sie so polemisch klingen wie z.B. bei Bakunin. Im Ziel der Anarchismen, das ich eingegrenzt definieren m\u00f6chte als freiheitlichen Sozialismus, ist eine friedliche und gewaltfreie Gesellschaft inbegriffen, die Diskussion dar\u00fcber wurde in der Vergangenheit selbst von konservativen WissenschaftlerInnen durchaus ernst genommen. Soviel zur M\u00f6glichkeit und dem Potential von Bewegungsseite.<\/p>\n<p>Die Notwendigkeit dieser Melange mag mit Pierre Bourdieu und Stuart Hall konform gehen: Hall war es, der betonte, dass jede Theorie nur ihren Nutzen hat, wenn sie praktische Konsequenzen nach sich zieht, Bourdieu, auch wenn er alles andere war als ein Anarchist, war derjenige, der Zeit seines Lebens f\u00fcr eine Kooperation zwischen Wissenschaft und Bewegung pl\u00e4dierte, es mag als ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine &#8222;gegenseitige Hilfe&#8220; interpretiert werden, die f\u00fcr beide Seiten notwendig erscheint.<\/p>\n<p>Wie sieht die M\u00f6glichkeit der Kooperation von wissenschaftlicher Seite aus? Wenn die Friedens- und Konfliktforschung ihren Weg zur\u00fcck in die staatliche Hegemonie gefunden hat (ein klassisch kapitalistisches Integrationsman\u00f6ver \u00fcbrigens), gibt es dann \u00fcberhaupt noch die M\u00f6glichkeit herrschaftskritischer Ankn\u00fcpfungen?<\/p>\n<p>Auch hier wieder: Ja. Zum einen erscheint es in der momentanen Situation notwendig, sowohl im Alltag als auch auf Gro\u00dfkundgebungen gegen diesen oder jenen Krieg zum Beispiel die Themen strukturelle Gewalt, Kapitalismus und Staatlichkeit einzubringen und einzufordern. Von wissenschaftlicher Seite lassen sich zum anderen neue punktuelle Koalitionen bilden, die aus einer explizit feministischen Friedens- und Konfliktforschung entstanden sind. Bei aller Heterogenit\u00e4t dieses neuen Forschungsstrangs bildet dennoch immer ein existierendes Patriarchat, wenn auch unterschiedlich definiert, dessen Grundlage. Und dies impliziert schon sprachlich HERRschaftskritik.<\/p>\n<p>Diesseits vom Sprachlichen lassen aber auch die Ergebnisse dieser Wissenschaft Positives erwarten: Wie schon erw\u00e4hnt, kommt Rumpf ((15)) zu \u00e4hnlichen Ergebnissen wie Krippendorff, eine kritische Auseinandersetzung mit Galtung zur Frage patriarchaler Gewalt mag zwar Galtung Auslassungen konstatieren, betont aber dennoch die Notwendigkeit der Galtung&#8217;schen Gewaltdefinitionen ((16)). Die Mehrheit der feministischen Friedensforscherinnen pl\u00e4diert f\u00fcr &#8222;weite&#8220; Begriffe von Gewalt, Krieg und Frieden &#8211; eben deshalb, weil die Gesellschaft, in der wir leben, in ihrer Staatlichkeit und ihrer kapitalistischen \u00d6konomie Gewaltf\u00f6rmigkeiten hervorbringt, die immer auch patriarchal sind. Deshalb gen\u00fcgt es auch nie, auf seine und ihre Staats- und Kapitalismuskritik anschlie\u00dfend das Patriarchat &#8222;aufzupfropfen&#8220; anstatt es als integralen Bestandteil mitzudenken. ((17))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zielorientiert aufgebaut, kamen dieser wissenschaftliche Bereich und die AktivistInnen oft zu gleichen Schl\u00fcssen. Kaum verwunderlich, wenn z.B. Karlheinz Koppe die Friedensforschung zielabh\u00e4ngig definiert: Friedens- und Konfliktforschung ist laut Koppe n\u00e4mlich keineswegs die Forschung, die sich einfach mit Krieg und Frieden besch\u00e4ftigt, sondern jene, die auf das Ziel Frieden hinarbeitet. 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