{"id":6274,"date":"2004-06-01T00:00:55","date_gmt":"2004-05-31T22:00:55","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6274"},"modified":"2022-07-26T14:24:33","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:33","slug":"der-liberale-traum-vom-ordentlichen-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/06\/der-liberale-traum-vom-ordentlichen-krieg\/","title":{"rendered":"Der liberale Traum vom ordentlichen Krieg"},"content":{"rendered":"<p><em>Alle<\/em> Gewalttaten kann er nicht gemeint haben. Sondern eben nur die, die irgendwie (in diesem Fall: weil sie \u00f6ffentlich geworden sind) \u00fcber das Ma\u00df hinausgehen, das als ordentliches Mittel zum Zweck gesellschaftlich und juristisch anerkannt ist: Krieg geht, Folter geht nicht.<\/p>\n<p>Aber es ist nicht leicht, einen sauberen Krieg zu f\u00fchren. Je genauer man hinsieht, um so schwieriger wird es. Wenn man gen\u00fcgend scharf sieht, mu\u00df man noch nicht einmal die Opfer in den Blick nehmen; man kann sogar am Zustand, in dem der Krieg die T\u00e4ter entl\u00e4\u00dft, ablesen, was es mit dieser staatlichen Veranstaltung auf sich hat. Soldaten sind M\u00f6rder? Allerdings so ziemlich die erb\u00e4rmlichsten, die man sich vorstellen kann. Niemand kommt heil aus dem Krieg heraus, nicht einmal, wer ihn k\u00f6rperlich unverletzt \u00fcberlebt: &#8222;Nachdem der K\u00f6rper den st\u00e4ndigen Bedrohungen des Krieges ausgesetzt worden ist, bleibt er stets und ununterbrochen f\u00fcr den Kampf mobilisiert. Es gibt dann keinen Grundzustand der Ruhe oder des Wohlbefindens mehr.&#8220; &#8211; Jonathan Shay beschreibt in seinem Buch &#8222;Achill in Vietnam. Kampftrauma und Pers\u00f6nlichkeitsverlust&#8220; Entstehung und Wirkung des posttraumatischen Stre\u00dfsyndroms (PTSD) anhand seiner Arbeit als Psychiater in der Ambulanz des Departement of Veterans&#8216; Affairs mit Vietnam-Veteranen.<\/p>\n<p>Das ist ein merkw\u00fcrdiges Buch. Shay stellt das Krankheitsbild detailliert dar, er besch\u00f6nigt nichts, nicht die Handlungen der Soldaten in Vietnam, nicht die Auswirkungen von PTSD nach der R\u00fcckkehr ins Zivilleben; aber dem Buch scheint etwas Obsz\u00f6nes anzuhaften.<\/p>\n<p>Shay erw\u00e4hnt den Fall eines Veteranen, der von Halluzinationen verfolgt wird: immer wieder erscheint ihm der vietnamesische Soldat, den er bestialisch umgebracht hat:<\/p>\n<p>&#8222;Im Laufe der zwanzig Jahre seit seiner Abmusterung unternahm C. mehrere Selbstmordversuche, dies geschah gew\u00f6hnlich in Gegenwart des halluzinierten vietnamesischen Soldaten oder seines Kopfes. Auch erlebte er bei fast jedem Erntedankfest oder Weihnachtsfest im Kreis seiner Familie einen Besuch dieses vietnamesischen Soldaten.<\/p>\n<p>Ich kommentierte dies mit dem Wort: &#8218;Ehrengast!&#8216;<\/p>\n<p>Diese Bemerkung, die mir ohne viel Nachdenken entschl\u00fcpft war, traf den Patienten wie eine Erleuchtung. \u201aJa, er war tot, aber irgendwie erstand er immer wieder auf, um mich zu verfolgen.'&#8220;<\/p>\n<p>Ein bestimmendes Moment von Shays Darstellung ist die Parallelisierung der klinischen PTSD-Symptome mit der Beschreibung des Berserkertums, wie sie sich in Homers Ilias findet &#8211; mit dem Ergebnis, da\u00df es sich dabei um dieselbe Erscheinung handelt; auch einige Shakespeare-Zitate erweisen sich als k\u00fcnstlerische Umschreibung klinischer Befunde. Das Kampftrauma ist also keine Folge des modernen industrialisierten Krieges; und da\u00df man nicht folgenlos organisiert und planvoll Menschen t\u00f6ten kann, haben die Dichter schon festgestellt, bevor es Psychiater gab. Und zwar so deutlich, da\u00df Karl Kraus in den &#8222;Letzten Tagen der Menschheit&#8220; die Ermordeten geradezu anflehen konnte, die M\u00f6rder nicht ohne PTSD davonkommen zu lassen:<\/p>\n<p>&#8222;So stehet doch auf und tretet ihnen als Heldentod entgegen &#8211; damit die gebietende Feigheit des Lebens endlich seine Z\u00fcge kennen lerne, ihm ins Auge schaue ein Leben lang! Weckt ihren Schlaf durch euren Todesschrei! (&#8230;) Rettet uns vor ihnen, vor einem Frieden, der uns die Pest ihrer N\u00e4he bringt! Rettet uns vor dem Ungl\u00fcck, Henkern im Zivilberuf zu begegnen.<\/p>\n<p>Denn das Gewissen dieser niedrigen Grausamkeit, der die Hemmung der Phantasie nicht durch Leidenschaft, nur durch Mechanik genommen war, wird sich so rasch zum Tagwerk erholen, wie es sich aus der Banalit\u00e4t der Vergangenheit ins Morden geschickt hatte.&#8220;<\/p>\n<p>Ein Fluch, an den sich der vietnamesische Soldat makaber genau gehalten hat.<\/p>\n<p>Aber es ist nicht die Aufgabe eines Psychiaters, seinen Patienten Fl\u00fcche aufzuerlegen, im Gegenteil, er soll sie davon befreien. Shay macht sich Gedanken dar\u00fcber, welche Bedingungen gegeben sein m\u00fcssen, damit es zu einem Kampftrauma kommt, und er findet sowohl vor Troja als auch in Vietnam die gleiche Grundvoraussetzung: den Verrat an &#8222;dem, was recht ist&#8220;, wie Shay Homers Begriff <em>th\u00e9mis<\/em> \u00fcbersetzt:<\/p>\n<p>&#8222;Der spezifische Inhalt der th\u00e9mis der homerischen Krieger unterschied sich oft sehr von jener der amerikanischen Soldaten in Vietnam, aber was sich in drei Jahrtausenden nicht ge\u00e4ndert hat, sind zerst\u00f6rerischer Zorn und gesellschaftlicher R\u00fcckzug, wenn tiefsitzende Annahmen \u00fcber \u201adas, was recht ist&#8216; verletzt werden.&#8220;<\/p>\n<p>Die Verletzung des Wertesystems ihrer eigenen Soldaten gelang der US-Armee in Vietnam offenbar so gr\u00fcndlich, da\u00df man an diesem Beispiel geradezu musterg\u00fcltig die Voraussetzungen f\u00fcr Kampftraumata herauspr\u00e4parieren kann. Shay stellt sich dieser Aufgabe nicht nur, um seine Patienten zu therapieren, er gibt schlie\u00dflich auch Ratschl\u00e4ge, wie entsprechende Situationen m\u00f6glichst zu vermeiden seien. Und hier kommt die Obsz\u00f6nit\u00e4t ins Spiel. Er schreibt:<\/p>\n<p>&#8222;Eine nicht geheilte PTSD kann ein Leben verheeren und ihr Opfer unf\u00e4hig zur Teilnahme an der h\u00e4uslichen Gemeinschaft, an wirtschaftlicher T\u00e4tigkeit und am politischen Leben machen. Ein schmerzhafter Widerspruch liegt hierbei darin, da\u00df der milit\u00e4rische Einsatz f\u00fcrs Vaterland jemanden f\u00fcr seine Rolle als Staatsb\u00fcrger untauglich machen kann.&#8220;<\/p>\n<p>Da aber in der nahen Zukunft nicht mit dem Verschwinden der Kriege gerechnet werden k\u00f6nne, m\u00fcsse man sie eben so f\u00fchren, da\u00df die psychischen Folgesch\u00e4den m\u00f6glichst vermieden werden &#8211; oder sollte man sagen: da\u00df das Gewissen sich so rasch wieder zum Tagwerk erhole, wie es sich aus der Banalit\u00e4t der Vergangenheit ins Morden geschickt hatte &#8230; Mit einem solchen Vorwurf hat der Vorwortschreiber, Prof. Dr. Jan Philipp Reemtsma, gerechnet; und er versucht, ihn sogleich zu entkr\u00e4ften:<\/p>\n<p>&#8222;Die Pazifisten unter den Lesern dieses Buches mag irritieren, da\u00df Shay am Ende auch der milit\u00e4rischen F\u00fchrung der USA Ratschl\u00e4ge erteilt, die ja nur Ratschl\u00e4ge f\u00fcr die F\u00fchrung kommender Kriege sein k\u00f6nnen. Sie m\u00f6gen sich damit beruhigen, da\u00df die pazifistischen Ideale nicht entwertet werden, wenn es Menschen gibt, die dar\u00fcber nachdenken, wie die Eskalationsdynamik von Kriegen eingeschr\u00e4nkt werden kann.&#8220;<\/p>\n<p>Danke f\u00fcr die Ideale, so was h\u00f6rt man immer gern. Aber hier irrt der Professor; auf elegante Weise und so, da\u00df Leute, die sich von Vokabeln, die imponieren sollen, imponieren lassen, das nicht ohne weiteres merken; aber dennoch. Shay k\u00fcmmert sich um die Einschr\u00e4nkung psychischer Sch\u00e4den in einer kriegf\u00fchrenden Gesellschaft &#8211; \u00fcber die Eskalation milit\u00e4rischer Gewalt ist damit nichts gesagt. Die Vorstellung, mittels einer Kriegf\u00fchrung, die den Soldaten nach ihrem Einsatz eine bruchlose R\u00fcckkehr in den Zivilberuf gestattet, eine &#8222;Eskalationsdynamik&#8220; moderner Kriege einzuschr\u00e4nken, versorgt lediglich die Ideologie vom sauberen Krieg mit Nahrung: Es w\u00e4re, wenn man sich nur M\u00fche gibt, ein vern\u00fcnftiger Krieg m\u00f6glich, in dem die Gewalt geradezu justizf\u00f6rmig exekutiert wird und die Soldaten sich darauf verlassen k\u00f6nnen, stets rechtm\u00e4\u00dfig zu handeln und behandelt zu werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alle Gewalttaten kann er nicht gemeint haben. Sondern eben nur die, die irgendwie (in diesem Fall: weil sie \u00f6ffentlich geworden sind) \u00fcber das Ma\u00df hinausgehen, das als ordentliches Mittel zum Zweck gesellschaftlich und juristisch anerkannt ist: Krieg geht, Folter geht nicht. Aber es ist nicht leicht, einen sauberen Krieg zu f\u00fchren. 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