{"id":6285,"date":"2004-07-01T00:00:32","date_gmt":"2004-06-30T22:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6285"},"modified":"2022-07-26T14:24:33","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:33","slug":"sexuelle-herrschaft-in-uniform","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/07\/sexuelle-herrschaft-in-uniform\/","title":{"rendered":"Sexuelle Herrschaft in Uniform"},"content":{"rendered":"<p>Militarisierte sexuelle Unterwerfung ist weder &#8222;mit den amerikanischen Werten unvereinbar&#8220; noch das Werk einiger weniger schwarzer Schafe. Vielmehr ist sie allt\u00e4gliche Praxis.<\/p>\n<p>Die Ausrede von den schwarzen Schafen ist nicht nur vollkommen unangemessen, sondern auch durch und durch verlogen.<\/p>\n<p>Eine solche Reduktion des Geschehenen auf individuelles Fehlverhalten bietet dem Milit\u00e4r nat\u00fcrlich einen willkommenen Schutzschild und lenkt zugleich von \u00e4u\u00dferst verst\u00f6renden Tatsachen ab. Die Fotos von Abu Ghraib verraten ebenso viel \u00fcber unsere Nation, wie sie \u00fcber die Soldatinnen und Soldaten der 372. Milit\u00e4rpolizeidivision verraten.<\/p>\n<p>Unser Pr\u00e4sident hatte deutlich gesagt, Ziel der Invasion und Besetzung des Irak sei es, den irakischen Widerstand in die Knie zu zwingen. Warum ist man jetzt \u00fcberrascht, dass die SoldatInnen diese Anweisung mit Begeisterung w\u00f6rtlich nahmen? Von dem Szenario eines knienden irakischen Mannes, der den Penis eines anderen im oder am Mund hat, waren wir alle schockiert.<\/p>\n<p>Dabei war doch der Aufruf unserer Regierung, die Araber und Muslime zu dem\u00fctigen, keineswegs so verhalten, dass er nur von einigen verirrten SoldatInnen geh\u00f6rt wurde.<\/p>\n<p>Irakische Gefangene wurden dazu gebracht, Damenunterw\u00e4sche zu tragen. Hier sollten diejenigen aufhorchen, die f\u00fcr die gleichberechtigte Zulassung der Frauen zum Milit\u00e4r gek\u00e4mpft haben. Dies ist noch immer eine M\u00e4nnerarmee, in der Weiblichkeit noch immer f\u00fcr Erniedrigung und Schw\u00e4che steht.<\/p>\n<p>\u00dcber Private Lynndie England, die triumphierende Peinigerin der Gefangenen, ist viel diskutiert worden. Ihre Schuld scheint offensichtlich, und wenn sie nach Hause zur\u00fcckkehrt, wird England, so gut sie kann, um ihre Seele k\u00e4mpfen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>England ist aber schon die zweite Titelfigur der Serie &#8222;Wie das US-Milit\u00e4r Frauen integriert&#8220;. Die erste war Jessica Lynch.<\/p>\n<p>Zwei junge Frauen aus dem kleinst\u00e4dtischen Arbeitermilieu, M\u00e4dchen mit unverbrauchten Gesichtern, die sich danach sehnen, den engen Grenzen ihrer Heimat und ihres Standes zu entfliehen. Und geflohen sind sie &#8211; in die offenen Arme einer Institution, die eine von ihnen benutzte, um die Bev\u00f6lkerung mit der M\u00e4r von der gef\u00e4hrdeten, aber tapferen Frau zu erbauen, die vor den finsteren Barbarenhorden gerettet wurde. Die gleiche Institution wird die andere als Opfer benutzen, um die \u00c4ngste der verst\u00f6rten Nation zu bes\u00e4nftigen.<\/p>\n<p>In ihrer Rolle als Domina \u00fcber irakische M\u00e4nner zeigte Lynndie England, in welchem Ma\u00dfe die Unterwerfung eines Volkes sexualisiert ist. Indem sie sich an der militarisierten Konstruktion des M\u00e4nnlichen beteiligte, schuf sie einen erschreckenden neuen Archetypen: die Frau der herrschenden Nation als frohlockende Akteurin sexueller, nationaler, rassistischer und religi\u00f6ser Dem\u00fctigung.<\/p>\n<h3>Sieht so die Befreiung aus?<\/h3>\n<p>Wenn wir aber einmal von Lynndie England absehen, zeigen die Szenen von Abu Ghraib sexuelle Unterwerfung als einen Grundzug der \u00fcbersteigerten M\u00e4nnlichkeit des Milit\u00e4rs. Die schrecklichen Berichte der Denver Post \u00fcber sexuelle \u00dcbergriffe und Vergewaltigungen, denen weibliche Armeeangeh\u00f6rige massenhaft ausgesetzt sind, sind ein weiterer Hinweis darauf, dass sexuelle Herrschaft in Uniform alles andere als ein Einzelfall ist.<\/p>\n<p>Unser Milit\u00e4r gr\u00fcndet sich auf die t\u00e4gliche Unterwerfung des Sexuallebens Tausender und Abertausender von Frauen unter die sexuellen Begierden der Armeeangeh\u00f6rigen weltweit.<\/p>\n<p>Die Unterordnung der nationalen Interessen von L\u00e4ndern in der ganzen Welt unter die geopolitischen Interessen der USA erfordert anscheinend die sexuelle Opferung eines Teils der Frauen dieser L\u00e4nder &#8211; und stets sind es arme Frauen.<\/p>\n<p>Milit\u00e4rprostitution wird als Erholung und Entspannung, als Unterhaltung f\u00fcr die Truppen betrachtet. W\u00e4hrend das vordergr\u00fcndige &#8222;Ziel&#8220; der sexuellen Dem\u00fctigung der Gefangenen von Abu Ghraib darin bestand, wichtige Informationen aus ihnen herauszuholen, erz\u00e4hlen die Fotos eine komplexere Geschichte. An den fr\u00f6hlichen Gesichtern sehen wir, dass es ein Riesenspa\u00df war, die metaphorische Vergewaltigung der irakischen Nation als tats\u00e4chliche sexuelle Unterwerfung irakischer M\u00e4nner in Szene zu setzen.<\/p>\n<p>Wenn sie selbst als Regisseure und Schauspieler in diesem Drama sexueller Dem\u00fctigung agierten, handelten die Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter offenbar in dem festen Glauben, sie d\u00fcrften alles tun, wozu sie Lust hatten, und sich dabei pr\u00e4chtig am\u00fcsieren. War es unamerikanisch von ihnen, so zu denken? Nicht, wenn die Kernbotschaft ihres Oberkommandierenden an das irakische Volk lautete: &#8222;Ihr werdet euch unserer F\u00e4higkeit zu herrschen beugen, und wir werden diese F\u00e4higkeit dem globalen Widerstand zum Trotz aus\u00fcben&#8220;.<\/p>\n<p>Der Kampf um Schuldzuweisung hat den Charakter eines hochbrisanten politischen Tangos angenommen. Dieser Kampf wird noch an Intensit\u00e4t zunehmen. Auch wenn au\u00dfer Frage steht, dass jeder Verantwortliche, von den unmittelbaren T\u00e4tern an aufw\u00e4rts, zur Rechenschaft gezogen werden muss, geht die Schuldfrage viel tiefer.<\/p>\n<p>Es mag nicht leicht sein, morgens aufzustehen und dieser Tatsache ins Auge zu blicken, aber wir sind, kollektiv, durch und durch schuldig. Wir w\u00e4hlen Vertreter, die das Monster Milit\u00e4r f\u00fcttern. Wir verherrlichen sadistische Hyper-M\u00e4nnlichkeit und belohnen diejenigen, die sie am besten verk\u00f6rpern, mit Gouverneursposten (siehe Arnold Schwarzenegger). Wir geben riesige Summen f\u00fcr Zwang und Disziplin in unserem Strafvollzugssystem aus. Und wir bel\u00fcgen uns unaufh\u00f6rlich selbst.<\/p>\n<p>Die Welt begegnet Amerikas fadenscheinigen Unschuldsbeteuerungen mit \u00dcberdruss und blanker Wut.<\/p>\n<p>Die Soldaten von Abu Ghraib haben den Vorhang zu ihren perversen Spielen aufgezogen, so dass wir sehen k\u00f6nnen, wer wir sind. Haben wir den Mut, hinzuschauen? Haben wir den Willen, uns zu \u00e4ndern?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Militarisierte sexuelle Unterwerfung ist weder &#8222;mit den amerikanischen Werten unvereinbar&#8220; noch das Werk einiger weniger schwarzer Schafe. Vielmehr ist sie allt\u00e4gliche Praxis. Die Ausrede von den schwarzen Schafen ist nicht nur vollkommen unangemessen, sondern auch durch und durch verlogen. 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