{"id":629,"date":"1996-10-01T00:00:28","date_gmt":"1996-09-30T22:00:28","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=629"},"modified":"2012-05-12T18:40:19","modified_gmt":"2012-05-12T16:40:19","slug":"direkter-widerstand-gegen-gentechnik-erfolgreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/10\/direkter-widerstand-gegen-gentechnik-erfolgreich\/","title":{"rendered":"Direkter Widerstand gegen Gentechnik erfolgreich!"},"content":{"rendered":"<p>Am Dienstag, 12.09.96 erkl\u00e4rte die Firma Monsanto in einer Pressekonferenz, da\u00df sie den Freisetzungsversuch genmanipulierten Rapses in Oberboyen f\u00fcr den &#8222;gesamten beantragten und genehmigten Zeitraum&#8220; zur\u00fcckzieht. Einen so klaren Sieg gibt es selten. Doch wie gro\u00df ist der Sieg eigentlich und wie ist es dazu gekommen?<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz &#8217;96 wurde mehr durch Zufall von einigen GentechnikgegnerInnen entdeckt, da\u00df in dem 11 Personen z\u00e4hlenden Ort Oberboyen, ca. 50 km von Bremen, ein Versuch mit gentechnisch ver\u00e4ndertem Raps durchgef\u00fchrt werden sollte. Dieser wurde gegen das Totalherbizid &#8222;Round Up Ultra&#8220;, was eigentlich \u00fcber das Blattgr\u00fcn alle Pflanzen restlos vernichtet, resistent gemacht, indem ihm ein Bakterium-Gen eingesetzt wurde. In den USA schon seit einigen Jahren erfolgreich vertrieben, will der kanadische Multi-Konzern &#8222;Monsanto&#8220; mit dem Produkt auch den europ\u00e4ischen Markt erobern. Insgesamt sechs Versuche wurden in Deutschland beantragt, f\u00fcnf davon in Ostdeutschland.<\/p>\n<p>Direkt nach der Bekanntgabe gr\u00fcndete sich der &#8222;AK Gentechnikfreie Landwirtschaft im BUND Nienburg&#8220; und besch\u00e4ftigte sich intensiv mit dem Thema &#8222;Gentechnik in Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie&#8220;. Infoveranstaltungen und Aufkl\u00e4rungsarbeit machten einen Gro\u00dfteil der Arbeit aus. Au\u00dferdem wurde eine Sammeleinwendung organisiert, die f\u00fcr den Standort Oberboyen von etwa 3 400 Menschen unterzeichnet wurde.<\/p>\n<p>Je intensiver wir uns mit dem Gentechnik-Gesetz befa\u00dften, desto klarer wurde uns, da\u00df wir mit den vorhandenen rechtlichen M\u00f6glichkeiten kaum eine Chance haben w\u00fcrden, den Versuch zu verhindern. (Eine Grundsatzentscheidung \u00fcber diesen Freilandversuch, wie eine Klage von &#8222;direkt Betroffenen&#8220; sie herbeif\u00fchren w\u00fcrde, wird nicht vor der Jahrtausendwende stattfinden!)<\/p>\n<p>Ende Juni gr\u00fcndeten wir &#8222;VERGen-Verdener Arbeitsgruppe gegen Gentechnik&#8220;. Zum ersten Mal diskutierten wir ernsthaft die Idee einer Besetzung. Nachdem wir Bioh\u00f6fe, Kommunen, Wohngemeinschaften, Initiativen und FreundInnen in der Umgebung angesprochen hatten, stie\u00dfen wir auf unterschiedliche Reaktionen. Gerade im BUND distanzierten sich zun\u00e4chst viele von dem Schritt des zivilen Ungehorsams. Dennoch machten uns gen\u00fcgend Menschen Mut und so wurden wir eine feste Vorbereitungsgruppe von etwa 8 Leuten.<\/p>\n<p>Nachdem das Robert-Koch-Institut, die zust\u00e4ndige Genehmigungsbeh\u00f6rde in Berlin, sich innerhalb von 16 Tagen \u00fcber die Bedenken von 3 400 Menschen hinwegsetzte und den Versuch trotz grober Fehler im Verfahren genehmigte, zogen wir mit drei Bauwagen, zwei Treckern, einigen Zelten und Transparenten im Gep\u00e4ck und mulmigen Kribbeln im Bauch am 31.08.96 morgens um 7 Uhr auf den Acker. Da es in den ganzen Tagen zuvor geregnet hatte, blieben wir gleich mit dem ersten Wagen in dem lehmigen Boden stecken. Es dauerte nur wenige Minuten bis die f\u00fcr den Kreis zust\u00e4ndige Polizei erschien und unser Bem\u00fchen weiter auf dem Acker zu kommen, unterband.<\/p>\n<p>Die am gleichen Tag angesetzte Demonstration zum Versuchsacker brachte dann aber doch noch viele SympathisantInnen aufs Feld und gemeinsam zogen wir die beiden Bauw\u00e4gen auf den Acker, stellten Transparente auf und fingen an, H\u00fctten zu bauen. &#8222;Starre Weidelgr\u00e4ser &#8211; Gewaltfreie Aktion&#8220;, prangte nun 4 Meter \u00fcber der vorbeif\u00fchrenden Stra\u00dfe. Das Starre Weidelgras ist eine in Australien aufgetretene Grasart, die schon resistent gegen das Herbizid &#8222;Round Up&#8220; geworden ist. Das war unser Symbol: Die Natur wehrt sich, sie l\u00e4\u00dft sich nicht einfach manipulieren. Auch wir wollten resistent sein und kamen anstelle des Gen-Rapses.<\/p>\n<p>In den n\u00e4chsten Tagen erfuhren wir immer wieder die Solidarit\u00e4t der in der Umgebung wohnenden. Mit den Tagen stieg die Zahl von Menschen, die uns nicht nur mit Nahrungsmitteln, Zeitung und Baumaterial sondern auch mit Arbeitseifer und und ihrer Anwesenheit unterst\u00fctzen. Die Medien berichteten durchweg positiv \u00fcber die Aktion und auch die anf\u00e4nglichen Bedenken der KritikerInnen l\u00f6sten sich allm\u00e4hlich auf. (Der BUND verlegte sogar spontan sein Treffen auf den Acker.) Von allen Seiten bekamen wir zu sp\u00fcren, da\u00df die Gewaltfreiheit der Aktion ernstgenommen wurde.<\/p>\n<p>Auch die Polizei legte ein Verhalten an den Tag, das wir nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten hatten. Zwar machten sie jeden Tag mehrfach Kontrollbesuche, gaben uns aber auch zu verstehen, da\u00df sie kein Interesse an einem &#8222;\u00fcbereilten Vorgehen&#8220; h\u00e4tten. Nur Monsanto lie\u00df sich nicht blicken. Eine Taktik uns auszuhungern, damit wir immer auf Ger\u00fcchte hin viele Menschen mobilisierten, um die Aussaat direkt zu blockieren? Zugegebenerma\u00dfen beunruhigend.<\/p>\n<p>Doch dann stand der Saattermin fest und Dr. Amann, der Projektleiter des Versuches erschien mit seinem Anwalt und einem Lohnarbeiter. Auf dem Feld war in den vergangenen Tagen schon fl\u00e4chendeckend mit Stroh gemulcht worden, um die Aussaat zu erschweren. Das wurde dann fortgesetzt, nachdem das Versuchsfeld wenige Meter von dem von uns errichteten Dorf, abgesteckt wurde. Ungef\u00e4hr hundert Leute bereiteten sich auf verschiedenste Art und Weise auf die bevorstehende R\u00e4umung vor. Zum zweiten Mal nahm die Polizei unsere Personalien auf &#8211; diesmal wegen einer Schadensersatzforderung von Monsanto. Amann und seine Helfer legten selbst mit der Harke Hand an und versuchten, das Stroh wegzuschaffen. Aber sie mu\u00dften feststellten, da\u00df dies ein l\u00e4ngerer Vorgang werden w\u00fcrde, zumal von der BesetzerInnen-Seite st\u00e4ndig neues Stroh auf die Fl\u00e4che geschafft wurde.Und so zogen sie von dannen. Sie hinterlie\u00dfen uns den Vorschlag, das Feld zu r\u00e4umen und daf\u00fcr von einer benachbarten Wiese aus die ersten Versuchswochen zu beobachten. Auch einen Toilettenwagen wollten sie uns zur Verf\u00fcgung stellen. W\u00fcrden wir es uns anders \u00fcberlegen, &#8222;m\u00fc\u00dften sie rechtliche Schritte \u00fcberdenken&#8220;. Waren wir nicht richtig verstanden worden?<\/p>\n<p>Anderthalb Tage sp\u00e4ter zog sich Monsanto von dem Standort Oberboyen zur\u00fcck, ebenso wie von dem ebenfalls besetzten Feld in Hohlstedt. Mit dem Argument, das Leben ihrer MitarbeiterInnen und das Befinden der Maschinen sei durch eingerabene Holzdielen gef\u00e4hrdet (alle St\u00e4mme waren zu erkennen und zudem mit roten Fahnen gekennzeichnet worden!) und der Verp\u00e4chter und dessen Familie f\u00fchle sich bedroht (wie er sp\u00e4ter zu uns sagte, habe er Angst vor zugereisten Autonomen aus Bremen gehabt, unserer Gruppe h\u00e4tte er schon die Gewaltfreiheit zugetraut&#8230;), gaben sie den Versuch &#8222;der Gewaltfreiheit zuliebe&#8220; auf.<\/p>\n<p>Nach langer \u00dcberpr\u00fcfung der Richtigkeit der Aussage zogen wir am darauffolgenden Tag nach 11 Tagen Besetzung vom Acker. Trotz diesem Erfolg hat die Monsanto an drei Standorten in Deutschland auss\u00e4hen k\u00f6nnen &#8211; mehr braucht sie nicht f\u00fcr die Zulassung des Rapses. F\u00fcr uns ist klar, da\u00df wir weiter am Thema Gentechnik arbeiten werden. Hier in der Umgebung Verdens sind viele Menschen sensibilisiert worden und nehmen nicht mehr einfach eine so gef\u00e4hrliche Technologie hin und sind zudem auch offen geworden f\u00fcr diese Art von Aktion!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Dienstag, 12.09.96 erkl\u00e4rte die Firma Monsanto in einer Pressekonferenz, da\u00df sie den Freisetzungsversuch genmanipulierten Rapses in Oberboyen f\u00fcr den &#8222;gesamten beantragten und genehmigten Zeitraum&#8220; zur\u00fcckzieht. Einen so klaren Sieg gibt es selten. Doch wie gro\u00df ist der Sieg eigentlich und wie ist es dazu gekommen? Im M\u00e4rz &#8217;96 wurde mehr durch Zufall von einigen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/10\/direkter-widerstand-gegen-gentechnik-erfolgreich\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Direkter Widerstand gegen Gentechnik erfolgreich! - graswurzelrevolution","description":"Am Dienstag, 12.09.96 erkl\u00e4rte die Firma Monsanto in einer Pressekonferenz, da\u00df sie den Freisetzungsversuch genmanipulierten Rapses in Oberboyen f\u00fcr den \"gesamt"},"footnotes":""},"categories":[72,26],"tags":[],"class_list":["post-629","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-212-oktober-1996","category-okologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/629","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=629"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/629\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=629"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=629"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=629"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}