{"id":6314,"date":"2004-07-01T00:00:04","date_gmt":"2004-06-30T22:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6314"},"modified":"2022-07-26T14:24:33","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:33","slug":"wege-aus-dem-ghetto","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/07\/wege-aus-dem-ghetto\/","title":{"rendered":"Wege aus dem Ghetto"},"content":{"rendered":"<p>Das anf\u00e4nglich dem reinen Forschungszweck dienliche Vorhaben entpuppte sich dann aber zu einem spannenden Geschehen. Denn sie entdeckte bei den meisten Interview-Partnerinnen erhebliche Spannungen im Zusammenhang mit dem &#8222;verfluchten&#8220; Wort &#8222;Feminismus&#8220;.<\/p>\n<p>Was sind die Ursachen f\u00fcr den Unmut bei diesem Begriff ?<\/p>\n<p>Liegt das an den mittlerweile auch in osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern herrschenden Back Lash-Entwicklungen?<\/p>\n<p>Bereits seit 1989 finden sich in einschl\u00e4gigen Publikationen viele Beschreibungen feministisch interessierter slowakischer Wissenschaftlerinnen \u00fcber die negativen Konnotationen des Begriffes &#8222;Feminismus&#8220; in postsozialistischen Gesellschaften. Interessant ist, dass im Verlaufe der Interviews zutage kam, dass der Begriff offensichtlich in sich zu starr\/statisch ist. Die jeweils von Veronika W\u00f6hr befragten feministisch interessierten Frauen konnten sich mit dem &#8222;Feminismus&#8220; nur unzureichend positiv identifizieren.<\/p>\n<p>Die Frage: &#8222;W\u00fcrden Sie sich als Feministin bezeichnen?&#8220; bewirkte bei den befragten Frauen keine direkte Antwort, im Sinne von &#8222;Ja&#8220; oder &#8222;Nein&#8220; oder &#8222;Das kann ich nicht so sagen.&#8220; Vielmehr entgegneten sie auf einer anderen Ebene, die keine pers\u00f6nliche Positionierung zum Ausdruck brachte.<\/p>\n<p>Typisch f\u00fcr einen solchen Standpunkt ist z.B. die Aussage: &#8222;Also ich sage immer, dass ich mich <em>auch<\/em> der feministischen Philosophie widme.&#8220; Statt einer Eigendefinition \u00fcber eine Identifikation w\u00e4hlte die Betroffene die Definition \u00fcber eine T\u00e4tigkeit: sie nannte ihre Besch\u00e4ftigung mit feministischer Philosophie, d.h. ihr feministisches Engagement. Der Begriff &#8222;Feminismus&#8220; verliert somit seine Starrheit.<\/p>\n<p>Veronika W\u00f6hr interpretiert das folgenderma\u00dfen: &#8222;In Anlehnung an das Konzept des &#8218;doing gender&#8216; m\u00f6chte ich diese Herangehensweise als &#8218;doing feminist&#8216; bezeichnen, &#8230; im Gegensatz zu einem \u201abeing feminist&#8217;&#8230;&#8220; ((1))<\/p>\n<p>Die Zugeh\u00f6rigkeit zur Gruppe der &#8222;Feministinnen&#8220; wird durch T\u00e4tigkeiten und konkrete Entwicklungsprozesse hergestellt; nicht durch eine Selbst- oder Fremdbestimmung. F\u00fcr die &#8222;feministische Philosophie&#8220; und die Bereiche der &#8222;Frauen- und Geschlechterforschung&#8220; ist das von Vorteil. Denn eine Interpretation und Definition eines &#8222;doing feminist&#8220; verhindert durchaus eine Fixierung auf die Suche nach in sich abgeschlossenen Identit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Auf der praktischen gesellschaftlichen Ebene hat aber eine negative Besetzung des Begriffes &#8222;Feministin&#8220; und der damit verbundenen Zuordnung zu einer sozialen Gruppierung, wesentlich schwierigere Auswirkungen. In der Slowakei gibt es bis heute keine Frauenbewegung, sondern nur vereinzelte, nebeneinanderherstehende Projekte und einige engagierte Einzelpersonen. Frauen, die in der Slowakei explizites Interesse an Frauenfragen oder feministischen Ideen \u00e4u\u00dfern oder sich gar als Feministinnen bezeichnen, begeben sich in eine Au\u00dfenseiterInnen-Position. Sie werden kaum verstanden, m\u00fcssen sich auch in ihrer engeren Umgebung rechtfertigen und werden sogar angegriffen oder beschimpft.<\/p>\n<p>Die sich in dieser prek\u00e4ren Lage befindlichen basisorientierten &#8222;doing-feminists&#8220;, die eigentlichen AktionistInnen, k\u00f6nnen vorrangig nur in den daf\u00fcr vorgesehenen recht kleinen Zirkeln t\u00e4tig werden. Die dazu im Verlaufe der Interview-Umfragen von Veronika W\u00f6hr angesprochenen AktivistInnen bezeichneten sich selbst &#8222;als Lebende im Ghetto und in einer Enklave&#8220;. Beispiele f\u00fcr selbstbewusste und herausfordernde Aneignungen des &#8222;doing feminist&#8220; sind z.B. die Aktionen des M\u00fctterzentrums Fenestra Kosice in Bratislava. Mittels der symbolischen Aktion des breiten Verkaufs von T-Shirts mit dem Aufdruck &#8222;Som feministka, &#8211; no a co?&#8220; (Ich bin Feministin &#8211; na und?) initiierten sie provokantes Auftreten und Auswirkung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das anf\u00e4nglich dem reinen Forschungszweck dienliche Vorhaben entpuppte sich dann aber zu einem spannenden Geschehen. Denn sie entdeckte bei den meisten Interview-Partnerinnen erhebliche Spannungen im Zusammenhang mit dem &#8222;verfluchten&#8220; Wort &#8222;Feminismus&#8220;. Was sind die Ursachen f\u00fcr den Unmut bei diesem Begriff ? Liegt das an den mittlerweile auch in osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern herrschenden Back Lash-Entwicklungen? 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