{"id":6318,"date":"2004-07-01T00:00:00","date_gmt":"2004-06-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6318"},"modified":"2022-07-26T14:24:33","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:33","slug":"anthony-smythe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/07\/anthony-smythe\/","title":{"rendered":"Anthony Smythe"},"content":{"rendered":"<p>Howard Clark schreibt in seinem Nachruf in der Peace News: &#8222;Myrtle Solomon erinnerte sich an Tony, als sie ihn zum ersten Mal bei einer Veranstaltung der Peace Pledge Union in den 50er Jahren sah: &#8218;es war, als w\u00e4re Adonis zu uns gekommen&#8216;. Tony hinterlie\u00df dann sp\u00e4ter einen v\u00f6llig anderen Eindruck, indem er nicht nur die Friedensbewegung, sondern die ganze Kampagnenscene Gro\u00dfbritanniens beeinflu\u00dfte.&#8220;<\/p>\n<p>Tony war gegen Ende der Wehrpflicht nach dem 2. Weltkrieg in Gro\u00dfbritannien der letzte Totalverweigerer und 1958 f\u00fcr drei Monate im Gef\u00e4ngnis. Als entschiedener Gegner der Wehrpflicht entschlo\u00df er sich, nicht das Abzeichen eines Sklaven zu tragen, getreu dem ber\u00fchmten Ausspruch Keir Hardys, der sagte: &#8222;Conscription ist the badge of a slave&#8220; &#8211; &#8222;Dienstzwang ist das Abzeichen eines Sklaven&#8220;.<\/p>\n<p>Kurz danach begann seine Arbeit bei der War Resisters&#8216; International, WRI (Internationale der KriegsdienstgegnerInnen), in London als 2. Sekret\u00e4r und sp\u00e4ter Generalsekret\u00e4r. Er war Mitorganisator der WRI-Konferenz in Indien 1960 und der Gr\u00fcndungskonferenz der World Peace Brigade 1962 in Beirut, die gewaltlose Interventionen in Krisen- und Konfliktgebieten zum Ziel hatte. 1960 geh\u00f6rte er zu den Gr\u00fcndungsmitgliedern des Komitees der 100, das von Bertrand Russell angeregt wurde und massenhaften zivilen Ungehorsam gegen Gro\u00dfbritanniens Atombombe organisierte. 1961 sa\u00df er mit 40 anderen Mitgliedern des Komitees deswegen einen Monat im Gef\u00e4ngnis, darunter Bertrand Russell, Alex Comfort und Arnold Wesker. Er geh\u00f6rte ebenfalls zu den Bef\u00fcrwortern und Initiatoren der Internationalen Konf\u00f6deration f\u00fcr Abr\u00fcstung und Frieden, die 1964 in Oxford gegr\u00fcndet wurde und eine Sammlung unabh\u00e4ngiger Friedensorganisationen war, besonders von Kampagnen gegen Atomwaffen &#8211; unabh\u00e4ngig von Regierungen und vom sowjetisch dominierten Weltfriedensrat und dessen Satelliten.<\/p>\n<p>1964 verlie\u00df Tony die WRI. Er meinte, es sei angebracht, nach etwa f\u00fcnf Jahren einen Wechsel beim Generalsekret\u00e4r vorzunehmen. Au\u00dferdem hatte er das Gef\u00fchl, da\u00df er ausgelaugt sei, zu sehr in Stereotypen denke und die Aufgaben nicht mehr kreativ genug angehen k\u00f6nne. Zwei Jahre war er danach Personal und Trainings-Manager des Scott-Bader Commonwealth, einem Industriebetrieb, bei dem die MitarbeiterInnen Miteigent\u00fcmerInnen sind.<\/p>\n<h3>Censorship is more depraving and corrupting than anything pornography can produce.<\/h3>\n<h3>Zensur verdirbt und korrumpiert mehr, als Pornographie je bewirken kann.<\/h3>\n<p>1966 wurde Tony Generalsekret\u00e4r des National Council for Civil Liberties, NCCL, einer Menschenrechtsorganisation. Bei dieser Arbeit wurde er einer der f\u00fchrenden politischen Figuren Gro\u00dfbritanniens. Er verdreifachte die Mitgliedschaft der Organisation und konnte Menschen in sozialen Bewegungen davon \u00fcberzeugen, da\u00df zivile Freiheiten &#8211; oder B\u00fcrgerInnenrechte &#8211; wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit ist. Von B\u00fcrgerInnenrechten im eigentlichen Sinne kann man in Gro\u00dfbritannien nicht sprechen, da es keine geschriebene Verfassung gibt, von der man Rechte ableiten kann. Unter seiner Leitung wurde die NCCL zu einer vielgestaltigen Organisation, die viele soziale und politische Probleme anging.<\/p>\n<p>Es wurde ein Netzwerk von Rechtsanw\u00e4lten aufgebaut. Sie k\u00fcmmerten sich z.B. um die Rechte von Strafgefangenen.<\/p>\n<p>Anfang der 70er Jahre kamen von diesen t\u00e4glich Briefe mit ihren Beschwerden. Individuelle Beratung wurde erteilt, die Beschwerden wurden gesammelt und ausgewertet und an eine parlamentarische civil liberties<\/p>\n<p>Gruppe weitergeleitet, die sich aus MPs aller Parteien zusammensetzte und die \u00c4nderung der Gesetze anstrebte.<\/p>\n<p>Weiter wurde ein Netzwerk von BeobachterInnen gebildet, um das Verhalten der Polizei bei Demonstrationen zu \u00fcberwachen. In diesem Zusammenhang kam es zu einer Untersuchung des Blutigen Sonntags vom 30. Januar 1972 im nordirischen Derry, bei dem Soldaten der britischen Armee 13 katholische DemonstrantInnen erschossen. Tony und der Rechtsanwalt der NCCL, Larry Grant, waren auf dem Weg nach Derry, wurden aber acht Stunden lang von der Polizei festgehalten und konnten somit nicht Zeuge des Blutigen Sonntags sein. Der britische Justizminister leitete eine Untersuchung, bei der die Armee reingewaschen wurde. Daraufhin lud die NCCL die Internationale Liga f\u00fcr Menschenrechte ein, eine unabh\u00e4ngige Untersuchung durchzuf\u00fchren, die die Armee schwer belastete.<\/p>\n<p>Die NCCL f\u00fchrte weitere Kampagnen durch, die zum gro\u00dfen Teil Minderheiten betrafen wie Homosexuelle (Tony wurde Vizepr\u00e4sident der Campaign for Homosexual Equality), Roma, EinwandererInnen und Wohnungslose. Ein besonderes Anliegen war f\u00fcr Tony die Frage der Zensur und Meinungsfreiheit. In der Zeit von swinging London in den 60er Jahren kamen z.B. in der Untergrundpresse eine Reihe von Themen zur Sprache, wie Homosexualit\u00e4t oder sexuelle Permissivit\u00e4t, die einer privilegierten Minorit\u00e4t nicht gefielen und die aufgrund unbestimmter Formulierungen in Gesetzen zu willk\u00fcrlichen und widerspr\u00fcchlichen Ma\u00dfnahmen von Justiz, Polizei, Politik und selbsternannten H\u00fctern \u00f6ffentlicher Moral f\u00fchrten. In diesem Zusammenhang pr\u00e4gte er den Satz: &#8222;Zensur verdirbt und korrumpiert mehr, als Pornographie je bewirken kann&#8220;, der von Bef\u00fcrworterInnen der Meinungsfreiheit in aller Welt zitiert wird. Eine weitere Kampagne widmete sich den Rechten der Kinder. Es wurde schnell klar, da\u00df fast alle davon betroffen sind, Eltern, Lehrer, Kinder, Autorit\u00e4re oder Libert\u00e4re. Haben Eltern ein Recht auf Eigentum an Kindern? Es wurde eine Kampagne, die landesweit diskutiert wurde, und viele Kinder kamen mit ihren Problemen zur NCCL.<\/p>\n<p>Zu Beginn seiner Zeit bei der NCCL befa\u00dfte sich diese mit dem Problem der boy soldiers. M\u00e4nnliche Jugendliche konnten von ihren Eltern zum Milit\u00e4rdienst verpflichtet werden, wenn sie 14 Jahre alt wurden. Der eigentliche Dienst beim Milit\u00e4r begann aber erst, wenn sie 18 Jahre alt wurden, und die elterliche Verpflichtung galt von nun ab f\u00fcr 12 Jahre. Diese f\u00fcr die Jugendlichen unhaltbare Situation konnte nicht v\u00f6llig abgeschafft, aber doch erheblich gemildert werden.<\/p>\n<p>1973 war Tony f\u00fcr kurze Zeit in den USA, um f\u00fcr die American Civil Liberties Union, der US-Schwesterorganisation der NCCL, zu arbeiten. Aber Jeanne, seine Lebensgef\u00e4hrtin, und ihre f\u00fcnf T\u00f6chter konnten keine Aufenthaltsgenehmigung f\u00fcr die USA bekommen, da Jeanne und Tony wegen ihrer anarchistischen \u00dcberzeugung keine staatliche Lizenz f\u00fcr ihre Beziehung akzeptierten. Nach seiner R\u00fcckkehr nach London wurde er Direktor von MIND, einer Organisation, die sich f\u00fcr die Rechte von psychisch Kranken einsetzt und die unter seiner F\u00fchrung k\u00e4mpferischer wurde und vor allem diejenigen in die Kampagnen mit einbezog, die unter den Mi\u00dfhandlungen, die das System der Psychiatrie ihnen auferlegt, am meisten zu leiden haben, die psychisch Kranken selbst. Seine Arbeit dort wurde \u00e4hnlich erfolgreich wie f\u00fcr die NCCL.<\/p>\n<p>Er arbeitete f\u00fcr weitere Organisationen. Zu Beginn der Probleme im fr\u00fcheren Jugoslawien reiste er f\u00fcr die britische Sektion der IPPNW mehrere Male nach Serbien, Kroatien und Bosnien. Noch bevor dort die kriegerischen Auseinandersetzungen begannen, sah er die Katastrophe heraufkommen und appellierte leidenschaftlich an die Friedensbewegung, die \u00d6ffentlichkeit, PolitikerInnen und Regierung f\u00fcr eine zivile Intervention und war bitter entt\u00e4uscht \u00fcber die mangelnde Reaktion. Zehn Jahre sp\u00e4ter, als Jeanne im Krankenhaus wegen eines Gehirntumors im Sterben lag, sa\u00dfen FreundInnen in einem Nebenzimmer mit Tony zusammen, und er weinte bitterlich vor allem \u00fcber seine eigene Unf\u00e4higkeit, Essentielles zur Abwendung dieser Kriege bewirkt zu haben. Die FreundInnen waren entsetzt \u00fcber diese Art der Selbstbeschuldigung, versuchten ihn zu beruhigen und wiesen auf die kriminellen Interessenlagen von Regierungen hin. Sp\u00e4ter meinte ein anarchistischer Freund, der mehrere Jahre mit Tony in der NCCL zusammengearbeitet hatte, da\u00df er allerdings die F\u00e4higkeit hatte, ganze Organisationen und sogar Teile eines Parlaments zum Handeln zu bewegen.<\/p>\n<h3>Liberal Organisations should be run by anarchists<\/h3>\n<h3>Liberale Organisationen sollten von Anarchisten geleitet werden<\/h3>\n<p>Tonys Leben ist von bemerkenswerten Entwicklungen gepr\u00e4gt, die f\u00fcr einen Anarchopazifisten nicht allt\u00e4glich sind. Sein Leben als junger Erwachsener begann mit \u00fcbersch\u00e4umender Energie als Aktivist im Widerstand gegen Krieg, R\u00fcstung und Milit\u00e4r. Sein sp\u00e4teres Leben ist gekennzeichnet durch aktive Teilnahme und Einflu\u00dfnahme auf gesellschaftliche Entwicklungen bis in die politischen Parteien und das Parlament hinein. Dabei war einer seiner Leits\u00e4tze: &#8222;Liberale Organisationen sollten von Anarchisten geleitet werden&#8220;. Das sollte nicht verstanden werden, da\u00df er versuchte, die Organisationen, in denen er arbeitete, zu anarchistischen Organisationen zu machen. Er hat sich stets an die demokratischen Regeln, die sich eine Organisation gab, gehalten und versucht, Entscheidungen im Konsens herbeizuf\u00fchren. Da\u00df dies nicht immer leicht war, zeigt das Beispiel der NCCL. Dort waren im Vorstand VertreterInnen fast aller politischen Richtungen vereint: Konservative, Liberale, SozialistInnen, GewerkschafterInnen, KommunistInnen und AnarchistInnen. Sein Leitsatz bedeutete f\u00fcr ihn vor allem: AnarchistInnen haben ein gr\u00f6\u00dferes Verst\u00e4ndnis als viele andere daf\u00fcr, wo Unrecht und Unterdr\u00fcckung in der Gesellschaft stattfinden und wie sie wirken. Dar\u00fcber hinaus haben AnarchistInnen ein Gesp\u00fcr daf\u00fcr, wie eine Gesellschaft von freien Menschen aussehen kann und auf welche Weise, mit welchen Mitteln wir dahin gelangen k\u00f6nnen. In welcher Funktion und mit welchem Titel Tony auch immer arbeitete, er hat stets Kontakt zu pazifistischen und anarchistischen Gruppen und Organisationen gehalten. An den Treffen seiner \u00f6rtlichen anarchistischen Gruppe hat er bis etwa ein Jahr vor seinem Tode teilgenommen. Ebenso hat er beim Versand von Peace News, der Zeitschrift f\u00fcr gewaltlose Revolution, geholfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Howard Clark schreibt in seinem Nachruf in der Peace News: &#8222;Myrtle Solomon erinnerte sich an Tony, als sie ihn zum ersten Mal bei einer Veranstaltung der Peace Pledge Union in den 50er Jahren sah: &#8218;es war, als w\u00e4re Adonis zu uns gekommen&#8216;. 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