{"id":6320,"date":"2004-07-01T00:00:55","date_gmt":"2004-06-30T22:00:55","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6320"},"modified":"2022-07-26T13:31:31","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:31","slug":"helmut-schonberg-1941-2004","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/07\/helmut-schonberg-1941-2004\/","title":{"rendered":"Helmut Sch\u00f6nberg (1941 &#8211; 2004)"},"content":{"rendered":"<p>Wir lernten Helmut vor zw\u00f6lf Jahren im Rahmen der antimilitaristischen Sommeraktionstage kennen. Er war uns gegen\u00fcber sehr aufgeschlossen und engagiert. Abgesehen von den guten Bedingungen auf dem Schweinricher Campingplatz am See war diese Begegnung der Grund, warum Schweinrich auch in den Folgejahren zum Ort der Sommeraktionstage wurde. Helmut war an den Inhalten und Aktionsformen der antimilitaristischen Aktionstage interessiert, stellte uns Gemeinder\u00e4ume zur Verf\u00fcgung und bem\u00fchte sich um ihre Akzeptanz in der Region. Viele Abende verbrachte er im Camp und beteiligte sich an den Aktionen. (siehe Foto).<\/p>\n<p>Er wurde 1941 in Schweinrich geboren, einem Dorf am Rand einer gro\u00dfen Wald- und Seenlandschaft. Sein Vater galt seit 1944 als vermisst; er kam von der Ostfront nie zur\u00fcck. Helmut wuchs zusammen mit seiner j\u00fcngeren Schwester bei der Mutter auf. Die Familie geh\u00f6rte zur Baptistengemeinde, in der Helmut ein aktives Gemeindemitglied wurde. Viele Jugendtreffen fanden im Haus der Eltern statt. In den sp\u00e4ten 50er Jahren erlebte er die gro\u00dfen Waldbr\u00e4nde und die Besetzung des Gebietes, welches heute als ,,Bombodrom&#8220; Wittstock bekannt ist, durch die sowjetische Armee. Nach der Schulzeit machte er eine Ausbildung zum Vermesser und leistete seinen Wehrdienst ab. Ein Studienplatz der Forstwirtschaft w\u00e4re sein Traum gewesen. Stattdessen konnte er das Tiefbauwesen studieren. Die Melioration, die Be- und Entw\u00e4sserung der Landschaft, wurde neben dem Vermessungswesen zu seinem Spezialgebiet.<\/p>\n<p>Nach dem Studium, im Jahr 1968, konnte er schlie\u00dflich als Tiefbauingenieur in der Wittstocker Au\u00dfenstelle des Meliorationskombinats Potsdam anfangen, wo er bis zuletzt arbeitete. Im selben Jahr heiratete er. Seine Ehefrau zog mit in sein Elternhaus in Schweinrich ein. Sie bekamen zwei S\u00f6hne. Einige Jahre sp\u00e4ter erkrankte seine Frau, so dass er sich intensiver um seine Kinder und den Haushalt k\u00fcmmern musste.<\/p>\n<p>Helmut hatte nie einen Ausreiseantrag gestellt und wurde nie Mitglied der SED. Er hat auch nie die Existenz des Bombenabwurf- und Artillerieschie\u00dfplatzes akzeptiert und machte, wie einige andere auch, immer wieder seine Pilzsammelwanderungen auf dem Gebiet des Bombodroms. Er \u00fcbernahm lieber Verantwortung in der Baptistengemeinde Wittstock, von wo aus er auch gesellschaftlich aktiv wurde. In Schweinrich wurde er Vorsitzender der Sportgemeinschaft und bem\u00fchte sich darum, dass auch die Kinder der in der N\u00e4he stationierten russischen Offiziere mit Fu\u00dfball spielen konnten und organisierte Begegnungen mit einem tschechischen Sportclub.<\/p>\n<p>Die \u00c4nderung der politischen Verh\u00e4ltnisse nach 1989 gab auch Helmut neue Hoffnung und er\u00f6ffnete Schweinrich neue M\u00f6glichkeiten, denn nach dem Mauerfall war auch der Abzug der sowjetischen Armee beschlossen worden. Helmuts Traum war, aus dem Bombodrom wieder eine Waldlandschaft werden zu lassen. Er wurde 1990 zum ehrenamtlichen B\u00fcrgermeister gew\u00e4hlt. Engagiert beteiligte er sich an den Verhandlungen \u00fcber den Truppenabzug der sowjetischen Truppen, stellte Antr\u00e4ge auf R\u00fcck\u00fcbertragung des Gemeindeeigentums und war auch menschlich um jedes Gemeindemitglied bem\u00fcht. Davon bekam ich einen Eindruck, als er an einem sp\u00e4ten Sommerabend mitten auf der Landstra\u00dfe anhielt, um nach einem betrunkenen Dorfbewohner zu schauen, der im Graben lag.<\/p>\n<p>Als im Sommer 1992 die Bundeswehr ihre Pl\u00e4ne zur ,,Fortsetzung&#8220; des Bombenbetriebs bekannt gab, betrieb er ma\u00dfgeblich die Gr\u00fcndung der B\u00fcrgerinitiative FREIe HEIDe, die sich die Rechtsform eines Vereins gab. Helmut wurde zum Vorsitzenden des Vereins gew\u00e4hlt und erwies sich als eine Person, mit der sehr viele verschiedene Menschen die FREIe HEIDe positiv verbanden. Die verschiedenen Motivationen, sich f\u00fcr eine FREIe HEIDe einzusetzen, waren auch seine Motivationen. Er war \u00fcberzeugter Kriegsgegner, hatte jahrelang unter dem Bombodrombetrieb gelitten und liebte die Landschaft. Mit seiner integrativen Art konnte er anarchistisch orientierte Gruppen aus Berlin, parlamentarisch orientierte Parteimitglieder, PazifistInnen, Natursch\u00fctzerInnen und NachbarInnen, die keinen L\u00e4rm mehr erdulden wollten, in die Arbeit der BI produktiv einbinden. Wie kein anderer und wie keine andere hat er so die Vielfalt innerhalb der BI bef\u00f6rdert und alle ,,zusammengehalten&#8220;. Seine Einstellung spiegelte sich auch in der Vielfalt seiner Aktivit\u00e4ten wider. Er vertrat die Gemeinde Schweinrich vor Gericht gegen das Bundesverteidigungsministerium, organisierte viele Protestwanderungen und beteiligte sich an Aktionen zivilen Ungehorsams. Mit anderen zusammen baute er 1996 mitten auf dem Bombodromgel\u00e4nde eine Mahn- und Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr den Frieden auf, die von der Bundeswehr jahrelang unangetastet blieb und zum ,,Wallfahrtsort&#8220; der FREIen HEIDe wurde.<\/p>\n<p>Er war beseelt von dem Traum einer FREIen HEIDe und \u00fcberzeugt vom guten Willen aller, die bereit waren, sich zu engagieren. Er hatte ein Gesp\u00fcr daf\u00fcr, was der Sache in der Region n\u00fctzt und was nicht und mischte sich produktiv in unsere Aktionsvorbereitungen ein. Erst zuh\u00f6rend und oft zun\u00e4chst skeptisch strich er sich \u00fcber seinen Bart und lie\u00df es in seinem Kopf arbeiten. Dann machte er sich die Sache zueigen und entwickelte neue Ideen. Die Dorfgr\u00fcndung (siehe Foto) im Anschluss an das Lebenslautekonzert im Sommer 2000 mit anschlie\u00dfender \u00dcbernachtung auf dem Bombodromgel\u00e4nde war so eine Idee. Sie sollte daran erinnern, dass dieses Dorf an dieser Stelle bis zu seiner Zerst\u00f6rung im 30-j\u00e4hrigen Krieg existiert hatte. Helmuts verbindende Art hat ihm eine gro\u00dfe Beliebtheit beschert und zur produktiven Vielfalt in der BI beigetragen. Roland Vogt sagte einmal in einem Redebeitrag ,,dieses Land braucht mehr Sch\u00f6nbergs und weniger Sch\u00f6nbohms&#8220;.<\/p>\n<p>Helmut wird uns fehlen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir lernten Helmut vor zw\u00f6lf Jahren im Rahmen der antimilitaristischen Sommeraktionstage kennen. Er war uns gegen\u00fcber sehr aufgeschlossen und engagiert. Abgesehen von den guten Bedingungen auf dem Schweinricher Campingplatz am See war diese Begegnung der Grund, warum Schweinrich auch in den Folgejahren zum Ort der Sommeraktionstage wurde. 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