{"id":6332,"date":"2004-07-01T00:00:42","date_gmt":"2004-06-30T22:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6332"},"modified":"2022-07-26T14:15:07","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:07","slug":"den-menschen-die-wahrheit-sagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/07\/den-menschen-die-wahrheit-sagen\/","title":{"rendered":"Den Menschen die Wahrheit sagen"},"content":{"rendered":"<p>Allein die Tatsache, dass dieser Film, der fast ausschlie\u00dflich                 aus Interview-Ausschnitten und Vortr\u00e4gen des inzwischen 75j\u00e4hrigen                 Anarchisten Noam Chomsky besteht, in den Kinos l\u00e4uft, obwohl er                 weder &#8222;Handlung&#8220; hat, noch wirklich ein &#8222;Dokumentarfilm&#8220; ist,                 macht ihn als Projekt auff\u00e4llig. Ein Vergleich mit dem Anspruch                 und der analytischen Sch\u00e4rfe von &#8222;Manufacturing Consent. Noam                 Chomsky und die Medien&#8220; (USA 1994) w\u00e4re von vorneherein unfair,                 dazu sind die beiden Filme \u00fcber Chomsky zu verschieden angelegt.                 Die Aufnahmen stammen gr\u00f6\u00dftenteils aus dem Jahr 2002. <\/p>\n<p>&#8222;Power And Terror&#8220;, den der in Tokio arbeitende amerikanische                 Filmemacher John Junkerman in Japan produzierte, wird im Vorspann                 zwar als zweiteiliger Film (&#8222;vor&#8220; und &#8222;nach&#8220; dem Irakkrieg) angek\u00fcndigt,                 tats\u00e4chlich aber beschr\u00e4nkt sich der zweite Teil auf ein knapp                 zehnmin\u00fctiges Interview.<\/p>\n<p>&#8222;Noam Chomsky &#8211; sold out&#8220; (&#8222;ausverkauft&#8220;) steht auf einem Pappschild                 gleich in der ersten Einstellung des Films. Ein selbstironischer                 Kommentar zu den lose eingestreuten Aufnahmen, die einen am\u00fcsierten                 bis sympathisch genervten Chomsky beim Autogrammschreiben und                 albernen Fototerminen mit den Fans zeigen. Tats\u00e4chlich haben diese                 Szenen aus dem Leben des &#8222;Noam Chomsky Superstar&#8220; etwas Absurdes.<\/p>\n<p>Um so mehr \u00fcberrascht die Leichtigkeit und Selbstverst\u00e4ndlichkeit,                 mit der Chomsky in seinen &#8222;Talks&#8220; die Macht und die M\u00e4chtigen                 herausfordert: &#8222;Der Kapitalismus sei eine gute Idee gewesen&#8220;,                 aber die Menschen h\u00e4tten ja auch mal den Feudalismus f\u00fcr ein gutes                 System gehalten. Der Kapitalismus sei also nichts Besonderes,                 man k\u00f6nnte ja mal etwas &#8222;anderes probieren&#8220;.<\/p>\n<p>Die Begriffe &#8222;power and terror&#8220; durchziehen alle Interviews,                 weil Chomsky den Begriff &#8222;Terror&#8220; anders benutzt als die Mainstream-Medien:                 Er unterscheidet nicht zwischen den Verbrechen Einzelner oder                 denen von Regierungen, nur weil letztere das eine &#8222;Terror&#8220;, das                 andere &#8222;legitime Politik&#8220; nennen. <\/p>\n<p>Dem 11. September schreibt Chomsky tats\u00e4chlich eine historische                 Bedeutung zu: nicht wegen des Ausma\u00dfes der Anschl\u00e4ge, sondern                 weil &#8222;die Opfer die waren, die sie waren&#8220;. F\u00fcr die Menschen im                 S\u00fcden dagegen ist &#8222;Terror&#8220;, also Verbrechen, z.B. durch die USA                 (oder andere Staaten) begangen, allt\u00e4gliche Realit\u00e4t. Wie immer                 belegt Chomsky dies durch eine Unzahl von historischen oder aktuellen                 politischen Beispielen. Es ist dieses scheinbar unersch\u00f6pfliche                 Wissen, das seinen Thesen Glaubw\u00fcrdigkeit verleiht.<\/p>\n<p>\u00dcberraschend vor diesem Hintergrund ist Chomskys allgegenw\u00e4rtiger                 Optimismus: So hebt er auf die Frage, was 9\/11 ver\u00e4ndert habe,                 nicht zuerst die wachsende Repression hervor, sondern das dadurch                 ausgel\u00f6ste kritische Nachdenken \u00fcber die Weltpolitik. Diesen Optimismus,                 dem wohl auch der Film \u00fcberhaupt seine Existenz verdankt, mag                 man nicht immer teilen, Erstaunen ruft er allemal hervor.<\/p>\n<p>Nicht weniger ironisch als der Auftakt werden Zitate \u00fcber Chomsky                 aus den Mainstream-Medien eingestreut, die ihm mal einen platten                 Anti-Amerikanismus, mal Schwarz-Wei\u00df Denken vorwerfen. <\/p>\n<p>Den ersten Vorwurf kontert Chomsky mit einem simplen &#8222;die USA                 sind nicht besonders b\u00f6se&#8220;: Sie begehen die gr\u00f6\u00dferen Verbrechen,                 weil sie die gr\u00f6\u00dfte Macht und deshalb die M\u00f6glichkeit dazu haben.               <\/p>\n<p>Die Macht ist das Problem. Nicht die Akteure, sondern dass \u00fcberhaupt                 jemand Macht besitzt. Diesen &#8222;M\u00e4chtigen die Wahrheit zu sagen&#8220;                 und so den Hofnarren zu spielen (was Chomsky den meisten Intellektuellen                 vorwirft), erscheint ihm als Zeitverschwendung. Seine Absicht                 ist, den &#8222;Menschen die Wahrheit zu sagen, damit sie die Macht                 st\u00fcrzen.&#8220; So knapp kann man in einem Nebensatz die Revolution                 denken.<\/p>\n<p>Dementsprechend versucht Chomsky, eine einfache Sprache zu sprechen,                 einfache Vergleiche zu ziehen, die den Intellektuellen suspekt                 sind. Wie Chomsky selbst setzt der Film auf Diskussion und Gespr\u00e4ch,                 auf die unersch\u00fctterliche \u00dcberzeugung, durch Argumentieren und                 Solidarit\u00e4t die Welt zu ver\u00e4ndern. Deshalb verzichtet Junkerman                 &#8211; anders als z.B. Michael Moore &#8211; v\u00f6llig konsequent auf Bildeffekte                 und konzentriert sich auf die Wirkung der Sprache. <\/p>\n<p>Dass sich &#8222;Power And Terror&#8220; in den Kinos zwischen Action und                 Spezialeffekten die Zeit f\u00fcr ein paar eigentlich recht simple                 Gedanken \u00fcber die Welt und dar\u00fcber, wie man sie ver\u00e4ndern kann,                 nimmt, macht ihn als Film wertvoll genug. Und greift damit eine                 zentrale Aussage Chomskys aus &#8222;Manufacturing Consent&#8220; auf: Das                 gr\u00f6\u00dfte Problem ist, das die Menschen \u00fcberhaupt keine Zeit zum                 Nachdenken haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Allein die Tatsache, dass dieser Film, der fast ausschlie\u00dflich aus Interview-Ausschnitten und Vortr\u00e4gen des inzwischen 75j\u00e4hrigen Anarchisten Noam Chomsky besteht, in den Kinos l\u00e4uft, obwohl er weder &#8222;Handlung&#8220; hat, noch wirklich ein &#8222;Dokumentarfilm&#8220; ist, macht ihn als Projekt auff\u00e4llig. Ein Vergleich mit dem Anspruch und der analytischen Sch\u00e4rfe von &#8222;Manufacturing Consent. 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