{"id":6345,"date":"2004-10-01T00:00:22","date_gmt":"2004-09-30T22:00:22","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6345"},"modified":"2022-07-26T13:31:31","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:31","slug":"leitdivisionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/10\/leitdivisionen\/","title":{"rendered":"Leit(di)visionen"},"content":{"rendered":"<p>Seit Jahren wird das Kernst\u00fcck der neuen deutschen Gro\u00dfmachtambitionen geschaffen: eine mit modernsten Waffensystemen ausger\u00fcstete, global einsatzf\u00e4hige Interventionstruppe. Wichtiger Bestandteil der Umstrukturierung ist der Aufbau so genannter Leitdivisionen.<\/p>\n<p>Eine dieser Divisionen ist die 13. Panzergrenadierdivision mit Sitz in Leipzig. Doch sowohl die radikale Linke, als auch die Friedensbewegung scheren sich bisher nicht sonderlich darum.<\/p>\n<p>In der Leipziger Olbricht-Kaserne warten die SoldatInnen der 13. Panzergrenadierdivision auf ihren Einsatzbefehl.<\/p>\n<p>Dort, im Stadtteil Gohlis, werden im Herbst 2004 die Kriege mit deutscher Beteiligung vorbereitet und angeleitet. Am 15. Mai starteten die ersten 700 SoldatInnen von Leipzig nach Kabul. Sie wurden von der Stadt mit einem feierlichen Zeremoniell verabschiedet.<\/p>\n<p>Dies wird sich in Zukunft \u00f6fter wiederholen. Denn in Leipzig entstand im vergangenen Jahr f\u00fcr gesch\u00e4tzte 40 Millionen Euro eines von f\u00fcnf Schulungs- und Koordinierungszentren f\u00fcr Besatzungstruppen der Bundeswehr.<\/p>\n<p>Bei der 13. Panzergrenadierdivision handelt es sich um eine so genannte Leitdivision.<\/p>\n<p>Diese Divisionen sind ein wichtiger Bestandteil der gegenw\u00e4rtig laufenden Umstrukturierung der Bundeswehr zu einer weltweit einsatzf\u00e4higen Interventionstruppe.<\/p>\n<p>Da sich bei vergangenen Eins\u00e4tzen gezeigt hat, dass die f\u00fcr die fr\u00fchere Blockkonfrontation geschulten deutschen Truppen Schwierigkeiten haben, mit den un\u00fcbersichtlichen Gemengelagen in B\u00fcrgerkriegen umzugehen, werden den Leitdivisionen umfangreiche Schulungsaufgaben auferlegt. In Leipzig bzw. auf dem Truppen\u00fcbungsplatz Altmark in Sachsen-Anhalt lernen SoldatInnen, wie man Hausdurchsuchungen durchf\u00fchrt, Demonstrationen aufl\u00f6st und auch bei tropischer Hitze einen k\u00fchlen Kopf beh\u00e4lt. Doch die Hauptaufgabe der Leitdivision besteht darin, die Truppe zu koordinieren und mit Personal zu best\u00fccken.<\/p>\n<p>Auslandseins\u00e4tze bringen enorme Belastungen f\u00fcr die beteiligten SoldatInnen mit sich, weswegen diese halbj\u00e4hrlich ausgewechselt werden. Damit die Rotation von Truppenteilen nicht zum Chaos f\u00fchrt, wurden die beteiligten Einheiten an zentralen Standorten zu Leitdivisionen zusammengefasst. Im Einzelnen sind das die Panzerdivisionen in Hannover, in D\u00fcsseldorf und Sigmaringen sowie die Panzergrenadierdivisionen in Leipzig und Neubrandenburg.<\/p>\n<p>Von Leipzig werden SoldatInnen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Th\u00fcringen und Bayern nach Afghanistan und auf den Balkan geschickt. Nach dem &#8218;humanit\u00e4ren&#8216; Dienst wird die Truppe in den folgenden zwei Jahren f\u00fcr kommende Eins\u00e4tze geschult, bis die Funktion der Leitdivision wieder nach Leipzig wechselt.<\/p>\n<p>Mit diesen Leitdivisionen sollen die Einsatzm\u00f6glichkeiten der fr\u00fcher auf die Landesverteidigung ausgerichteten Bundeswehr effektiviert und ausgeweitet werden. Unter dem Motto, &#8218;die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt&#8216;, erlebt die Bundeswehr ihre tiefstgreifende Umstrukturierung seit ihrer Gr\u00fcndung. Seit Mai 2003 ist in den neuen Verteidigungspolitischen Richtlinien verbindlich festgeschrieben: &#8218;Um seine Interessen und seinen internationalen Einfluss zu wahren (\u2026), stellt Deutschland (\u2026) Streitkr\u00e4fte bereit.&#8216;<\/p>\n<p>Deutschland wird in den Richtlinien vor allem als Ziel von Bedrohungen dargestellt. Kein Wort dar\u00fcber, dass deutsche Politik urs\u00e4chlich mitverantwortlich f\u00fcr diese Gef\u00e4hrdungen ist. Deutlich wird aber auch, dass es um Wirtschaftsinteressen geht, die milit\u00e4risch durchgesetzt werden sollen, denn &#8218;die deutsche Wirtschaft ist aufgrund ihres hohen Au\u00dfenhandelsvolumens und der damit verbundenen (\u2026) Abh\u00e4ngigkeit von empfindlichen Transportwegen (\u2026) zus\u00e4tzlich verwundbar&#8216;.<\/p>\n<p>Aus der Schlussfassung der Verteidigungspolitischen Richtlinien wurde zwar das im Entwurf enthaltene Konzept des Pr\u00e4ventivkrieges gestrichen, die gew\u00e4hlte Formulierung l\u00e4sst aber viele Interpretationen zu: &#8218;Die sicherheitspolitische Lage erfordert eine auf Vorbeugung und Eind\u00e4mmung von Krisen und Konflikten zielende Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die das gesamte Spektrum sicherheitspolitisch relevanter Instrumente und Handlungsoptionen umfasst.&#8216;<\/p>\n<p>Die Bundeswehr ist diesen Anforderungen bereits nachgekommen, die Reform ist in vollem Gange. 130.000 SoldatInnen sind insgesamt f\u00fcr Auslandseins\u00e4tze vorgesehen. Derzeit beteiligt sich Deutschland mit 7.640 SoldatInnen an Eins\u00e4tzen in der ganzen Welt, mehr bieten nur die USA auf. Den Gro\u00dfteil stellt das Heer. Als <em>Eingreifkr\u00e4fte<\/em> stehen eine Division f\u00fcr Luftbewegliche Operationen und die Division Spezielle Operationen bereit. Teil der letztgenannten ist auch das Kommando Spezialkr\u00e4fte (KSK), das im Krieg in Afghanistan eingesetzt wurde. Die Leitdivisionen dienen als so genannte <em>Stabilisierungskr\u00e4fte<\/em> f\u00fcr l\u00e4ngerfristige Eins\u00e4tze.<\/p>\n<h3>Wie verh\u00e4lt man sich in Leipzig dazu?<\/h3>\n<p>In der Stadt, in der w\u00e4hrend des Irakkrieges Woche f\u00fcr Woche Zehntausende zu den Montagsdemonstrationen gingen und die in den Medien zur Hauptstadt der Friedensbewegung gemacht wurde, herrscht angesichts des Ausbaus zur deutschen Interventionszentrale Desinteresse und Schweigen. Ein Gro\u00dfteil der LeipzigerInnen sieht in den Stadtoberen wahre Friedensengel. So durfte Oberb\u00fcrgermeister Wolfgang Tiefensee (SPD) zu Beginn des Irakkriegs auf den Montagsdemonstrationen gegen die USA wettern und gleichzeitig das friedliebende Wesen der Stadt preisen. Unterdessen trieb sein Parteifreund, Verteidigungsminister Peter Struck (SPD), die Aufr\u00fcstung der Bundeswehr zur weltweit einsatzf\u00e4higen Armee voran.<\/p>\n<p>Tiefensee hatte auch kein Problem damit, bei der Olympiabewerbung Leipzigs und vor den anstehenden 15-Jahr-Feiern der Wende 1989 das Phantom der &#8218;friedlichen Revolution&#8216; zu beschw\u00f6ren, w\u00e4hrend sich die SoldatInnen in der Olbricht-Kaserne auf die n\u00e4chsten Auslandseins\u00e4tze vorbereiten. In Leipzig stehen das Milit\u00e4r und die Regierenden Seite an Seite. &#8218;Die Olbricht-Kaserne liegt nicht nur im Herzen der Stadt, sie liegt den B\u00fcrgern auch am Herzen&#8216;, sagte Tiefensee der <em>Leipziger Volkszeitung<\/em>.<\/p>\n<p>Doch auch linke Gruppen haben sich bisher kaum mit den Kriegsstrukturen vor ihrer Haust\u00fcr auseinandergesetzt. Ihre Zusammenarbeit w\u00e4hrend des Irakkrieges zerbrach bald danach an inhaltlichen Differenzen. Insbesondere \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zur Friedensbewegung stritt das B\u00fcndnis, das linksradikale Antikriegsarbeit leisten wollte. Es fiel sp\u00e4ter unter anderem wegen der entt\u00e4uschten Hoffnung auf eine linke Intervention in die Friedensbewegung in Lethargie und scheiterte j\u00fcngst bei dem Versuch, KriegsgegnerInnen zur St\u00f6rung des ersten Truppenauszugs aus Leipzig zu bewegen. Die Bundeswehr in Leipzig bleibt bei ihren Kriegsvorbereitungen vorerst ungest\u00f6rt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Jahren wird das Kernst\u00fcck der neuen deutschen Gro\u00dfmachtambitionen geschaffen: eine mit modernsten Waffensystemen ausger\u00fcstete, global einsatzf\u00e4hige Interventionstruppe. Wichtiger Bestandteil der Umstrukturierung ist der Aufbau so genannter Leitdivisionen. Eine dieser Divisionen ist die 13. Panzergrenadierdivision mit Sitz in Leipzig. Doch sowohl die radikale Linke, als auch die Friedensbewegung scheren sich bisher nicht sonderlich darum. 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