{"id":6368,"date":"2004-10-01T00:00:43","date_gmt":"2004-09-30T22:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6368"},"modified":"2022-07-26T14:15:07","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:07","slug":"mehr-als-eine-biografie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/10\/mehr-als-eine-biografie\/","title":{"rendered":"Mehr als eine Biografie"},"content":{"rendered":"<p>Facettenreich hat sie zusammengetragen, was sich in den Jahren zwischen Hardeggers Geburt 1882 bis zu ihrem Tode 1963 zugetragen hat.<\/p>\n<p>Entstanden ist ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Buch \u00fcber eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Frau.<\/p>\n<p>Zahlreiche Dokumente und Fotografien vervollst\u00e4ndigen die &#8222;Biografie mit Bildern&#8220; (S. 11). Wer war die Frau, die nicht nur f\u00fcr freie Liebe eintrat, sondern sie auch selbst praktizierte, die sich ihre Liebhaber selbst ausgesucht hat und schon zu Lebzeiten bestimmte, dass der Antiquar Theo Pinkus nach ihrem Tode 880 kg B\u00fccher und Brosch\u00fcren bekommen sollte? Eigentlich waren es noch mehr, aber sie hatte sie selbst &#8222;anderthalb Jahre in Regen und Schnee ungesch\u00fctzt drau\u00dfen&#8220; stehen gelassen. Das f\u00fchrte wohl dazu, dass &#8222;1600 kg Zeitungen&#8220; der Papierfabrik und &#8222;4 Lastwagenanh\u00e4nger voll Kehricht&#8220; nach Avegno in die M\u00fcllabfuhr gebracht werden mussten (S. 130).<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Anfang.<\/p>\n<p>Margarethe Hardeggers Gro\u00dfmutter war ein Findelkind, das beinahe durch den Hammer des Schlosserlehrlings auf dem Amboss, auf dem es abgelegt worden war, erschlagen worden w\u00e4re. Weil sie ein Kind der S\u00fcnde war, nannte man sie nach Magdalena, der S\u00fcnderin. Und da sie unter dem Hammer lag, erhielt sie als Nachnamen den Namen dieses Werkzeugs. So begann Margarethe Hardeggers Familiengeschichte, um die sich noch viele andere mysteri\u00f6se Geschichten ranken. Margarethe war das einzige leibliche Kind ihrer Eltern, bekam aber im Alter von f\u00fcnf Jahren einen Pflegebruder namens Ernst, den Sohn einer russischen J\u00fcdin und Anarchistin. Ihre Mutter, Anna Susanna Hardegger, arbeitete bis ins hohe Alter als Hebamme, betrieb ein privates Entbindungsheim und setzte sich f\u00fcr Frauenbelange ein, indem sie vor allem die Besserstellung der ledigen M\u00fctter forderte. Bereits 1898 soll sie eine Petition eingereicht haben, mit dem Inhalt, ledige M\u00fctter nicht mehr als Fr\u00e4ulein, sondern als Frau anzureden.<\/p>\n<p>Margarethe soll bei der Unterschriftensammlung ihrer Mutter kr\u00e4ftig mitgesammelt haben.<\/p>\n<p>Die Tochter aus &#8222;einer richtigen kleinb\u00fcrgerlichen Kleinfamilie&#8220; (S. 17) wurde sp\u00e4ter die erste Arbeiterinnensekret\u00e4rin der Schweiz, die Geliebte zahlreicher Intellektueller und Anarchisten, die K\u00e4mpferin gegen den Faschismus und f\u00fcr den Frieden, die die Welt ver\u00e4ndern wollte, die den Sozialismus hier und jetzt f\u00fcr machbar hielt und selbst abseits von Konventionen ein alternatives Leben f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Sie bezeichnete sich als Sozialistin, doch sie war auch Idealistin und Anarchistin.<\/p>\n<p>Sie wollte sich auf keine genau Definition festlegen lassen, weil sie auf den fernen Tag hoffte, an dem sich all die Splittergruppen zusammenschlie\u00dfen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst wurde sie Telefonistin, holte dann die Matura nach und studierte Jurisprudenz, verliebte sich w\u00e4hrenddessen in einen Jurastudenten und wurde 22j\u00e4hrig, im ersten Semester, schwanger. Sie konnte ihre Dissertation zum Thema &#8222;Die Abtreibung in der Schweiz&#8220; wegen mangelnder Finanzen nicht ver\u00f6ffentlichen, unterst\u00fctzte aber ihren Freund, der in die sozialdemokratische Partei eintrat, bei dessen Dissertation. Der Vater, obwohl er ihre Idee der freien Liebe teilte, dr\u00e4ngte auf eine Heirat. Margarethe gebar Olga, ein rothaariges Sonntagskind, organisierte Arbeiterinnen und einen Fabrikarbeiterinnenstreik und bekam eine zweite Tochter Lisa, die ihr sp\u00e4ter viele Sorgen bereitete. Als erste Sekret\u00e4rin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes widmete sie ihre volle Arbeitskraft dem Engagement f\u00fcr die Arbeiterbewegung. Sie reiste viel, hielt au\u00dferordentliche Reden und gr\u00fcndete mehrere Gewerkschaften. Es dauerte nicht lange, bis sie als unzuverl\u00e4ssig galt, wahrscheinlich wegen ihrer zeitlichen und gesundheitlichen \u00dcberforderung durch Beruf und Kinder und durch einen abwesenden Vater, m\u00f6glicherweise aber auch wegen ihrer anarchistischen Umtriebe. Anderthalb Jahre nach ihrem Stellenantritt erhielt sie die K\u00fcndigung. Erst als die Arbeiterinnenvereine diese nicht akzeptieren wollten, weil sie vermuteten, dass sie sich offensichtlich &#8222;mehr gegen das Geschlecht als die Person richtet&#8220; und sich auch ein namhafter Kollege und &#8222;die Arbeiterschaft in der Westschweiz&#8220; (S. 33) f\u00fcr sie einsetzten, wurde die K\u00fcndigung zur\u00fcckgenommen. Margarethe Hardegger setzte ihre Arbeit fort und gr\u00fcndete zudem eine Arbeiterinnenzeitung: &#8222;Die Vork\u00e4mpferin&#8220;. 1907 traf die Anarchistin bei der Internationalen Konferenz der Sozialistischen Frauen unter vielen anderen auch Rosa Luxemburg, Clara Zetkin und Alexandra Kollontaj und k\u00e4mpfte fortan vehement f\u00fcr das Frauenstimmrecht.<\/p>\n<p>Margarethe Hardegger hielt &#8222;nichts von Gewalt, von Bomben und Gewehren&#8220;, sie wollte ihr Ziel einer &#8222;umfassenden Emanzipation&#8220; gewaltfrei erreichen. Sie unterst\u00fctzte &#8222;Abstinenz, Frauenbelange, Freidenkerthemen, Geburtenregelung&#8220; durch die allgemeine Verf\u00fcgbarkeit von Verh\u00fctungsmitteln (S. 38). Nachdem ihr Mann sie verlassen hatte, war ihre Stelle erneut bedroht, weil die Klagen \u00fcber den zu progressiven Inhalt der &#8222;Vork\u00e4mpferin&#8220; und ihrer Reden zunahmen. Sie wandte sich nun offen anarchistischen Kreisen zu, verliebte sich in den &#8222;lieben Kameraden&#8220; Gustav Landauer und arbeitete im Sozialistischen Bund mit. Die durch sie gegr\u00fcndete Berner Gruppe erhielt den Namen ihrer Gro\u00dfmutter, dem Findelkind &#8222;Hammer&#8220;. Im Januar 1909 wurde ihre Stelle beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund definitiv gek\u00fcndigt. Eine neue Besch\u00e4ftigung war nicht in Sicht. Diesmal war der K\u00fcndigungsgrund deutlich: &#8222;weil man ihre Anschauungen f\u00fcr sch\u00e4dlich h\u00e4lt&#8220; (S. 45). Gemeinsam mit Gustav Landauer gab sie nun die Zeitschrift &#8222;Der Sozialist&#8220; heraus und belebte die Netzwerke der anarchistischen Szene in der Schweiz und im Ausland neu. Sie teilte mit Erich M\u00fchsam, Arthur Ludwig und anderen Anarchisten &#8222;Meinungen und Lager&#8220; (S. 48) und wurde mehrmals verhaftet. Unter anderem kam sie wegen &#8222;Beihilfe zur Abtreibung&#8220; 1915 in eine &#8222;Zwangsanstalt f\u00fcr Weiber&#8220; und musste Milit\u00e4rzelte n\u00e4hen. Ein Hohn f\u00fcr eine Antimilitaristin. Drau\u00dfen tobte der Erste Weltkrieg.<\/p>\n<p>Ina Boesch berichtet ausf\u00fchrlich \u00fcber die zweifelsohne wichtigsten Passagen aus Margarethe Hardeggers &#8222;Gegenleben&#8220;, in denen sie Neues aufbaut: eine Kommune mit gemeinsamer Kasse und gemeinsamer Gesinnung, mit Sofaecke und Leseclub, die Intellektuelle und Handwerker ebenso vereinte wie heimatlose Kriegsdienstverweigerer; pedantisch \u00fcberwacht von der Polizei. Sie plante die Gr\u00fcndung einer gr\u00f6\u00dferen anarchistischen Kolonie, scheiterte &#8211; wie \u00f6fter in ihrem Leben, aber gab niemals auf. W\u00e4hrend Landauer und M\u00fchsam nach Ende des Krieges in Bayern die Ordnung auf den Kopf stellten, startete sie einen neuen Siedlungsversuch und brach damit wieder ein. Ihre &#8222;Seele (fiel) in Ohnmacht&#8220;, als sie die Nachricht von der Ermordung des Geliebten Gustav Landauer erhielt. In Erinnerung an ein Zitat des Freundes: &#8222;Sozialismus ist die Willenstendenz geeinter Menschen, um eines Ideals willen Neues zu schaffen&#8220;, begann sie wieder mit dem Aufbau einer Kommune. Auch dieser dritte und letzte Versuch, im Sinne von Landauer zu siedeln, ist fehlgeschlagen. Mitten in der gro\u00dfen Depression der 30er Jahre baute sie mit ihrem Gef\u00e4hrten Hans Brunner, ihrer Tochter Olga und ihrem Schwiegersohn ein Haus mit einer Schreinerei und einer Autowerkstatt. Beide Betriebe konnten sich nur m\u00fchsam \u00fcber Wasser halten und mussten schlie\u00dflich aufgegeben werden. Den Kampf um eine freiere Gesellschaft hat Margarethe Hardegger jedoch trotz vieler politischer und pers\u00f6nlicher Niederlagen bis zu ihrem Tode nicht aufgegeben. Noch in hohem Alter beteiligt sie sich an den Osterm\u00e4rschen der Atomwaffengegnerinnen und -gegner.<\/p>\n<p>Das Buch handelt auch von anderen Akteurinnen und Akteuren aus der anarchistischen Szene, z.B. von Erich M\u00fchsam, der nach der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten im KZ Oranienburg umgebracht wurde, und von Zenzl M\u00fchsam, die auf der Welt weiter wandern musste, um den Nachlass von Erich M\u00fchsam zu retten und die im Herbst 1939 in den Gulag geschickt und schlie\u00dflich nach Sibirien verbannt wurde. Man erf\u00e4hrt auch \u00fcber andere widerst\u00e4ndige Individuen Interessantes. Die Zusammenh\u00e4nge zwischen den unterschiedlichen Lebensgeschichten w\u00e4hrend verschiedener Epochen sind dennoch nicht immer klar erkennbar. Eher \u00fcberfl\u00fcssig erscheinen die ins Psychologisierende abschweifenden Interpretationen der Photos, hier w\u00e4ren knappe Erkl\u00e4rungen n\u00fctzlicher gewesen.<\/p>\n<p>Ina Boesch hat allerdings auch mehr als eine Biografie geschrieben. Der Teil II des Buches behandelt die politischen B\u00fchnen von Margarethe Hardegger. Schlie\u00dflich war sie in \u00fcber zwanzig Organisationen aktiv, von denen viele heute kaum mehr bekannt sind. Auf den meisten hatte sie nur einen eher marginal zu nennenden Auftritt. Gleichwohl spielte sie eine wichtige Rolle, weil sie versuchte, die verschiedenen politischen Kr\u00e4fte miteinander zu vereinen. Die Autorin nennt das &#8222;das Paradox von Marginalit\u00e4t und Integration&#8220; (S. 9). Ina Boesch skizziert nicht nur die Organisationen, sondern setzt die Biografie und die Aktionsfelder zueinander in Beziehung, indem sie sie durch Querverweise miteinander verschr\u00e4nkt. So schafft sie eine Biografie, die als Hypertext angelegt ist; zwischen zwei Buchdeckeln, nicht im elektronischen Sinn, sondern als Lesebuch.<\/p>\n<p>Insgesamt ist Ina Boesch ein informatives Lesebuch \u00fcber eine Frau gelungen, die in kein Kategorienschema der Geschichtsforschung noch der Frauenbewegung passt. Es beschreibt eine Frau, die in einer Zeit gelebt hat, wo es un\u00fcblich war, dass Frauen sich \u00fcberhaupt politisch \u00e4u\u00dferten, eine Frau, die ein selbstbewusstes Leben f\u00fchrte und der Freiheit und Frieden auf der Welt genauso wichtig waren, wie die pers\u00f6nliche Unabh\u00e4ngigkeit. Angesichts zunehmender sozialer und geschlechtsspezifischer Ungleichheiten und kriegerischer Bedrohung, aber auch angesichts zunehmender Idealisierung von b\u00fcrgerlichen Kleinfamilienformen verdient eine solche Biografie viele Leserinnen und Leser, denn sie zeigt gelebte Perspektiven auf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Facettenreich hat sie zusammengetragen, was sich in den Jahren zwischen Hardeggers Geburt 1882 bis zu ihrem Tode 1963 zugetragen hat. Entstanden ist ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Buch \u00fcber eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Frau. Zahlreiche Dokumente und Fotografien vervollst\u00e4ndigen die &#8222;Biografie mit Bildern&#8220; (S. 11). 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