{"id":6371,"date":"2004-10-01T00:00:30","date_gmt":"2004-09-30T22:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6371"},"modified":"2022-07-26T12:59:02","modified_gmt":"2022-07-26T10:59:02","slug":"machbarkeitswahn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/10\/machbarkeitswahn\/","title":{"rendered":"Machbarkeitswahn"},"content":{"rendered":"<p>Die neun Autorinnen dieser Textsammlung, feministisch orientierte Aktivistinnen und Wissenschaftlerinnen aus Bereichen der Natur- und Gesellschaftswissenschaften, warnen vor den fatalen Auswirkungen der konkreten Umsetzung der neuen Technologien der Biomedizin. &#8222;Generations- und Geschlechterverh\u00e4ltnisse k\u00f6nnen k\u00fcnftig vom Labor aus umstrukturiert und neu geschaffen werden.&#8220; (S. 50) Sowohl f\u00fcr die Betreiber als auch f\u00fcr die KonsumentInnen ist die Biomacht &#8222;produktiv&#8220; geworden, darin liegt wohl ihr Anreiz, meint Lisbeth N. Trallori in ihrem Essay &#8222;Nieder mit den Technopatriarchat! &#8211; Hintergr\u00fcnde einer Revue unerf\u00fcllter Desiderata&#8220; (S. 43-54).<\/p>\n<p>Trallori stellt die interessante Frage, weshalb der Frauenwiderstand gegen den Machbarkeitswahn der neuen Gen- und Reproduktionstechnologien so stark zur\u00fcckgegangen ist.<\/p>\n<p>Denn in der Zeit vor dem Manifestwerden der Neuen Technologien (seit Beginn der 90er Jahre) hatte sich die Neue Frauenbewegung um die Auseinandersetzungen und Verwirklichung der Selbstbestimmungsrechte der Frauen konstatiert. Es ging um den gewaltlosen, entschiedenen Kampf f\u00fcr eine souver\u00e4ne, k\u00f6rperliche und soziale Unabh\u00e4ngigkeit. Dieses war au\u00dferdem eine deutliche Kampfansage der Frauen gegen die Politik der Biologisierung. &#8222;Sie protestierten gegen ihre Vereinnahmung als &#8222;Geb\u00e4rmaschinen&#8220; und zogen in die Schlacht gegen die biologistischen Zuschreibungen und reproduktiven Normen, gegen Kirche, Staat, Medizin und (Ehe) M\u00e4nner.&#8220; (S. 44) Sie wandten sich gegen jegliche Diskriminierungen, k\u00e4mpften gegen das Abtreibungsverbot und traten f\u00fcr die Entkriminalisierung von Frauen ein. Der Slogan &#8222;Ob Kinder oder keine, entscheiden wir alleine!&#8220; tangiert in Bezug auf eine befreite und zugleich selbstverantwortete Sexualit\u00e4t und Lebensplanung die Abl\u00f6sung von den Vorstellungsmustern der &#8222;Zwangsmutterschaft&#8220; innerhalb der patriarchalischen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Warum kam es dennoch zur Aufspaltung und technologischen Unterh\u00f6hlung der politischen Selbstbestimmungsrechte?<\/p>\n<p>Die Reproduktionsmediziner traten vornehmlich im Namen des weiblichen Selbstbestimmungsrechts auf. Das fand\/findet bei vielen Frauen Anklang. Zwar war die juristische Bastion der &#8222;Zwangsmutterschaft&#8220;, zu dem Zeitpunkt der Manifestierung der Neuen Reproduktionstechnologie weitgehend gefallen. Aber es hatte sich zugleich eine andere Strategiedebatte innerhalb der Frauenbewegung herausgebildet. Diese besagte, dass &#8222;f\u00fcr die Frauenbefreiung eine technologische Auslagerung von Schwangerschaft und Geburt aus dem K\u00f6rper letztendlich notwendig w\u00e4re.&#8220; (S. 45) Es bildete sich innerhalb der Frauenbewegung eine Gegenstr\u00f6mung heraus. Die Neuen Reproduktionstechnologien wurden von vielen nun als eine M\u00f6glichkeit begr\u00fc\u00dft, die Frauen g\u00e4nzlich &#8222;von der Tyrannei der Fortpflanzung zu befreien&#8220;. Diese diametralen Strategieentwicklungen innerhalb der Bewegung trugen in einem nicht unerheblichen Ma\u00dfe dazu bei, dass die Vorherrschaft des Technopatriarchats sich gesellschaftlich, strukturell stark befestigen konnte.<\/p>\n<h3>Sozialdarwinismus &#8211; im Gewande der (Bio)Ethik<\/h3>\n<p>Mittlerweise ist in das g\u00e4ngige Alltagsverst\u00e4ndnis der Menschen die &#8222;Macht der Normalisierung&#8220; eingedrungen. Die Biowissenschaften definieren die Kriterien f\u00fcr die pr\u00e4natale und postnatale Daseinsberechtigung. &#8222;Pr\u00e4vention hei\u00dft das Gebot der Stunde, dem sich niemand entziehen kann.&#8220; (S. 51)<\/p>\n<p>Unrentables Leben gilt nicht als erstrebenswert; d.h. die Vermeidung eines Lebens mit Behinderungen wird forciert. Dies trifft auf allgemeinen gesellschaftlichen Konsens, zumal prim\u00e4r eine &#8222;\u00f6konomisch vorteilhafte, leidfreie Existenz angestrebt wird &#8230; Qualitative Normen des Nachwuchses sollen durch ein genetisches Check-up gew\u00e4hrleistet werden.&#8220; (S. 51) Diese Politik der Selektion befestigt au\u00dferdem die Verortungen der unterschiedlichen Kategorisierungen von Menschen. &#8222;Lebens- und fortpflanzungsw\u00fcrdig ersten Grades sind die Angeh\u00f6rigen der oberen und mittleren Klassen wei\u00dfer Hautfarbe in den Metropolen. Ihnen kommen die medizinischen Fortschritte der Genforschung zugute&#8230;&#8220; (Ingrid Strobl, Gentechnologie: Instrument der Auslese, zit. b. Trallori, S. 51) &#8211; Im Gegensatz zu der Rassenhygiene im NS-Staat wird die selektive Entscheidung \u00fcber das, was als &#8222;lebenswert&#8220; oder &#8222;nicht-lebenswert&#8220; definiert wird, individualisiert und auf die zellul\u00e4re Ebene vor-verlagert. &#8222;Verantwortliches Handeln&#8220; f\u00fcr die Einzelnen bedeutet vorrangig, dass sie die Gesellschaft keineswegs mit &#8222;falschen Genen&#8220;, mit Krankheiten oder einem &#8222;mangelhaften&#8220; Nachwuchs belasten d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Gibt es kein Entrinnen aus diesem Labyrinth der Herrschaft des Technopatriarchats? Diese Frage wird m.E. von den Autorinnen zu wenig ber\u00fccksichtigt. Hinsichtlich der Analyse und systemkritischen Auseinandersetzung &#8211; mit dem Ziel die Konstellationen der Biomacht und die Politik der Selektion zu entmythologisieren &#8211; hat dieses Buch eindeutig seinen qualitativen Charakter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die neun Autorinnen dieser Textsammlung, feministisch orientierte Aktivistinnen und Wissenschaftlerinnen aus Bereichen der Natur- und Gesellschaftswissenschaften, warnen vor den fatalen Auswirkungen der konkreten Umsetzung der neuen Technologien der Biomedizin. &#8222;Generations- und Geschlechterverh\u00e4ltnisse k\u00f6nnen k\u00fcnftig vom Labor aus umstrukturiert und neu geschaffen werden.&#8220; (S. 50) Sowohl f\u00fcr die Betreiber als auch f\u00fcr die KonsumentInnen ist die &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/10\/machbarkeitswahn\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Machbarkeitswahn - graswurzelrevolution","description":"Die neun Autorinnen dieser Textsammlung, feministisch orientierte Aktivistinnen und Wissenschaftlerinnen aus Bereichen der Natur- und Gesellschaftswissenschafte"},"footnotes":""},"categories":[390,44,1038],"tags":[],"class_list":["post-6371","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-292-oktober-2004","category-bucher","category-kleine-unterschiede"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6371","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6371"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6371\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6371"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6371"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6371"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}