{"id":6373,"date":"2004-10-01T00:00:51","date_gmt":"2004-09-30T22:00:51","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6373"},"modified":"2022-07-26T14:15:06","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:06","slug":"kleine-geschichten-der-grosen-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/10\/kleine-geschichten-der-grosen-revolution\/","title":{"rendered":"Kleine Geschichten der gro\u00dfen Revolution"},"content":{"rendered":"<p>Somit k\u00f6nnen wir dankbar sein, wenn sich der alte Herr des Anarchismus auf seine Socken begibt und uns auf Vortragsreisen seine Erlebnisse vermittelt, wie im Sommer dieses Jahres.<\/p>\n<p>ZeitzeugInnen werden rar, das liegt leider in der Natur der Sache. Um so verdienstvoller ist es, dass drei der Organisatoren einer Abel-Paz-Veranstaltung sich daran gemacht haben, diese Rundreise zu dokumentieren. Nach dem Zeitzeugengespr\u00e4ch in M\u00fcnster scheuten Bernd Dr\u00fccke, Luz Kerkeling und Martin Baxmeyer keine M\u00fche, um an Tonb\u00e4nder, Interviews und andere Dokumente zu kommen, diese akribisch zu \u00fcbersetzen, zu transkribieren und im Verlag &#8222;Edition AV&#8220; als Sammelband zu publizieren. Herausgekommen ist ein sehr pers\u00f6nlicher Band zur spanischen Revolution, der die vorhandene Literatur hierzu sinnvoll erg\u00e4nzt.<\/p>\n<p>Es wimmelt von Anekd\u00f6tchen, eigenen Einsch\u00e4tzungen, Kommentierungen. Eben das, was von Zeitzeugengespr\u00e4chen erwartet wird: kein geschlossenes Bild, sondern pers\u00f6nliche Blickwinkel. Diese k\u00f6nnen einem nicht immer gefallen; und ob beim Zuh\u00f6ren oder beim Lesen dieses Bandes &#8211; oft hebt sich da die vulkanische Augenbraue bei einer Einsch\u00e4tzung, die man schon mal anders gelesen hat oder selber f\u00fcr unwahrscheinlich h\u00e4lt. Etwa wenn Abel Paz betont, wie anarchistisch der &#8222;Spanier an sich&#8220; sei und das quasi von Natur aus. F\u00fcr den 83-J\u00e4hrigen ist die Revolution von 1936 die notwendige Konsequenz aus der Geschichte Spaniens (S.41). &#8222;Stolz und Widerstand sind typisch spanische Eigenschaften. Bei uns ist die Anarchie eine <em>nat\u00fcrliche<\/em> [Hervorhebung von T.W.] Haltung, die aus der Rebellion gegen die Ungerechtigkeit entsteht.&#8220; (S.51)<\/p>\n<p>Aus den Ereignissen der spanischen Revolution w\u00e4chst in Paz eine tiefe Abneigung gegen alles, was als marxistisch gilt.<\/p>\n<p>Dies gilt leider nicht nur f\u00fcr die Marxisten-Leninisten jener und dieser Zeit, sondern f\u00fcr die gesamte Theorie: f\u00fcr Paz nichts als &#8222;Ideologie&#8220;, w\u00e4hrend der Anarchismus reine Praxis sei: die Umkehrung des marxistischen Vorurteils gegen den Anarchismus. Daraus entsteht auch eine allzu positive Beurteilung der Methoden der anarchosyndikalistischen Revolution, die unhinterfragt bleibt. Auff\u00e4llig ist das etwa bei der Art des Wirtschaftens: &#8222;Wir haben den Dingen einen Wert gegeben, der nichts mit dem marxistischen Wertbegriff zu tun hatte und auch mit dem kapitalistischen nicht. Wir haben eine W\u00e4hrung eingef\u00fchrt, die niemand zu Geld machen konnte und die an sich v\u00f6llig wertlos war: die Gutscheine. [&#8230;] Wenn du woanders einen Kaffee trinken wolltest, hast du mit Gutscheinen bezahlt.<\/p>\n<p>Aber das war kein Geld. Es war eine Form der Kontrolle.&#8220; (S.49)<\/p>\n<p>Nun ist aber der &#8222;marxistische Wertbegriff&#8220; nichts anderes als die Beschreibung des &#8222;kapitalistischen&#8220; Wertes, somit eine unsinnige Differenzierung. Eine &#8222;W\u00e4hrung&#8220; kann zu nichts anderem gut sein, als diesen Wert zu messen, und ist damit Geld. Und dieses kann per definitionem nicht &#8222;wertlos&#8220; sein, zumindest nicht weniger als jedes andere Geld. An anderer Stelle dagegen \u00fcberrascht Paz mit einem positiven Bezug auf marxistisches Vokabular, das ich unterstreichen m\u00f6chte, weil es sich um eine Begrifflichkeit handelt, die von anarchistischer Seite oft fehlinterpretiert wurde und als Argument &#8211; m.E. unberechtigterweise &#8211; f\u00fcr den Autoritarismus von Marx selber herhalten muss: &#8222;In Ungarn beispielsweise wurde 1956, in Prag 1968 jede revolution\u00e4re Bewegung innerhalb des sowjetischen Machtbereichs vehement unterdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Durch eine staatliche Diktatur, die nichts mit der Diktatur zu tun hatte, die man damals &#8218;Diktatur des Proletariats&#8216; nannte.&#8220; (S.71)<\/p>\n<p>Ebenfalls aufschlussreich sind Paz&#8216; Begr\u00fcndungen f\u00fcr den feministischen Emanzipationscharakter der spanischen Revolution. Im Vergleich zu fr\u00fcheren Zeitzeugengespr\u00e4chen hat Paz dazugelernt, denn der Feminismus schien ihm immer eher ein Gr\u00e4uel zu sein. In vorliegender Publikation unterstreicht er dagegen die Rolle der Frau. Dabei kommt es allerdings zu seltsamen Stilbl\u00fcten: &#8222;Ich erinnere mich an den verteidigungspolitischen Berater der Generalit\u00e4t. Jeden morgen stand seine Frau [sic! T.W.] in der Schlange, um ihre Ration Brot zu bekommen, obwohl er, bei seinem Posten, h\u00e4tte verlangen k\u00f6nnen, dass man ihm das Brot nach Hause bringt. Anders ausgedr\u00fcckt: die Gleichheit war kein Mythos, sie war Realit\u00e4t.&#8220; (S.43) Oder, in einem anderen Interview: &#8222;In der zweiten Phase, wo die Revolution zum Krieg wurde, da haben die Frauen nicht mehr an der Front gek\u00e4mpft, aus dem einfachen Grund, dass die Frauen hygienischer, sauberer sind, und die Front ist sehr dreckig.&#8220; (S.77) Letztendlich dreht Abel Paz die Verh\u00e4ltnisse um und zitiert traditionelle Geschlechterrollen als Aspekt der Befreiung: &#8222;Es ist so, dass die Frauen, die schon damals schlauer waren als die M\u00e4nner, sich sozial sozusagen einen 6. Sinn angeeignet haben und durch eine bestimmte Art und Weise der Unterw\u00fcrfigkeit, die sie dann dem Mann gegen\u00fcber an den Tag legen mussten, trotzdem Kontrolle \u00fcber den Mann in vielen Bereichen, vor allem im h\u00e4uslichen Bereich usw., entwickeln und erhalten konnten.&#8220; (S.79) Der Haushalt ist der Frau also nicht mehr zugeordnet, weil sie besser putzen kann o.\u00e4., sondern weil sie schlauer ist? Soso&#8230;<\/p>\n<p>Abel Paz hat aber auch viele spannende Dinge zu berichten, die einem und einer die spanische Revolution einleuchten lassen. Das Gef\u00fchl, dass hier etwas Gro\u00dfes geschehen ist und wie es geschehen konnte, vermittelt er hervorragend durch die kleinen Geschichten der gro\u00dfen Revolution. Er beschreibt die Stimmung, die Barcelona und das freie Spanien 1936 befl\u00fcgelt haben m\u00fcssen, und nennt die Ursachen: &#8222;Es war de facto die j\u00fcngste Revolution der Weltgeschichte. Der Altersdurchschnitt lag zwischen 17 und 22 Jahren.&#8220; Manchmal wird der Wissenschaftsgegner Paz nahezu analytisch, wenn er etwa begr\u00fcndet, warum der Anarchosyndikalismus sich insbesondere im Bergbau, der Landwirtschaft und der Seefahrt entwickeln konnte, n\u00e4mlich weil Kollektivit\u00e4t und Solidarit\u00e4t hier allt\u00e4gliche \u00dcberlebensnotwendigkeiten waren.<\/p>\n<p>Ebenso viel erf\u00e4hrt man von ihm \u00fcber die Nachwirkungen des spanischen B\u00fcrgerkriegs: Paz berichtet \u00fcber die franz\u00f6sische Resistance und \u00fcber seinen Widerstand gegen das franquistische Spanien. Er nennt das &#8222;Arbeiterselbstverwaltungsregime&#8220; des titoistischen Jugoslawiens als vom spanischen Anarchosyndikalismus beeinflusst, was zwar nur f\u00fcr das Papier der Verfassung galt, aber dieser Einfluss ist sicher dennoch nicht zu untersch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Aufschlussreiches erfahren wir auch \u00fcber die Arbeitsweise deutschsprachiger Schriftsteller: Wer Enzensbergers &#8222;kurzen Sommer der Anarchie&#8220; ((2)) gelesen hat, dem ist Abel Paz&#8216; Name bekannt, dass Enzensberger eigentlich nur einen Film \u00fcber Durruti machen wollte und dann ungefragt die Quellen, die er von Abel Paz erhielt, wie auch dessen eigene Fragmente zur Durruti-Biographie f\u00fcr eine eigene Publikation verwandte, wohl eher nicht.<\/p>\n<p>Auf die vielen Differenzen, die immer zwischen ZeitzeugInnen und ihren Zuh\u00f6rerInnen, aber auch unter verschiedenen ZeitzeugInnen eine Rolle spielen, soll hier nur kurz eingegangen werden. Ein Gespr\u00e4ch zwischen Jorge Semprun und Elie Wiesel erl\u00e4utert diese Problematik: Sie mussten feststellen, dass sie \u00e4u\u00dferst unterschiedliche Wahrnehmungen der letzten Tage des Konzentrationslagers Buchenwald haben: Semprun, der politische H\u00e4ftling, wei\u00df, dass er an einer Selbstbefreiung teilgenommen hat, Elie Wiesel, als Jude im Inneren Lager unter weitaus extremeren Bedingungen inhaftiert, wei\u00df nichts von einer Selbstbefreiung des Lagers. ((3))<\/p>\n<p>Bei aller Kritik am Wahrheitsbegriff der Wissenschaften nutzt es einem Verst\u00e4ndnis vergangener Ereignisse doch, wenn HistorikerInnen sich schriftlichen Quellen, Vergleichen u.\u00e4. widmen, um diese zu beschreiben. Abel Paz sieht das anders, Historiker sind f\u00fcr ihn Wichtigtuer, die \u00fcber etwas schreiben, was sie nicht erlebt haben.<\/p>\n<p>Martin Baxmeyer schert das zum Gl\u00fcck nicht. Der Sammelband wird von ihm durch einen Artikel \u00fcber die spanische Revolution eingeleitet, der Aussagen Paz&#8216; in ein anderes Licht r\u00fcckt. Eine andere Einsch\u00e4tzung pr\u00e4sentiert Baxmeyer etwa bez\u00fcglich des Umgangs von CNT und FAI mit der Kirche bzw. mit den Priestern. Betont Paz, dass diese, wenn sie denn erschossen wurden, vorher selber geschossen hatten, so belegt Baxmeyer, dass es sich hierbei um einen der Mythen des spanischen B\u00fcrgerkriegs handelt. Baxmeyers Einf\u00fchrung kann als untypisch gelten, da er viel Wert auf ein noch weitgehend unerforschtes Feld der spanischen Revolution legt: deren Kultur und Literatur. Zu diesem Thema wird es von ihm wohl noch einiges Spannendes zu lesen geben.<\/p>\n<p>Der vorliegende Band gewinnt viel durch die kompetente Einf\u00fchrung; und die Stimme des Zeitzeugen ist einfach, einf\u00fchrend und motivierend f\u00fcr die weitere Besch\u00e4ftigung mit dem Thema. Dem tragen die Herausgeber Rechnung mit einer umfassenden Literaturliste, die sich keineswegs auf den spanischen B\u00fcrgerkrieg beschr\u00e4nkt, sondern ein Kompendium des Anarchismus darstellt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Somit k\u00f6nnen wir dankbar sein, wenn sich der alte Herr des Anarchismus auf seine Socken begibt und uns auf Vortragsreisen seine Erlebnisse vermittelt, wie im Sommer dieses Jahres. ZeitzeugInnen werden rar, das liegt leider in der Natur der Sache. 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