{"id":6383,"date":"2004-08-01T00:00:48","date_gmt":"2004-07-31T22:00:48","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6383"},"modified":"2022-07-26T14:15:07","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:07","slug":"kein-ort-nirgends","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/08\/kein-ort-nirgends\/","title":{"rendered":"Kein Ort, nirgends"},"content":{"rendered":"<p>Akademisch respektvolles Staubwedeln oder revolution\u00e4r rasselnde Wortgewitter sind vor solchen Texten nicht am Platze: Gustav Landauer &#8211; es ist eine Lust zu lesen.<\/p>\n<p>In seiner erstmals 1907 ver\u00f6ffentlichten geschichtsphilosophischen Schrift <em>&#8222;Die Revolution&#8220;<\/em>, die nun &#8211; man ist versucht zu sagen: endlich &#8211; in der ebenso hand-, wie n\u00fctzlichen Reihe <em>&#8222;Klassiker der Sozialrevolte&#8220;<\/em> beim Unrast-Verlag wieder vorliegt, entwickelt der deutsche Anarchismustheoretiker Gustav Landauer (1870-1919) eine Reihe von Gedanken, die zu unver\u00e4ndert anregender Diskussion Anlass bieten k\u00f6nnten. Besonders seine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Utopie hat viel Sympathisches und Bedenkenswertes &#8211; nicht zuletzt f\u00fcr jene, die noch immer davon tr\u00e4umen, mit ein paar Schuss Munition und einem Meer von Fahnen den Eingang ins gesellschaftliche Paradies erzwingen zu k\u00f6nnen. Revolution ist f\u00fcr Landauer ein permanenter Wechsel zwischen gesellschaftlichen Ist-Zust\u00e4nden &#8211; dem, was er, in Anlehnung an den &#8218;Nirgend-Ort&#8216; der Utopie, die &#8218;Topie&#8216;, das gesellschaftliche &#8218;Hier und jetzt&#8216; nennt. <em>&#8222;Revolution ist<\/em> [&#8230;] <em>der Weg von der einen Topie zur anderen, von einer relativen Stabilit\u00e4t \u00fcber Chaos und Aufruhr<\/em> [&#8230;] <em>zu einer anderen relativen Stabilit\u00e4t&#8220;<\/em> (S.33). Die Utopie, Triebfeder jeder Ver\u00e4nderung, entsteht nach Landauer ausschlie\u00dflich aus den pers\u00f6nlichen Bed\u00fcrfnissen des Einzelnen. Utopien sind, solange Menschen leben. <em>&#8222;Jede Utopie <\/em>[&#8230;] <em>setzt sich aus zwei Elementen zusammen: aus der Reaktion gegen die Topie, aus der sie erw\u00e4chst, und aus der Erinnerung an s\u00e4mtliche bekannten fr\u00fcheren Utopien. Utopien sind immer nur scheintot, und bei einer Ersch\u00fctterung ihres Sarges, der Topie, leben sie, wie weiland der Kandidat Jobs, wieder auf&#8220;<\/em> (S.34). Wer seinen Landauer im Tornister tr\u00e4gt, muss misstrauisch bleiben gegen Behauptungen, diese oder jene Revolution habe eine Utopie &#8222;verwirklicht&#8220; beziehungsweise schicke sich an, diese zu &#8222;verwirklichen&#8220;. Da jede Revolution lediglich einen neuen, festgeschriebenen Zustand schaffen kann, muss fr\u00fcher oder sp\u00e4ter (aus Unzufriedenheit der Menschen usw.) der Wunsch nach einer <em>&#8222;\u00c4nderung in der Bestandssicherheit der Topie&#8220;<\/em>(S.32) erwachsen: eine neue Utopie. <em>&#8222;Die neue Topie tritt ins Leben zur Rettung der Utopie, bedeutet aber ihren Untergang&#8220;<\/em> (S.35). Anders ausgedr\u00fcckt: Utopien sind, so Landauer, naturgem\u00e4\u00df nicht &#8222;realisierbar&#8220;. Utopien sind Wunsch der Menschen nach Ver\u00e4nderung; ihr rebellischer Impuls.<\/p>\n<p>F\u00fcr den f\u00f6derativen Sozialisten Landauer gibt es demnach keinen Endpunkt der Entwicklung; kein blumiges Elysium, in dem alle sitzen, singen und gl\u00fccklich sind. Es gibt nur den stetig fortschreitenden Prozess gesellschaftlicher Ver\u00e4nderung, dem jeder verf\u00fcgte Stillstand Gewalt antut. Und es gibt den Tr\u00e4ger dieses Prozesses, den einzelnen Menschen, der sich, immer aufs Neue, mit seinesgleichen zusammentun kann, um die <em>&#8222;Bestandsgarantien&#8220;<\/em> seiner Gesellschaft in Frage zu stellen &#8211; wie immer diese auch aussehen mag. Zu einer Zeit, da historischer Materialismus Marxscher Pr\u00e4gung und ein chiliastisch umstrahlter Erl\u00f6sungsanarchismus Konjunktur hatten, war dies, gelinde gesagt, ein erstaunliches Modell.<\/p>\n<p>Landauer entwickelt in <em>&#8222;Die Revolution&#8220;<\/em> freilich kein philosophisches System von der Verbindlichkeit des Allerheiligsten. Er \u00fcberlegt und bietet an, er diskutiert mit seinen Leserinnen und Lesern. Auch das macht den Reiz seines Werkes aus: Wer Landauer liest, f\u00fchlt sich als denkender Mensch ernst genommen. Der h\u00f6fliche Konjunktiv wohnt seinem Text ebenso inne wie ein gelegentlich erheiternder libert\u00e4rer Mystizismus (<em>&#8222;Gustav Landauer, der San Juan de la Cruz der Anarchie&#8220;<\/em>) oder die von Kropotkin ererbte Verherrlichung des Mittelalters. Die Freikorpssoldaten, die Landauer 1919 im Hinterraum einer M\u00fcnchner W\u00e4scherei zu Tode pr\u00fcgelten, m\u00f6gen seinen Namen aus dem Ged\u00e4chtnis dieses Landes vor\u00fcbergehend ausgetilgt haben. Seine Gedanken lebten weiter: im Werk Ernst Blochs mit seinem individualistischen Utopiebegriff, in kritischen Aufs\u00e4tzen der <em>Annales<\/em>-Begr\u00fcnder Lucien Febvre und Marc Bloch, in den Ausf\u00fchrungen Noam Chomskys zur menschlichen Kreativit\u00e4t, selbst in einigen Schriften Albert Camus. Dass Landauers Texte nun wieder zug\u00e4nglich werden, ist eine l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige Bereicherung der politischen und literarischen Kultur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Akademisch respektvolles Staubwedeln oder revolution\u00e4r rasselnde Wortgewitter sind vor solchen Texten nicht am Platze: Gustav Landauer &#8211; es ist eine Lust zu lesen. 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