{"id":6385,"date":"2004-10-01T00:00:04","date_gmt":"2004-09-30T22:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6385"},"modified":"2012-05-06T17:23:14","modified_gmt":"2012-05-06T15:23:14","slug":"happy-birthday-mr-wilde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/10\/happy-birthday-mr-wilde\/","title":{"rendered":"Happy Birthday, Mr. Wilde"},"content":{"rendered":"<p><em>F\u00fcr den K\u00fcnstler gibt es nur eine geeignete Regierungsform, und zwar gar keine. (Oscar Wilde) ((1))<\/em><\/p>\n<p>Zum 150. Geburtstag von Oscar Wilde erscheint eine Werkausgabe in 5 B\u00e4nden des geb\u00fcrtigen Iren. Zu seiner Zeit einer der kl\u00fcgsten K\u00f6pfe und genialer Kritiker der Londoner Gesellschaft. Das viktorianische England r\u00e4chte sich an ihm mit einem Prozess &#8211; an dem er zerbrach &#8211; wegen seiner Homosexualit\u00e4t. Trotz der Absetzung seiner Theaterst\u00fccke und dem Verbot seiner B\u00fccher gilt er als einer der gr\u00f6\u00dften Klassiker der englischsprachigen Literatur.<\/p>\n<p>Als Dandy wird gemeinhin ein Mensch bezeichnet, der hinsichtlich seiner Kleidung als Modenarr auftritt, und Oscar Wilde (1854-1900) gilt wohl neben Charles Baudelaire als ein Urgestein aller Dandys. Ihn allerdings darauf zu beschr\u00e4nken, w\u00e4re nicht ausreichend. Auch die Tatsache, dass Wilde ein gl\u00e4nzender Dramaturg und am\u00fcsanter Aphoristiker war, der mit seinen geistreichen und spitzen Bemerkungen im Mittelpunkt jeder Teegesellschaft stand, l\u00e4sst ihn heute noch als gro\u00dfen Kritiker selbsternannter Herrlichkeit dastehen: &#8222;Es gibt keine S\u00fcnde, au\u00dfer der Dummheit&#8220;. ((2))<\/p>\n<p>Wilde wird am 16. Oktober 1854 in Dublin geboren, hier absolviert er die Schule, bis er 1874, dank eines Stipendiums, nach Oxford geht und erste Reisen nach Italien und Griechenland unternimmt. 1878 erh\u00e4lt er eine Auszeichnung f\u00fcr sein Gedicht &#8222;Ravenna&#8220; und den Uni-Abschluss mit Auszeichnung als &#8222;Bachelor of Arts&#8220;. Es folgen weitere Gedichte und eine legend\u00e4re Vortragsreise in die USA, wo der &#8218;Dandy&#8216; im &#8218;wilden Westen&#8216; \u00fcber die Probleme der &#8218;\u00c4sthetik&#8216; referiert. 1884 heiratet er Constance Lloyd. Aus dieser Verbindung gehen zwei Kinder hervor. Wilde wird Redakteur der Zeitschrift &#8222;Woman&#8217;s World&#8220; und publiziert Geschichten und Theaterst\u00fccke mit zunehmenden Erfolg. 1891 beginnt die Beziehung zu Lord Alfred Douglas. Dessen Vater, ein stadtbekannter Trinker und Schl\u00e4ger, denunziert Wilde 1895 \u00f6ffentlich als &#8222;Sodomiten&#8220;. Mit dem Verleumdungsprozess, den Wilde auf Dr\u00e4ngen von Alfred Douglas anstrebt und gewinnt, ger\u00e4t der Rhetoriker Wilde ins Kreuzfeuer des Staatsanwaltes, bis er sich selbst auf der Anklagebank wiederfindet. Dieses Tribunal wurde zur \u00f6ffentlichen Rache an Wildes Verachtung f\u00fcr die bigotte Moral der Herrschenden. Auf der anderen Seite war dieser Prozess ein Signal f\u00fcr den Kampf der Homosexellen um ihre Anerkennung, in dem Wilde noch eine Gedichtzeile zitieren muss, um seine Liebe zu M\u00e4nnern zu umschreiben, eine Liebe, &#8222;die ihren Namen nicht zu nennen wagt&#8220;. Der deutsche Anarchist John Henry Mackay publiziert einige Jahre sp\u00e4ter seine Schriften zur Homosexualit\u00e4t unter dem Pseudonym Sagitta mit dem Reihentitel: Die B\u00fccher der namenlosen Liebe.<\/p>\n<p>Gegen Wilde beginnt eine gnadenlose Hetze. Die M\u00f6glichkeit zur Flucht ins Ausland, die ihm Freunde anbieten, nutzt er nicht. Er muss eine zweij\u00e4hrige Zuchthausstrafe mit Zwangsarbeit antreten, die ihn physisch und psychisch ruiniert. Als Wilde 1897 entlassen wird, begibt er sich sofort nach Frankreich, er schreibt kaum noch und stirbt nach drei rast- und ziemlich mittellosen Jahren am 30. November 1900 in einem Pariser Hotel. &#8222;Die Tapete und ich f\u00fchrten einen erbitterten Kampf auf Leben und Tod&#8220;, soll er \u00fcber sein letztes Quartier gesagt haben.<\/p>\n<p>Wilde beeinflusst nicht nur die Literatur in Europa &#8211; er soll neben Shakespeare inzwischen der meist zitierte englischsprachige Autor sein -, sondern belebte auch die (politische) Boh\u00e8me der vorigen Jahrhundertwende sowie Kreise der intellektuellen AnarchistInnen, etwa, wenn Jean Grave 1891 in der franz\u00f6sischen &#8222;La R\u00e9volte&#8220; (Jg. 4, Nr. 43) Wilde zitiert hinsichtlich einer durch Maschinen leichter werdenden Arbeit und einer zunehmenden Beachtung der Kultur: &#8222;Die Kunst ist die h\u00f6chste Manifestation des Individualismus&#8220;. Auch in deutschsprachigen anarchistischen Zeitschriften fanden Texte von und \u00fcber ihn Eingang, wie etwa bei Albert Weidners Wochenschrift &#8222;Der Arme Teufel&#8220;, Landauers &#8222;Der Sozialist&#8220; u.a. Nicht zuletzt kam dieses Interesse der AnarchistInnen an Wilde durch Gustav Landauer und Hedwig Lachmann zustande, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts Wildes &#8222;Der Sozialismus und die Seele des Menschen&#8220; (1904) und &#8222;Das Bildnis des Dorian Gray&#8220; (1907) zusammen ins Deutsche \u00fcbersetzt haben. In &#8222;Der Sozialismus&#8230;&#8220; verwendet Wilde neben seinen \u00e4sthetischen und religi\u00f6sen Vorstellungen \u00fcberwiegend Ideen von Kropotkin, den er in seinem Briefessay &#8222;De Profundis&#8220; &#8222;zu dem Vollkommensten, das mir im Bereich meiner Erfahrung begegnet ist&#8220; ((3)), z\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Der Puritaner und Sozialist G.B. Shaw, der mit der Bisexualit\u00e4t seines Landsmannes nichts anfangen konnte und ihm seinen &#8222;irischen Charme&#8220; neidete, dem die Engl\u00e4nder(innen) zu erliegen schienen, schloss sich der allgemeinen Homophobie an, wie sie etwa auch bei Nettlau und Landauer anzutreffen war: &#8222;Ich empfinde den ganzen normalen, heftigen Widerwillen gegen die Homosexualit\u00e4t&#8230;&#8220; ((4)) Aber als es darum ging, eine Petition f\u00fcr die zum Tode verurteilten Chicagoer Anarchisten (1887) zu unterschreiben, war Wilde in ganz London der einzige, der dies tat. &#8222;Das war eine ganz selbstlose Handlung von seiner Seite; und sie sicherte ihm meine besondere Achtung auf Lebzeiten&#8220; ((5)), gestand Shaw ihm letztendlich zu.<\/p>\n<p>Jetzt hat der Z\u00fcrcher Haffmans Verlag, der inzwischen dem Zweitausendeins-Konzern angeschlossen worden ist, eine erweiterte und neu \u00fcbersetzte Werkausgabe ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Band 1 enth\u00e4lt den Roman &#8222;Das Bildnis des Dorian Gray&#8220;, Band 2 die M\u00e4rchen, Erz\u00e4hlungen und Prosagedichte, darunter das &#8218;proletarische&#8216; M\u00e4rchen &#8222;Der gl\u00fcckliche Prinz&#8220; oder die Erz\u00e4hlung &#8222;Das Gespenst von Cantervilles&#8220;. Band 3 versammelt neun Essays &#8211; unter ihnen auch &#8222;Die Seele des Menschen im Sozialismus&#8220;, Band 4 vereinigt vier Kom\u00f6dien, und Band 5 wird gegen\u00fcber der ersten Z\u00fcrcher Ausgabe von 1999 erweitert mit dem im Original franz\u00f6sisch geschriebenen Drama &#8222;Salome&#8220; sowie dem &#8222;Brief aus dem Gef\u00e4ngnis&#8220; (fr\u00fcherer Titel &#8222;De Profundis&#8220; &#8211; eine seiner Umwelt gegen\u00fcber etwas ungerechte und verbitterte, aber verst\u00e4ndliche Abrechnung). Dazu kommt noch das kleine biographische Beiheft mit zahlreichen Abbildungen.<\/p>\n<p>Mir gef\u00e4llt besonders, vom Inhalt mal abgesehen, die Ausstattung dieser Ausgabe, sowie, dass die B\u00e4nde statt der Nummerierung auf dem R\u00fccken, untereinander jeweils die f\u00fcnf Buchstaben des Autorennamens tragen.<\/p>\n<p>Sicher fehlen einige Trag\u00f6dien und Essays sowie &#8222;Die Ballade vom Zuchthaus zu Reading&#8220; oder, was ich spannend gefunden h\u00e4tte, eine Neu\u00fcbersetzung des Dramas &#8222;Vera oder die Nihilisten&#8220;, welches letztmalig 1908 erschienen ist. Nach R\u00fcckfrage beim Verleger Gerd Haffmans konnte der dies nur best\u00e4tigen, aber derartigen Projekten zu einem solchen Preis und dem Aufwand der Neu\u00fcbersetzung sind eben auch Grenzen gesetzt.<\/p>\n<p>Fremdartig mag heute f\u00fcr die Eine oder den Anderen die Sprache des 19. Jahrhunderts sein, die hier in dieser Ausgabe aufgrund der Neu\u00fcbersetzungen kaum noch sp\u00fcrbar ist.<\/p>\n<p>Hingegen lassen die Landauer\/Lachmann-\u00dcbersetzungen (wie die anderen dieser Zeit auch) noch wesentlich den damaligen (sprachlichen) Zeitgeist sp\u00fcren. Die T\u00e4tigkeit des \u00dcbersetzens ist vielleicht noch aus einem laxeren Verst\u00e4ndnis heraus gemacht worden. Wenn Landauer etwa beim &#8222;Bildnis des Dorian Gray&#8220; von &#8222;manchen Stellen leisen Schwulstes&#8220; redet, dann l\u00e4sst es nichts Gutes erahnen, wenn er gleichzeitig in einem Brief an Fritz Mauthner zu seiner Wilde-\u00dcbersetzung bemerkt: &#8222;Ich habe die Arbeit gern getan &#8211; das weitaus meiste davon ist von mir &#8211; weil etwas von Sprachgestaltung dazugeh\u00f6rte.&#8220; ((6))<\/p>\n<p>&#8222;Klassiker&#8220; haben ihre eigenen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten, konsumiert zu werden &#8211; deren Chance ist im realen Leseabenteuer um so gr\u00f6\u00dfer, je weniger mensch zwanghaft, als Sch\u00fclerIn etwa, damit drangsaliert wird. So scheinen die Wildeschen Themen unser Medienzeitalter zu erreichen, denn Wildes Arbeiten (inkl. seinem Leben) lieferten f\u00fcr 58 TV- und Spielfilme die Drehb\u00fccher. Allein &#8222;Das Bildnis des Dorian Gray&#8220; wurde zw\u00f6lf Mal verfilmt.<\/p>\n<p>Wilde ist nicht der Anarchist par excellence. Sein Widerstand gegen die selbsternannte geistige und moralische F\u00fchrung einer bigotten (englischen) Gesellschaft des 19. Jahrhunderts ging \u00fcber seine eigene B\u00fcrgerlichkeit nur schwer hinweg. Und ein Subversiver, der Wert auf Kleidung, Konversation und \u00c4sthetik legte, scheint im Moment nicht wirklich &#8218;cool&#8216; zu sein, aber sein hoher Grad an intelligenter Unterhaltsamkeit ist in den heutigen Zeiten der Dumpfbacken-Medien ein Trost.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen wie Oscar Wilde w\u00e4re eine Etikette eh zu schn\u00f6de. Die Frauenbewegung hat gegen\u00fcber dem &#8222;harten&#8220; Sozialrevolution\u00e4r das Ganzheitliche einer Revolution schon eher erkannt, wenn sie &#8222;Brot <em>und<\/em> Rosen&#8220; forderte, und Wilde war eben mehr f\u00fcr die Rosen zust\u00e4ndig (wenngleich dies nicht seine Lieblingsblume war).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr den K\u00fcnstler gibt es nur eine geeignete Regierungsform, und zwar gar keine. (Oscar Wilde) ((1)) Zum 150. Geburtstag von Oscar Wilde erscheint eine Werkausgabe in 5 B\u00e4nden des geb\u00fcrtigen Iren. Zu seiner Zeit einer der kl\u00fcgsten K\u00f6pfe und genialer Kritiker der Londoner Gesellschaft. Das viktorianische England r\u00e4chte sich an ihm mit einem Prozess &#8211; &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/10\/happy-birthday-mr-wilde\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Happy Birthday, Mr. Wilde - graswurzelrevolution","description":"F\u00fcr den K\u00fcnstler gibt es nur eine geeignete Regierungsform, und zwar gar keine. (Oscar Wilde) ((1)) Zum 150. Geburtstag von Oscar Wilde erscheint eine Werkausga"},"footnotes":""},"categories":[390,44],"tags":[],"class_list":["post-6385","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-292-oktober-2004","category-bucher"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6385","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6385"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6385\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6385"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6385"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6385"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}