{"id":6412,"date":"2004-11-01T00:00:31","date_gmt":"2004-10-31T22:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6412"},"modified":"2022-07-26T13:56:51","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:51","slug":"deutscher-kolonialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/11\/deutscher-kolonialismus\/","title":{"rendered":"Deutscher Kolonialismus"},"content":{"rendered":"<p>Diese sollten als Ausgleich f\u00fcr die koloniale Ausbeutung und die Verbrechen der Kolonialtruppen geleistet werden. Obwohl sich die rot-gr\u00fcne Regierung jeglicher finanzieller Forderung verweigert, reiste zu den Feierlichkeiten des Aufstandsbeginns der Herero die Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul nach Windhuk. Mit ihrer Entschuldigung gegen\u00fcber den Herero soll das leidige Thema aus der Welt sein, so hofft man in Berlin.<\/p>\n<p>Im Folgenden soll \u00fcber die Geschichte des deutschen Kolonialismus und deren Kontinuit\u00e4t bis in die Gegenwart informiert werden.<\/p>\n<h3>Die deutsche Beteiligung an der kolonialen Aufteilung der Welt<\/h3>\n<p>Nach einem kurzen Versuch im 17. Jahrhundert durch Brandenburg-Preu\u00dfen begann die koloniale Expansion des deutschen Kaiserreichs erst Ende des 19. Jahrhunderts. Zu diesem Zeitpunkt hatten andere M\u00e4chte die Welt bereits zu gro\u00dfen Teilen unter sich aufgeteilt. Dieses &#8222;Zu-Sp\u00e4t-Kommen&#8220; sollte weitreichende Konsequenzen f\u00fcr zuk\u00fcnftige Konflikte zur Folge haben.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich unterschieden sich die Ziele des deutschen Kolonialismus nicht wesentlich von denen der anderen Kolonialm\u00e4chte: die Errichtung von Handels- und Einflusssph\u00e4ren, die Ausbeutung der Kolonien als Mittel des Reichtumszuwachses der &#8222;Mutterl\u00e4nder&#8220; und die damit verbundene Erh\u00f6hung der Staatseinnahmen.<\/p>\n<p>Mittel dazu waren: Landraub, Ausbeutung von Rohstoffen (z.B. Diamanten in Namibia), die Nutzung kolonialer Territorien als Milit\u00e4rst\u00fctzpunkte und als Lieferanten von Hilfstruppen f\u00fcr die Kriege der Kolonialm\u00e4chte.<\/p>\n<p>Um dies ideologisch zu begr\u00fcnden, wurde der Mythos von der anthropologischen Minderwertigkeit (&#8222;Barbaren&#8220;, &#8222;Wilde&#8220;) der vor Ort lebenden Menschen erfunden. Damit wurden Menschen zu Objekten, denen eine &#8222;besondere Behandlung&#8220; zu Teil wurde: zum einen brachiale Gewalt zur Niederhaltung von Widerstand, zum anderen ein patriarchaler Missionseifer, der die &#8222;Wilden&#8220; zum Glauben und somit zur Zivilisation f\u00fchren sollte. Das Ergebnis war eine weitgehende Zerst\u00f6rung der Identit\u00e4t der indigenen Bev\u00f6lkerung, deren Sp\u00e4tfolgen bis heute bemerkbar sind.<\/p>\n<p>Ein bezeichnendes Zitat aus dem nationalsozialistischen Kompendium &#8222;Deutsche Geschichte&#8220; von 1934: &#8222;Seit Dezember 1908 wird bei L\u00fcderitzbucht der Betrieb der Diamantenfelder er\u00f6ffnet, der reiche Einnahmen zu bringen verspricht. Der Reichszuschu\u00df f\u00fcr die deutschen Kolonien macht nur mehr sechs Millionen Mark aus. Togo, Samoa und die Karolinen bed\u00fcrfen keines Zuschusses mehr. Welch hoffnungsvolle Entwicklung hat der Weltkrieg unterbrochen! S\u00fcdwestafrika als Siedlungskolonie, die \u00fcbrigen als Lieferanten von Rohstoffen und Naturprodukten, zum Teil auch wertvollste Handelsst\u00fctzpunkte. Deutschland kann nur mit tiefer Trauer an seine Kolonien zur\u00fcckdenken, deren eine, S\u00fcdwestafrika, in dem gewaltigen Roman von Hans Grimm &#8218;Volk ohne Raum&#8216; ein ergreifendes Denkmal gefunden hat.&#8220; ((1))<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig der weinerlichen Klagen \u00fcber den Verlust wird hier deutlich, welchen Zweck die Kolonien zu erf\u00fcllen hatten. Doch der deutsch-nationalistische Traum sollte noch zum Alptraum f\u00fcr die Welt werden.<\/p>\n<p>Und dies macht den Unterschied zu anderen Kolonialm\u00e4chten deutlich: Deutschland kam zu sp\u00e4t zur Aufteilung der Welt.<\/p>\n<p>Um so aggressiver k\u00e4mpfte es um &#8222;seinen Raum&#8220;, seinen &#8222;Platz an der Sonne&#8220;, um so brutaler betrieb es die Ausbeutung.<\/p>\n<p>F\u00fcrst Bernhard von B\u00fclow, in der Reichstagssitzung vom 6.12.1897: &#8222;Wir sind gerne bereit, in Ostasien den Interessen anderer Gro\u00dfm\u00e4chte Rechnung zu tragen, in der sicheren Voraussicht, da\u00df unsere eigenen Interessen gleichfalls die ihnen geb\u00fchrende W\u00fcrdigung finden. Mit einem Worte: wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.&#8220; ((2))<\/p>\n<h3>Ideologie und Praxis des Kolonialismus<\/h3>\n<p>Zum eigenen Selbstverst\u00e4ndnis der KolonialistInnen geh\u00f6rte die Vorstellung, die &#8222;Wilden&#8220; vor sich selbst, den Expansionsbestrebungen von Nachbarn oder anderen europ\u00e4ischen M\u00e4chten sch\u00fctzen zu m\u00fcssen. Daher auch der Begriff &#8222;Schutzgebiete&#8220;.<\/p>\n<p>Eine weitere ideologische Erfindung bestand in der These, deutsche PionierInnen h\u00e4tten den &#8222;schwarzen Kontinent&#8220; entdeckt. Wof\u00fcr des &#8222;Entdecken&#8220; gedacht war, zeigt die Vorgehensweise des wohl bekanntesten deutschen Eroberers: Carl Peters. Dieser Abenteurer und Sadist wollte ein &#8222;Deutsch-Afrikanisches Kolonialreich&#8220; gr\u00fcnden. Die AfrikanerInnen gaben Peters daf\u00fcr einen bezeichnenden Namen: Mkono wa damu (Kisuaheli: der Mann mit den blutbefleckten H\u00e4nden).<\/p>\n<p>1884 &#8222;erwarb&#8220; Peters ein Gebiet von ca. 140.000 qkm in Ostafrika mit dem Schein von Legalit\u00e4t: Gegen das Versprechen gegen\u00fcber Sultanen und Stammesf\u00fchrern auf erbliche Macht in ihrem Gebiet erreichte er u.a. das alleinige und uneingeschr\u00e4nkte Recht, Z\u00f6lle aufzulegen, Steuern zu erheben, eigene Justiz und Verwaltung einzurichten, und das Recht, eine bewaffnete Macht zu schaffen.<\/p>\n<p>Daraufhin stellte die deutsche Regierung einen &#8222;Schutzbrief&#8220; aus: der deutsche Kaiser stellte &#8222;&#8230;die Gebietserwerbungen der Gesellschaft&#8230;&#8220; (Gesellschaft f\u00fcr deutsche Kolonialisation &#8211; GfdK) &#8222;&#8230; in Ostafrika, westlich von dem Reiche des Sultans von Sansibar&#8220;, unter seine Oberhoheit. Die Unterwerfung von Millionen AfrikanerInnen durch Deutschland in Ostafrika hatte begonnen.<\/p>\n<p>Eine zynische Haltung durchzog die ganze koloniale Argumentation: auf der einen Seite ein klares Bekenntnis zur Ausbeutung und Unterwerfung, auf der anderen die Bem\u00e4ntelung des Vorgehens mit der &#8222;Unf\u00e4higkeit&#8220; der AfrikanerInnen zur Zivilisation.<\/p>\n<p>Mehr als deutlich sprach es Dr. Julius Scharlach (einer der Gr\u00fcnder der &#8222;Gesellschaft S\u00fcd &#8211; Kamerun) 1903 aus: &#8222;Kolonisieren, das zeigt die Geschichte aller Kolonien, bedeutet&#8230; die Eingeborenen&#8230; zur\u00fcckzudr\u00e4ngen und schlie\u00dflich vernichten&#8230; Diese an sich gewi\u00df traurige Tatsache mu\u00df als eine erwiesene geschichtliche Notwendigkeit betrachtet werden. Wer sie nicht anerkennen will, weil sie von einem h\u00f6heren idealen Standpunkt aus unberechtigt erscheinen mag, der darf nicht unternehmen, Kolonien zu erwerben und zu verwerten.&#8220; ((3))<\/p>\n<h3>Marokko-Krise<\/h3>\n<p>Nachdem die koloniale Expansion weitgehend abgeschlossen war, f\u00fchrten die daran beteiligten M\u00e4chte den Kampf um die Aufteilung der Welt untereinander weiter: Die Faschoda-Krise um den Einfluss im Sudan bewirkte Ende der 80er Jahre des 19.Jahrhunderts z.B. fast einen Krieg zwischen Gro\u00dfbritannien und Frankreich.<\/p>\n<p>In einer Mischung zwischen diplomatischen Absprachen und Konferenzen (Berliner Kongo-Konferenz unter Leitung von Bismarck, 1884) auf der einen, sowie offenen Interessenkonflikten auf der anderen Seite vollzog sich die Absteckung der jeweiligen &#8222;Claims&#8220;.<\/p>\n<p>Typisch hierf\u00fcr war der deutsch-franz\u00f6sische Gegensatz in Marokko.<\/p>\n<p>Die deutschen Konzerne Mannesmann und Krupp gewannen in den 80er Jahren betr\u00e4chtliche \u00f6konomische Positionen im Sultanat Marokko. Dies erzeugte einen Konflikt mit Frankreich, welches eigene Interessen geltend machte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich der deutsche Kaiser Wilhelm der Zweite bei einem Besuch in der marokkanischen Hafenstadt Tanger am 31. M\u00e4rz 1905 zum Besch\u00fctzer der Unabh\u00e4ngigkeit des Landes erkl\u00e4rte, forderte gleichzeitig der &#8222;Alldeutsche Verband&#8220; die Einrichtung von deutschen Milit\u00e4rst\u00fctzpunkten in Marokko.<\/p>\n<p>Am 16.Januar 1906 kam es bei einer Konferenz in Algeciras (Spanien) zu einer vorl\u00e4ufigen Einigung: Bei Garantie der formalen Selbst\u00e4ndigkeit von Marokko erhielten Spanien und Frankreich erhebliche Vollmachten, so die Verwaltung der marokkanischen Staatsbank und die Polizeigewalt in den H\u00e4fen.<\/p>\n<p>Ein scheinbarer Interessenausgleich. Die Gr\u00fcndung eines Syndikats von Krupp \/ Mannesmann mit Schneider-Creusot erm\u00f6glichte eine deutsche Beteiligung am Gewinn.<\/p>\n<p>Als es 1911 zu einem Aufstand gegen den v\u00f6llig von Frankreich abh\u00e4ngigen Sultan kam, griffen franz\u00f6sische und spanische Truppen ein. Durch Deutschland lief eine chauvinistische Propagandawelle, die zweite Marokko-Krise brach aus.<\/p>\n<p>Mit dem sogenannten &#8222;Panthersprung&#8220; mehrerer deutscher Kriegsschiffe vor Agadir am 1. Juli 1911 stand die Welt erstmals kurz vor Beginn eines umfassenden Kriegs.<\/p>\n<p>Nur massiver Druck Gro\u00dfbritanniens und anderer Staaten gegen Deutschland zwang den deutschen Kaiser zum nochmaligen R\u00fcckzug. Zu diesem Zeitpunkt f\u00fchlte sich Deutschland nicht stark genug, um eine Auseinandersetzung im gro\u00dfen Ma\u00dfstab zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Hauptverlierer des ganzen &#8222;Theaters&#8220; war Marokko: Der gr\u00f6\u00dfte Teil des Landes wurde franz\u00f6sisches Kolonialgebiet, Spanien bekam einen 50 km-Streifen am Mittelmeer, Tanger erhielt internationalen Status.<\/p>\n<h3>&#8222;Boxer&#8220;-Aufstand<\/h3>\n<p>Tauchte Widerstand auf, schlossen sich die ansonsten verfeindeten Kolonialm\u00e4chte zusammen. Und das deutsche Kaiserreich, um seine Aufwertung im Spiel der M\u00e4chte bem\u00fcht, beteiligte sich.<\/p>\n<p>Das wohl bekannteste Beispiel daf\u00fcr: der sogenannte &#8222;Boxeraufstand&#8220; in China von 1898 bis 1901. ((4))<\/p>\n<p>Die sich selbst als &#8222;Gesellschaft des Friedens und der Gerechtigkeit&#8220; (Yihetuan) bezeichnenden Aufst\u00e4ndischen einigte der Hass auf alles Europ\u00e4ische, Ausl\u00e4ndische. Eine wenig emanzipative Haltung im heutigen Sinne. Doch nach den zwei sogenannten &#8222;Opiumkriegen&#8220; (China wurde durch Gro\u00dfbritannien gezwungen, den Anbau und Handel mit Opium zu dulden!) und der v\u00f6lligen Fremdbestimmung durch die Weltm\u00e4chte war das Ziel der Aufst\u00e4ndischen in erster Linie die Befreiung Chinas von ausl\u00e4ndischer Herrschaft.<\/p>\n<p>Die chinesischen Regierungstruppen wurden mit den Aufst\u00e4ndischen nicht fertig, bzw. desertierten. Greueltaten an Ausl\u00e4nderInnen boten den Vorwand zum Eingreifen. Die britischen Truppen gerieten jedoch in milit\u00e4rische Bedr\u00e4ngnis: Ihr von der chinesischen Regierung nicht erlaubtes Eingreifenzeitigte eher eine stillschweigende Duldung bzw. Unterst\u00fctzung der Aufst\u00e4ndischen durch das Feudalestablishment.<\/p>\n<p>Daraufhin begannen die Gro\u00dfm\u00e4chte einen nicht erkl\u00e4rten Krieg gegen China. Daran waren neben Gro\u00dfbritannien Frankreich, Ru\u00dfland, Japan, die USA, Italien, Deutschland und \u00d6sterreich-Ungarn beteiligt &#8211; eine \u00e4ltere Version der Koalition der Willigen.<\/p>\n<p>Der britische Oberbefehlshaber machte Geschichte mit seinem Ruf: &#8222;The Germans to the Front&#8220;. Ein neuer Mythos wurde geboren: Deutsche Truppen retteten die bedrohten Europ\u00e4erInnen vor dem Abschlachten und China vor den barbarischen Horden der Yihetuan.<\/p>\n<p>Das Denken dieser Zeit wird in der ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten &#8222;Hunnenrede&#8220; Kaiser Wilhelms vor deutschen Soldaten, die vor dem Transport nach China standen, deutlich:<\/p>\n<p>&#8222;Eine gro\u00dfe Aufgabe harrt eurer: ihr sollt das schwere Unrecht, das geschehen ist, s\u00fchnen. Die Chinesen haben das V\u00f6lkerrecht umgeworfen, sie haben in einer in der Weltgeschichte nicht erh\u00f6rten Weise der Heiligkeit des Gesandten, den Pflichten des Gastrechtes Hohn gesprochen. Es ist das um so emp\u00f6render, als dieses Verbrechen begangen worden ist von einer Nation, die auf ihre uralte Kultur stolz ist&#8230;. Ihr wi\u00dft es wohl, ihr sollt fechten gegen einen verschlagenen, tapferen, gut bewaffneten, grausamen Feind.<\/p>\n<p>Kommt ihr an, so wi\u00dft: Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht. F\u00fchrt eure Waffen so, da\u00df auf tausend Jahre hinaus kein Chinese mehr es wagt, einen Deutschen scheel anzusehen&#8230; &#8220; ((5))<\/p>\n<h3>S\u00fcdwestafrika<\/h3>\n<p>Die Kolonialisierung S\u00fcdwestafrikas durch Deutschland folgte einem \u00fcblichen Muster: Es wurden zum einen mit den H\u00e4uptlingen Schutzvertr\u00e4ge abgeschlossen, deren Text und Sprache diesen unverst\u00e4ndlich blieb. Zum anderen sollten Geschenke eine aufgeschlossene Stimmung erzeugen. Die H\u00e4uptlinge der afrikanischen St\u00e4mme sahen die Gefahren nicht, die in diesen Vertr\u00e4gen steckten.<\/p>\n<p>Erst nachdem sich eingewanderte deutsche Farmer immer mehr der besten Weiden angeeignet hatten und Wuchergesch\u00e4fte (Warenkredite gegen Konfiszierung von Vieh und Weiden) die Herero ins Elend st\u00fcrzten, kam es zum Aufstand.<\/p>\n<p>Er begann im Januar 1904 unter F\u00fchrung des Oberh\u00e4uptlings Samuel Maherero und endete im August 1904 mit der Schlacht am Waterberg, in welcher die Herero eine Niederlage erlitten. Der deutsche Befehlshaber von Trotha befahl nunmehr, die Herero in die W\u00fcste Omaheke zu treiben. Bei dem Versuch, die damalige britische Kolonie Betschuanaland (Botswana) zu erreichen, starben \u00fcber 60.000 Menschen. Die \u00dcberlebenden wurden in Konzentrationslager gesperrt, in denen weitere Tausende umkamen. Der erste Genozid des 20.Jahrhunderts war vollzogen.<\/p>\n<p>Die Nama (deutsche Bezeichnung: &#8222;Hottentotten&#8220;) leisteten unter Hendrik Witbooi und dessen Nachfolger Jakob Morenga in einem zeitweilig recht erfolgreichen Guerillakrieg bis 1908 Widerstand. Dann war mit dem Tod Morengas auch dieser gebrochen. ((6))<\/p>\n<p>Nur ein Drittel der Herero und Nama \u00fcberlebte die K\u00e4mpfe und Massaker.<\/p>\n<p>Heute fordern die Nachkommen der Herero von der Bundesrepublik auch eine finanzielle Wiedergutmachung. Die Bundesregierung lehnt dies unter Hinweis auf die besonders hohe Entwicklungshilfe f\u00fcr Namibia ab. K\u00f6nnte dies doch Schule machen.<\/p>\n<p>Heute noch besitzen vor allem &#8222;deutschst\u00e4mmige&#8220; Farmer die besten Weidefl\u00e4chen im Land. Seit kurzem werden Enteignungsforderungen laut. Die regierende SWAPO verschickte erste Briefe, in denen die Farmer aufgefordert werden, \u00fcber den Verkauf des Landes zu verhandeln. Unruhe macht sich breit. Nun beklagen die Nachkommen der deutschen Kolonisten ihre Situation&#8230;<\/p>\n<h3>Ostafrika<\/h3>\n<p>Noch mehr als der Genozid an den Herero und Nama ist aus dem deutschen Bewusstsein der Terror in &#8222;Deutsch-Ostafrika&#8220; verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Carl Peters 1891: &#8222;Man darf niemals vergessen, da\u00df die ganze Verwaltung von Kolonien nur dazu da ist, um eben die Grundlagen f\u00fcr wirtschaftliche Unternehmungen zu bieten.&#8220; ((7))<\/p>\n<p>Die Grundlagen dieser &#8222;wirtschaftlichen Unternehmungen&#8220; waren: extrem billige Arbeitskr\u00e4fte, die M\u00f6glichkeit der Arbeitserzwingung, ein Strafrecht jenseits juristischer Normen, eine extreme Steuerlast (die H\u00e4user- und H\u00fcttensteuer z.B. wurde zum Symbol von Fremdherrschaft und Unterdr\u00fcckung), die Einf\u00fchrung von Zwangskulturen (bestimmte Exportprodukte) und Pflichtablieferungen an die Kolonialverwaltung.<\/p>\n<p>Die &#8222;Deutsch-Ostafrikanische Zeitung&#8220; schrieb in einem Anfall von Einsicht am 26.1.1907: &#8222;Es wurden die Frauen und T\u00f6chter der s\u00e4umigen Steuerzahler gef\u00e4nglich eingezogen und blieben so lange in Schuldhaft, bis die Steuer bezahlt war. Was diese Schuldhaft f\u00fcr die Frauen zu bedeuten hatte, braucht man den Kennern der Verh\u00e4ltnisse nicht erst auseinanderzusetzen.&#8220; ((8))<\/p>\n<p>Vom Juli 1905 bis Ende 1907 erhoben sich die V\u00f6lker &#8222;Deutsch-Ostafrikas&#8220; erstmalig gemeinsam gegen die koloniale Unterdr\u00fcckung. Der sogenannte &#8222;Maji-Maji-Aufstand&#8220; wurde zu einer der gr\u00f6\u00dften antikolonialen Erhebungen in Ostafrika (Maji \/ Kisuaheli: heiliges Wasser, was unverwundbar macht). Die Spiritualit\u00e4t der Bewegung war die Voraussetzung f\u00fcr das konzertierte Vorgehen aller Clans und St\u00e4mme.<\/p>\n<p>Nach mehreren Niederlagen wurde von der Kolonialmacht einer der typischen Terrorfeldz\u00fcge entfesselt: Aushungern, Vieh rauben, Massenhinrichtungen, jahrelange Kettenhaft und Zwangsarbeit waren die Methoden, mit denen die Aufst\u00e4ndischen am Ende bezwungen wurden.<\/p>\n<p>Die Zahl der Toten ist bis heute nicht genau bekannt. Offizielle deutsche Angaben sprechen von 75.000, ein tansanischer Historiker von 250.000 &#8211; 300.000.<\/p>\n<h3>Nach dem 1.Weltkrieg<\/h3>\n<p>Im Vertrag von Versailles wurde festgehalten, dass die deutschen Kolonien im Auftrag des V\u00f6lkerbundes von den Siegerm\u00e4chten &#8222;treuh\u00e4nderisch&#8220; zu verwalten w\u00e4ren. Dabei war es doch eines der deutschen Kriegsziele, den anderen Kolonialm\u00e4chten viele &#8222;Sonnenpl\u00e4tze&#8220; abzujagen.<\/p>\n<p>Tausende M\u00e4nner aus den Kolonialgebieten k\u00e4mpften im Krieg der M\u00e4chte, der doch nicht der ihre war. Und der ihnen auch nicht die Unabh\u00e4ngigkeit brachte.<\/p>\n<p>Beispiel Ostafrika: Durch tropische Krankheiten, Seuchen und in Folge von Kampfhandlungen starben auf Seiten Gro\u00dfbritanniens 10.000, auf Seiten Belgiens 1.980 und auf Seiten des kaiserlichen Deutschland 2.530 Soldaten, gr\u00f6\u00dftenteils Afrikaner.<\/p>\n<p>Weit weniger bekannt ist die Zahl der Opfer unter den zum gro\u00dfen Teil zwangsrekrutierten Tr\u00e4gern: nach Sch\u00e4tzungen starben fast 100.000 Menschen auf allen Seiten, haupts\u00e4chlich durch Krankheiten.<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Am Ende des Ersten Weltkriegs 1918 war der Kampf um die koloniale Aufteilung der Welt beendet.<\/p>\n<p>Die hier beschriebene Zeit war gekennzeichnet vom \u00dcbergang von der ersten zur zweiten Phase der kolonialen Ausbeutung. Kennzeichnend f\u00fcr die erste Phase waren die Eroberung von Territorien, die Pl\u00fcnderung derselben, der Aufbau eines &#8222;Handelssystems&#8220; zum Profit der europ\u00e4ischen Kolonialisten und zum Nachteil der indigenen Bev\u00f6lkerung sowie die Errichtung von St\u00fctzpunkten in den eroberten Gebieten.<\/p>\n<p>In der zweite Phase (beginnend ungef\u00e4hr in den 90er Jahren des 19.Jahrhunderts) traten andere Aspekte in den Vordergrund. Ziel war nun die Erreichung eines kolonialen Extraprofits durch die Ausbeutung extrem billiger Arbeitskr\u00e4fte sowie die Einbindung der kolonialen Gebiete in den kapitalistischen Weltmarkt und seinen Verwertungsbedingungen.<\/p>\n<p>Oberstes Prinzip beider Phasen blieb: Geschaffen von den Metropolen, waren die Kolonien f\u00fcr die Metropolen da.<\/p>\n<p>Den Preis daf\u00fcr zahlten die Menschen, die nicht in den Metropolen lebten. Durch ihre Unterwerfung unter die Interessen des Kapitalismus, den weitgehenden Verlust eigener Ressourcen und M\u00f6glichkeiten (materiell und intellektuell), einer bis heute w\u00e4hrenden &#8222;Unterentwicklung&#8220;, den Verlust eigener Identit\u00e4t und Traditionen. Aber vor allem: durch die Zerst\u00f6rung der Chance einer eigenst\u00e4ndigen Entwicklung<\/p>\n<p>Den gr\u00f6\u00dften Nutzen aus der Kolonialexpansion zog das noch junge Finanzkapital.<\/p>\n<p>Die Kolonialgebiete dienten der Warenproduktion f\u00fcr die europ\u00e4ische und nordamerikanische Nachfrage. Die Konsequenz daraus war u.a. eine wirtschaftliche Spezialisierung in Gebieten, die in den Weltmarkt einbezogen wurden. Im s\u00fcdlichen Afrika vor allem durch den Bergbau, im Kongobecken \u00fcber die Kautschukproduktion, usw.<\/p>\n<p>Die Unterentwicklung eines gro\u00dfen Teils dieser Welt war die Voraussetzung f\u00fcr die Durchsetzung des Kapitalismus in seiner modernen Form.<\/p>\n<p>Nicht unerw\u00e4hnt bleiben soll, dass vor allem SozialdemokratInnen gegen die koloniale Unterdr\u00fcckung protestierten und sich mit den Menschen in den betroffenen Territorien solidarisierten. August Bebel erkl\u00e4rte im Reichstag am 19.Januar 1904: &#8222;Meine Herren! Das Recht zum Aufstand, das Recht zur Revolution, hat jedes Volk und jede V\u00f6lkerschaft, die sich in ihren Menschenrechten aufs aller\u00e4u\u00dferste bedr\u00fcckt f\u00fchlt.&#8220;<\/p>\n<p>Die Reichstagswahlen Anfang 1907 (bekannt als &#8222;Hottentottenwahlen&#8220;) nutzten SozialdemokratInnen, um auf die Wahrheiten des Kolonialkriegs zu verweisen.<\/p>\n<p>Und ebenfalls nicht vergessen werden sollte, dass nicht wenige deutsche Soldaten im Krieg gegen die Herero und Nama desertierten. Nicht selten kam es zu Auflehnungen gegen die unmenschlichen Befehle der Offiziere. Diese gingen gegen Widerstand in den eigenen Reihen ebenso brutal vor wie gegen die Aufst\u00e4ndischen. Unter anderem wurden im Juni 1906 drei Soldaten zum Tode und vier zu langen Haftstrafen verurteilt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese sollten als Ausgleich f\u00fcr die koloniale Ausbeutung und die Verbrechen der Kolonialtruppen geleistet werden. 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