{"id":6419,"date":"2004-11-01T00:00:02","date_gmt":"2004-10-31T22:00:02","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6419"},"modified":"2022-07-26T14:24:32","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:32","slug":"who-the-fuck-needs-the-esf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/11\/who-the-fuck-needs-the-esf\/","title":{"rendered":"Who the fuck needs the ESF?"},"content":{"rendered":"<p>Auf dem Podium im Camden Centre, unweit des Bahnhofs King&#8217;s Cross, sitzen VertreterInnen der Indymedia-Projekte aus Beirut und der Strasse von Gibraltar (Estrecho), &#8222;Justice for Janitors&#8220;, dem Noborder-Netzwerk und dem &#8222;Institute Of Race Relations&#8220;. W\u00e4hrend sie in der 400 Menschen fassenden Halle \u00fcber den Zusammenhang von Bewegungs- und Informationsfreiheit diskutieren, bilden sich an den unz\u00e4hligen Computerterminals in den Nebenr\u00e4umen und im Caf\u00e9 spontane Arbeitsgruppen mit Menschen aus allen Himmelsrichtungen. Englisch, Spanisch, Franz\u00f6sisch, Deutsch und viele andere Sprachen gehen bunt durcheinander.<\/p>\n<h3>Das ESF von hinten<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend drau\u00dfen der f\u00fcr London typische Spr\u00fchregen f\u00e4llt, k\u00f6nnte man hier beim Tee sitzen und meinen, man w\u00e4re beim dritten europ\u00e4ischen Sozialforum, kurz ESF. Ist man aber nicht: Denn hier kann jeder umsonst ein- und ausgehen, keine Anmeldung, keine Tickets oder sonstwas. Hier im Camden Centre tragen viele Workshop-TeilnehmerInnen statt der roten Armb\u00e4nder des ESF Buttons mit der Aufschrift: &#8222;ESF spelt backwards is SWP!&#8220; (ESF r\u00fcckw\u00e4rts gelesen heisst SWP, Socialist Workers Party&#8220;). Denn hier sind viele Menschen &#8222;pissed&#8220; von den seit Monaten andauernden und erfolgreichen Versuchen der SWP und Londons Labour-B\u00fcrgermeister (und partei-interner Tony-Blair-Erzfeind) Ken Livingstone, das ESF f\u00fcr ihre Zwecke einzubinden und die &#8222;Schirmherrschaft zu \u00fcbernehmen&#8220;. Die meisten NGOs schien das wenig gek\u00fcmmert zu haben.<\/p>\n<p>Wie wenig sie dort bei der SWP von gemeinsamer Vorbereitung hielten, erkl\u00e4rt mir jemand anhand einer Anekdote: Einige SWP-VertreterInnen wurden in der Vorbereitung des ESF gefragt, ob sie eine Mailingliste h\u00e4tten. &#8222;Wozu?&#8220;, war die Antwort, wenn man etwas mitzuteilen habe, schicke man das \u00fcber den Adressverteiler. Irgendwann hat es vielen dann gereicht.<\/p>\n<p>Nicht nur hier im Camden Centre, wo unter dem Titel &#8222;Communication Rights and Tactical Media&#8220; vier Tage \u00fcber informelle Selbstbestimmung gesprochen wurde. In der London School for Economics wurde unter dem Schlagwort &#8222;Life Despite Capitalism (Leben Trotz Kapitalismus)&#8220; diskutiert. Es gibt einen &#8222;Women Space&#8220; (der vom ESF abgelehnt wurde), und die Londoner &#8222;Wombles&#8220; betreiben in der Middlesex University unter dem eindeutigen Titel &#8222;Beyond The ESF (Jenseits des ESF)&#8220; ein f\u00fcnft\u00e4giges Veranstaltungsprogramm inklusive &#8222;Anarchist Teapot&#8220;.<\/p>\n<p>Unter der \u00dcberschrift &#8222;Autonomous Spaces&#8220; entstand so ein Veranstaltungsprogramm, dass mehr als vier Zeitungsseiten f\u00fcllt. In klarer Abgrenzung zum offiziellen ESF hei\u00dft es dort, dass &#8222;wir glauben, dass unsere Art zu organisieren und zu Handeln unsere politischen Visionen reflektieren sollte &#8230;&#8220; und zwar &#8222;gegen den falschen Konsens, in dem Macht benutzt wird, andere zum Schweigen zu bringen.&#8220;<\/p>\n<p>Die ClownsArmy, die Wombles, die Yomangos (&#8222;Ich Klaue&#8220;), die SchNEWS- und Indymedia AktivistInnen aus dutzenden von L\u00e4ndern haben sich hier zusammengefunden. Im Camden Centre sitzen die Hacker an ihren Rechnern und arbeiten an den praktischen Problemen der Vernetzung. Endlich sieht man Menschen, die man vorher nur aus Mail und Chat kannte, mal von Angesicht zu Angesicht.<\/p>\n<p>Und \u00fcberall ist es voll, die Veranstaltungen sind gut besucht, an B\u00fccher- und Infotischen bilden sich Schlangen.<\/p>\n<p>Am Freitag formiert sich spontan eine kleine Demo mit den Sambas von Rhythms of Resistance auf der Oxford-Street, Londons Shopping Meile. Sp\u00e4ter am Abend klaut eine Gruppe von AktivistInnen in den edlen L\u00e4den der Gegend genug Alkohol zusammen, um in der U-Bahn eine Gratis-Party zu feiern. London umsonst!<\/p>\n<h3>Kommunizieren und Bewegen<\/h3>\n<p>In den Diskussionen \u00fcber Bewegungsfreiheit und Kommunikation steht immer wieder die Selbstorganisation von Informationsaustausch im Vordergrund: Keine Appelle an Regierungen, sondern der Aufbau von eigenen Netzwerken. Gerade in Hinsicht auf den freien Informationsaustausch beherrscht ein aktuelles Thema die Diskussionen: Am 7. Oktober, kurz vor dem ESF, beschlagnahmte das FBI &#8211; nach eigenen Angaben auf Anfragen von Beh\u00f6rden aus Italien und der Schweiz und nicht aus eigenem Interesse &#8211; einen der Indymediaserver in Gro\u00dfbritannien. Dies f\u00fchrte zwar dank der dezentralen Struktur von Indymedia nur teilweise zu Ausf\u00e4llen, \u00fcber den Hintergrund wurde aber nichts bekannt. Sowohl der Service Provider Rackspace, als auch die britischen Beh\u00f6rden machten keine Angaben zu dem Vorfall. Am 13. Oktober wurde die Hardware zur\u00fcckgegeben. Welche Ziele mit der internationalen Polizeiaktion verfolgt wurden, ist unklar. MedienaktivistInnen pr\u00fcfen jetzt, ob an den etwa 1 Millionen beschlagnahmten Artikeln Ver\u00e4nderungen oder L\u00f6schungen vorgenommen wurden. Erschreckend, dass dieser bisher beispiellose Einsch\u00fcchterungsversuch gegen das Indymedia-Netzwerk in der \u00fcbrigen Presse eher wenig Aufmerksamkeit fand.<\/p>\n<h3>Storming the Palace(s)<\/h3>\n<p>Am Samstag schlie\u00dflich wird der Widerspruch zwischen dem &#8222;offiziellen&#8220; Forum und den freien R\u00e4umen im stattlichen Alexandra&#8217;s Palace, Veranstaltungsort des ESF, auf den Punkt gebracht: zwischen 200 und 300 Menschen verschaffen sich umsonst Zutritt zum Palast und besetzen f\u00fcr eine knappe Stunde das Podium. Dort hissen sie ein Banner mit der Aufschrift &#8222;Ken&#8217;s Party\/War Party (Kens Partei\/Kriegspartei)&#8220;. Die Babels, ein weltweites Netzwerk von \u00dcbersetzerInnen, verlesen auf dem Podium eine Erkl\u00e4rung, dass &#8222;einige unserer \u00dcbersetzerInnen nicht hier sein k\u00f6nnen, da ihnen die Einreise nach Gro\u00dfbritannien nicht erlaubt wurde. Dies ist eine direkte Folge der rassistischen Immigrations- und Asylpolitik der Labour Regierung. [&#8230;] Die Art, wie das ESF in diesem Jahr organisiert wurde, war hier nicht hilfreich.&#8220;<\/p>\n<p>Das Publikum reagiert \u00fcberrascht bis abweisend, hatte man sich selbst doch bis dahin teilweise f\u00fcr &#8222;den Widerstand&#8220; gehalten. Ken Livingstone, der eigentlich an diesem Abend im Alexandra&#8217;s Palace zum Sozialforum reden will, sagt daraufhin erschreckt sein Kommen ab.<\/p>\n<p>Am Sonntag schlie\u00dflich die Abschlusskundgebung. Ob es nun 20.000 oder 70.000 waren, spielt eigentlich keine Rolle: Am Russel Square begr\u00fc\u00dfen einen hunderte &#8211; eher tausende &#8211; von Socialist Workers Party-Schildern mit Bildern von George W. Bush. Hier gelingt es der SWP vollends, die Veranstaltung in eine reine &#8222;Stop The War&#8220;-Demo umzufunktionieren. Dass sie dabei, obwohl in London, fast nur Bush im Visier haben, spricht B\u00e4nde. Komplette Geschmacklosigkeiten \u00fcberraschen da kaum noch: Eine Gruppe tr\u00e4gt Schilder mit der Aufschrift &#8222;Israel Terrorism&#8220;, daneben Davidstern und Hakenkreuz. Doch, jetzt m\u00f6chte man sich \u00fcbergeben. Der einsetzende Regen macht der Demo zum Gl\u00fcck ein rasches Ende. Die wenigen Gruppen aus den <em>Freien R\u00e4umen<\/em>, die hierher gefunden haben, versuchen ihr Bestes: Die RuferInnen von &#8222;no border, no nation!&#8220; werden von den Umstehenden aber eher fragend angeschaut. Es formiert sich ein kleiner &#8222;Media-Block&#8220;, um auf die Indymedia-Zensur durch Home Office und FBI aufmerksam zu machen. Eher ein Novum f\u00fcr Demonstrationen auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n<h3>Aussichten<\/h3>\n<p>Gibt es einen Grund, \u00fcber die Entwicklung des ESF, die eigentlich wenig \u00fcberrascht, zu trauern? Wer durch die <em>Freien R\u00e4ume<\/em> streift, wird wenig vermisst haben und k\u00f6nnte tats\u00e4chlich die Frage stellen: Wozu brauchen wir schon ein ESF, wenn wir das hier selber k\u00f6nnen? Ganz richtig ist das zwar nicht, denn eigentlich m\u00fcsste man den TrotzkistInnen von der SWP dankbar sein, dass sie den Ansto\u00df f\u00fcr ein eigenes Forum gegeben haben, und sicherlich w\u00e4ren auch ohne offizielles ESF nicht so viele Menschen nach London gekommen. Trotzdem: Es ist Teilen der globalen Bewegung gelungen, sich unabh\u00e4ngig von Parteien und Gewerkschaften zu organisieren.<\/p>\n<p>Wie hei\u00dft es im Aufruf zu den <em>Autonomous Spaces<\/em>: &#8222;Politische Autonomie ist das Bed\u00fcrfnis, [&#8230;] ein gemeinsames Anliegen zu haben, ohne eine &#8218;gemeinsame Linie&#8216; zu fordern.&#8220;<\/p>\n<p>Das Projekt &#8222;Rettung der Vielfalt&#8220; war allemal ein Erfolg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Podium im Camden Centre, unweit des Bahnhofs King&#8217;s Cross, sitzen VertreterInnen der Indymedia-Projekte aus Beirut und der Strasse von Gibraltar (Estrecho), &#8222;Justice for Janitors&#8220;, dem Noborder-Netzwerk und dem &#8222;Institute Of Race Relations&#8220;. W\u00e4hrend sie in der 400 Menschen fassenden Halle \u00fcber den Zusammenhang von Bewegungs- und Informationsfreiheit diskutieren, bilden sich an den unz\u00e4hligen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/11\/who-the-fuck-needs-the-esf\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Who the fuck needs the ESF? - graswurzelrevolution","description":"Auf dem Podium im Camden Centre, unweit des Bahnhofs King's Cross, sitzen VertreterInnen der Indymedia-Projekte aus Beirut und der Strasse von Gibraltar (Estrec"},"footnotes":""},"categories":[395],"tags":[],"class_list":["post-6419","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-293-november-2004"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6419","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6419"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6419\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6419"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6419"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6419"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}