{"id":6439,"date":"2004-11-01T00:00:33","date_gmt":"2004-10-31T22:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6439"},"modified":"2022-07-26T13:11:48","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:48","slug":"gorleben-reloaded","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/11\/gorleben-reloaded\/","title":{"rendered":"Gorleben reloaded"},"content":{"rendered":"<h3>Kontinuit\u00e4t und Chancen im Castor-Widerstand<\/h3>\n<p>Castor-Transporte nach Gorleben sind scheinbar zur Normalit\u00e4t geworden. Anfang November werden die Beh\u00e4lter Nr. 45 bis 56 ins dortige Zwischenlager gebracht. Die Polizei h\u00e4lt die Proteste f\u00fcr handhabbar, will etwas weniger BeamtInnen ins Wendland schicken als letztes Jahr.<\/p>\n<p>Und wenn mensch sich im Internet anschaut, was an Protesten geplant wird, wirkt dies altbekannt: gro\u00dfe Auftaktdemo in Dannenberg, Camp im S\u00fcdwesten, Schienenblockaden von Kleingruppen quer durch die Republik, Demos und Aktionen in L\u00fcneburg, Waldspazierg\u00e4nge in der G\u00f6hrde, Camp in Hitzacker, Infopunkt auf der Dannenberger Essowiese, X-tausendmal quer auf der Stra\u00dfenstrecke, B\u00e4uerliche Notgemeinschaft \u00fcberall, WiderSetzen plant Sitzblockaden in Langendorf und Gro\u00df Gusborn. AktivistInnen von Greenpeace und Robin Wood werden irgendwo raufklettern oder sich irgendwo anketten. Die VolXk\u00fcche und Rampenplan kochen f\u00fcr alle, Klaus der Geiger geigt f\u00fcr alle, und die Gorleben-Singers singen f\u00fcr alle. Dazu viele kleine und kreative Aktionen in den D\u00f6rfern entlang der Transportstrecke. Die BI L\u00fcchow-Dannenberg spricht von der &#8222;5. Jahreszeit im Wendland&#8220;, also etwas, was mit gro\u00dfer Sicherheit jedes Jahr wiederkehrt. Alle sind drauf eingestellt, der Adrenalinspiegel steigt in der Region nicht mehr viele Wochen vorher an, sondern erst kurz vor dem Tag X. Die Presse ist sich nicht ganz sicher, wie viel Neuigkeitswert die Ereignisse noch haben werden und ob sich eine Reise ins Wendland lohnt.<\/p>\n<h3>Also alles wie gehabt? Ja und nein.<\/h3>\n<p>Ja insofern, als es auch beim anstehenden achten Gorleben-Castor-Transport noch immer ausgiebigen Protest und Widerstand gibt, noch immer ganze Polizeiarmeen aus dem Bundesgebiet zusammengezogen werden, noch immer tagelang Ausnahmezustand im Wendland herrscht.<\/p>\n<p>Gerade j\u00e4hrte sich zum zwanzigsten Mal der allererste Tag X, als Anfang Oktober 1984 zum ersten Mal ein Atomtransport &#8211; damals noch mit F\u00e4ssern voller schwach radioaktivem M\u00fcll &#8211; nach massiven Protesten Gorleben erreichte. Wer h\u00e4tte es damals, oder auch nur beim ersten Castor 1995, f\u00fcr m\u00f6glich gehalten, dass auch im Jahre 2004 ein Transport nach Gorleben noch einen solch riesigen Aufwand n\u00f6tig macht?<\/p>\n<p>Gorleben ist und bleibt die Konstante im Widerstand gegen die Atompolitik. Das ist dann zwar nicht mehr jedes Jahr aufregend neu, aber es ist in gewisser Weise verl\u00e4sslich. Und es ist erstaunlich, angesichts der in rot-gr\u00fcner Atomkonsensso\u00dfe verklebten Republik. Im neuesten Rundbrief von X-tausendmal quer wird das so formuliert:<\/p>\n<p>&#8222;Mit den allj\u00e4hrlichen Aktionen rund um Gorleben legen wir den Finger genau in die offene Wunde des weiter v\u00f6llig ungel\u00f6sten Atomm\u00fcllproblems. Wir nutzen die Chance der \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit, die es eben vor allem bei den Castortransporten gibt und die wir mit unseren Aktionen letztendlich auch immer wieder neu bewirken. So besteht die M\u00f6glichkeit, das gesellschaftliche Problembewusstsein neu zu sch\u00e4rfen. Wer wei\u00df schon, dass sich mit den im Atomkonsens festgelegten &#8218;Reststrommengen&#8216; die bisher entstandene Atomm\u00fcllmenge in den n\u00e4chsten Jahrzehnten verdreifachen wird?<\/p>\n<p>Es geht letztlich darum, die \u00f6ffentliche Debatte um Atomenergie, die inzwischen haupts\u00e4chlich zwischen den beiden Szenarien rot-gr\u00fcner Status quo oder schwarz-gelbe Renaissance gef\u00fchrt wird, wieder um die notwendige Variante der sofortigen Stilllegung zu erweitern.<\/p>\n<p>Vielen Menschen ist es auch weiterhin wichtig, Sand im Getriebe der scheinbar \u00fcberm\u00e4chtigen Atomlobby zu sein. Dies geht nat\u00fcrlich bei Castor-Transporten besser als an AKW-Z\u00e4unen. Das pers\u00f6nliche Eingreifen, die direkte Aktion, der Zivile Ungehorsam angesichts von kaum fassbaren Risiken, kann dazu beitragen, die eigene Handlungsf\u00e4higkeit zu erhalten, nicht zu resignieren und den Kampf f\u00fcr eine lebenswerte Zukunft fortzusetzen.&#8220;<\/p>\n<p>Auch diese Argumente sind alle nicht wirklich neu, aber sie entsprechen der aktuellen Situation und heben sich \u00fcbrigens wohltuend davon ab, den Hype immer h\u00f6her treiben zu wollen.<\/p>\n<p>Gorleben und der Tag X sind ein St\u00fcck weit Routine geworden. Das nimmt dem Ganzen derzeit ein St\u00fcck seiner politischen Durchschlagskraft und seiner revolution\u00e4ren Sprengkraft. Aber Anti-Atom-Politik war noch nie etwas f\u00fcr SprinterInnen, sondern eher f\u00fcr Langstreckenl\u00e4uferInnen. X-tausendmal quer dazu: <em>&#8222;Nur konstanter Protest, der sich \u00fcber tagesaktuelle Schwankungen und Trends erhaben wei\u00df, wird mit einer ver\u00e4nderten Politik quittiert! Setzt der Protest aus, so wird dies als Anzeichen f\u00fcr Zustimmung gedeutet. Darum sind Blockaden immer noch so wichtig.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Die Kontinuit\u00e4t hat \u00fcbrigens auch einen Nutzen auf einem ganz anderen Gebiet: Das Wendland war und ist eine Art Durchlauferhitzer f\u00fcr die politische Sozialisation von etlichen Generationen. Noch immer zieht es haupts\u00e4chlich junge Menschen zum Tag X. Und sie lernen in diesem j\u00e4hrlich wiederkehrenden und sich doch immer wieder neu erfindenden Widerstand unendlich viel, was hinterher auch an anderer Stelle politische Praxis befruchten kann.<\/p>\n<h3>Also alles wie gehabt? Ja und nein.<\/h3>\n<p>Nein insofern, als sich die Bedingungen vor Ort in einem interessanten Wandel befinden. Im Gegensatz zu den Transporten nach Gorleben vor einigen Jahren, hat die Polizei n\u00e4mlich inzwischen ihr Konzept ge\u00e4ndert. Sie versucht, Kr\u00e4fte und Geld zu sparen und gleichzeitig die Belastung f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung im Wendland zu reduzieren. Das f\u00fchrt aber gleichzeitig wieder zu gr\u00f6\u00dferen M\u00f6glichkeiten f\u00fcr den Widerstand. Die Bewegungsfreiheit ist nicht mehr \u00fcberall so eingeschr\u00e4nkt wie noch 2001. Die Transportstrecke ist an vielen Stellen wieder erreichbar. Im letzten Herbst war es beispielsweise der B\u00e4uerlichen Notgemeinschaft wieder gelungen, mit ihren Treckern die Stra\u00dfe zu besetzen. Es geht wieder was\u2026<\/p>\n<p>Dies auch und gerade, weil ja die Zahl der QuerstellerInnen in den letzten Jahren nicht mehr ab-, sondern wieder zugenommen hat. Nach dem frustrierenden Tief im Herbst 2001 &#8211; direkt nach dem 11.09. in New York und Washington &#8211; w\u00e4chst die Zahl der Aktiven langsam, aber stetig Jahr f\u00fcr Jahr an.<\/p>\n<p>Dazu kommt, dass es in den letzten Monaten eine gro\u00dfe Reihe sehr deutlicher Gerichtsurteile in Sachen Polizeirepressionen beim Castor gab. Die bisherige Praxis der massenhaften Ingewahrsamnahmen ist dadurch zwar nicht v\u00f6llig unm\u00f6glich geworden, aber doch erschwert und eingeschr\u00e4nkt. Sollte es doch zu gro\u00dfen und langen Einkesselungen kommen, dann haben einige Dannenberger Richter schon angek\u00fcndigt, dass sie sich dann selbst vor Ort begeben wollen, um die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit zu \u00fcberpr\u00fcfen und gegebenenfalls die Aufl\u00f6sung des Kessels zu verf\u00fcgen. Es wird also spannend.<\/p>\n<p>Insgesamt kann es in diesem Jahr also durchaus interessante Wendungen im Geschehen auf Stra\u00dfe und Schiene geben. Alles wie gehabt und dann pl\u00f6tzlich\u2026 Aber davon dann mehr in der n\u00e4chsten GWR. Jedenfalls w\u00e4re es doch schade, nicht dabei gewesen zu sein, oder?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kontinuit\u00e4t und Chancen im Castor-Widerstand Castor-Transporte nach Gorleben sind scheinbar zur Normalit\u00e4t geworden. Anfang November werden die Beh\u00e4lter Nr. 45 bis 56 ins dortige Zwischenlager gebracht. Die Polizei h\u00e4lt die Proteste f\u00fcr handhabbar, will etwas weniger BeamtInnen ins Wendland schicken als letztes Jahr. Und wenn mensch sich im Internet anschaut, was an Protesten geplant wird, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/11\/gorleben-reloaded\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Gorleben reloaded - graswurzelrevolution","description":"Kontinuit\u00e4t und Chancen im Castor-Widerstand Castor-Transporte nach Gorleben sind scheinbar zur Normalit\u00e4t geworden. Anfang November werden die Beh\u00e4lter Nr. 45"},"footnotes":""},"categories":[395,1039],"tags":[],"class_list":["post-6439","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-293-november-2004","category-quergestellt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6439","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6439"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6439\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6439"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6439"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6439"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}