{"id":6448,"date":"2004-11-01T00:00:50","date_gmt":"2004-10-31T22:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6448"},"modified":"2022-07-26T14:15:06","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:06","slug":"ich-hatte-fragen-und-anarchismus-war-die-antwort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/11\/ich-hatte-fragen-und-anarchismus-war-die-antwort\/","title":{"rendered":"&#8222;Ich hatte Fragen, und Anarchismus war die Antwort&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Graswurzelrevolution (GWR): Wie ist das CIRA entstanden? Kannst Du bitte die Gr\u00fcndungs- und Entwicklungsgeschichte erz\u00e4hlen ?<\/strong><\/p>\n<p>Marianne Enckell: Ich habe das CIRA 1962 haupts\u00e4chlich als anarchistische Bibliothek beziehungsweise als Bibliothek \u00fcber Anarchismus kennen gelernt.<\/p>\n<p>Da existierte es schon seit f\u00fcnf Jahren als kleine Sammlung.<\/p>\n<p>Der Gr\u00fcnder Pietro Ferrua lebte als italienischer Kriegsdienstverweigerer in der Schweiz. Da er sich als anerkannter Fl\u00fcchtling in der Schweiz nicht direkt politisch bet\u00e4tigen durfte, hatte er die Idee, die B\u00fccher und Publikationen, die irgendwo bei \u00e4lteren Genossinnen und Genossen lagen, zu sammeln und in der Schweiz eine libert\u00e4re Bibliothek zu organisieren. Dahinter steckte auch der Gedanke, dass es in der Schweiz vielleicht etwas sicherer als im Ausland sein k\u00f6nnte, ein solches anarchistisches Dokumentationszentrum aufzubauen. Er hat ganz klein angefangen mit Hilfe von ein paar \u00e4lteren Genossinnen und Genossen in Genf. Die waren in der Gruppe <em>le R\u00e9veil-Il Risveglio [der Weckruf]<\/em> gewesen mit und um Luigi Bertoni herum. Bertoni hatte ab 1900 eine zweisprachige italienisch\/franz\u00f6sische Zeitschrift herausgegeben, zweimal im Monat oder w\u00f6chentlich und auch im Untergrund w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs.<\/p>\n<p>Er ist 1947 gestorben, und die Genossinnen und Genossen hatten einmal im Monat ein Treffen oder ein Picknick, etwas um die Flamme am Leben zu halten. Aber die waren nicht mehr aktiv. Sie waren relativ alt, und die anarcho-syndikalistische Bewegung war eigentlich gestorben.<\/p>\n<p>Dann kamen j\u00fcngere Genossen, Antimilitaristen aus Frankreich, aus dem Krieg in Algerien und aus Italien. Sie haben wieder angefangen. Ich habe sie kennen gelernt durch meine Gro\u00dftante, die Schwester meiner Gro\u00dfmutter, die hie\u00df Lise Ceresole. Sie war mit Pierre Ceresole verheiratet, dem Gr\u00fcnder des <em>Service Civil International<\/em>, des <em>Internationalen Zivildienstes<\/em>. Der war gestorben, aber Lise war weiterhin sehr aktiv. Sie wohnte auf dem Lande in einem kleinen Haus und hat viele Leute versteckt.<\/p>\n<p>Die Kriegsdienstverweigerer kamen zu ihr, und bald kamen sie auch zu meiner Mutter. Dann konnten sie studieren oder eine Arbeit finden. So haben wir pers\u00f6nliche Kontakte gehabt.<\/p>\n<p>Dadurch haben wir den Anarchismus entdeckt.<\/p>\n<p><strong>GWR: Standet Ihr damals schon in Kontakt mit den War Resisters&#8216; International, mit der Londoner oder anderen WRI-Gruppen?<\/strong><\/p>\n<p>Marianne: Ja, aber wenig. Die Internationale der KriegsgegnerInnen (IDK\/WRI) war zu der Zeit nicht aktiv in der Schweiz.<\/p>\n<p>Wir hatten Kontakte zu Qu\u00e4kern und zu alten Pazifisten. Es gab auch die neue Anti-Atom-Bewegung, die Anti-Atomtod-Bewegung, die Ur-Bewegung.<\/p>\n<p>Wir waren zu der Zeit gegen die Atomwaffen, aber noch f\u00fcr die &#8222;friedliche Nutzung&#8220; der Atomenergie f\u00fcr Licht und Strom.<\/p>\n<p><strong>GWR: Das war ja durchaus typisch f\u00fcr die damalige Zeit. Im Vorwort der 1958 erschienenen Neuauflage von Rudolf Rockers Standardwerk &#8222;Nationalismus und Kultur&#8220; dr\u00fcckt Rocker ja auch noch die absurde Hoffnung aus, die Atomkraft k\u00f6nne &#8222;ein Werkzeug f\u00fcr die Zwecke des Friedens und der allgemeinen Wohlfahrt werden&#8220;.<\/strong><\/p>\n<p>Marianne: Ja. Es gab in dieser Zeit auch viele politische Diskussionen zum Krieg in Algerien, zur Spaltung der kommunistischen Parteien in China und der Sowjetunion, zu den Atomkraftproblemen usw.<\/p>\n<p>Ich war Studentin und habe immer mit den Leuten diskutiert. So habe ich langsam meine politische, anarchistische Ideenwelt entwickelt.<\/p>\n<p>Die anarchistischen Genossen waren Antimilitaristen, aber keine Pazifisten. Die Idee der Kriegsdienstverweigerung und antimilitaristische Aktionen spielten eine gro\u00dfe Rolle.<\/p>\n<p>Es gab auch Aktivit\u00e4ten rund um Spanien herum, gro\u00dfe Kampagnen von jungen, spanischen Anarchisten im Exil gegen das faschistische Franco-Regime, Protest gegen den spanischen Botschafter und den Klerus, Solidarit\u00e4tsarbeit, Informationen \u00fcber die Situation der politischen Gefangenen in Spanien&#8230; Das hat uns sehr mobilisiert. Der ganze Zusammenhang war g\u00fcnstig, um politische Ideen zu entwickeln, zu analysieren.<\/p>\n<p>Das CIRA war zu dieser Zeit in Genf. Pietro Ferrua hatte damals Kontakte zu einer Gruppe von jungen Leuten, die 1961 ein kleines Attentat gegen das spanische Konsulat in Genf gemacht haben. &#8222;BUMM BUMM&#8220; einfach. Es gab ein paar zerst\u00f6rte T\u00fcren und Klos&#8230; Das machte nat\u00fcrlich einen gro\u00dfen Krach, und die Beteiligten hatten sp\u00e4ter einen Prozess. Sie mussten nicht lange ins Gef\u00e4ngnis, aber mehrere Leute aus ihrem Umfeld, alle Ausl\u00e4nder, wurden aus der Schweiz wegen &#8222;politischer Aktivit\u00e4ten&#8220; ausgewiesen. Auch Pietro Ferrua musste das Land schnell verlassen.<\/p>\n<p>Wir hatten deshalb ein Treffen mit \u00e4lteren Genossen, die waren alle Arbeiter.<\/p>\n<p>Meine Mutter und ich, wir hatten B\u00fccher ganz gern, wir haben gesagt: &#8222;Ja, wir nehmen das, und wir machen weiter mit dem CIRA.&#8220;<\/p>\n<p><strong>GWR: Das war Anfang der 60er?<\/strong><\/p>\n<p>Marianne: Das war 1963.<\/p>\n<p><strong>GWR: Dann habt Ihr 1964 die gewaltfrei-anarchistische Zeitung &#8222;Anarchisme et Nonviolence&#8220; ((3)) mitgegr\u00fcndet. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Sie war &#8211; ebenso wie die seit 1936 erscheinende &#8222;Peace News&#8220; aus London und die von 1965 bis 1966 in Hannover herausgekommene &#8222;Direkte Aktion&#8220; (Bl\u00e4tter f\u00fcr Anarchismus und Gewaltfreiheit) &#8211; eine wichtige Inspirationsquelle f\u00fcr die Gr\u00fcndungsmitglieder der GWR ((4)). <\/strong><\/p>\n<p><strong>Wie kam es zur Gr\u00fcndung der &#8222;Anarchisme et Nonviolence&#8220;? <\/strong><\/p>\n<p>Marianne: Andr\u00e9 Bernard, Mitbegr\u00fcnder von &#8222;Anarchisme et Nonviolence&#8220;, war auch als Exilant in Genf zur Zeit der Gr\u00fcndung des CIRA.<\/p>\n<p>Dann ist er nach Frankreich zur\u00fcckgekehrt, als dort die <em>Action civique non-violente<\/em> (Zivile gewaltfreie Aktion) angefangen hat, eine kollektive Verteidigung f\u00fcr Kriegsdienstverweigerer zu organisieren und auch direkte Aktionen.<\/p>\n<p>Es ging unter anderem um das Recht auf Kriegsdienstverweigerung und Zivildienst. Eine typische Aktion war zum Beispiel, wenn der Angeklagte Andr\u00e9 Bernard den Milit\u00e4rs und Beh\u00f6rden schrieb: &#8222;Sie finden mich dann und dann im Zivildienst-Camp.&#8220;<\/p>\n<p>Dann kamen die Bullen dahin und haben gefragt: &#8222;Wo ist Andr\u00e9 Bernard?&#8220;<\/p>\n<p>Dann sagten zehn Mann: &#8222;Ich bin Andr\u00e9 Bernard.&#8220;<\/p>\n<p>Keiner von denen hatte Papiere. Auf einmal waren sie angekettet, und sie mussten alle verhaften.<\/p>\n<p>Es dauerte relativ lange, bis es dann zur Verhandlung gegen Andr\u00e9 Bernard oder Pierre Boisgontier kam. Die Presse hat die Geschichte mit Interesse verfolgt.<\/p>\n<p>Aber in dieser <em>Action civique non-violente<\/em> waren die meisten Leute religi\u00f6s, christlich oder <em>Amis de l&#8217;arche<\/em> um Lanza del Vasto, eine theistische Gemeinschafts-Bewegung. Und die Anarchistinnen und Anarchisten haben gedacht: &#8222;Wir m\u00fcssen uns selbst definieren.&#8220;<\/p>\n<p>Dann haben sie ein eigenes Netzwerk aufgebaut und die Zeitschrift &#8222;Anarchisme et Nonviolence&#8220; lanciert.<\/p>\n<p><strong>GWR: Da gibt es eine Parallele zur &#8222;Graswurzelrevolution&#8220;. Als gewaltfreies, aber eben nicht anarchistisches Organ gab es in der Bundesrepublik die 1971 von Theodor Ebert gegr\u00fcndete &#8222;Gewaltfreie Aktion&#8220; (GA). Die GWR wurde im Sommer 1972 auch in Abgrenzung zur GA gegr\u00fcndet, u.a. um libert\u00e4r-gewaltfreie Positionen herauszustellen und auszuarbeiten. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Andr\u00e9 Bernard macht heute noch bei &#8222;R\u00e9fractions&#8220; und bei der seit 50 Jahren in Frankreich erscheinenden anarchistischen Wochenzeitung &#8222;le monde libertaire&#8220; ((5)) mit. Er layoutet beide Zeitschriften?<\/strong><\/p>\n<p>Marianne: Ja.<\/p>\n<p><strong>GWR: Ein sehr sch\u00f6nes Layout. Die &#8222;R\u00e9fractions&#8220; erscheint seit 1997. Sie steht in gewisser Weise in der Tradition von &#8222;Anarchisme et<\/strong> <strong>Nonviolence&#8220;? W\u00fcrdest Du sie als Nachfolgezeitschrift bezeichnen?<\/strong><\/p>\n<p>Marianne: Nein. Gar nicht, sogar.<\/p>\n<p>Wir hatten schon mehrmals die Idee, eine echte theoretische Zeitschrift zu machen. Das Modell war vielleicht eher &#8222;Volonta&#8220; in Italien.<\/p>\n<p>Anfang der 90er Jahre gab es ein paar Treffen in Lyon \u00fcber libert\u00e4re Kultur, dann in Grenoble, in Toulouse,&#8230; da hat sich eine kleine Gruppe gefestigt.<\/p>\n<p>Als \u00c4ltere hatten wir ein wenig mehr Geld zu investieren und auch technische Mittel f\u00fcrs Layout usw. Auch mehr Erfahrungen im B\u00fccher machen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Du hast sicher einen guten \u00dcberblick \u00fcber die verschiedenen anarchistischen Bewegungen und Str\u00f6mungen weltweit?<\/strong><\/p>\n<p>Marianne: Das ist nicht so einfach zu sagen. Wir kriegen ungef\u00e4hr 150 bis 200 Periodika, jetzt noch mehr durch E-Mail. Nat\u00fcrlich lese ich nicht alles. Was ich bemerke ist, dass es ein paar Zeitschriften gibt, die langlebiger sind als fr\u00fcher.<\/p>\n<p>Es gibt immer diese gro\u00dfen regelm\u00e4\u00dfigen Zeitschriften, wie &#8222;Freedom&#8220; ((6)) aus London, &#8222;Umanita Nova&#8220; aus Italien, &#8222;le monde libertaire&#8220;, &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; und ein paar andere. Aber sehr oft, wenn es gro\u00dfe soziale Bewegungen gibt, dann macht jede Gruppe eine eigene, kleine Zeitschrift, ver\u00f6ffentlicht Nr. 0 und vielleicht Nr. 1, und dann blubb, das wei\u00dft du auch von deiner Arbeit.<\/p>\n<p>Jetzt gibt es immer wieder neue Flugschriften, aber es gibt mehrere Zeitschriften, die schon seit mehr als zwanzig Jahren erscheinen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Das hei\u00dft, dass die Kontinuit\u00e4t zugenommen hat.<\/strong><\/p>\n<p>Marianne: Ja, und auch, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Sache treu bleiben und nicht nach ein paar Jahren dem Anarchismus den R\u00fccken kehren.<\/p>\n<p>Zum anderen gibt es heute viel mehr L\u00e4nder und Regionen, wo es anarchistische Aktivit\u00e4ten gibt. Nat\u00fcrlich nach 1989 in den L\u00e4ndern des ehemaligen &#8222;Ostblocks&#8220; und auch nach 1994, nach dem Beginn des zapatistischen Aufstands in Mexiko, Seattle 1999 ((7)) usw.<\/p>\n<p>Diese neuen Gruppen wissen oft nicht genau, was Anarchismus ist, die haben keine Geschichte, die haben wenig B\u00fccher, Referenzen, Texte,&#8230;<\/p>\n<p>Da lohnt sich die Zusammenarbeit. Wir haben sehr viele B\u00fccher nach Moskau geschickt, auch nach S\u00fcdamerika, nach dem Fall der Diktaturen. Wir versuchen, diese Texte zu verbreiten. Daf\u00fcr ist das Internet wichtig. Im englischsprachigen Raum gibt es Uni-Professoren, die ein Seminar veranstalten, wo die Studentinnen und Studenten anarchistische Texte ins Internet stellen. Das ist nat\u00fcrlich bequem.<\/p>\n<p>In mehreren Sprachen kann man meist die klassischen Autorinnen und Autoren lesen.<\/p>\n<p>Aber es gibt auch junge Leute, die vielleicht Schwierigkeiten haben, die klassischen Texte zu lesen, weil es nicht so spannend ist.<\/p>\n<p>Es ist Zeit f\u00fcr neue &#8222;Agitationsbem\u00fchungen&#8220;, neue Erkl\u00e4rungen, neue Geschichten, etwas Eigenes, Neues zu schreiben, das den Leuten auch Lust macht, mehr zu recherchieren.<\/p>\n<p><strong>GWR: Zum Beispiel in der T\u00fcrkei lassen sich in Sachen Anarchismus positive Entwicklungen beobachten ((8)). Dort gibt es sozusagen einen Aufschwung neu entstehender anarchistischer Bewegungen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das zeigt sich auch anhand libert\u00e4rer Verlage wie KAOS sowie an \u00f6ffentlichwirksamen schwarz\/roten Aktionen etwa zum 1. Mai oder im Sommer 2004 bei den Demonstrationen gegen die NATO-Tagung in Istanbul. Kannst Du Beispiele f\u00fcr Aktionen oder Bewegungen aus den letzten Jahren nennen, die Dich besonders beeindruckt haben?<\/strong><\/p>\n<p>Marianne: Ja, die Entwicklung in der T\u00fcrkei ist wirklich bemerkenswert. Vor ungef\u00e4hr 20 Jahren habe ich junge T\u00fcrken kennen gelernt, die sagten, sie seien als Sch\u00fcler in marxistischen Gruppen, und sie wurden ausgeschlossen wegen &#8222;Anarchismus&#8220;. Und die hatten keine Ahnung, was Anarchismus w\u00e4re. Die haben \u00fcberhaupt keine Texte auf T\u00fcrkisch gefunden. Die haben franz\u00f6sische und deutsche Texte gelesen. Dann haben sie angefangen zu \u00fcbersetzen und kleine Zeitschriften herauszugeben.<\/p>\n<p>Zu dieser Zeit war das Wort Anarchismus sozusagen verboten in der T\u00fcrkei, weil alle &#8222;Terroristen&#8220; als &#8222;Anarchisten&#8220; beschimpft wurden. Dann haben sie die Zeitschrift &#8222;KARA&#8220; (SCHWARZ) gemacht, relativ viele klassische und andere B\u00fccher \u00fcbersetzt und Zeitschriften produziert: &#8222;KAOS&#8220;,&#8230;<\/p>\n<p><strong>GWR: &#8230; &#8222;efendisiz&#8220; (herrschaftsfrei), &#8222;ates hirsizi&#8220; (Feuerdiebe), &#8222;Kara mecmuA ((9)) (Schwarze Zeitschrift), &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Marianne: Genau. Das ist sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Es gibt in vielen L\u00e4ndern Lateinamerikas den Versuch, sich die w\u00e4hrend der Diktaturenzeit verlorengegangene Geschichte wieder anzueignen. Es gibt noch ein paar Bibliotheken, die im Untergrund aufrecht erhalten wurden, junge Leute, die die eigene Geschichte studieren, neue Zentren in Costa Rica, in Paraguay, in Venezuela,&#8230;<\/p>\n<p>Ein Vorteil ist auch, dass es zur Zeit Dozenten und Universit\u00e4tsprofessoren gibt, die Anarchisten sind. Die bleiben vielleicht nicht so lange, wie bei deiner Erfahrung, aber die haben M\u00f6glichkeiten zu fotokopieren, die k\u00f6nnen Material schicken, die Uni bezahlt die Briefmarken, usw.<\/p>\n<p>Das hilft, z.B. in L\u00e4ndern wie Brasilien, wo eine Briefmarke f\u00fcr einen Brief nach Europa soviel kostet wie eine Stunde Arbeit. Unter solchen Umst\u00e4nden k\u00f6nnen die Genossen ihre Publikationen einfach nicht schicken.<\/p>\n<p>Eine andere interessante Entwicklung: Es gibt immer noch viele Tendenzen im Anarchismus, aber vielleicht weniger Streitigkeiten. Nat\u00fcrlich gibt es die auch noch, z.B. in Spanien, wo es einen Streit zwischen den anarcho-syndikalistischen Gewerkschaften um die Frage &#8222;Wer ist die historische CNT?&#8220; gibt.<\/p>\n<p>Fast \u00fcberall gibt es z.B. viele neue anarcho-kommunistische Gruppen, aber die diskutieren meistens auch mit den Gewaltfreien, den Individualisten und den Punks, es gibt weniger Ausgrenzungen. Das ist sehr positiv.<\/p>\n<p>Manchmal sind die Leute in einer klassenk\u00e4mpferischen Organisation aktiv und zur selben Zeit Hausbesetzer oder Punks.<\/p>\n<p><strong>GWR: Die Leute sind offener?<\/strong><\/p>\n<p>Marianne: Ja. Wichtig ist auch der feministische Aspekt. Ich finde, in 30 Jahren feministischem Kampf haben wir leider noch nicht soviel erreicht. Die erste neue Women&#8217;s Lib, die Frauenbewegung in den 70er Jahren, hatte Begriffe gepr\u00e4gt wie &#8222;Das Private ist politisch&#8220;, Diskussionen \u00fcber Separatismus oder gemischte Gruppen, usw.<\/p>\n<p>Ich glaube, die neuen Generationen fangen immer neu an, ganz am Anfang. Vielleicht sind jetzt mehr M\u00e4nner wirklich feministisch. Ich wasche nie mehr ab, wenn es M\u00e4nnerbesuche gibt. Da hab ich kein Problem mit. Oder auch im CIRA: Die Genossen, die hier mitarbeiten, putzen einmal in der Woche ganz sorgf\u00e4ltig und ohne Probleme. Bei den \u00e4lteren Generationen ist das schwerer. Der libert\u00e4re Feminismus ist heute lebendiger, mehr gelebt &#8211; das messe ich nicht nur beim Abwaschen.<\/p>\n<p>Einer der vielleicht wichtigsten Aspekte des Anarchismus heute ist die gelebte Anarchie. Die Leute legen viel Gewicht auf Kollektive, Vegetarismus, Alternativen, Kritik der Arbeit, usw.<\/p>\n<p>Es ist schwer eine Br\u00fccke zu bauen zwischen dem allt\u00e4glichen Leben und den gro\u00dfen Demos gegen kapitalistische Globalisierung. Das ist so weit weg. Wo kommt die Revolution?<\/p>\n<p>Die Anti-Globalisierungsbewegung hat ein Netz von Kontakten gekn\u00fcpft, internationalen Austausch, usw. organisiert.<\/p>\n<p>Aber was man viel mehr machen k\u00f6nnte, abgesehen von Widerstand leisten und Demos organisieren, wei\u00df ich nicht genau.<\/p>\n<p><strong>GWR: Ich finde, das CIRA ist auch ein St\u00fcck gelebte Utopie, gelebte Anarchie. Kannst Du beschreiben, wie es eingebunden ist, lokal, regional, wie die Kontakte zu anderen Schweizer Gruppen sind, wie es organisiert ist und funktioniert?<\/strong><\/p>\n<p>Marianne: Das CIRA ist ein Verein, alle Leserinnen und Leser sind praktisch Vereinsmitglieder. Die Leute, die mitarbeiten, tun das meistens ehrenamtlich. Wir haben zeitweise Leute aus dem Ausland, die ein wenig Geld bekommen, um leben, essen und schlafen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Seit ein paar Jahren haben wir Zivis, die regelm\u00e4\u00dfig im CIRA arbeiten. Eine gro\u00dfe Hilfe f\u00fcr mich. Es sind autonome Menschen, sie sind verantwortungsbewusst, sie verstehen schnell, sind ge\u00fcbt im Umgang mit Computern, usw.<\/p>\n<p>Und ich kann ihnen die Bibliothek einfach \u00fcberlassen, sie wissen, was sie machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das CIRA ist ein sehr internationales Archiv, das hei\u00dft, wir haben Material in vielen verschiedenen Sprachen, und die Leute, die bei uns nach Informationen und B\u00fcchern suchen, kommen aus allerlei L\u00e4ndern. Aber um Mitarbeiter oder Kontakte zu haben, m\u00fcssen wir nat\u00fcrlich hier in der Schweiz st\u00e4rker verankert sein. Wir haben gute Kontakte mit der Szene in Lausanne, haben gemeinsame Konferenzen und Debatten organisiert, Filme gezeigt, entweder hier im CIRA oder in einem Lokal in der Stadt. Es gibt die M\u00f6glichkeit, Informationen zu verbreiten. Manche junge Leute haben etwas Angst, das CIRA zu besuchen, es ist &#8222;zu gro\u00df und zu kompliziert&#8220;, obwohl wir auch ein paar Comics und Videos haben. Jetzt kommen auch Studentinnen und Studenten aus mehreren Universit\u00e4ten. Ein paar Professoren haben uns gar nicht gern. Die denken, wir seien eine kleine Gruppe in einem Keller mit zwei, drei B\u00fcchern und Propaganda, wir seien nicht seri\u00f6s. Das ist dumm.<\/p>\n<p>Es kommen mehr Studentinnen und Studenten aus der Schweiz als aus dem Ausland, obwohl die Leute auch ein bis zwei Wochen hier bleiben k\u00f6nnen. Wenn sie l\u00e4nger bleiben, um zu studieren oder zu recherchieren, dann k\u00f6nnen sie auch mitarbeiten.<\/p>\n<p>Die Benutzerinnen und Benutzer m\u00fcssen einen j\u00e4hrlichen Betrag von 30 Euro bezahlen. Das erm\u00f6glicht uns, die Portokosten, Licht, Papier, usw. zu bezahlen. Ein paar gr\u00f6\u00dfere Spenden erlauben es uns, teurere Kopien und gelegentlich Honorare zu zahlen. Wir brauchen immer Be-nutzerinnen, Benutzer und ein wenig Geld. Offen sind wir f\u00fcr Leute, die eine Periode kommen wollen. Dann k\u00f6nnen wir uns austauschen: Arbeit gegen Kost und Logis.<\/p>\n<p><strong>GWR: \u00dcber Zeitungs- und Buchspenden freut Ihr euch ? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Wenn nun libert\u00e4re VerlegerInnen und ZeitungsmacherInnen die GWR lesen, dann w\u00e4re es sch\u00f6n, wenn die sich durch dieses Interview dazu inspirieren lassen Euch Publikationen zu schicken?<\/strong><\/p>\n<p>Marianne: Ja. Wir sind eine besondere Bibliothek, weil wir nichts kaufen. Wir kaufen keine B\u00fccher, wir abonnieren keine Zeitschriften. Wir haben einen Austausch, das hei\u00dft, wir geben ein Bulletin heraus mit Informationen \u00fcber die neusten B\u00fccher, Zeitschriften, Seminare, Aktivit\u00e4ten, mit ein paar historischen Artikeln. Das letzte Bulletin behandelt das Thema Anarchismus im Film, alle m\u00f6glichen Filme, die \u00fcber Anarchismus sprechen oder in denen nur zwei W\u00f6rter vorkommen, die etwas mit Anarchie zu tun haben: &#8222;Viva l&#8217;Anarchia!&#8220;, aber auch ganz klassische anarchistische Filme.<\/p>\n<p>Die Verlage, Herausgeberinnen und Herausgeber, die uns Material schicken, k\u00f6nnen kostenfrei Informationen bekommen und die Bibliothek nutzen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie Du zum Anarchismus gekommen bist, hast Du schon ein bisschen beschrieben. Gab es auch bestimmte Ereignisse oder Erlebnisse, die Dich politisiert haben?<\/strong><\/p>\n<p>Marianne: Ich war schon ein wenig in Kontakt gekommen mit antimilitaristischen und pazifistischen Bewegungen und mit Anarchisten.<\/p>\n<p>Ich hatte Fragen, und Anarchismus war vielleicht die Antwort.<\/p>\n<p>Besonders die Anarchisten, die ich kennen gelernt habe, die waren koh\u00e4rent, und das hat mir gefallen.<\/p>\n<p>Das waren Leute, die wirklich gearbeitet und Aktionen gemacht haben, deren Philosophie korrespondierte mit meiner eigenen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Und Marie-Christine ist zur selben Zeit wie Du zum Anarchismus gekommen?<\/strong><\/p>\n<p>Marianne: Ja. Vorher war sie alleine mit f\u00fcnf Kindern. Sie hatte nicht sehr viel Zeit, um politisch zu denken oder zu agitieren.<\/p>\n<p>Wir haben sehr viel diskutiert. Vorher war ich ein, zwei Jahre lang katholisch und Pfadfinderin und so bl\u00f6de Sachen. Sie war nat\u00fcrlich nicht damit einverstanden, aber sie hat mir die Freiheit gelassen. So haben wir diskutiert, und sie hat mir B\u00fccher geliehen.<\/p>\n<p>Dann sind wir zusammen in diese Grube gefallen.<\/p>\n<p>Wir haben 40 Jahre lang zusammen im CIRA gearbeitet. Das war ein Abenteuer.<\/p>\n<p>Wir sind immer noch gute Freunde, haben sehr viel mitgemacht, nicht ohne Konflikte, nicht ohne Streitereien, aber doch: Es war sch\u00f6n.<\/p>\n<p><strong>GWR: Welche Perspektiven des Anarchismus siehst Du heute, auch vor dem Hintergrund der Anti-Globalisierungs- und Anti-Kriegs-Bewegungen?<\/strong><\/p>\n<p>Marianne: Ich bin kein Prophet. Die Geschichte des Anarchismus zeigt, dass er immer wieder ein paar Jahre lang relativ stark ist und international vernetzt.<\/p>\n<p>Dann wird es eine zeitlang eher ruhig &#8211; woran das liegt, wei\u00df ich nicht &#8211; und dann kommt wieder eine neue Generation, die alles neu entdeckt. Die m\u00fcssen neu anfangen, alles neu lesen.<\/p>\n<p>Man muss die Geschichte wiederholen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gab es in besonderen Zeiten mehr Hoffnungen auf die Revolution. Utopische Hoffnungen Ende des 19. Jahrhunderts, konkretere w\u00e4hrend der Russischen Revolutionen 1905 und 1917 und in der Spanischen Revolution 1936.<\/p>\n<p>Wer hofft heute noch, dass eine Revolution kommen wird?<\/p>\n<p>Wir sprechen heute viel mehr, wie du sagst, von &#8222;gelebter Utopie&#8220;, vom Widerstand. Englische Anarchisten wie besonders Colin Ward verzeichnen, dass die anarchistischen Ideen, Prinzipien und Werte sehr viel Einfluss auf verschiedene Dom\u00e4nen der Gesellschaft gehabt haben, auf Schulen, pers\u00f6nliche Verh\u00e4ltnisse, Urbanismus vielleicht&#8230; Aber auf Gef\u00e4ngnisse kaum.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich haben wir alle auch eine reformistische Praxis, zum Beispiel, wenn du sagst &#8222;Papiere f\u00fcr alle!&#8220;, &#8222;Rechte f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge!&#8220;.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re nat\u00fcrlich besser, wenn niemand einen Pass br\u00e4uchte, aber wenn es solche Ausgrenzungen gibt, dann muss man zuerst eine L\u00f6sung finden, damit die Menschen zumindest gleiche Rechte bekommen. Man sieht die Schwierigkeiten: Wie kann man die t\u00e4gliche Praxis und die Utopie verbinden?<\/p>\n<p>Ich denke, wir haben zwar eine reformistische Praxis, aber zugleich w\u00fcrde ich nie sagen &#8222;Ich bin f\u00fcr die Demokratie&#8220;, weil ich wei\u00df, dass die &#8222;Demokratie&#8220; keine L\u00f6sung ist.<\/p>\n<p>20, 30 Jahre sprach man viel \u00fcber Selbstverwaltung, jetzt kaum noch, jetzt ist es kein Begriff mehr, jetzt spricht man von Autonomie.<\/p>\n<p>Die Begriffe und die Werte sind f\u00fcr mich wichtig.<\/p>\n<p><strong>GWR: Es ist wichtig, dass Begriffe besetzt werden und man diese auch st\u00e4rker an die Leute bringt. Ich denke, eine Herausforderung ist, dass viele junge Leute kommen, die sozusagen wieder bei Null anfangen. Die m\u00fcssen sich solche Begriffe wieder aneignen. Dabei k\u00f6nnten sie von den Erfahrungen der \u00e4lteren Anarchistinnen und Anarchisten profitieren. Auf der anderen Seite gibt es das Problem, dass viele Alte die Seite gewechselt haben, wie die ehemaligen Libert\u00e4ren Josef Fischer, Daniel Cohn-Bendit und Co.<\/strong><\/p>\n<p>Marianne: Es gibt viele Werte und Begriffe, deren Bedeutungen sich ge\u00e4ndert haben, z.B. der Begriff der Arbeit, der Lohnarbeit. Die jungen Leute sagen zum Beispiel:&#8220;Selbstverwaltung ist Selbstausbeutung&#8220;. Das ist etwas anders. Aber das muss man diskutieren. Oder F\u00f6deralismus, ich meine, die Europ\u00e4ische Union, das ist nicht F\u00f6deralismus im anarchistischen Sinne, und es ist auch keine Etappe hin zu unserem F\u00f6deralismus.<\/p>\n<p>Das selbe gilt f\u00fcr Gewaltfreiheit oder Gewaltlosigkeit, das ist nicht unbedingt ein religi\u00f6ser oder passiver Begriff. Zugleich kann man auch diskutieren, ob es ein Ideal oder ein Mittel ist.<\/p>\n<p>Wenn wir direkte gewaltfreie Aktionen praktizieren, dann werden wir oft kritisiert: &#8222;Widerstand ist gewaltt\u00e4tig&#8220;, eine Besetzung oder eine Blockade. Auf der anderen Seite frage ich mich immer, ob es m\u00f6glich w\u00e4re, eine ganz gewaltfreie Revolution zu konzipieren oder zu erleben. Da bin ich \u00fcberhaupt nicht sicher.<\/p>\n<p>Aber das steht noch offen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Wie ist das CIRA entstanden? Kannst Du bitte die Gr\u00fcndungs- und Entwicklungsgeschichte erz\u00e4hlen ? Marianne Enckell: Ich habe das CIRA 1962 haupts\u00e4chlich als anarchistische Bibliothek beziehungsweise als Bibliothek \u00fcber Anarchismus kennen gelernt. Da existierte es schon seit f\u00fcnf Jahren als kleine Sammlung. Der Gr\u00fcnder Pietro Ferrua lebte als italienischer Kriegsdienstverweigerer in der Schweiz. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/11\/ich-hatte-fragen-und-anarchismus-war-die-antwort\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Ich hatte Fragen, und Anarchismus war die Antwort\" - graswurzelrevolution","description":"Graswurzelrevolution (GWR): Wie ist das CIRA entstanden? Kannst Du bitte die Gr\u00fcndungs- und Entwicklungsgeschichte erz\u00e4hlen ? 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