{"id":6450,"date":"2004-11-01T00:00:00","date_gmt":"2004-10-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6450"},"modified":"2022-07-26T14:15:06","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:06","slug":"langhaarige-und-frenetische-romantiker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/11\/langhaarige-und-frenetische-romantiker\/","title":{"rendered":"&#8222;Langhaarige und frenetische Romantiker&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Der italienische Kommunist Antonio Gramsci (1891-1937) ist angesagt. Nicht nur, dass die globalisierungskritische Linke seit zehn Jahren diskutiert, ob Subcomandante Marcos und Gramsci dasselbe meinen, wenn sie von &#8222;Zivilgesellschaft&#8220; reden. Auch ein anderer Begriff aus dem Wortschatz des Mitbegr\u00fcnders der KPI (1921) ist mit der Durchsetzung der neoliberalen Variante des Kapitalismus vielleicht nicht in aller, aber allerorts in linkem Munde: Hegemonie. Nach dem Zusammenbruch der staatssozialistischen Systeme und der Selbstdemontage der klassischen Sozialdemokratie gibt es durchaus gute Gr\u00fcnde, sich auf der Suche nach sozialistischen Alternativen dem marxistischen Aktivisten und Theoretiker wieder zuzuwenden. Gramscis Staatsverst\u00e4ndnis erweist sich dabei gerade in der Auseinandersetzung mit dem Anarchismus einerseits als auch heute noch erkl\u00e4rungskr\u00e4ftig. Andererseits aber auch als wissenschaftsgl\u00e4ubig und ziemlich autorit\u00e4r.<\/p>\n<h3>Der subjektive Faktor<\/h3>\n<p>Nicht zuletzt sein Status als Aktivist macht ihn zun\u00e4hst sicherlich anschlussf\u00e4hig an anarchistische Theorie und Praxis: Nicht der Lauf der Dinge, sprich: die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte f\u00fchren zur Revolution, sondern sie muss von jedem und jeder einzelnen bewusst gemacht werden. Entscheidend f\u00fcr Gramsci wie f\u00fcr AnarchistInnen aller Richtungen ist der so genannte &#8222;subjektive Faktor&#8220;. Die Frage allerdings, wie die revolution\u00e4re Aktion zu organisieren sei, f\u00fchrt zu klassisch kontr\u00e4ren Antworten. Klassisch insofern, als dass der Kommunist Gramsci hier ganz auf die avantgardistische Partei setzte, wohingegen er in typisch kommunistischer Manier die Spontaneit\u00e4t ablehnte und ihre VertreterInnen abwertete. So unterscheidet sich auch Gramsci in seiner Diktion diesbez\u00fcglich nicht vom kommunistischen Mainstream: &#8222;Wer Herr der Geschichte ist und ihr den Rhythmus des Fortschritts aufzwingt, wer das sichere und unaufhaltsame Fortschreiten der kommunistischen Zivilisation bestimmt, das sind nicht die &#8218;Halbstarken&#8216;, das ist nicht das Lumpenproletariat (i.Orig. deutsch), das sind nicht die Bohemiens, die Dilettanten, die langhaarigen und frenetischen Romantiker, sondern das sind die gro\u00dfen Massen der klassenbewussten Arbeiter, die st\u00e4hlernen Bataillone des bewussten und disziplinierten Proletariats.&#8220; ((2)) Zwar bezichtigt er die AnarchistInnen immer wieder einer &#8222;pseudorevolution\u00e4ren Phraseologie&#8220;, appelliert aber schlie\u00dflich dennoch an die &#8222;Zusammenarbeit zwischen Sozialisten und Anarchisten f\u00fcr die Durchf\u00fchrung der Revolution (\u2026), eine freie und faire Zusammenarbeit zweier politischer Kr\u00e4fte, die ihre Grundlage in konkreten, proletarischen Problemen hat.&#8220; ((3)) Die wahre Lehre des Proletariats aber sei der Marxismus, wohingegen Gramsci den Anarchismus einerseits eben den freischwebenden Intellektuellen und andererseits den r\u00fcckst\u00e4ndigen B\u00e4uerinnen und Bauern und HandwerkerInnen zuschreibt. Mit dieser Auffassung, die materielle Lage und Bewusstsein so sehr aneinander kn\u00fcpft, schlie\u00dft Gramsci direkt an Lenin an und gibt sich letztlich wissenschaftlich verbr\u00e4mten Wunschvorstellungen hin.<\/p>\n<h3>Staat und Sozialismus<\/h3>\n<p>Im Unterschied zur Frage des Klassenbewusstseins l\u00f6st sich Gramsci aber in seinem Staatsverst\u00e4ndnis von dem funktionalistischen Staat-als-Mittel-Verst\u00e4ndnis Lenins.<\/p>\n<p>Ihn treibt vielmehr die heute viel zu selten, aber von vielen AnarchistInnen seit Etienne de la Bo\u00ebtie (1530-1563) gestellte Frage, wieso die Beherrschten gegen die Herrschaft nicht angehen (&#8222;Freiwillige Knechtschaft&#8220;). Nicht allein Repression, so Gramscis bis heute plausible Antwort, sondern auch Konsens sichere die Herrschaft. W\u00e4hrend f\u00fcr Gewalt und Unterdr\u00fcckung die politische Gesellschaft &#8211; Staatsorgane, Milit\u00e4r, Polizei, etc. &#8211; zust\u00e4ndig sei, wird der Konsens in der Zivilgesellschaft, verstanden als Konglomerat von Verb\u00e4nden, Vereinen, Schule, Familie, Medien, u.v.a., hergestellt. Beide sind Teil dessen, was Gramsci den &#8222;erweiterten Staat&#8220; nennt. Dass es nicht reicht, den Staat zu erobern, ist Gramscis pragmatische Einsicht, w\u00e4hrend die AnarchistInnen das prinzipiell vertreten. Denn in der zivilen Gesellschaft konkurrieren die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen um die geistige und kulturelle Vorherrschaft, Hegemonie genannt. Staat ist demnach in Gramscis ber\u00fchmter Formulierung &#8222;politische Gesellschaft + Zivilgesellschaft, das hei\u00dft, Hegemonie, gepanzert mit Zwang&#8220; ((4)). Aus seiner Beschreibung folgert Gramsci auch strategisch, dass Hegemonie zu erringen und in Form von politischer F\u00fchrung auszu\u00fcben sei. W\u00e4hrend Anarchisten wie Corrado Quaglino, gegen den sich Gramscis Text &#8222;Der Staat und der Sozialismus&#8220; richtet, ihn als &#8222;Staatsanbeter&#8220; bezeichnen, kritisiert Gramsci wiederum die &#8222;Staatsabgewandtheit&#8220;, den &#8222;Rebellismus&#8220; und das &#8222;Umst\u00fcrzlertum&#8220; der AnarchistInnen. Auch in den w\u00e4hrend seiner langen Haft unter dem Faschismus geschriebenen &#8222;Gef\u00e4ngnisheften&#8220; grenzt sich Gramsci explizit von anarchistischen Vorstellungen bez\u00fcglich des Staates ab, nicht ohne sie als unpolitisch abzuqualifizieren: &#8222;Geringes Verst\u00e4ndnis des Staates&#8220; bedeute &#8222;geringes Klassenbewusstsein&#8220; ((5)) &#8211; wobei nat\u00fcrlich hier nur ein einziges &#8222;richtiges Verst\u00e4ndnis&#8220; zugelassen ist (was wiederum der Tatsache nicht gerade Tribut zollt, dass auch kommunistische DenkerInnen sich bez\u00fcglich des Staatsverst\u00e4ndnisses nicht unbedingt einig waren).<\/p>\n<h3>Liberalismus und Klassenstandpunkt<\/h3>\n<p>Im Umkehrschluss seiner These vom Marxismus als einzig wahrer Lehre des Proletariats weist Gramsci den AnarchistInnen den Liberalismus zu. Indem sie gegen den Staat und f\u00fcr individuelle Freiheit seien, radikalisierten die AnarchistInnen den Liberalismus, ohne aber einen richtigen Klassenstandpunkt zu vertreten. Der Anarchismus sei in der 1848er-Revolte die Lehre der Bourgoisie gewesen und k\u00f6nne dies ebenso wieder werden, sobald es zur proletarischen Klassenherrschaft k\u00e4me. Insofern der Kommunismus nicht gegen den Staat gerichtet sei, sondern als Mittel zur Errichtung einer kommunistischen Internationale, widersetzt er sich im Verst\u00e4ndnis Gramscis auch &#8222;erbittert den Feinden des Staates, den Anarchisten und den Anarchosyndikalisten, indem er ihre Propaganda als utopisch und gef\u00e4hrlich f\u00fcr die proletarische Revolution entlarvt.&#8220; ((6)) Gramsci unterschl\u00e4gt allerdings, dass der Anarchismus nicht nur den Liberalismus erweitert, sondern auch den Sozialismus radikalisiert hat. Diese Unterschlagung kann, um die Begriffe gleich anzuwenden, durchaus als strategisch im Kampf um Hegemonie innerhalb der ArbeiterInnenbewegung interpretiert werden. Ohne ihre sozialistischen Wurzeln und Elemente sind die meisten Anarchismen jedenfalls weder theoretisch hinreichend beschrieben, noch praktisch in ihrer Geschichte zu erfassen.<\/p>\n<p>Vor der Gefahr einer Vermachtung eroberter R\u00e4ume, insbesondere solcher, die das Monopol auf Gewalt beanspruchen, haben AnarchistInnen immer gewarnt. Gramsci hingegen schlie\u00dft sie aus. Die Befreiung des Proletariats h\u00e4nge unweigerlich mit der Errichtung des sozialistischen Staates zusammen, dem wiederum ein &#8222;erzogenes Proletariat&#8220; unbedingte &#8222;Treue und Disziplin&#8220; zu zollen habe. In seiner Rede an die AnarchistInnen zeigt sich Gramsci allerdings problembewusst: &#8222;Die kommunistische Gesellschaft kann nicht von oben herab durch Gesetze und Dekrete geschaffen werden. Sie wird spontan aus der historischen Aktivit\u00e4t der werkt\u00e4tigen Klasse hervorgehen, die die Initiativgewalt in der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion errungen hat und die dazu berufen ist, die Produktion auf neue Weise und mit einer neuen Ordnung zu reorganisieren. Der anarchistische Arbeiter wird dann die Existenz einer zentralisierten Macht sch\u00e4tzen, die ihm dauernd die eroberte Freiheit garantiert, die es ihm erm\u00f6glicht, nicht jeden Augenblick das begonnene Werk unterbrechen zu m\u00fcssen, um sich der revolution\u00e4ren Verteidigung zu widmen.&#8220; ((7)) Hier ist sicherlich auch die zentrale Frage anarchistischen Scheiterns angesprochen, wie n\u00e4mlich die erk\u00e4mpften Errungenschaften zu bewahren und verteidigen sind. Die historische Beschaffenheit der &#8222;zentralisierten Macht&#8220; allerdings spricht nicht gerade f\u00fcr Gramscis Plan: Vom Aufstand der Kronst\u00e4dter Matrosen 1921 \u00fcber die Spanische Revolution 1936\/37 bis hin zum Pariser Mai 1968, jedes Mal, wenn KommunistInnen zentrale Machtpositionen inne hatten, erwiesen sie sich nicht gerade als Besch\u00fctzerInnen revolution\u00e4rer Errungenschaften. Im Gegenteil, &#8222;der anarchistische Arbeiter&#8220; und andere Revolution\u00e4rInnen mussten um ihr Leben, zumindest aber um die Erfolge ihrer Rebellion f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Dass einerseits kommunistische Strategien nicht selten das Scheitern anarchistischer Modelle bef\u00f6rdert haben, darf andererseits aber die Frage nach den eigenen theoretischen und praktischen Schw\u00e4chen nicht ausblenden. Hier kann Gramscis Polemik von der Radikalisierung des Liberalismus m\u00f6glicherweise konstruktiver als Warnung gelesen werden. Die bequeme anarchistische Geste, sich angesichts des staatssozialistischen Zusammenbruchs im Recht f\u00fchlend auf die Schulter zu klopfen, ist nur zu einem Teil angebracht. Zum Stehen Bleiben besteht kein Anlass. Denn heute sind nicht nur skurrile &#8222;Anarchokapitalisten&#8220;, sondern \u00fcberhaupt die Offenheit libert\u00e4rer Ideale f\u00fcr eine der brutalsten Formen des Kapitalismus erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig. Die meisten ehemals libert\u00e4r inspirierten &#8222;68er&#8220; sind mittlerweile zu Tr\u00e4gerInnen des Neoliberalismus mutiert, zentrale libert\u00e4re Begriffe wie Selbstbestimmung, Kreativit\u00e4t und Autonomie werden nicht selten antikollektivistisch gewendet und kooptiert.<\/p>\n<p>Auch das sicher ein Erfolg im hegemonialen &#8222;Stellungskrieg&#8220;, wie Gramsci es nannte. Ob dagegen allein der richtige Klassenstandpunkt in Anschlag zu bringen ist, muss bezweifelt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der italienische Kommunist Antonio Gramsci (1891-1937) ist angesagt. Nicht nur, dass die globalisierungskritische Linke seit zehn Jahren diskutiert, ob Subcomandante Marcos und Gramsci dasselbe meinen, wenn sie von &#8222;Zivilgesellschaft&#8220; reden. 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