{"id":6471,"date":"2004-12-01T00:00:46","date_gmt":"2004-11-30T22:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6471"},"modified":"2022-07-26T13:11:47","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:47","slug":"lebendig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/12\/lebendig\/","title":{"rendered":"Lebendig"},"content":{"rendered":"<p>Niemand konnte ahnen, welche Nachricht da so pl\u00f6tzlich auf das Wendland und die Anti-Atom-Bewegung hereinbrechen w\u00fcrde. Der Tod von S\u00e9bastien Briat bei einer versuchten Ankettaktion in Frankreich wirbelte im Castor-Widerstand vieles durcheinander. Dabei hatte alles so viel versprechend begonnen: Zur Auftaktdemo am Samstag, den 6. November in Dannenberg kamen fast 6.000 Menschen, die Stimmung war gro\u00dfartig und die Bewegung fast ein bisschen selbst davon berauscht, dass sie einfach nicht unterzukriegen ist.<\/p>\n<p>Viele Gruppen und Gr\u00fcppchen hatten sich \u00fcbers Jahr gewitzte Kleingruppenaktionen oder gr\u00f6\u00dfere Aktionskonzepte \u00fcberlegt und eigentlich war bei diesem achten Castor-Transport nach Gorleben wirklich mit einigen \u00dcberraschungen zu rechnen. Als dann noch das Verwaltungsgericht L\u00fcneburg in einer Eilentscheidung erstmals das Versammlungsverbot zumindest auf der Stra\u00dfentransportstrecke f\u00fcr rechtswidrig erkl\u00e4rte, schien vieles m\u00f6glich. Doch dann kam alles ganz anders.<\/p>\n<p>Als am Tag nach der gro\u00dfen Demo in den Nachmittagstunden erste Ger\u00fcchte aus Frankreich die Runde machten, wollte es noch kaum jemand glauben. Gerade hatten sich viele noch \u00fcber eine gelungene Ankettaktion bei Nancy gefreut, die den Fahrplan des Zuges schon um einige Stunden durcheinander gebracht hatte.<\/p>\n<p>Aber dann wurde es mehr und mehr zur Gewissheit, dass die zweite Aktion, bei Avricourt, aus irgendeinem Grunde schrecklich schiefgegangen ist.<\/p>\n<p>Die BI L\u00fcchow-Dannenberg sagte alle f\u00fcr den Sonntagabend geplanten Veranstaltungen ab und lud mit den anderen gro\u00dfen Widerstandsgruppen zu einer gemeinsamen Trauerkundgebung in Hitzacker ein. Ich habe selten eine so gro\u00dfe Stille in einer mehr als tausendk\u00f6pfigen Menschenmenge erlebt. Die Betroffenheit war riesig, aber auch der Wunsch, sich davon nicht v\u00f6llig l\u00e4hmen zu lassen, sondern auf angemessene Weise den Widerstand fortzusetzen.<\/p>\n<p>Nicht nur in Hitzacker wurde getrauert. In 24 St\u00e4dten fanden spontane Mahnwachen, Trauer- und Solidarit\u00e4tsdemonstrationen statt, zum Teil rabiat von der Polizei aufgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Im Wendland gab es noch am gleichen Abend ein Gespr\u00e4ch zwischen der Gesamteinsatzleitung der Polizei und VertreterInnen der Protestgruppen. Die Staatsmacht bef\u00fcrchtete aufgrund der angespannten Nerven eine Eskalation der Gewalt. Ein Problem: Da sich die Beamten nicht in der Lage sahen, die \u00d6ffentlichkeit \u00fcber die genauen Abl\u00e4ufe bei dem schrecklichen Ungl\u00fcck in Frankreich zu informieren, schossen die wildesten Ger\u00fcchte ins Kraut. Und diese Atmosph\u00e4re der Ger\u00fcchte und der Unsicherheit trug nicht gerade dazu bei, die Menschen zu beruhigen. Sie lie\u00df im Gegenteil Schuldzuweisungen wachsen.<\/p>\n<p>Auch der Umstand, dass der Zug schon wenige Stunden nach dem Unfall weiterrollte, als w\u00e4re nichts gewesen, machte viele Menschen fassungslos und w\u00fctend. Die taz kommentiert dazu am n\u00e4chsten Tag: &#8222;Der Castor-Zug soll, so hie\u00df es sogar zun\u00e4chst, nach dem Unfall seine Fahrt in Richtung Gorleben fortgesetzt haben. Wenn dies stimmen sollte, w\u00fcrfe es ein bezeichnendes Licht auf die Kaltschn\u00e4uzigkeit derer, die das zu verantworten haben.&#8220;<\/p>\n<p>Die Initiativen schlugen der Polizei ein gemeinsames Innehalten vor &#8211; eine befristete Unterbrechung von Transport und Protest, um den Menschen im Wendland die Zeit f\u00fcr ihre Trauer und Wut zu lassen. Der Zug sollte erst dann weiterfahren, wenn es f\u00fcr viele wieder m\u00f6glich ist, mit halbwegs klarem Kopf an die Sache heranzugehen. Gleichzeitig zu trauern und den Castor auf sich zurollen zu sehen, das funktioniert denkbar schlecht. Doch die Einsatzleitung dachte nicht daran, den Zug anzuhalten. Alles Gerede von Deeskalation wurde dadurch auf den Kopf gestellt. Es schien zu diesem Zeitpunkt, als sollten die Initiativen die gesamte Verantwortung f\u00fcr einen nicht-eskalierenden Verlauf der Ereignisse alleine \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Damit ich nicht falsch verstanden werde: Nat\u00fcrlich ist die politische Forderung der Anti-Atom-Bewegung weiterhin die Stilllegung aller AKWs, der Stopp aller Castor-Transporte und auch dieser aktuelle Transport sollte nie im Zwischenlager Gorleben landen, weil der Atomm\u00fcll dort nicht sicher gelagert werden kann. Aber neben dieser prinzipiellen politischen Haltung gab es eben an diesem Abend auch einen pragmatischen Blick auf die Situation. Und da war auch mir ein allgemeines befristetes Innehalten vor dem unausweichlichen Tag X im Wendland lieber als ein durchrauschender Zug, der auf Menschen trifft, die gerade mit ihren Gedanken und Gef\u00fchlen noch bei dem get\u00f6teten jungen Aktivisten sind.<\/p>\n<p>Dass der Zug schneller durchkam als die Jahre zuvor, hat sicherlich damit zu tun, dass eine ganze Reihe von Gruppen ihre geplanten Aktionen auf den Schienen kurzfristig abgeblasen haben. Andere hielten an ihren Pl\u00e4nen fest, kamen aber nicht zum Zuge. Nur bei G\u00f6ttingen und zwischen Uelzen und L\u00fcneburg waren Leute auf den Gleisen.<\/p>\n<p>Erst auf der Strecke von L\u00fcneburg nach Dannenberg verdichteten sich die Ereignisse dann wieder. Hier waren an unterschiedlichen Stellen kleine und gr\u00f6\u00dfere Gruppen auf den Schienen. Der Zug brauchte f\u00fcr die 50 km fast vier Stunden. Besonders eindrucksvoll war die Aktion &#8222;Widerstandsnetz&#8220; bei der unz\u00e4hlige Leute rechts und links der Gleise und quer \u00fcber die Schienen aus bunten Wollf\u00e4den riesige Netze kn\u00fcpften.<\/p>\n<p>Als der Zug am sp\u00e4ten Montagnachmittag schlie\u00dflich in Dannenberg am Verladekran eintraf, waren die beiden m\u00f6glichen Stra\u00dfenstrecken nach Gorleben bereits dicht. In Langendorf auf der Nordstrecke blockierten die Trecker der B\u00e4uerlichen Notgemeinschaft schon seit Sonntag, in Gro\u00df Gusborn auf der S\u00fcdstrecke hatte die Aktion in den Mittagsstunden des Montags begonnen. Angek\u00fcndigt waren f\u00fcr die beiden D\u00f6rfer gro\u00dfe gewaltfreie Sitzblockaden, vorbereitet von der wendl\u00e4ndischen Aktionsgruppe WiderSetzen und der bundesweiten Kampagne X-tausendmal quer. Nun waren jeweils noch eine ganze Reihe Traktoren der Notgemeinschaft dazugekommen &#8211; in Langendorf 38 und in Gusborn 19.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in Dannenberg die Verladung der zw\u00f6lf Castor-Beh\u00e4lter vorbereitet und auf der Stra\u00dfenstrecke bereits blockiert wurde, gab es in der N\u00e4he des Verladekrans eine weitere gro\u00dfe Trauerkundgebung der B\u00fcrgerinitiative, an der sich bis zu 2.000 Menschen beteiligten. Im Laufe des Abends kamen dann mehr und mehr Menschen nach Langendorf und Gro\u00df Gusborn, so dass diese Aktionen auf 500 bzw. 1.000 BlockiererInnen anwuchsen.<\/p>\n<p>In Gusborn war die Situation f\u00fcr die Polizei besonders kompliziert, weil viele Menschen zwischen und auf den Treckern sa\u00dfen. Der Einsatz, die 19 Landmaschinen kurzzuschlie\u00dfen und aus der Menge heraus von der Stra\u00dfe zu fahren, dauerte etwa zehn Stunden. Dabei kam es zum Teil zu heftigen &#8222;Ausschreitungen&#8220; von Seiten der Polizei gegen Sitzende und am Rande Stehende, u.a. wurde Reizgas eingesetzt. Auch die R\u00e4umung der Sitzblockade in den fr\u00fchen Morgenstunden wurde mit ma\u00dflos \u00fcberzogenen Mitteln durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Anders sah es in Langendorf aus. Dort hatten die BeamtInnen scheinbar Anweisung, sich besonders viel M\u00fche zu geben und alle BlockiererInnen konnten erstaunt feststellen, dass die Polizei durchaus in der Lage ist, bei einer R\u00e4umung verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig vorzugehen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in den beiden D\u00f6rfern an der Nord- und S\u00fcdstrecke noch ger\u00e4umt wurde, waren etliche hundert Leute dort aktiv, wo es nur noch eine m\u00f6gliche Strecke f\u00fcr den Stra\u00dfentransport gibt. Bei Laase und im Wald vor Gorleben gab es immer wieder kurzfristige Blockadeaktionen, die dann aber mangels Presse-Anwesenheit teilweise recht brachial, einmal sogar mit Wasserwerfereinsatz, aufgel\u00f6st wurden.<\/p>\n<p>Eine \u00dcberraschung gelang 20 Greenpeace-AktivistInnen, die mitten in der Nacht den F\u00f6rderturm des Endlagerbergwerks in Gorleben besetzten. Noch mehr \u00fcberrascht war die Polizei, als auf der eigentlich pr\u00e4ferierten Nordstrecke pl\u00f6tzlich kein Durchkommen mehr war. F\u00fcnf Landwirte aus der B\u00e4uerlichen Notgemeinschaft hatten in Quickborn einen Trecker quer \u00fcber die Stra\u00dfe gestellt und sich in einem daran fest verankerten Betonblock angekettet. Vier Stunden lang versuchten die Techniker der Polizei, die Bauern zu l\u00f6sen, dann gaben sie auf und der Transport musste \u00fcber die inzwischen ger\u00e4umte S\u00fcdstrecke rollen. Die Angeketteten befreiten sich dann selber.<\/p>\n<p>Aufgehalten wurden die zw\u00f6lf Tieflader dann nur noch von der eigenen Technik. Eine Zugmaschine blieb mit Motorschaden liegen und bei zwei H\u00e4ngern funktionierten die Bremsen nicht richtig.<\/p>\n<p>Die traditionelle Bilanz-Pressekonferenz der Anti-Atom-Initiativen eine Stunde nach Einfahrt der Castoren ins Zwischenlager fiel diesmal anders aus als sonst. Auch hier \u00fcberschattete der Tod von S\u00e9bastien Briat alles und keine Gruppe war in der Stimmung, die eigenen erfolgreichen Aktionen zu loben.<\/p>\n<p>Inzwischen sind einige Tage vergangen und ich wage hier eine Bewertung, auch wenn sich durch meinen Insiderblick ein St\u00fcck Betriebsblindheit nicht verhindern l\u00e4sst. Nachdem ich diesen R\u00fcckblick verfasst habe, kann ich feststellen, dass der wendl\u00e4ndische Widerstand &#8211; mit bundesweiter und internationaler Unterst\u00fctzung &#8211; auch beim Castor-Transport Nummer acht keine Erm\u00fcdungserscheinungen zeigt. Wenn mensch bedenkt, was alles kurzfristig abgesagt wurde, und wie viele Kr\u00e4fte durch die Trauer an S\u00e9bastien gebunden waren, dann ist dieser Widerstand lebendig wie lange nicht. &#8222;Lebendig&#8220; sage ich ganz bewusst, trotz des t\u00f6dlichen Unfalls in Frankreich.<\/p>\n<p>Ausgezeichnet wird diese Lebendigkeit eben dadurch, dass sie auch Platz f\u00fcr Trauer, Entsetzen und Wut hat. Der mit wenig Zeit, immenser emotionaler Anspannung und unter nicht zu untersch\u00e4tzendem politischen Druck entwickelte Umgang mit der v\u00f6llig ver\u00e4nderten Ausgangssituation war sicherlich nicht perfekt &#8211; es war auch gar nicht m\u00f6glich, es allen recht zu machen &#8211; aber doch von politischer Reife gepr\u00e4gt, auch \u00fcber die sonst eher trennenden Unterschiede verschiedener Widerstandsgruppen hinweg. Die Bewegung hat ihre Handlungsf\u00e4higkeit unter schwierigsten Bedingungen bewiesen.<\/p>\n<p>Die Entscheidung, nicht alle Aktionen abzubrechen, sondern weiter Widerstand zu leisten, aber in einer den Umst\u00e4nden angemessenen Form, hat sich meines Erachtens als richtig erwiesen. Genauso wie die sehr defensive Pressearbeit, die auf Schuldzuweisungen und politische Forderungen rund um den Unfall in Frankreich ganz bewusst verzichtete, weil niemand diesen Tod politisch ausschlachten wollte. Dies lie\u00df vielen JournalistInnen den Raum, selbst \u00e4u\u00dferst kritische Fragen zu stellen. Die Kommentare in den Zeitungen haben zwar einerseits die Aktionsform Anketten in Frage gestellt, andererseits die Sicherheit der Castor-Transporte und die Atompolitik der Bundesregierung scharf attackiert. Es ist wahrlich keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit in der heutigen Medienlandschaft, dass im Jahre 4 nach dem so genannten Atomkonsens der Leitartikel in der Berliner Zeitung mit &#8222;Atomkraft &#8211; Nein danke!&#8220; \u00fcberschrieben ist.<\/p>\n<p>Wie es jetzt weitergeht rund um Gorleben und die Castor-Transporte? Das l\u00e4sst sich heute noch nicht sagen. Zuerst muss alles verdaut werden. Das braucht seine Zeit. Bereits zu sp\u00fcren ist aber eine neue Ernsthaftigkeit in Sachen Widerstand. Die Trauer um S\u00e9bastien hat viele dar\u00fcber nachdenken lassen, wie wichtig ihnen selbst diese Auseinandersetzung eigentlich ist und sie sind zu dem Schluss gekommen, sich zuk\u00fcnftig noch st\u00e4rker zu engagieren &#8211; weil es um verdammt viel geht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Niemand konnte ahnen, welche Nachricht da so pl\u00f6tzlich auf das Wendland und die Anti-Atom-Bewegung hereinbrechen w\u00fcrde. Der Tod von S\u00e9bastien Briat bei einer versuchten Ankettaktion in Frankreich wirbelte im Castor-Widerstand vieles durcheinander. Dabei hatte alles so viel versprechend begonnen: Zur Auftaktdemo am Samstag, den 6. 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