{"id":6480,"date":"2004-12-01T00:00:30","date_gmt":"2004-11-30T22:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6480"},"modified":"2022-07-26T14:15:06","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:06","slug":"geliebtes-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/12\/geliebtes-leben\/","title":{"rendered":"Gel(i)ebtes Leben"},"content":{"rendered":"<p>Am 8. November 2004 starb in Lausanne im Alter von 88 Jahren die Anarchistin Marie-Christine Mikhailo. <strong><\/strong><\/p>\n<p>Als libert\u00e4re Archivarin hat sie gemeinsam mit ihrer Tochter Marianne Enckell und einigen GenossInnen ab 1963 in der franz\u00f6sischen Schweiz das 1957 gegr\u00fcndete <em>Centre International de Recherches sur l&#8217;Anarchisme<\/em> (CIRA) ((1)) zu einem der weltweit gr\u00f6\u00dften Dokumentationszentren des Anarchismus ausgebaut und gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Anfang der 60er Jahre fiel Marie-Christine in &#8222;die anarchistische Grube&#8220;. Fortan tr\u00e4umte sie von einer herrschaftslosen, gewaltfreien Gesellschaft. Und sie tat viel, um diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Rund 40 Jahre lang arbeitete sie im CIRA, kn\u00fcpfte global libert\u00e4re Netzwerke, unterst\u00fctze Initiativen, engagierte sich als unerm\u00fcdliche Aktivistin. Ihr Anarchismus war Weltanschauung, Abenteuer und gelebtes Leben zugleich. Bevor sie sich selbst als Anarchistin verstand, hat sie allein f\u00fcnf Kinder gro\u00dfgezogen. F\u00fcr die eigene Politisierung, politische Arbeit und libert\u00e4re Agitation war da zun\u00e4chst nur wenig Raum und Zeit. Ihren Kindern hat sie die Freiheit gelassen, war Freundin, Diskussionspartnerin und Mutter zugleich. Und so ist vielleicht auch zu erkl\u00e4ren, dass sie zeitgleich mit ihrer Tochter Marianne vom &#8222;anarchistischen Virus&#8220; infiziert wurde. Befl\u00fcgelt wurden ihre libert\u00e4ren Ideen und Tr\u00e4ume durch die Lekt\u00fcre anarchistischer Literatur und den intensiven Kontakt zu spanischen und franz\u00f6sischen AnarchistInnen.<\/p>\n<p>Als ich in den 90er Jahren meine Doktorarbeit \u00fcber anarchistische Presse in Ost- und Westdeutschland schrieb und deshalb auch von Marie-Christine Zeitungskopien und Briefe bekam, hatte ich sie noch nicht pers\u00f6nlich kennen gelernt. Ich h\u00e4tte sie zu dieser Zeit aufgrund ihrer elanvollen Schreibe vielleicht auf Mitte 20 gesch\u00e4tzt. Marie-Christine strahlte auch als \u00fcber 80j\u00e4hrige noch eine unglaubliche Herzlichkeit und St\u00e4rke aus. Als ich das CIRA im Juni 1998 mit meiner Familie und den GenossInnen Michael Halfbrodt, Ralf Burnicki und Maryam Sharif besucht habe, hat sie gro\u00dfen Spa\u00df daran gehabt, mit meinem \u00e4ltesten, damals f\u00fcnfj\u00e4hrigen Sohn Deniz zu spielen und ihn zum Lachen zu bringen. In meinem Ged\u00e4chtnis h\u00f6re ich noch ihr Lachen und ihre Geschichten, etwa wie geflohene Deserteure aus dem Algerienkrieg versteckt und unterst\u00fctzt wurden. Oder ihre Anekdote vom alten Anarchosyndikalisten Augustin Souchy, und auf welch abenteuerliche Weise ein w\u00e4hrend der NS-Zeit verstecktes FAUD-Archiv von M\u00fcnchen nach Lausanne gebracht wurde. Der mit Marie-Christine befreundete Souchy war in den 20er Jahren Sekret\u00e4r und eine herausragende Pers\u00f6nlichkeit der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter Union Deutschlands (FAUD). Nach seiner Flucht vor den Nazis k\u00e4mpfte er auf Seite der AnarchistInnen im Spanischen B\u00fcrgerkrieg gegen die Franco-Faschisten. Ein Archiv der FAUD war 1933 in der Wohnung eines M\u00fcnchner Genossen eingemauert worden, weil es den Nazis nicht in die H\u00e4nde fallen durfte, aber auch nicht mehr rechtzeitig au\u00dfer Landes gebracht werden konnte. Marie-Christine: &#8222;Irgendwann in den fr\u00fchen 80ern hat dann der schon \u00fcber 90j\u00e4hrige, aber immer noch Handstand machende Augustin angerufen und gesagt, das M\u00fcnchner Archiv m\u00fcsse unbedingt nach Lausanne. Sein einstiger FAUD-Genosse, der es vor den Nazis versteckt hatte, sei mittlerweile zum Kommunisten geworden und wolle die Sammlung verkaufen oder dem Altpapier zuf\u00fchren. Wir hatten damals kein Auto. So trampte eine unserer Mitarbeiterinnen nach M\u00fcnchen, packte das Material dort in Pakete, schickte diese mit der Post nach Lausanne und trampte zur\u00fcck. So kam ein Teil des Augustin-Souchy-Archivs ins CIRA.&#8220;<\/p>\n<p>Froh bin ich, dass ich Iven Saadi, Christian Kaindl und Gesa Wilhelm, die im Sommer 2000 als StudentInnen in meinem Anarchismus-Seminar an der Uni M\u00fcnster sa\u00dfen, dazu motivieren konnte, anstelle einer schriftlichen Hausarbeit einen Film \u00fcber Marie-Christine Mikhailo, Marianne Enckell und das CIRA zu drehen. Dieser Streifen wurde u.a. w\u00e4hrend des 30-Jahre-Graswurzelrevolution-Kongresses im Juni 2002 in M\u00fcnster gezeigt. Als Zeitdokument erinnert er auch an die lebensfrohe Alt-Anarchistin Marie-Christine ((2)).<\/p>\n<p>Im Jahre 2002 erlitt Marie-Christine einen Schlaganfall. Von da an sa\u00df sie im Rollstuhl, konnte nicht mehr sprechen und wurde daheim in der Avenue de Beaumont von ihren Kindern liebevoll gepflegt.<\/p>\n<p>Marie-Christine war ein gro\u00dfer Sonnenschein. Ich werde sie sehr vermissen und in Erinnerung halten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 8. November 2004 starb in Lausanne im Alter von 88 Jahren die Anarchistin Marie-Christine Mikhailo. 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