{"id":6483,"date":"2004-12-01T00:00:30","date_gmt":"2004-11-30T22:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6483"},"modified":"2022-07-26T14:15:06","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:06","slug":"uff-im-alter-von-70-ist-das-schlimmste-vorbei-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/12\/uff-im-alter-von-70-ist-das-schlimmste-vorbei-2\/","title":{"rendered":"Uff &#8211; im Alter von 70 ist das schlimmste vorbei!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Langeweile<br \/>\nkommt auf,<br \/>\nwenn die<br \/>\nFlamme stirbt.<\/p>\n<p><\/strong><strong>(Puschkin)<\/strong><\/p>\n<p>Als ich heute morgen Brot kaufen ging, trat ich ganz brillant eine sch\u00f6ne Marone weg. Sie rollte \u00fcbers Trottoir so weit den Abhang hinab, da\u00df ich sie nicht mehr mit Blicken verfolgen konnte. Aber &#8211; oder ist es nicht so, ich bin doch schon 70!<\/p>\n<p>Das sind also die Tage des Alters, wo frau wieder zur G\u00f6re wird. Und andere&#8230;, anderen lastet das Alter pl\u00f6tzlich schwer auf Geist und K\u00f6rper, der Spiegel reflektiert ein bleiches Gesicht, die Nieren schmerzen, die Knie sind heimt\u00fcckisch. Es kommt auch vor, da\u00df ich mich intensiv an jene Menschen erinnere, die bejahrter waren, und deren Zerstreutheit mir heute die Gurgel zuschn\u00fcrt. Diese Erinnerungen sind unentbehrlich f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Die Zeit, Mirabelle, die dir w\u00e4hrend deiner Jugend so kurz zu sein scheint, diese Zeit, der du nachl\u00e4ufst, und die dir fehlt, um deine W\u00fcnsche zu verwirklichen, mit der wirst du eines Tages nichts mehr anzufangen wissen. Ein hei\u00dfes Bad nehmen und dabei einen Krimi lesen &#8211; oder ein Puzzle aus 5 000 Teilen zusammensetzen. Sicher, es werden dir noch gen\u00fcgend andere Vergn\u00fcgen geboten. So gesehen glaube ich, da\u00df es eine sehr positive Seite des Altseins gibt: wir haben viel Zeit. Erfreue dich daran, alt zu sein! Du wirst sogar die M\u00f6glichkeit finden, deine Zeit anderen Menschen zu schenken. Das Alter ist meistens ein Blick nach vorn. Seht euch nur die Alten an, die von den Massenmedien befragt werden!<\/p>\n<p>Aber es gibt auch t\u00e4glich den Vergleich mit der Vergangenheit. Wir hatten damals einen sehr starken Neid, Hoffnungen jeder Art, brennende W\u00fcnsche. Ein Paar neue Schuhe oder einen langen Mantel, ein Fahrrad, eine Reise nach Paris, &#8211; einen Liebesbrief, einen Ku\u00df! Vor uns lagen ein langes Sehnen und k\u00f6stliche Tr\u00e4ume.<\/p>\n<p>Manchmal bedauere ich euch, da\u00df ihr beinahe alles habt, und nichts bleibt, was in n\u00e4herer Zukunft unerreichbar sein wird.<\/p>\n<p>Klares Wasser, eine ruhige Stra\u00dfe zum Spazierengehen, eine &#8222;reine&#8220; Natur. Was bleibt euch zu w\u00fcnschen? Was erwartet ihr &#8211; flammenden Herzens?<\/p>\n<p>Ein Teil des Lebensabends vergeht dadurch, da\u00df mensch an die Jugendjahre zur\u00fcckdenkt. War es eine andre oder ich, die einmal im Monat die gro\u00dfe W\u00e4sche in der Waschk\u00fcche mit den H\u00e4nden wusch? Wer taute am Wintermorgen die Rohre auf, damit Wasser flo\u00df, wer machte Feuer unter dem Kessel, wer zog die W\u00e4sche heraus, um sie zu kochen? Wir mu\u00dften zwei Frauen sein. Am Tagesende, abgebrochen, mit feurigen Wangen, nasser Sch\u00fcrze, wrang frau die W\u00e4sche mit der Hand \u00fcber dem Gras aus. Und Vorsicht vor derjenigen, die beim Auswringen des Bettlakens einen Knoten fabrizierte, die hatte sicherlich einen Schalk im Nacken. Es blieb uns stets gen\u00fcgend Kraft zu l\u00e4cheln.<\/p>\n<p>Im Alter weichen die Erinnerung als auch das \u00fcbrige St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck. Die ersten &#8222;Alarme&#8220; werden auf das Konto des Zufalls gebucht. Aber der Zufall wiederholt sich. Eines sch\u00f6nen Morgens machen sich die betreffenden Ausdr\u00fccke daran, zu entweichen, das Einmaleins funktioniert nicht mehr. Also habe ich denn \u00fcberhaupt meine Brille aufgesetzt?<\/p>\n<p>Was mich \u00e4rgert, ist, da\u00df sich mein Lebensgef\u00e4hrte, der noch \u00e4lter als ich ist, an Menschen, Situationen, Geschichten und Texte erinnert, die ich l\u00e4ngst vergessen habe. Ich lese zwar dreimal schneller als er, aber ich vergesse eine Menge von dem, was ich gelesen habe. Er aber liest langsam &#8211; und erinnert sich, der R\u00e4uber! Das ist zum W\u00fctendwerden.<\/p>\n<p>Wir altern zu zweit, ziehen wie geduldige Klepper mal nach hier, mal nach dort, mal traben wir. Selten denken wir an den Tag, an dem eine\/r von uns beiden fehlen wird, &#8211; und wir sprechen nie davon.<\/p>\n<p>Ihr denkt oft an den Tod, &#8211; ihr? Wir nicht.<\/p>\n<p>Es wird von &#8222;neuer Sensibilit\u00e4t&#8220; gesprochen, die durchdringender sei und sich in dem Ma\u00dfe entwickle, wie mensch \u00e4lter wird. Die kleinen Freuden werden zum gro\u00dfen Gl\u00fcck, &#8211; wie das Erblicken eines Vogels, der im Becken pl\u00e4tschert, eines Baumes, dessen Spitze im Nebel steckt, eines vertrauensvoll blickendes Babys. Dies ist das t\u00e4gliche Brot der Seele, von dem sie sich, ohne Langeweile zu bekommen, bewirten l\u00e4\u00dft. Aber sie kennt auch &#8222;Festessen&#8220;! Musik, Poesie, Bilder, Begegnung der Gedanken. Schnell, bevor die Tr\u00e4nen kommen, es gen\u00fcgt ein sch\u00f6ner Film oder ein Brief, der Zeit und Raum passiert hat.<\/p>\n<p>Sensibilit\u00e4t &#8211; oder lange Erfahrung &#8211; entwickeln auch eine verfeinerte Urteilsf\u00e4higkeit. Das ist, als ob ich eine Rundreise durch alles machen w\u00fcrde: Tugenden und Untugenden. Geheime Winkel der menschlichen Seelen bewahren heute kaum noch Geheimnisse. Nach 70 Jahren gibt es keine gro\u00dfen \u00dcberraschungen mehr. Andererseits ergibt sich eine neue Dimension, eine Art Tiefendimension. Freundschaft vertieft sich, und Freundschaft stellt das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck dar (oder Liebe &#8211; das ist in diesem Fall das gleiche). Mit 70 bedeutet es, Sonne im Herzen zu haben, wenn sich Blicke kreuzen, wenn ein L\u00e4cheln erwidert wird, wenn ein H\u00e4ndedruck warmherzig ist. Die Gedanken wandern zu anderen, toten oder lebenden, aber mit Zartgef\u00fchl. Das Alter wird dann unwichtig.<\/p>\n<p>Fran\u00e7ois Mauriac liebe ich nicht gerade, aber er hat einen sch\u00f6nen Satz geschrieben, den ich zu meinem Motto machen w\u00fcrde: &#8222;An dem Tag, an dem ihr nicht mehr vor Liebe brennt, an dem Tag sterben viele andere vor K\u00e4lte.&#8220; Das ist etwas Wahres.<\/p>\n<p>Kennt ihr Mitleid? Das ist ein sehr sanftes Gef\u00fchl, das dem Herzen seine &#8222;Intelligenz&#8220; gibt. Ich f\u00fcrchte, da\u00df ihr Jungen euch weigert, Mitleid zu erfahren &#8211; unter dem Vorwand, da\u00df Mitleid jemanden zum Objekt macht.<\/p>\n<p>Aber im Gegenteil, Mitleid wird euch helfen, die Alten zu verstehen und die Bequemlichkeit ihnen gegen\u00fcber zu bemerken.<\/p>\n<p>Wie einige unter euch sich den Alten gegen\u00fcber versperren! Ihr versucht, ihnen auszuweichen, eine Unterhaltung &#8222;abzuk\u00fcrzen&#8220;, die euch schwer f\u00e4llt, euch zu dr\u00fccken. Ihre Langsamkeit irritiert euch. Sie haben nicht genug zu sagen, was euch interessiert. Sie klagen \u00fcber die Welt, die sie umgibt und die ihnen zu eng geworden ist. So ist es &#8211; und ebenso macht ihr ihnen etwas Angst mit eurer Schnelligkeit, eurer modernen Sprache, eurem Mangel an R\u00fccksicht. Das ist schade &#8211; besonders f\u00fcr euch.<\/p>\n<p>In meiner Stadt gibt es zwei &#8222;verr\u00fcckte&#8220; Alte mit Blumenh\u00fcten, kitschig ausstaffiert mit langen Kleidern, falschen Juwelen, gef\u00e4rbten Haaren und geschminkten Wangen. Das Alter hat sie von den Zw\u00e4ngen der Jugend befreit. Sie promenieren wie K\u00f6niginnen, mustern das Geschehen &#8211; mit ausgefahrenen Segeln. Ihre kleinen Schwestern in nostalgischen Klamotten gehen vielleicht den umgekehrten Weg, wenn sie alt sein werden.<\/p>\n<p>Wenn ich vor 30 Jahren nicht anarchistischen Gedanken &#8222;begegnet&#8220; w\u00e4re, h\u00e4tte ich wohl kaum gewagt, das Gesetz b\u00fcrgerlichen Konformismus, das mich gefangen hielt, zu zerschlagen. Wie ist es wohl, alt zu werden und libert\u00e4re Ideen zu ignorieren? Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Wie w\u00e4re es gewesen, die ganzen Jahre an der Seite eines Gef\u00e4hrten zu leben, der diese Gedanken nicht geteilt h\u00e4tte? Das ist f\u00fcr mich ebenso unvorstellbar. Dann k\u00f6nnte ich ja auch einen Blumentopf als Freund haben!<\/p>\n<p>Es bleibt, soweit wie m\u00f6glich das t\u00e4gliche Leben mit den eigenen Gedanken in Einklang zu bringen. Dabei ist, alt zu sein, kein Hindernis &#8211; im Gegenteil! Denn ich habe nicht viel zu verlieren. Einen Ruf? Wozu k\u00f6nnte der noch dienen? Eine Arbeitsstelle? Die Rente ist gesichert! Zuneigung von Seiten der Familie, der Freunde? Wenn sie bis jetzt noch anh\u00e4lt&#8230;!<\/p>\n<p>Also kann es gewagt werden. Gewagt werden, \u00f6ffentlich als Revoltierende gegen alles, was unsere Freiheit begrenzt, zu erscheinen. Denn ich werde nicht frei sein, wenn nicht auch alle anderen frei sein werden, das hat schon Bakunin gesagt. \u00dcberall dort die Macht zur\u00fcckdr\u00e4ngen, wo sie sich verbirgt, die Ungerechtigkeit offenlegen, ebenso die L\u00fcgen, die Gemeinheiten, &#8230;<\/p>\n<p>Ich sprach zu euch, um zu sagen, da\u00df Jahre nicht hindern zu k\u00e4mpfen, den Kampf auch nicht notwendigerweise verlangsamen.<\/p>\n<p>Viele alte Freunde, Frauen wie M\u00e4nner, k\u00e4mpfen bis zu ihrem Tode (mit). Dann gehen wir doch nun ein St\u00fcck des Weges zusammen, wenn ihr wollt!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Langeweile kommt auf, wenn die Flamme stirbt. (Puschkin) Als ich heute morgen Brot kaufen ging, trat ich ganz brillant eine sch\u00f6ne Marone weg. Sie rollte \u00fcbers Trottoir so weit den Abhang hinab, da\u00df ich sie nicht mehr mit Blicken verfolgen konnte. Aber &#8211; oder ist es nicht so, ich bin doch schon 70! 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