{"id":6507,"date":"2004-12-01T00:00:09","date_gmt":"2004-11-30T22:00:09","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6507"},"modified":"2022-07-26T14:15:06","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:06","slug":"poetry-for-anarchy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2004\/12\/poetry-for-anarchy\/","title":{"rendered":"Poetry for Anarchy"},"content":{"rendered":"<p><strong>Graswurzelrevolution (GWR): Lieber Michael, lieber Ralf, &#8222;Blackbox&#8220; bzw. die &#8222;Edition Blackbox&#8220; gibt es seit zehn Jahren. Herzlichen Gl\u00fcckwunsch! Wie seid Ihr als Autoren zusammengekommen, und wie seid Ihr auf die Idee gekommen, dieses Projekt zu gr\u00fcnden? Wie fing alles an? <\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Michael<\/em><\/strong>: Kennengelernt haben wir uns in \u00c4gypten auf einer Studienreise. Wir hatten damals beide die Idee, Arabisch zu lernen.<\/p>\n<p><strong><em>Ralf<\/em><\/strong>: Ich erinnere mich gut daran, wie du dich einmal des Nachts mit zahllosen Moskitos herumgeschlagen hast in unserem Zimmer in Abu Ghirgh. Am n\u00e4chsten Morgen waren die wei\u00dfen W\u00e4nde wie tapeziert.<\/p>\n<p><strong><em>Michael<\/em><\/strong>: Nach der R\u00fcckkehr haben wir uns irgendwann auf einer Antirassismus-Demo wiedergetroffen. Im Laufe weiterer Treffen stellten wir fest, dass wir gemeinsame politische und literarische Interessen haben. Von da an begann eine regelm\u00e4\u00dfige Zusammenarbeit, zum Beispiel in der <em>Barrio <\/em>(1), einer anarchistisch-autonomen Zeitung in Bielefeld.<\/p>\n<p><strong><em>Ralf<\/em><\/strong>: In der <em>Barrio<\/em> gr\u00fcndeten wir die Literaturrubrik &#8222;BLACKBOX&#8220;, in der libert\u00e4re Gedichte ver\u00f6ffentlicht wurden. Damit gingen in der Zeitung anarchistische Politikvorstellungen Hand in Hand mit ebensolcher Literatur und Poetry. Ziemlich genau vor 10 Jahren habe ich dort eine Fr\u00fchfassung von &#8222;Anarchie als Direktdemokratie&#8220; ver\u00f6ffentlicht, einige Seiten sp\u00e4ter kam dann &#8222;Liebe Luxus Kapitalismus&#8220;, ein antikapitalistisches Poem.<\/p>\n<p><strong><em>Michael<\/em><\/strong>: Als die <em>Barrio<\/em> dann Ende 1994 einging, beschlossen wir, &#8222;Blackbox&#8220; als eigenst\u00e4ndiges Projekt weiterzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Zum einen als Autorenduo &#8222;Blackbox&#8220; mit gemeinsamen Auftritten, zum anderen als &#8222;Edition Blackbox&#8220;, eine Brosch\u00fcrenreihe, in der wir zun\u00e4chst eigene literarische Texte ver\u00f6ffentlichten. Das war der Beginn unserer &#8222;Anarcho-Poetry&#8220;.<\/p>\n<p><strong>GWR: Die <em>Barrio<\/em> erschien ab April 1988 als Nachfolgeblatt von <em>Rhizom<\/em> und <em>BIS HEUTE<\/em>. <\/strong><strong>Sie war lesenswert und gut gemacht. Warum wurde sie eingestellt? <\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Michael:<\/em><\/strong> Sie hatte zum Ende hin noch eine Auflage von 1000 St\u00fcck. Zum Schluss war der Aufwand des Textschreibens, des Layouts, der Druckherstellung und des Verkaufs auf zu wenige Personen verteilt. Deshalb wurde die Zeitung wegen \u00dcberbelastung aufgegeben.<\/p>\n<p><strong>GWR: Und weiter ging es dann mit &#8222;Edition Blackbox&#8220;? <\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Ralf:<\/em><\/strong> Ja. In der &#8222;Edition Blackbox&#8220; wurden dann auch andere AutorInnen ver\u00f6ffentlicht. Ziel der Brosch\u00fcrenreihe war die Ver\u00f6ffentlichung politischer Texte, die sich um eine antiherrschaftliche und antinationalistische Gesellschaftsvorstellung bem\u00fchen. Zu den Poetry-Brosch\u00fcren (damals von Michael &#8222;Nieder&#8220; und &#8222;Schnee von Gestern&#8220;, erst sp\u00e4ter kamen meine &#8222;StadtSchluchten&#8220; hinzu) trat die Ver\u00f6ffentlichung politischer und kunsttheoretischer Texte, die als Brosch\u00fcren erschienen. Das war z.B. &#8222;Generalstreik, Achtstundentag und erster Mai&#8220; oder &#8222;Anarchismus und Surrealismus&#8220;. Im Prinzip hatten wir in der &#8222;Edition Blackbox&#8220; wieder das Nebeneinander politisch-anarchistischer Texte und politischer Dichtung, wie bei der <em>Barrio<\/em>.<\/p>\n<p><strong><em>Michael<\/em><\/strong>: Als Poetenduo &#8222;Blackbox&#8220; traten wir unter anderem bei den &#8222;Schwarzen Tagen&#8220; 1994 im AJZ (ArbeiterInnen-Jugendzentrum) Bielefeld auf.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was kam dann? <\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Ralf:<\/em><\/strong> Ab 1996 nahmen wir teil an der literarischen Undergroundbewegung &#8222;Social Beat&#8220;. Das kam daher, weil sich diese Bewegung als eine Art &#8222;Literaturbewegung von Unten&#8220; verstand. Von den Mitbegr\u00fcndern J\u00f6rg-Andr\u00e9 Dahlmeyer und Thomas N\u00f6ske (beide aus Berlin) gingen Impulse aus, die auf eine neue direktdemokratische Literaturbewegung hindeuteten. Wir traten bei diversen Festivals auf, auch 1996 beim Social-Beat-Festival in M\u00fcnster. Das wurde vom Unrast-Verlag organisiert und ich habe hier das Gedicht &#8222;Anarchie braucht keine Hosentr\u00e4ger&#8220; gelesen. Unsere Lesung, die im Hauptbahnhof M\u00fcnster auf einer Leseb\u00fchne stattfand, wurde aber nach einiger Zeit verboten bzw. unter R\u00e4umungsandrohung abgebrochen, weil dem Eigent\u00fcmer, der Deutschen Bundesbahn, unsere Texte nicht gefielen und weil die ganze Zeit ein Video \u00fcber die Chaostage in Hannover lief. Als wir auf den Bahnhofsvorplatz raustraten, sahen wir uns mit einer gro\u00dfz\u00fcgigen Ansammlung von Polizeitransportern konfrontiert. Wer h\u00e4tte eine solche Wirkung der Literatur erahnt.<\/p>\n<p><strong><em>Michael:<\/em><\/strong> Vielleicht sollten wir erw\u00e4hnen, dass wir selbst im Rahmen der 3. Schwarzen Tage 1996 eine gro\u00dfe Social-Beat-Lesung im Bielefelder AJZ veranstaltet haben, bei der alle damaligen &#8222;Gr\u00f6\u00dfen&#8220; der Szene auftraten. Ein f\u00fcnfst\u00fcndiger Lesemarathon mit hunderten von Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rern. Insgesamt war Social Beat von seinem eigenen Selbstverst\u00e4ndnis her mehr der Versuch, den Punk-Impuls in Literatur zu \u00fcbersetzen. Das ging in Richtung Elendsromantik, eine gewisse selbstgef\u00e4llige Stilisierung des eigenen (m\u00e4nnlichen) Au\u00dfenseitertums, zu wenig Reflexion, in politischer wie in literarischer Hinsicht. Das im Zusammenhang mit einem grassierenden Sexismus war der Grund, uns 1997 mit einer umfassenden theoretischen Analyse aus der Bewegung zu verabschieden.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was k\u00f6nnt Ihr zum Netzwerk &#8222;Fraktal&#8220; sagen?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Ralf:<\/em><\/strong> Die Bildung eines spezifisch &#8222;libert\u00e4ren&#8220; Netzwerkes von AutorInnen war uns nach der Erfahrung mit Social-Beat ein gro\u00dfes Anliegen. Deswegen begr\u00fcndeten wir zusammen mit anderen Autoren &#8222;Fraktal &#8211; Netzwerk libert\u00e4rer AutorInnen&#8220;. Mit dabei war Jens Petz Kastner, den ich bei der M\u00fcnster Social-Beat-Lesung kennengelernt hatte. Weitere Autoren waren Jokkl (Osnabr\u00fcck), Till (Kiel), Ralf Landmesser (Berlin), Raimund Samson (Hamburg), Thorsten Hinz (Freiburg). Wir traten im Zusammenhang mit &#8222;Fraktal&#8220; in etlichen St\u00e4dten auf und hatten, wie wir meinten, durchaus Erfolg mit unserer Verbindung von anarchistischer Politik und anarchistischer Literatur. Sp\u00e4ter stie\u00dfen der Liedermacher Baxi (M\u00fcnster) und die Lyrikerin Mouna Rappold (Bielefeld) hinzu. Mouna Rappold stieg bei &#8222;Blackbox&#8220; ein, ver\u00f6ffentlichte dort den Gedichtband &#8222;Nie Geschriebenes&#8220; und wir haben dann zusammen mit ihr einige prima &#8222;Blackbox&#8220;- und &#8222;Fraktal&#8220;-Lesungen erlebt. In der GWR gab es damals allerdings gegens\u00e4tzliche Reaktionen auf ihren Band.<\/p>\n<p><strong><em>Michael: <\/em><\/strong>Fraktal hielt an bis zum Jahr 2001. Warum das Netzwerk nicht weiter bestand, k\u00f6nnte man begr\u00fcnden mit einem Beschluss, uns als geschlossene Gruppe zu verstehen. Damit wurden Neuzug\u00e4nge erschwert und neue Ideen blieben aus. Einige interne Streitigkeiten taten ihr \u00fcbriges. Positiv war jedoch, dass wir in den Jahren bis 2001 eine rege und anregende Diskussion hatten \u00fcber die Frage, was eine &#8222;anarchistische Kunst&#8220; denn sei. Wir haben uns da durchaus befruchtet. Unser regelm\u00e4\u00dfig erscheinender Rundbrief war ein Ort f\u00fcr Austausch und das Vorstellen neuer Texte. Und unsere gemeinsamen Lesungen haben wohl jeden von uns &#8211; durch die verschiedenen Vortragsarten der anderen &#8211; angeregt.<\/p>\n<p><strong><em>Ralf: <\/em><\/strong>Die Frage, was eine anarchistische Kunst und insbesondere eine anarchistische Poetry denn sei, hat Michael und mich immer wieder besch\u00e4ftigt. Wir waren immer der Meinung, dass es eine spezifisch anarchistische Kunst und Literatur gab und gibt. Nachdem Fraktal &#8218;einschlief&#8216; gab es zu dem Thema auf Mallorca einen Workshop der anarchosyndikalistischen Freien ArbeiterInnen Union (FAU), an dem wir teilnahmen. Hier fanden sich FAU-Aktive zusammen, um Perspektiven einer gemeinsamen Richtung auszuarbeiten. Wir arbeiteten hart am Thema, aber hier waren die Meinungen sehr gegens\u00e4tzlich. Der Versuch eines gemeinsamen Manifestes scheiterte.<\/p>\n<p><strong>GWR: Tats\u00e4chlich sind &#8222;anarchistische&#8220; Dichterkollektive hierzulande eine Seltenheit. <\/strong><strong>Was bedeutet f\u00fcr euch &#8222;Anarcho-Poetry&#8220;?<\/strong><\/p>\n<p><strong> <em>Michael:<\/em><\/strong> Es gibt da drei wesentliche Momente. Erstens das der Kollektivit\u00e4t: anarchistische Literatur ist kein individuelles Schreibtischkonstrukt, sondern Resultat von Auseinandersetzung und Diskussion, also einer kollektiven Praxis. Insofern ist die Aufl\u00f6sung von Fraktal besonders schmerzlich. Das zweite Moment ist das der &#8222;Operativit\u00e4t&#8220;, d.h. anarchistische Literatur ist unmittelbar auf eine politische Szene bezogen, greift Themen und Diskussionen auf, verarbeitet sie in literarischer Form und tr\u00e4gt sie wieder in die Szene zur\u00fcck. Damit verbunden ist auch das dritte Moment, das inhaltliche. Anarchistische Literatur gr\u00fcndet sich auf die politische Philosophie des Anarchismus, d.h. auf die Ablehnung jeglicher Herrschaft eines Individuums oder einer Gruppe \u00fcber andere, um das als kleinsten gemeinsamen Nenner zu formulieren. Das geht dann in die Werke ein. Das in manchen K\u00fcnstlerkreisen beliebte Kokettieren mit dem &#8222;Anarchismus&#8220;, worunter dann kaum mehr verstanden wird als eine Oppositionshaltung gegen\u00fcber einzelnen (k\u00fcnstlerischen oder sozialen) Regeln oder Normen, ist uns zu wenig. Auffassungen, wie sie z.B. auch Erich M\u00fchsam vertreten hat, dass der K\u00fcnstler &#8222;an sich&#8220; ein Anarchist sei, \u00f6ffnet der Beliebigkeit T\u00fcr und Tor.<\/p>\n<p><strong><em>Ralf<\/em><\/strong>: Eine anarchistische &#8222;Poetry&#8220; hebt Trennungen zwischen Kunst und &#8222;Politik&#8220; auf, die ja im B\u00fcrgerlichen zwei getrennte Bereiche bilden, um die Politik von Leidenschaften fernzuhalten. Neben dem Grundsatz, dass eine anarchistische Kunst antirassistisch, antinationalistisch und nichtsexistisch ist, k\u00f6nnte sie direkt ein Loblied auf die Anarchie bringen, oder sie k\u00f6nnte eine kritische Beschreibung der Prozesse des Alltags beinhalten.<\/p>\n<p>Ich meine eine dekonstruktive Bestandsaufnahme des Lebens im Kapitalismus, die sich gegen ihn selbst richtet. Solche Beschreibungen finden bei mir unmittelbar vor dem Hintergrund einer anarchistischen Gesellschaftskritik statt und besch\u00e4ftigen sich mit den sozialen Folgen von Herrschaftssystematiken. Meistens schreibe ich Stadtpoetry, also Gedichte \u00fcber das urbane Leben. Hier interessieren mich die &#8222;tieferliegenden&#8220; Strukturen des kapitalistischen Alltags. Ich versuche, der Verinnerlichung kapitalistischer Ideale nachzugehen und beschreibe Hektik, Ziel- und Zweckfixierung, fehlende Solidarit\u00e4t und Konkurrenzkampf, Konsumzw\u00e4nge, das berechnete Leben. Das sind alles Mechanismen unserer Gesellschaft, die der \u00f6konomischen Verwertbarkeit dienen. Ich sehe &#8222;Anarcho-Poetry&#8220; als ein Mittel, solche gesellschaftlichen Vorgaben auf der Ebene des Sprachspiels anzugreifen.<\/p>\n<p><strong><em>Michael<\/em><\/strong>: In unserem gemeinsamen Gedichtband &#8222;Die Wirklichkeit zerrei\u00dfen wie einen mi\u00dflungenen Schnappschu\u00df&#8220; (Edition AV, 2000) gibt es ein Vorwort, das das Thema einer &#8222;libert\u00e4ren Literatur&#8220; weiter ausf\u00fchrt. Oder in meinem Aufsatz &#8222;Kritik der Trennungen&#8220; im Band &#8222;Gewaltfreier Anarchismus&#8220; des Verlags Graswurzelrevolution (1999).<\/p>\n<p><strong>GWR: Was war euer bisher letztes gemeinsames Projekt?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Ralf:<\/em><\/strong> Im Jahr 2002 und 2003 waren wir in diversen St\u00e4dten unterwegs mit einem Vortragsprojekt. Das hie\u00df &#8222;Libert\u00e4re Entscheidungstheorie trifft libert\u00e4re Poesie&#8220;. Dabei ging es darum, den Gegensatz zwischen libert\u00e4ren und hierarchischen Entscheidungsprozessen herauszustellen. Wir haben zwei ganz verschiedene Herangehensweisen verbunden. N\u00e4mlich eine politiktheoretische und eine poetische. Michael las seinen poetischen Text &#8222;Entscheiden und Tun&#8220; und ich stellte das anarchistische Konsensprinzip vor, wie ich es im Buch &#8222;Anarchismus und Konsens&#8220; dargelegt habe.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was bedeutet Anarchie f\u00fcr Euch? <\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Michael<\/em><\/strong>: Um gleich bei der Literatur zu bleiben: &#8222;Ich will nicht herrschen, aber auch beherrscht nicht werden&#8220;, wie John Henry Mackay in einem seiner bekanntesten Gedichte gesagt hat, oder: &#8222;F\u00fcr mich ist das Gl\u00fcck, keine Befehle zu erteilen und keine zu bekommen&#8220;, so der Dadaist Francis Picabia. Zwei Literaten, die in ihren k\u00fcnstlerischen Auffassungen nichts miteinander zu tun hatten, sich aber in diesem Ausgangspunkt ber\u00fchren.<\/p>\n<p><strong><em>Ralf<\/em><\/strong>: Anarchie ist eine nichtstaatliche und dezentralistische Gesellschaftsorganisation, die auf Herrschaftslosigkeit gr\u00fcndet. Dabei ist Anarchie die wohl schwierigste Art und Weise, Entscheidungen herbeizuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Und zwar deshalb, weil hier Betroffene nicht \u00fcbergangen werden k\u00f6nnen, wie dies in einer herrschaftsbestimmten Politik heute \u00fcblich ist. Anarchie ist die &#8222;echte&#8220; Form von Basis- bzw. Direktdemokratie, alles andere ist Mumpitz.<\/p>\n<p><strong>GWR: Ralf, Deine Doktorarbeit \u00fcber &#8222;Anarchismus und Konsens&#8220; erschien vor zwei Jahren im Verlag Edition AV. Der Begriff &#8222;Konsens&#8220; wird von den Herrschenden verdreht. Stichwort: &#8222;Atomkonsens&#8220; (vgl. GWR 293). Wie sehen anarchistische Konsenskonzepte aus? Wie k\u00f6nnen wir uns den &#8222;Konsens&#8220;-Begriff wieder aneignen?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Ralf:<\/em><\/strong> Um es kurz zu machen: Beim anarchistischen Konsensprinzip k\u00f6nnen von Entscheidungen &#8217;negativ&#8216; Betroffene (Nachteilsempf\u00e4ngerInnen) nicht \u00fcbergangen werden und haben ein Vetorecht. Das meint also nicht prim\u00e4r eine hintergr\u00fcndige \u00dcbereinstimmung in weltanschaulichen Fragen (&#8222;Meinungskonsens&#8220;) und schon gar nicht einen &#8222;Konsens&#8220; unter Herrschenden. Daher brauchen wir den Konsensbegriff auch gar nicht von den Herrschenden &#8222;zur\u00fcckerobern&#8220;, denn es ist ein ganz anderer Inhalt damit verbunden. Die Herrschenden verstehen unter &#8222;Konsens&#8220; weder eine gleichberechtigte Einbeziehung von Betroffenen noch ein Vetorecht dieser Menschen. Das l\u00e4sst sich am Beispiel der Lagerung von Atomm\u00fcll zeigen, denn schon die am Ort Betroffenen werden bei solchen Vorg\u00e4ngen schlicht \u00fcbergangen. Ein &#8222;Konsens&#8220; unter Herrschenden ist also gar kein &#8222;anarchistischer Konsens&#8220; und die Kritik von Bernd Sahler in der GWR Nr. 293 zum Thema &#8222;Atomkonsens&#8220; ist v\u00f6llig berechtigt.<\/p>\n<p><strong>GWR: Michael, Du arbeitest auch als \u00dcbersetzer. Was waren Deine letzten \u00dcbersetzungen?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Michael<\/em><\/strong>: Zum einen ein Gedichtband des franz\u00f6sischen Surrealisten Benjamin P\u00e9ret, &#8222;Von diesem Brot esse ich nicht&#8220;, der die uralte Tradition des Schm\u00e4hgedichtes wiederbelebt hat, zum anderen Alexander Berkmans Tagebuch aus der Russischen Revolution, &#8222;Der bolschewistische Mythos&#8220;, eine auf der unmittelbaren Beobachtung des &#8222;revolution\u00e4ren&#8220; Alltags in der Sowjetunion beruhende Abrechnung mit dem bolschewistischen Herrschaftssystem. Generell betrachte ich das \u00dcbersetzen als wichtigen Teil meiner T\u00e4tigkeit, es sch\u00e4rft das sprachliche Bewusstsein und au\u00dferdem gibt es einfach viel zu \u00fcbersetzen. Die wichtigsten und interessantesten Beitr\u00e4ge zur anarchistischen Theorie sind \u00fcberwiegend nicht in deutscher Sprache verfasst und besonders fremdsprachenversiert ist die anarchistische Szene hierzulande wahrlich nicht.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was plant Ihr und was w\u00fcnscht Ihr euch f\u00fcr die Zukunft?<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Ralf<\/em><\/strong>: Als Autorenprojekt &#8222;Blackbox&#8220; w\u00fcnschen wir uns noch viele Anarcho-Poetry-Lesungen, als &#8222;Edition Blackbox&#8220; haben wir uns gerade einen Wunsch erf\u00fcllt. Wir wollten einen neuen Gedichtband herausbringen und er ist soeben erschienen. &#8222;Zweistromland&#8220; von Ibrahim Kaya und Gerald Fiebig. Als Anarchisten w\u00fcnschen wir uns das Anwachsen einer libert\u00e4ren \u00d6ffentlichkeit, die nicht nur die klassische Herrschaftssystematik, sondern auch Machttendenzen in der Zivilgesellschaft im Blick hat. Libert\u00e4r-feministische Kritik hat hierzu Beitr\u00e4ge geleistet und so sollte es weitergehen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Herzlichen Dank.<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n<h3>Anarchie braucht keine Hosentr\u00e4ger<\/h3>\n<p>&#8222;Anarchie ist Bewegung freies Spiel der Gedanken Revolte der Poesie gegen das lineare Denken Zuversicht die hinter den Ohren flutscht oder eine Seifenkiste in der die Sprache die H\u00fcgel der Kriegsgr\u00e4ber hinabf\u00e4hrt Anarchie spuckt auf das Heldentum freiwilliger Selbstunterwerfung unter die Herrschaft und auf die Prophezeiungen der Politik Sie speit auf den Nationalgedanken in dessen Namen der innere Soldat ins \u00e4u\u00dfere Regiment umschl\u00e4gt Nein Anarchie st\u00f6\u00dft die Palette um auf der sich Nationalfarben in Gesinnungen verwandeln Anarchie k\u00fc\u00dft sich frei&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>(aus &#8222;Anarchie braucht keine Hosentr\u00e4ger&#8220;, Ralf Burnicki, in: Die Wirklichkeit zerrei\u00dfen&#8230;.)<\/p>\n<h3>Schnee von Gestern<\/h3>\n<p>&#8222;Weder Befehlen noch Gehorchen<br \/>\nWeder Opfer noch Henker<br \/>\nWeder Gott noch Herr<br \/>\nSondern<br \/>\nDer Mensch der vor der Sonne steht&#8220;<\/p>\n<p>(aus &#8222;Schnee von Gestern&#8220;, Michael Halfbrodt, in: Die Wirklichkeit zerrei\u00dfen&#8230;.)<\/p>\n<h3>Fr\u00fchling<\/h3>\n<p>&#8222;Es sollte anders werden. Der Fr\u00fchling, Hausbesetzer alten Schlages, war in den Norden eingestiegen, ri\u00df ihm alle Fenster auf und h\u00e4tte noch fast die Zukunft instandbesetzt, w\u00e4ren da nicht einige N\u00e4chte aufmarschiert mit ihrem tiefsten Blaulicht und Schlagst\u00f6cken aus Wind und h\u00e4tten s\u00e4mtliche Ansichten ger\u00e4umt. Doch der Fr\u00fchling kam wieder mit seinen sonnigsten Kumpels und Kumpaninnen, den pr\u00e4chtigsten Mittagen, ellenlange Bekannte, die beinah von fr\u00fch bis sp\u00e4t reichten&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>(aus &#8222;Fr\u00fchling&#8220;, Ralf Burnicki, in: Die Wirklichkeit zerrei\u00dfen&#8230;.)<\/p>\n<h3>Nieder<\/h3>\n<p>&#8222;NIEDER steht an einer Hauswand. Nicht Nieder mit dem Sonnenuntergang den Zahn\u00e4rzten den Z\u00e4hnen sondern schlicht NIEDER denn es geht darum das Wirkliche zu zerrei\u00dfen wie einen mi\u00dflungenen Schnappschu\u00df&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;NIEDER steht an einer Hauswand. Die Buchstaben vermehren sich durch Zellteilung und wickeln Kirchen Kasernen und andere Kommandozentralen in ihre Spinnennetze auf da\u00df nichts bleibt von ihnen als Zigarettenasche die ein gl\u00fcckseliger Sturm verweht&#8220;.<\/p>\n<p>(aus dem Poem &#8222;Nieder&#8220;, Michael Halfbrodt, in: Die Wirklichkeit zerrei\u00dfen&#8230;.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Lieber Michael, lieber Ralf, &#8222;Blackbox&#8220; bzw. die &#8222;Edition Blackbox&#8220; gibt es seit zehn Jahren. Herzlichen Gl\u00fcckwunsch! Wie seid Ihr als Autoren zusammengekommen, und wie seid Ihr auf die Idee gekommen, dieses Projekt zu gr\u00fcnden? Wie fing alles an? Michael: Kennengelernt haben wir uns in \u00c4gypten auf einer Studienreise. 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