{"id":6549,"date":"2005-01-01T00:00:36","date_gmt":"2004-12-31T22:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6549"},"modified":"2022-07-26T12:59:01","modified_gmt":"2022-07-26T10:59:01","slug":"die-jelinek","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/01\/die-jelinek\/","title":{"rendered":"Die Jelinek"},"content":{"rendered":"<p>Dass der Stockholmer Preis &#8211; der immerhin auf die \u00dcberredungskunst von Bertha von Suttner zur\u00fcckgeht, die Alfred Nobel zu Gewissensbissen und zur Ausschreibung des gleichnamigen Preises bewegte -, nicht immer die Falschen trifft, zeigen schon einige Preistr\u00e4gerInnen der j\u00fcngsten Jahre: Dario Fo und Jos\u00e9 Saramago bezeichneten sich als Anarchisten, auch der Preis f\u00fcr Toni Morrison und ihre afro-amerikanischen Frauenromane war verdient. Elfriede Jelinek freute sich einerseits, empfand jedoch andererseits den Preis &#8211; und vor allem die damit verbundene weltweite Popularit\u00e4t &#8211; als Belastung. Sympathisch finde ich dabei ihren verlautbarten Grundsatz, dass pers\u00f6nliche Bekanntheit nicht das Ziel einer emanzipatorischen Werten verbundenen schriftstellerischen Arbeit sein kann. Besonders verbat sie sich Lobeshymnen der \u00f6sterreichischen Presse und Medien, die sie in ihren vielen Gedichten, Erz\u00e4hlungen, Romanen, Theaterst\u00fccken, H\u00f6rspielen und Drehb\u00fcchern immer wieder grunds\u00e4tzlich kritisierte.<\/p>\n<p>So steht ganz \u00d6sterreich nun dumm und betroffen da: erstmals mit einer Literatur-Nobelpreistr\u00e4gerin bedacht, hat die Jelinek den Preis gerade deshalb bekommen, weil sie dieses Land und seine Klischees in ihren Texten so radikal und unnachgiebig bek\u00e4mpft hat.<\/p>\n<h3>Schwarze Botin in den siebziger Jahren<\/h3>\n<p>Elfriede Jelinek war \u00fcbrigens bei einem mehrj\u00e4hrigen Aufenthalt in Berlin zeitweise Mitarbeiterin der Zeitung <em>Die schwarze Botin <\/em>(heute noch bekannteste Autorin dieser Zeitung: Gabriele Goettle), die im Fachlexikon &#8222;Der gro\u00dfe Dr\u00fccke&#8220; ((1)) als &#8222;militante, anarchafeministische Zeitschrift aus der autonomen Szene&#8220; beschrieben wird und zwischen 1976 und 1986 in 33 Ausgaben unregelm\u00e4\u00dfig erschien.<\/p>\n<p>Es w\u00fcrde sich bestimmt lohnen, Jelineks Artikel aus dieser Zeit noch einmal genauer nachzulesen.<\/p>\n<p>Die Zeitung verstand sich als feministische, auch schon lesbische Alternative zu den damaligen Zeitungen der Frauenbewegung, <em>Emma <\/em>und <em>Courage<\/em>. Trotzdem ist unklar, ob sich Jelinek zu dieser Zeit wirklich als anarchistisch oder anarchafeministisch verstanden hat. Sie hat in der <em>Schwarzen Botin<\/em> zwar <em>Emma <\/em>kritisiert und \u00fcber Ingeborg Bachmann geschrieben, ansonsten aber eher intellektuelle Analysen und Kritiken &#8211; wie etwa zu Udo J\u00fcrgens&#8216; Songtexten &#8211; geliefert, also zumeist nicht n\u00e4her \u00fcber &#8222;klassisch&#8220; anarchistische Themen oder Personen publiziert. ((2)) Zudem war Jelinek zwischen 1974 und 1991 Mitglied der KP\u00d6 (Kommunistische Partei \u00d6sterreichs). Auch sei hier darauf verwiesen, dass die Redaktion der <em>Schwarzen Botin <\/em>in ihrer Erstlingsnummer zum Tod von Ulrike Meinhof schrieb:<\/p>\n<p>&#8222;Als Anarchistin, die nicht mehr Mutter, Geliebte, Linke usw. war, konnte sie nur noch sich selbst durch ihren grenzenlosen Ha\u00df verwirklichen (&#8230;). Die Repr\u00e4sentanten der Gesellschaft, an der die Frau sterben musste, weil sie in ihr nicht leben konnte, k\u00f6nnen ihr dieses Sterben nicht verzeihen, weil es letzter anarchistischer Schritt des Subjekts ist.&#8220; ((3)) Nun sagt dieses Zitat nicht viel, es sagt nur, dass, wer die \u00fcberzeugte Kommunistin und das langj\u00e4hrige KPD-Mitglied Ulrike Meinhof Mitte der siebziger Jahre (und in Verdoppelung der irref\u00fchrenden BKA-Propaganda) als Anarchistin bezeichnet, von Geschichte, Theorie und Praxis des Anarchismus nicht viel gewusst haben kann. Also ist bei einer Qualifizierung Jelineks als &#8222;Anarchafeministin&#8220; f\u00fcr diese Zeit zumindest Vorsicht angebracht.<\/p>\n<h3>Die Klavierspielerin der achtziger Jahre<\/h3>\n<p>Auf literarischer Ebene gilt Elfriede Jelinek als das feministische Pendant zu Thomas Bernhard. Die von beiden als katastrophal reaktion\u00e4r empfundene \u00f6sterreichische b\u00fcrgerliche Gesellschaft ist der Fundus ihrer beider Sprachvirtuosit\u00e4t, die sich nicht selten zur fulminanten Beschimpfung steigert. ((4)) Dabei geht Jelinek immer noch einen Schritt weiter als Bernhard. Hatte letzterer in seinem Testament verf\u00fcgt, seine St\u00fccke d\u00fcrften in \u00d6sterreich nicht aufgef\u00fchrt werden, so verbot Jelinek schon zu ihren Lebzeiten aus Protest gegen Haider die Auff\u00fchrung ihrer St\u00fccke.<\/p>\n<p>Jelinek geht auch weiter als Bernhard, weil sie die unertr\u00e4gliche Verlogenheit, K\u00e4lte und Unpers\u00f6nlichkeit in den angeblich &#8222;normalen&#8220; Beziehungen der Geschlechter offen zur Schau stellt, in ihrer ganzen Peinlichkeit, Ekelhaftigkeit und den damit verbundenen allt\u00e4glichen Erniedrigungen. Dabei spielt Jelinek mit einer grandiosen Ironie, die mich beim Lesen immer wieder zu einem pl\u00f6tzlichen Lachanfall reizt, aber inhaltlich der umso schonungsloseren Gesellschaftskritik dient. Beispiele aus ihrem bekanntesten Roman, &#8222;Die Klavierspielerin&#8220;, 1983 publiziert:<\/p>\n<p>&#8222;Dann versagt Erika einmal bei einem wichtigen Abschlusskonzert der Musikakademie v\u00f6llig, sie versagt vor den versammelten Angeh\u00f6rigen ihrer Konkurrenten und vor ihrer einzeln angetretenen Mutter, die ihr letztes Geld f\u00fcr Erikas Konzerttoilette ausgegeben hat. Nachher wird Erika von ihrer Mutter geohrfeigt, denn selbst musikalische Voll-Laien haben Erikas Versagen an ihrem Gesicht, wenn schon nicht an ihren H\u00e4nden ablesen k\u00f6nnen. Erika hat zudem kein St\u00fcck f\u00fcr die breit sich dahinw\u00e4lzende Masse gew\u00e4hlt, sondern einen Messaien, eine Wahl, vor der die Mutter entschieden warnte. Das Kind kann sich auf diese Weise nicht in die Herzen dieser Masse schmuggeln, welche die Mutter und das Kind immer schon verachtet haben, erstere, weil sie immer nur ein kleiner, unscheinbarer Teil jener Masse war, letztere, weil sie niemals ein kleiner, unscheinbarer Teil der Masse sein m\u00f6chte.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Allein in diesem kleinen Abschnitt steckt bereits das gesamte Arsenal Jelinekscher Gesellschaftskritik: &#8222;Was bleibt ihr (Erika, d.A.) anderes \u00fcbrig, als in das Lehrfach \u00fcberzuwechseln. Ein harter Schritt f\u00fcr den Meisterpianisten, der sich pl\u00f6tzlich vor stammelnden Anf\u00e4ngern und seelenlosen Fortgeschrittenen wiederfindet. Konservatorien und Musikschulen, auch der private Musiklehrbereich, nehmen in Geduld vieles in sich auf, was eigentlich auf eine M\u00fcllkippe oder bestenfalls ein Fu\u00dfballfeld geh\u00f6rte. Viele junge Menschen treibt es immer noch, wie in alten Zeiten, zur Kunst, die meisten von ihnen werden von ihren Eltern dorthin getrieben, weil diese Eltern von Kunst nichts verstehen, gerade nur wissen, dass es sie gibt.&#8220; ((6)) Ist das nicht mit ungeheurer Sprachkraft auf den Punkt gebracht? Und so geht der Roman in einem fort.<\/p>\n<p>In &#8222;Die Klavierspielerin&#8220; nimmt Jelinek ein \u00f6sterreichisches Staatsheiligtum aufs Korn, die klassische Musik, den Kunstwahn der sich als &#8222;die Besseren&#8220; d\u00fcnkelnden Mitglieder der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft. Jelinek zeigt auf, dass dieses b\u00fcrgerliche Gespinst aus Heuchelei und Doppelmoral nur auf einem sado-masochistischen Fundament gedeihen kann, aus einer best\u00e4ndigen Wiederholung von Qual und Selbstqual. So wie die Familie Graf ihre Steffi zur Tennisspielerin trimmt, bevor sie noch laufen lernt (oder die Familie Becker den Boris und seither so viele Ungez\u00e4hlte), so trimmt die befehlende Mutter die sich freiwillig knechtende Tochter (Erika Kohut) zur Pianistin, bis sie Vierzig ist und merkt, dass sie nie gelebt und geliebt hat. Der Roman ist auch deshalb so eindringlich, weil Jelinek darin ihre eigene Kindheit aufarbeitet. Sie wei\u00df, wovon sie spricht, hat sie doch selbst auf Dr\u00e4ngen der Mutter als Kind Musikunterricht bekommen und wurde als Dreizehnj\u00e4hrige aufs Konservatorium geschickt. Sie bekam davon Angstzust\u00e4nde.<\/p>\n<p>Der Sado-Masochismus ist im Roman von Jelinek nicht &#8211; wie in j\u00fcngsten und oft allzu pseudo-emanzipatorischen Milieus von Schwulen, Lesben oder Transsexuellen &#8211; etwa Befreiungsphilosophie einer Minderheit, sondern schmerzhafte Grundlage b\u00fcrgerlicher Realit\u00e4t, bittere Normalit\u00e4t einer \u00fcberw\u00e4ltigenden Mehrheit. Die Mutter qu\u00e4lt die Tochter, die Tochter l\u00e4sst sich qu\u00e4len und qu\u00e4lt als Ersatz andere, vornehmlich ihre Klaviersch\u00fclerInnen. Als Lehrerin, die nicht zur Konzertpianistin aufsteigen konnte, hasst sie Sch\u00fclerInnen, die das Zeug zum Aufstieg h\u00e4tten, und qu\u00e4lt sie, macht sie fertig, bis sie scheitern. Lustlos, freudlos ist sie unf\u00e4hig, die Musik zu lieben, die sie lehrt. Der Sado-Masochismus normaler zwischenmenschlicher Beziehungen in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft steht bei Jelinek am Ausgangspunkt des oft so unmotiviert scheinenden, kleinlichen Neides und Hasses einzelner B\u00fcrgerInnen auf andere, steht damit auch am Ausgangspunkt des Hasses auf wirklich kreative Menschen, auf unkonventionelle Lebensentw\u00fcrfe, auf Minderheiten, MigrantInnen, all das eben, was die \u00f6sterreichische Gesellschaft hasst. Weil das Verh\u00e4ltnis Mutter-Tochter ausschlie\u00dflich das von Herrschaft und freiwilliger Knechtschaft ist, kann sich Erika auch die in Form des Sch\u00fclers Walter Klemmer (&#8222;Klemmer&#8220; &#8211; was f\u00fcr ein Name!) doch noch aufkeimende Hoffnung auf eine Liebesbeziehung nur als sado-masochistische vorstellen.<\/p>\n<p>Nichts ist Erika, getrimmt durch die von ihrer Mutter auferlegten Qualen, fremder als eine gleichberechtigte, sensible, liebevolle, gef\u00fchlsbetonte und gewaltlose Form der Sexualit\u00e4t. Sie befriedigt ihre sexuellen Bed\u00fcrfnisse schon lange als Voyeurin, in Parks oder Peepshows. Sie kann sich Sexualit\u00e4t nur als Erleiden von Schmerz vorstellen. Sie l\u00e4dt in einem abstrusen &#8222;Liebes&#8220;-Brief den erstaunten Klemmer dazu ein, ihr sexuelle Gewalt anzutun, wobei sie ihre eigene psychische und dramaturgische Herrschaft als Lehrerin \u00fcber den Sch\u00fcler Klemmer aufrecht erhalten will. Der jedoch ist selbst so patriarchal wie jeder b\u00fcrgerlich sozialisierte Mann, der meint, es sei eine pers\u00f6nliche Gnade, sich noch mit einer Vierzigj\u00e4hrigen abzugeben, dass er sie schlie\u00dflich vergewaltigt. Erika will sich r\u00e4chen und ihn umbringen, schafft es jedoch nicht und sticht sich mit einem Messer am Ende selbst ins Herz.<\/p>\n<p>Am allerwenigsten w\u00fcrde ich bei diesem Roman auf die Idee kommen, dass er verfilmt werden k\u00f6nnte. Doch der deutsch-\u00f6sterreichische Dramaturg und Regisseur Michael Haneke machte sich 2001 ans Unm\u00f6gliche, und herausgekommen ist eine filmische Umsetzung, die ich als im Wesentlichen gelungen bezeichnen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Der deutsch-franz\u00f6sische Kinofilm erhielt in Cannes die &#8222;Goldene Palme&#8220; und wurde auf Arte \u00fcbrigens am 10.12.2004, dem Tag der Nobelpreisverleihung an Jelinek, wieder ausgestrahlt. Besonders beeindruckend fand ich die Schauspielerin Isabelle Huppert, die die Erika Kohut in zum Teil unertr\u00e4glichen Szenen mit ihrem unwandelbaren, fast schon steinernen Gesicht verbl\u00fcffend &#8222;romangetreu&#8220; spielt. Was der Film allerdings nicht leisten kann, ist die Wiedergabe der subtil in die hart kritisierenden Texte eingearbeiteten Ironie der Jelinek, eine Kunst, in der sie einzigartig ist und f\u00fcr die es keine Alternative dazu gibt, ihre Romane selbst zu lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass der Stockholmer Preis &#8211; der immerhin auf die \u00dcberredungskunst von Bertha von Suttner zur\u00fcckgeht, die Alfred Nobel zu Gewissensbissen und zur Ausschreibung des gleichnamigen Preises bewegte -, nicht immer die Falschen trifft, zeigen schon einige Preistr\u00e4gerInnen der j\u00fcngsten Jahre: Dario Fo und Jos\u00e9 Saramago bezeichneten sich als Anarchisten, auch der Preis f\u00fcr Toni Morrison &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/01\/die-jelinek\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Die Jelinek - graswurzelrevolution","description":"Dass der Stockholmer Preis - der immerhin auf die \u00dcberredungskunst von Bertha von Suttner zur\u00fcckgeht, die Alfred Nobel zu Gewissensbissen und zur Ausschreibung"},"footnotes":""},"categories":[401,44,1038],"tags":[],"class_list":["post-6549","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-295-januar-2005","category-bucher","category-kleine-unterschiede"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6549","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6549"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6549\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6549"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6549"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6549"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}