{"id":6551,"date":"2005-01-01T00:00:10","date_gmt":"2004-12-31T22:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6551"},"modified":"2022-07-26T13:31:30","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:30","slug":"deutschland-deine-atombomben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/01\/deutschland-deine-atombomben\/","title":{"rendered":"Deutschland, deine Atombomben"},"content":{"rendered":"<p>Nein, ich werde jetzt nicht damit anfangen, mich langatmig \u00fcber jene Wissenschaftler auszulassen, die bereits zur Zeit des Faschismus an f\u00fchrender Stelle an der Atomenergie forschten, um in den 50er und 60er Jahren unter dem Atomminister Franz Josef Strau\u00df weiterzumachen. Ich werde nicht n\u00e4her auf den rechtskr\u00e4ftig verurteilten SS-Obersturmbannf\u00fchrer in Leiden (Holland), Alfred Boettcher, eingehen, der 1960 bis 1966 Direktor des Kernforschungszentrums J\u00fclich wurde und f\u00fcr die Verbindungen nach S\u00fcdafrika und Brasilien zust\u00e4ndig war. Auch nicht auf den NSDAP-Leiter Wilhelm Groth, der vor 1945 unter den Nazis an der Atombombe forschte, um nach dem Krieg in J\u00fclich weiterzumachen.<\/p>\n<h3>Leuk\u00e4mie in Geesthacht<\/h3>\n<p>Letztendlich werde ich nur kurz bei Erich Bagge und Erich Diebner innehalten, die ebenfalls f\u00fcr das Dritte Reich Atomwaffenforschung betrieben, 1954 das Atomforschungszentrum Geesthacht gr\u00fcndeten und an der deutschen Atom- und Wasserstoffbombe weiterforschten.<\/p>\n<p>Die jahrzehntelange zivil-milit\u00e4rische Forschung dieser Gesellschaft zur Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schiffahrt (GKSS) direkt neben dem Atomkraftwerk Kr\u00fcmmel hat allerdings Auswirkungen bis heute. Durch geheim gehaltene &#8222;kerntechnische Sonderexperimente&#8220; auf dem GKSS-Gel\u00e4nde ist es im September 1986 zu einem vertuschten St\u00f6rfall gekommen, was nach vierj\u00e4hriger Latenzzeit zu der weltweit einmaligen H\u00e4ufung von Blutkrebs in dieser Region f\u00fchrte. Die Beh\u00f6rden und Forscher leugnen den Atomunfall und die Forschung an den Mini-Atomwaffen. Die seit 1992 bestehende Untersuchungskommission hat sich zerstritten, sechs der acht Wissenschaftler sind nach einem Eklat aus Protest gegen die Vertuschungsversuche der Landesregierung Schleswig-Holstein und der beteiligten Forschungszentren J\u00fclich und Karlsruhe zur\u00fcckgetreten. In der Umgebung von Geesthacht hatte man in Bodenproben mit dem Auge kaum sichtbare radioaktive PAC-Kleinstk\u00fcgelchen gefunden. Genau jene, die in dem 1989 stillgelegten Thorium Hochtemperaturreaktor (THTR) Hamm-Uentrop f\u00fcr die Brennelemente benutzt und in den ber\u00fcchtigten Hanauer Atombetrieben hergestellt wurden. Auch dort entdeckten Forscher nur wenige hundert Meter entfernt diese PAC-K\u00fcgelchen in der Gartenerde. Das urspr\u00fcnglich faschistische Atombombenprojekt sorgt &#8211; weitergef\u00fchrt im demokratischen Deutschland &#8211; auch heute noch f\u00fcr jede Menge Z\u00fcndstoff und, was viel schlimmer ist, f\u00fcr Strahlentote!<\/p>\n<h3>Urangate bei Urenco und J\u00fclich<\/h3>\n<p>Ebenfalls zur Zeit des Faschismus wurde in Deutschland mit der Entwicklung von Gaszentrifugen zur Urananreicherung begonnen. Durch die Hintereinanderschaltung mehrerer Zentrifugen sollte das Uran so stark angereichert werden, dass der Bau einer Atombombe m\u00f6glich w\u00fcrde. Die Nazis kamen nicht mehr dazu, diese Bombe einzusetzen. Aber ihre Wissenschaftler arbeiteten in Deutschland und den Niederlanden nach dem Krieg weiter daran. Um die deutschen Ambitionen, eine eigene Atombombe zu bauen, unter Kontrolle zu halten und gleichzeitig die wirtschaftliche Kooperation weiterzuentwickeln, wurde im &#8222;Vertrag von Almelo&#8220; 1970 die deutsch-niederl\u00e4ndisch-britische Zusammenarbeit f\u00fcr den Einsatz von Zentrifugeverfahren zur Urananreicherung beschlossen. Die Konzerne BNFL, UCN und Uranit gr\u00fcndeten hierzu den Konzern Urenco, der 1975 zun\u00e4chst eine Gemeinschaftsanlage im niederl\u00e4ndischen Almelo in Betrieb nahm. Hiergegen protestierten 1978 vierzigtausend Menschen. 1985 ging der Schwesterbetrieb im 40 km entfernten Gronau in Betrieb. An der Entwicklung der Gaszentrifuge war der bereits genannte ehemalige Nazi-Wissenschaftler B\u00f6ttger beteiligt, der zum Leiter der Kernforschungsanlage J\u00fclich aufstieg. Hier findet in J\u00fclich bis heute die wissenschaftliche Grundlagenarbeit f\u00fcr Urenco im Uranit-Zweigwerk statt.<\/p>\n<h3>Der Khan schl\u00e4gt zu<\/h3>\n<p>Die Entwicklung von Ger\u00e4ten zur Herstellung des Grundstoffes zum Atombombenbau zog mehrere ausl\u00e4ndische Interessenten an, die auch sogleich bedient wurden. 1972 schloss Pakistan mit der Bundesrepublik das Abkommen \u00fcber wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit ab. Nicht nur das Kernforschungszentrum Karlsruhe bildete pakistanische Atomforscher aus, sondern in der deutsch-niederl\u00e4ndisch-britischen Gemeinschaftsanlage Urenco konnten sie sich einen umfassenden Einblick in Baupl\u00e4ne und Listen der Lieferfirmen verschaffen. Der sp\u00e4tere &#8222;Vater der pakistanischen Atombombe&#8220; und gefeierte nationalistische &#8222;Volksheld&#8220; Abdul Quadeer Khan besorgte sich hier zwischen 1972 und 1975 alle Informationen f\u00fcr die Herstellung nuklearen Materials, das in Zukunft die Welt unsicher machen sollte. Noch in den 80er Jahren arbeiteten in den Kernforschungsanlagen in J\u00fclich und Karlsruhe 55 pakistanische Wissenschaftler, fand Gerhard Piper von BITS heraus. Khan selbst studierte in den sechziger Jahren in Berlin und im niederl\u00e4ndischen Delft Metallurgie, bevor er dann bei Urenco einstieg. Aus dieser Zeit resultieren seine intimen Kenntnisse der ca. siebzig deutschen R\u00fcstungsfirmen, die sp\u00e4ter UAA-Komponenten nach Pakistan lieferten. Die Gaszentrifugen der Urenco konnten auf diese Weise nachgebaut werden und legten damit den Grundstein f\u00fcr die pakistanische Atombombe.<\/p>\n<p>Zwei Jahre nach dem Beginn der deutsch-pakistanischen Kooperation schlossen 1974 die Kernforschungszentren J\u00fclich und Karlsruhe Kooperationsabkommen mit Indien ab. Die gleichzeitige Belieferung zweier rivalisierender, extrem verfeindeter Regionalm\u00e4chte mit Atom-know-how und Atomtechnologie heizte die Spannungen zus\u00e4tzlich an.<\/p>\n<p>Der Urenco-Z\u00f6gling Khan stieg in Pakistan zum Chef der Atomlaboratorien auf. Das dortige Atomzentrum wurde nach ihm benannt. In den 80er und 90er Jahren betrieb Khan einen &#8222;nuklearen Supermarkt&#8220;, der die Akten der westlichen Untersuchungskommissionen sprunghaft anschwellen lie\u00df.<\/p>\n<p>Khan selbst r\u00e4umte ein, Iran, Nordkorea und Libyen mit Zeichnungen und Anlagen f\u00fcr den Atombombenbau versorgt zu haben. Irak und S\u00fcdafrika wurden in diesem Zusammenhang ebenfalls genannt. Als gesichert gilt, dass Saudi-Arabien das Atomprogramm in Pakistan zu einem erheblichen Teil finanziert hat.<\/p>\n<h3>UAA-Gefahren &#8211; schwer zu begreifen?<\/h3>\n<p>Urenco als nukleare Keimzelle f\u00fcr die weltweite Atomwaffenproduktion will demn\u00e4chst die Kapazit\u00e4ten in Gronau von bisher 1.800 t auf 4.500 t Urantrennarbeit ausweiten. Dann k\u00f6nnten \u00fcber Deutschland hinaus insgesamt etwa 35 Atomkraftwerke versorgt werden, und es k\u00e4me zu Hunderten von Transporten mit hochangereichertem Uran j\u00e4hrlich &#8211; noch mehr als bisher schon. W\u00e4hrend das nur 17 Kilometer von Gronau entfernte Brennelemente-Zwischenlager (BEZ) Ahaus zu einem der wichtigsten Kristallisationspunkte des Anti-Atom-Widerstandes wurde, wird die UAA im Bewusstsein vieler Umweltsch\u00fctzerInnen kaum wahrgenommen. In Zusammenh\u00e4ngen zu denken, f\u00e4llt offensichtlich gro\u00dfen Teilen der Umweltbewegung sehr schwer. Vielleicht wird sich das erst dann \u00e4ndern, wenn ein Urenco-Zentrifugenabk\u00f6mmling als Atombombe tats\u00e4chlich zum Einsatz kommt. Erstaunt wird dann die \u00f6ffentliche Meinung feststellen, dass der Ausgangspunkt der Katastrophe im holl\u00e4ndisch-westf\u00e4lischen Grenzgebiet liegt und dass der B\u00f6sewicht Bin Laden jetzt Abdul Qadeer Khan hei\u00dft. Denn die Geschichte ist noch nicht zu Ende.<\/p>\n<h3>Das atomare Dreieck Deutschland, S\u00fcdafrika und Pakistan<\/h3>\n<p>Nach der Wandlung Ghaddafis vom Paria zum Freund des Westens gab Libyen den Kontrolleuren der Internationalen Atomenergiebeh\u00f6rde (IAEO) teilweise sein Wissen preis, woher es in der Vergangenheit das Atombomben-know-how erhalten hatte. Die Spur f\u00fchrte nicht nur zuAbdul Qadeer Khan, sondern auch wieder nach Deutschland und S\u00fcdafrika. Nach dem Ende des Apartheidregimes 1993 sahen sich die am s\u00fcdafrikanischen Atomprogramm beteiligten Wissenschaftler und Firmeninhaber nach neuen Wirkungsm\u00f6glichkeiten um und arbeiteten mit Khan zusammen, der mit einer S\u00fcdafrikanerin verheiratet ist. Die Mitglieder des Atomschmuggelringes haben gr\u00f6\u00dftenteils die deutsche und schweizerische Staatsb\u00fcrgerschaft und arbeiten mit Hunderten von Firmen in mehr als 20 Staaten zusammen.<\/p>\n<p>Die seit Monaten ermittelnden Staatsanw\u00e4lte in Deutschland, der Schweiz und in S\u00fcdafrika sind vom Ausma\u00df des Skandals \u00fcberrascht und haben bereits einige Ingenieure und Firmenmitarbeiter verhaften lassen. Ein Schl\u00fcsselprojekt ist die s\u00fcdafrikanische Urananreicherungsanlage Pelindaba, die nach deutschem Vorbild gebaut wurde.<\/p>\n<p>Die IAEO ist alarmiert. Sie spricht von einem &#8222;veritablen Supermarkt&#8220; f\u00fcr alle Arten von Nuklearwaffen und h\u00e4lt inzwischen Terroranschl\u00e4ge mit Atomwaffen f\u00fcr eine &#8222;echte und unmittelbare Bedrohung.<\/p>\n<p>Nicht nur die Beziehungen Khans und des pakistanischen Milit\u00e4rs zu islamistischen Kreisen werden seit dem 11. 9. 2001 kritisch gesehen, auch die 200.000 s\u00fcdafrikanischen Muslime gerieten mittlerweile unter Generalverdacht. Nachdem zwei von ihnen Anschlagpl\u00e4ne auf s\u00fcdafrikanische Einrichtungen und Beziehungen zu Al Quaida zur Last gelegt wurden, \u00fcberschlugen sich die Medien mit Berichten hier\u00fcber. Al Quaida-Aussteiger Jamal Ahmed al-Fadl gab vor US-Beh\u00f6rden zu, dass er beauftragt wurde, nukleares Material in S\u00fcdafrika zu kaufen. Zur Zeit l\u00e4uft in Kapstadt das Genehmigungsverfahren f\u00fcr den geplanten, mit J\u00fclicher Hilfe entwickelten Hochtemperaturreaktor, der hier Pebble Bed Modular Reactor (PBMR) genannt wird. Diesen Prototyp will S\u00fcdafrika speziell so entwickeln, dass er sich trotz hohem Proliferationsrisiko zum Export in Schwellenl\u00e4nder eignet. Da bisher in der Nachapartheid-\u00c4ra die Kontrollmechanismen im nuklearen Bereich versagt haben, ist auch bei dem geplanten Bau eines neuen Hochtemperaturreaktors (HTR) das Schlimmste zu bef\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Joschka Fischer, der sich bei jeder Gelegenheit in den Medien mit \u00c4u\u00dferungen zum Atomprogramm des B\u00f6sewichts Iran profiliert, schweigt zur deutschen Beteiligung an dem internationalen Atomschmuggel. Die rotgr\u00fcne NRW-Landesregierung unternimmt nichts gegen die UAA in Gronau und damit nichts gegen die Fortsetzung einer verh\u00e4ngnisvollen Entwicklung, die vor vielen Jahrzehnten in Deutschland ihren Ausgangspunkt nahm. Im NRW-Landtagswahlkampf sollten wir in den n\u00e4chsten Monaten darauf aufmerksam machen. Auch darauf, dass die radioaktiven PAC-K\u00fcgelchen inzwischen im Forschungszentrum Karlsruhe und in Frankreich wieder hergestellt werden. Und zwar in Zusammenarbeit mit dem Konzern AREVA, der den HTR nach S\u00fcdafrika liefern soll.<\/p>\n<p>Das alles ist das Gegenteil von Ausstieg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein, ich werde jetzt nicht damit anfangen, mich langatmig \u00fcber jene Wissenschaftler auszulassen, die bereits zur Zeit des Faschismus an f\u00fchrender Stelle an der Atomenergie forschten, um in den 50er und 60er Jahren unter dem Atomminister Franz Josef Strau\u00df weiterzumachen. 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