{"id":6557,"date":"2005-01-01T00:00:21","date_gmt":"2004-12-31T22:00:21","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6557"},"modified":"2022-07-26T14:24:31","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:31","slug":"die-grenze-als-ort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/01\/die-grenze-als-ort\/","title":{"rendered":"Die Grenze als Ort"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Wir leben in Spanien mit dem R\u00fccken zum Mittelmeer&#8220;, sagt Floren, einer der MedienaktivistInnen, die seit September 2003 das Internetprojekt Indymedia Estrecho betreiben. Hier, in einem Berliner D\u00f6ner-Laden am Rande des Media Activist Gatherings in Berlin, einem Treffen von Treffen zum f\u00fcnften Jahrestag der Gr\u00fcndung von Indymedia, scheint das alles weit weg zu sein: S\u00fcdspanien, das Mittelmeer und Nordafrika. &#8222;Dabei ist alles bei uns arabisch, die Ortsnamen, die Stra\u00dfen, alles. Wir haben nicht nur Gemeinsamkeiten mit diesen Menschen, wir sind einfach gleich.&#8220;<\/p>\n<p>Indymedia, das aus den Protesten gegen die WTO (Welthandelsorganisation) in Seattle 1999 (vgl. <a title=\"Ein wahres Fest des Widerstands\" href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/01\/ein-wahres-fest-des-widerstands\/\">GWR 245<\/a>) entstandene Nachrichtensystem im Internet, erlaubt jedem, Nachrichten oder anderes Material zu ver\u00f6ffentlichen. Es erweist sich trotz vieler praktischer Probleme weltweit weiterhin als Erfolgsmodell einer Kommunikationsplattform. Zuerst in den St\u00e4dten des Nordens, inzwischen von Indien bis Beirut. Die meisten Indymedias aber besch\u00e4ftigen sich mit Nachrichten aus St\u00e4dten oder Staaten, mal mehr, mal etwas weniger an einer &#8222;linken Szene&#8220; und deren klassischen Themen orientiert.<\/p>\n<p>&#8222;Damals, im April 2003, wollten wir eigentlich ein Indymedia f\u00fcr Malaga einrichten und trafen uns dazu mit Freunden aus Sevilla und Madrid, die sowas schon gemacht hatten, am Meer&#8220;, erz\u00e4hlt Floren. &#8222;Wir schwammen und tranken viel, und uns wurde klar, was das eigentliche Thema der Region ist: die Grenze zwischen Spanien und Afrika, die Stra\u00dfe von Gibraltar.&#8220; Beziehungsweise, dass S\u00fcdspanien und Nordafrika eine gemeinsame Region ist, deren Zentrum &#8222;die Grenze&#8220; ist, eine Wasserstrasse von wenigen Kilometern Breite. Diese Grenze, die jedes Jahr Hunderte von Todesopfern fordert, hei\u00dft auf Spanisch schlicht &#8222;estrecho&#8220; (die Stra\u00dfe), auf arabisch &#8222;madiaq&#8220;.<\/p>\n<h3>Eine Region, vier Sprachen<\/h3>\n<p>&#8222;Das ist eine Herausforderung, eine Internet-Seite in vier Sprachen: Spanisch, Arabisch, Franz\u00f6sisch und Englisch. Dazu kommt, dass viele Menschen aus Nordafrika, die Artikel schreiben wollen, Anonymit\u00e4t bewahren m\u00fcssen&#8220;, beschreibt Floren die Probleme, ein solches Projekt aufzubauen. Wieso also dieser Aufwand?<\/p>\n<p>&#8222;Wir bekamen st\u00e4ndig Anfragen: Wie komme ich nach Spanien? Wo kann ich was bekommen u.s.w.&#8220;. Es lag nahe, dies von Menschen beantworten zu lassen, die damit Erfahrungen gemacht haben. Indymedia Estrecho bietet daf\u00fcr eine Plattform, die von allen mit Inhalt gef\u00fcllt werden kann.<\/p>\n<p>&#8222;Kommunikation&#8220;, sich austauschen, ist eines der Schl\u00fcsselw\u00f6rter, wenn es um Indymedia Estrecho geht. Wie \u00fcberhaupt kommt man in Kontakt mit den Menschen, die nach Europa kommen oder dorthin wollen, wie sollen diese Menschen miteinander kommunizieren? Die Zahl der Artikel in Arabisch ist bisher eher gering, was zum einen darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, dass den MigrantInnen in Spanien kaum arabische Computer zur Verf\u00fcgung stehen. Floren sieht noch einen anderen Grund: &#8222;Viele MigrantInnen wissen, dass es in Spanien einfacher ist, franz\u00f6sische Texte zu lesen und zu \u00fcbersetzten. Es zeigt, dass sie sich mitteilen und gelesen werden wollen.&#8220;<\/p>\n<p>Die Kommentare zu den Artikeln sind zahlreich und vielf\u00e4ltig. &#8222;Als wir gesehen haben, wie viele Menschen sich hier mit dem Problem auseinander setzen, waren wir v\u00f6llig \u00fcberrascht: Wer sind all diese Menschen? Sie leben unter uns, aber wir kennen sie nicht. Wir sehen sie nicht auf Demonstrationen oder Veranstaltungen. Aber das Interesse, das Wissen \u00fcber das Leben hier und auch das Bewusstsein f\u00fcr politische Fragen ist enorm.&#8220;<\/p>\n<p>Die Idee faszinierte von Anfang an: Indymedia als einerseits technisch erprobte Plattform im Kontext einer globalen sozialen Bewegung. Gleichzeitig jedoch das Konzept dahingehend zu erweitern, \u00fcber die Berichterstattung von &#8222;Aktivismus und Bewegung&#8220; hinauszugehen. &#8222;Die Themen anderer Indymedias, z.B. Antifaschismus, Umwelt oder der Szenetratsch, spielen hier weniger eine Rolle als die Arbeitssituation der ImmigrantInnen&#8220;, berichtet Floren. Die prek\u00e4ren, weil instabilen Arbeitsverh\u00e4ltnisse, die Alltagsprobleme des \u00dcberlebens, gegenseitige Unterst\u00fctzung gegen Repression durch die Beh\u00f6rden und vor allem die Frage, wie Menschen miteinander \u00fcber diese Probleme kommunizieren k\u00f6nnen, das sind die wesentlichen Themen.<\/p>\n<h3>Der tr\u00fcgerische Schein<\/h3>\n<p>Nur wenige Kilometer trennen Spaniens S\u00fcdk\u00fcste vom afrikanischen Kontinent. Fast scheint es ein Leichtes zu sein, diese Meerenge bei angenehmen Mittelmeerklima zu \u00fcberqueren.<\/p>\n<p>Doch der Schein tr\u00fcgt: Die Wasserstra\u00dfe zu \u00fcberqueren bedeutet eine Au\u00dfengrenze Europas zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Die T-Shirts von Indymedia-Estrecho schm\u00fcckt die Zeichnung eines achtj\u00e4hrigen Jungen, der auf dem Dach eines LKWs versteckt nach Spanien kam. Mehrere Male war seine Reise zuvor gescheitert.<\/p>\n<p>Was den Menschen nicht erlaubt ist, n\u00e4mlich die Grenzen zu \u00fcberschreiten, gelingt den \u00dcberwachungsorganen spielend: Seit Anfang 2004 fliegen die spanische und marokkanische Grenzpolizei gemeinsame Patrouillen, um MigrantInnen zu fassen.<\/p>\n<p>Unter dem Schlagwort &#8222;SIS II&#8220; wird ein Zugriff nordafrikanischer Beh\u00f6rden auf die Datenbanken des SchengenInformations-Systems diskutiert. Marokko wird, zusammen mit Tunesien, Algerien und Libyen als einer der &#8222;au\u00dfereurop\u00e4ischen&#8220; Lagerstandorte geh\u00e4tschelt.<\/p>\n<p>Um die spanischen Exklaven Melilla und Ceuta an der Nordafrikanischen K\u00fcste, in deren Umgebung Tausende von Menschen auf eine Gelegenheit zur \u00dcberfahrt warten, wurden erst vor wenigen Jahren drei Meter hohe Z\u00e4une errichtet: von Flutlicht bestrahlt, von Kameras, Mikrofonen- und Bewegungssensoren \u00fcberwacht.<\/p>\n<p>Wer sich hier frei bewegen will, ben\u00f6tigt Informationen.<\/p>\n<h3>Die Grenze offen legen<\/h3>\n<p>Wie tr\u00e4gt man diese Informationen zusammen?<\/p>\n<p>Diese Frage, die Verkn\u00fcpfung von Informationsfreiheit und Bewegungsfreiheit, hat zu einer Vielzahl von Projekten rund um Indymedia Estrecho gef\u00fchrt: Mit dem Projekt &#8222;hackandalus&#8220; (etwa: Hacker-Labor) wird versucht, die Region nach eigenen Bed\u00fcrfnissen zu kartographieren.<\/p>\n<p>Nicht nach \u00f6ffentlichen Verkehrswegen und Sehensw\u00fcrdigkeiten, sondern nach \u00dcberwachungsanlagen der Grenze und sozialen Netzwerken. Eine Karte mit Informationen, die \u00fcberlebensnotwendig sind. Solche Karten gab es bisher nur zu anderen Zwecken: z.B. f\u00fcr milit\u00e4rische, die Wegrouten unter dem Kriterium der &#8222;Einsehbarkeit&#8220; ausw\u00e4hlen. &#8222;hackitectura&#8220; versucht Orte zu visualisieren, die sonst vor der Au\u00dfenwelt verborgen bleiben sollen oder unbegehbar sind.<\/p>\n<p>Man rekonstruierte aus Gespr\u00e4chen mit Augenzeugen f\u00fcr den Film &#8222;Paralelo 36&#8220; (36. Breitengrad) den Aufbau eines Abschiebelagers in S\u00fcdspanien so genau, dass selbst die Polizei sich fragte, wie die Hacker an die Baupl\u00e4ne gekommen sind.<\/p>\n<p>So ist es m\u00f6glich, die hinter wenigen Zeitungsmeldungen verborgenen Sicherheitsanlagen zur Verteidigung der Festung Europa sichtbar zu machen.<\/p>\n<p>Deutlich wird auch, welch enorme Dynamik dieser Migration innewohnt und wie vielf\u00e4ltig und verzweigt das soziale Netz ist, das zur Unterst\u00fctzung dieser Bewegung gekn\u00fcpft ist.<\/p>\n<p>Und erm\u00f6glicht, die v\u00f6llige Beliebigkeit aufzudecken, mit der die Grenze Menschen davon abh\u00e4lt, sich frei zu bewegen und eine angebliche kulturelle Grenze zu konstruieren.<\/p>\n<p>Die Dynamik und die Vielzahl der Ideen dieses Projekts, das zeigt, welche Wege und M\u00f6glichkeiten Menschen finden, diese Grenzen zu \u00fcberwinden und ihr Leben in einer ihnen feindlich gesinnten Arbeits- und Umwelt selbst zu organisieren, ist beeindruckend und zeigt, welche M\u00f6glichkeiten in solchen Plattformen stecken. Und wie eng der Zusammenhang ist zwischen der Freiheit, sich zu bewegen und miteinander zu kommunizieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wir leben in Spanien mit dem R\u00fccken zum Mittelmeer&#8220;, sagt Floren, einer der MedienaktivistInnen, die seit September 2003 das Internetprojekt Indymedia Estrecho betreiben. 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