{"id":6574,"date":"2005-01-01T00:00:44","date_gmt":"2004-12-31T22:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6574"},"modified":"2022-07-26T13:06:01","modified_gmt":"2022-07-26T11:06:01","slug":"der-kopf-des-konigs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/01\/der-kopf-des-konigs\/","title":{"rendered":"Der Kopf des K\u00f6nigs"},"content":{"rendered":"<p>Kein Zweifel, dass das Ereignis stattfand &#8211; aber hat es im Zuge der seitherigen Transformationen der Souver\u00e4nit\u00e4t, die heute einigen Turbulenzen ausgesetzt ist, seinen Ort gefunden? Und seine Interpretation? Ist das Ereignis angekommen? Wie wirkt es fort? Oder sind politische Philosophie und Theorie, politisches Denken sowohl der Fachleute und Deutungsexperten wie der <em>citoyen(ne)s<\/em> vielleicht noch gar nicht im Januar 1793 angelangt, geschweige denn im dritten Jahrtausend?<\/p>\n<p>Bei der Er\u00f6ffnung der Generalst\u00e4nde der Psychoanalyse im Juli 2000 mahnte Jacques Derrida die dort Versammelten, die Psychoanalyse habe die Franz\u00f6sische Revolution insbesondere &#8222;mit Blick auf das, was in besagter Franz\u00f6sischer Revolution und ihrer Nachkommenschaft die obskuren Begriffe Souver\u00e4nit\u00e4t und Grausamkeit betroffen haben wird&#8220;, noch nicht gedacht, obwohl sie doch &#8222;etwas unbedingt Notwendiges und Wesentliches zu diesem Thema <em>sagen<\/em>, aber auch zu <em>tun<\/em> haben m\u00fcsste. ((1))<\/p>\n<p>Und eine bekannte und gewichtige machtkritische Stimme im 20. Jahrhundert meinte, dass im politischen Denken der &#8218;Kopf des K\u00f6nigs noch nicht gefallen&#8216; sei. &#8222;Man mu\u00df dem K\u00f6nig den Kopf abschlagen: das hat man in der politischen Theorie noch nicht getan&#8220; ((2)), hei\u00dft es bei Michel Foucault. Dessen historische Machtanalytik muss uns im Zuge der Dekonstruktion der Souver\u00e4nit\u00e4t sp\u00e4ter noch besch\u00e4ftigen ((3)) &#8211; nicht zuletzt, da sie eine wichtige theoretische Grundlage f\u00fcr verschiedene aktuelle Reflexionen zur Souver\u00e4nit\u00e4t in der globalisierten Welt ist. Dies gilt (um so zugleich einige j\u00fcngere Titel zu nennen, die auf dem Programm dieser losen Artikelfolge stehen oder stehen m\u00fcssten) nicht nur f\u00fcr <em>Empire<\/em>, das als Kultbuch bei vielen wohl ungelesen im Regal schlummert. ((4))<\/p>\n<p>Es gilt auch f\u00fcr Giorgio Agambens Buch <em>Homo sacer,<\/em> seine an Walter Benjamins Begriff &#8222;blo\u00dfes Leben&#8220; ((5)) anschlie\u00dfenden Reflexionen \u00fcber das &#8222;nackte Leben&#8220; und seine sowohl rechtshistorischen wie aktuellen Thesen \u00fcber den <em>Ausnahmezustand<\/em>, dessen Verstetigung (nicht zu verwechseln mit Normalit\u00e4t) die zentrale politische Drohung in unserer Zeit des TerrorKrieges ist. ((6))<\/p>\n<p>Die politische Dringlichkeit darf indes nicht in \u00dcbereilen umschlagen, die F\u00fclle des in Betracht zu ziehenden Materials nicht aufstecken lassen.<\/p>\n<p>Mit der Geschwindigkeit eines Fallbeils k\u00f6nnen Lekt\u00fcre und Reflexion nicht mithalten, auch ist ihnen die schneidende Logik der Grenzziehung (&#8218;genau hier zwischen Deinem Kopf und Deinem K\u00f6rper&#8216;) und des entweder\/oder (&#8218;Kopf\/Kopf ab&#8216;) fremd &#8211; darin liegt ihr pazifizierendes Moment, wenngleich diverse Interpretenschlachten bewaffneter Deutungs- und Sinnkrieger, insbesondere konkurrierende X-isten oder Y-ianer, h\u00e4ufig auf das Gegenteil hindeuten. Lekt\u00fcre und Reflexion m\u00fcssen allerdings ihr eigenes Verh\u00e4ltnis zwischen Beschleunigung (sowie Mut zur L\u00fccke) und geduldiger Verlangsamung, Ausfl\u00fcgen in Geschichte und Hineinspringen in die Aktualit\u00e4t finden.<\/p>\n<p>Entsprechend werden heutige Entwicklungen in Sachen Todesstrafe separat skizziert, w\u00e4hrend im Folgenden jenes Ereignis vom Januar 1793 betrachtet und Momentaufnahmen seines Fortwirkens gezeigt werden.<\/p>\n<h3>Chiasmus: Robespierre und Kant<\/h3>\n<p>Jacques Derrida weist beim R\u00fcckblick auf Beurteilungen der Hinrichtung Ludwig XVI. auf einen bemerkenswerten Chiasmus hin. ((7)) Robespierre war ein Gegner der Todesstrafe und bef\u00fcrwortete die Hinrichtung des B\u00fcrgers Louis Capet.<\/p>\n<p>Bei Kant hingegen, der die Franz\u00f6sische Revolution sehr wohl als &#8222;Geschichtszeichen&#8220; f\u00fcr die &#8222;moralische Tendenz des Menschengeschlechts&#8220; ansah ((8)) und der bis heute theoretischer Bezugspunkt des Kosmopolitismus und der internationalen Pazifizierung durch Rechtsinstitutionen, also f\u00fcr Infragestellungen ungeteilter Souver\u00e4nit\u00e4t, geblieben ist ((9)), verh\u00e4lt es sich genau umgekehrt. Kant argumentierte mit gro\u00dfem Eifer f\u00fcr die Todesstrafe ((10)), er erhob die Todesstrafe in strenger Argumentation zur Bedingung der M\u00f6glichkeit des (Straf)Rechts &#8211; (auch) bei ihm bekr\u00e4ftigt &#8222;in der Aus\u00fcbung der Gewalt \u00fcber Leben und Tod [&#8230;] mehr als in irgendeinem anderen Rechtsvollzug das Recht sich selbst&#8220;. ((11))<\/p>\n<p>Eine <em>Ausnahme<\/em> machte Kant allerdings &#8211; Souver\u00e4n ist, wer von der Todesstrafe ausgenommen ist, lie\u00dfe sich hier in Anspielung auf Carl Schmitts ber\u00fchmte Definition der Souver\u00e4nit\u00e4t sagen. ((12)) Im Fall der &#8222;f\u00f6rmlichen Hinrichtung des Monarchen durch sein Volk&#8220; war er entsetzt, von &#8222;Schaudern&#8220; ergriffen.<\/p>\n<p>Davon zeugt eine lange Fu\u00dfnote in der <em>Rechtslehre<\/em> seiner <em>Metaphysik der Sitten<\/em>, in der er erkl\u00e4rt, dass und warum die &#8222;formale Hinrichtung&#8220; &#8222;\u00e4rger&#8220; sei als der blo\u00dfe Mord: &#8222;Unter allen Greueln einer Staatsumw\u00e4lzung durch Aufruhr ist selbst die <em>Ermordung<\/em> des Monarchen noch nicht das \u00c4rgste; denn noch kann man sich vorstellen, sie geschehe vom Volk aus <em>Furcht<\/em>, er k\u00f6nne, wenn er am Leben bleibt, sich wieder ermannen, und jenes die verdiente Strafe f\u00fchlen lassen, und solle also nicht eine Verf\u00fcgung der Strafgerechtigkeit, sondern blo\u00df der Straferhaltung sein. Die formale <em>Hinrichtung<\/em> ist es, was die mit den Ideen des Menschenrechts erf\u00fcllete Seele mit einem Schaudern ergreift, das man wiederholentlich f\u00fchlt, so bald und so oft man sich diesen Auftritt denkt, wie das Schicksal Karls I. oder Ludwig XVI. Wie erkl\u00e4rt man sich aber dieses Gef\u00fchl, was hier nicht \u00e4sthetisch (ein Mitgef\u00fchl, Wirkung der Einbildungskraft, die sich an die Stelle des Leidenden versetzt), sondern moralisch, der g\u00e4nzlichen Umkehrung aller Rechtsbegriffe ist? Es wird als ein Verbrechen, was ewig bleibt und nie ausgetilgt werden kann (crimen immortale, inexpiabile), angesehen, und scheint demjenigen \u00e4hnlich zu sein, was die Theologen diejenige S\u00fcnde nennen, welche weder in dieser noch in jener Welt vergeben werden kann. [&#8230;]<\/p>\n<p>Der Grund des Schauderhaften, bei dem Gedanken von der f\u00f6rmlichen Hinrichtung eines Monarchen <em>durch sein Volk<\/em>, ist also der, da\u00df der <em>Mord<\/em> nur als <em>Ausnahme<\/em> von der Regel, welche dieses sich zur Maxime machte, die <em>Hinrichtung<\/em> aber als eine v\u00f6llige <em>Umkehrung<\/em> der Prinzipien des Verh\u00e4ltnisses zwischen Souver\u00e4n und Volk (dieses, was sein Dasein nur der Gesetzgebung des ersteren zu verdanken hat, zum Herrscher \u00fcber jenen zu machen) gedacht werden mu\u00df, und so die Gewaltt\u00e4tigkeit mit dreuster [sic] Stirn und nach Grunds\u00e4tzen \u00fcber das <em>heiligste Recht<\/em> [Hrvh. v. AS] erhoben wird; welches, wie ein alles ohne Wiederkehr verschlingender Abgrund, als <em>ein vom Staate an ihm ver\u00fcbter Selbstmord<\/em> [Hrvh. v. AS], ein keiner Ents\u00fcndigung f\u00e4higes Verbrechen zu sein scheint. Man hat also Ursache anzunehmen, da\u00df die Zustimmung zu solchen Hinrichtungen wirklich nicht aus einem vermeint-rechtlichen Prinzip, sondern aus Furcht vor Rache des vielleicht dereinst wiederauflebenden Staats am Volk herr\u00fchrte, und jene F\u00f6rmlichkeit nur vorgenommen worden, um jener Tat den Anstrich von Bestrafung, mithin eines <em>rechtlichen Verfahrens<\/em> (dergleichen der Mord nicht sein w\u00fcrde) zu geben, welche Bem\u00e4ntelung aber verungl\u00fcckt, weil eine solche Anma\u00dfung des Volks noch \u00e4rger ist, als selbst der Mord, da diese einen Grundsatz enth\u00e4lt, der selbst die Wiedererzeugung eines umgest\u00fcrzten Staats unm\u00f6glich machen m\u00fc\u00dfte.&#8220; ((13))<\/p>\n<h3>Grausamkeit vs. Guillotine als &#8222;Nullpunkt der Marter&#8220;?<\/h3>\n<p>In seiner den Revolution\u00e4ren in den alles restlos und irreparabel verschlingenden &#8222;Abgrund&#8220; folgenden Anmerkung am Fu\u00dfe der Seite k\u00fcmmert sich Kant keine Sekunde um die Technik der Hinrichtung Ludwig XVI. Die technische Innovation der Guillotine, die unter den Zeitgenossen die Phantasie anregte, Angst und Schrecken verbreitete und f\u00fcr viele zum Symbol der Revolution wurde, ist ihm keine Zeile wert. Joseph Ignace Guillotin (1738-1814), dessen Name bis heute mit dem Apparat zum Abschlagen von K\u00f6pfen verbunden ist, war nicht der Erfinder des Mechanismus. Aber er brachte die Gesetzesvorlage ein, in deren sechsten Artikel es hie\u00df: &#8222;In allen F\u00e4llen, in denen das Gesetz die Todesstrafe f\u00fcr eine angeklagte Person vorsieht, soll die Strafart die gleiche sein, welches Verbrechens sie sich auch immer schuldig gemacht hat; der Verurteilte soll enthauptet werden; dies geschieht mit Hilfe einer einfachen Mechanik.&#8220; ((14))<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber den bis dahin praktizierten Hinrichtungsarten, Martern wie R\u00e4dern und Vierteilen ((15)), ist Guillotins Vorschlag eine Milderung. Qualen und Schmerz, die Grausamkeit der Strafe werden verringert; die Enthauptung reduziert &#8222;alle Schmerzen auf eine einzige Geste und einen einzigen Augenblick&#8220; und bildet so den &#8222;Nullpunkt der Marter&#8220;. ((16))<\/p>\n<p>Von &#8218;Humanisierung der Hinrichtung&#8216; kann gewiss nicht die Rede sein &#8211; eine Hinrichtung ist nicht &#8218;humanisierbar&#8216;, der blo\u00dfe Gedanke, der Humanisierung und Hinrichtung in einen Zusammenhang r\u00fcckt, ist abscheulich. Dennoch muss der Stellenwert der Grausamkeit der jeweiligen Hinrichtungsarten reflektiert werden, denn der Begriff Grausamkeit, &#8222;ein verworrener und r\u00e4tselhafter Begriff, ein Herd des Obskurantismus&#8220; ((17)), spielt in der Geschichte der Todesstrafe und ihrer Abschaffung eine wichtige Rolle. Man denke nur daran, dass der Oberste Gerichtshof der USA 1972 die Todesstrafe als unvereinbar mit zwei Zusatzartikeln der Verfassung verurteilte, da er sie als <em>a cruel and unusual punishment<\/em> betrachtete. F\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter wurden die Hinrichtungen wieder aufgenommen, als einige Bundesstaaten in \u00dcbereinstimmung mit dem Obersten Gerichtshof die Todesspritze als nicht grausam einsch\u00e4tzen. ((18))<\/p>\n<p>Auch bemerke ich, dass die soeben, beim Schreiben dieses Textes, eingetroffene Nachricht aus dem Iran \u00fcber die einer Frau wegen Ehebruch in den n\u00e4chsten Tagen drohende Steinigung auf mich besonders befremdend und abscheulich wirkt. Nicht prim\u00e4r wegen des angeblichen Vergehens (das f\u00fcr mich keines ist), auch nicht, weil die Verurteilte eine Frau ist, sondern vorrangig wegen der aus hiesiger Sicht &#8218;archaisch&#8216; wirkenden Hinrichtungsart.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich mahnt die Vernunft sofort, dass Enthauptung, elektrischer Stuhl oder t\u00f6dliche Injektion nicht &#8218;besser&#8216; seien. Aber in solchen Momenten zeigt sich die eigene Verstricktheit in den herrschenden Diskurs von &#8222;Zivilisation&#8220; und &#8222;Moderne&#8220;, dem die moderne Technik der <em>lethal injection<\/em>, bei der kein Blut flie\u00dft, weniger grausam erscheint als die sich hinziehende und qu\u00e4lende &#8218;archaische&#8216; Prozedur der Steinigung. Dabei geht es keineswegs nur um einen emotionalen Impuls.<\/p>\n<p>Amnesty International f\u00fcgt der die Todesstrafe <em>grunds\u00e4tzlich<\/em> ablehnenden Erkl\u00e4rung zur Steinigung im Iran an, dass solche Hinrichtungsmethoden, die das Leiden der Opfer steigern, f\u00fcr die Organisation &#8222;von besonderer Bedeutung&#8220; seien, n\u00e4mlich als &#8222;die extremste und grausamste Form der Folter&#8220;.<\/p>\n<h3>Vom geheiligten Henker zum Funktion\u00e4r<\/h3>\n<p>Doch zur\u00fcck zum Januar 1793. Mit dem Kopf des K\u00f6nigs fiel das g\u00f6ttlich legitimierte K\u00f6nigtum, die Infragestellung des Gottesgnadentum und der dem K\u00f6nig zugeschriebenen \u00fcbernat\u00fcrlichen Macht durch die Aufkl\u00e4rung fand ihren symbolischen Schlusspunkt. Dieser Prozess der Entheiligung von Herrschaft ist jedoch alles andere als frei von Ambivalenzen und Gegenl\u00e4ufigem.<\/p>\n<p>Indem Ludwig XVI maschinell gek\u00f6pft wurde, wurde die &#8222;Ausnahmestellung des Monarchen demonstrativ negiert&#8220;. ((19)) Dieser stand zuvor in einer \u00f6ffentlich zur Schau gestellten Allianz mit dem Scharfrichter. Joseph de Maistre (1753-1821), einer der Hauptautoren der Gegenrevolution ((20)) und einer der historischen Helden der Souver\u00e4nit\u00e4tslehre Carl Schmitts ((21)), hat die Allianz von g\u00f6ttlichem K\u00f6nig und Henker deutlich hervorgehoben.<\/p>\n<p>Ihm zufolge &#8222;beruht alle Gr\u00f6\u00dfe, alle Macht, alle Subordination auf dem Scharfrichter; er ist der Schrecken und das Band der menschlichen Gesellschaft. Nehmen Sie der Welt dieses unbegreifliche Mittel; in dem n\u00e4mlichen Augenblicke weicht die Ordnung dem Chaos; die Thronen sinken, und die Gesellschaft verschwindet.<\/p>\n<p>Gott, der der Urheber der Souver\u00e4nit\u00e4t ist, ist also auch der Urheber der Strafe; auf diese beiden Pole hat er unsere Erde gegr\u00fcndet.&#8220; ((22))<\/p>\n<p>Den Scharfrichter, &#8222;Schrecken und das Band der menschlichen Gesellschaft&#8220;, durch eine Maschine zu ersetzen, gibt dem Ereignis der Hinrichtung des B\u00fcrgers Louis Capet, einen modernisierenden <em>drive <\/em>(und nimmt den sp\u00e4teren Vollstreckungen der Todesstrafe einen bedeutenden Teil ihrer religi\u00f6sen Symbolkraft, ohne freilich das theologische Phantasma der Souver\u00e4nit\u00e4t wirklich anzutasten).<\/p>\n<p>Louis S\u00e9bastien Mercier (1740-1814) schilderte 1795 die neue Figur des an der Maschine T\u00e4tigen. Der Henker als jakobinischer B\u00fcrger ist gegen\u00fcber seinem Vorg\u00e4nger jeglicher Sakralit\u00e4t beraubt und ein Anh\u00e4ngsel der banalen Mechanik; so stellt sich f\u00fcr Mercier die Frage nach der Ungeheuerlichkeit des &#8211; nunmehr s\u00e4kularisierten &#8211; Henkers neu: &#8222;Ich w\u00fc\u00dfte gerne, was in seinem Kopf vorgeht, und ob er seine schrecklichen Aufgaben nur als einen Beruf ansieht [&#8230;]. wie schl\u00e4ft er, nachdem er die letzten Worte und die letzten Blicke all dieser abgetrennten K\u00f6pfe geh\u00f6rt und gesehen hat [&#8230;]? Man sagt, er schlafe, und es ist gut m\u00f6glich, da\u00df er das ruhigste Gewissen hat [&#8230;]. Er kommt und geht wie jeder andere; manchmal besucht er das Vaudeville-Theater, er lacht, er sieht mich an. Mein Kopf ist ihm nur knapp entkommen, und er hat keine Ahnung davon&#8220;. ((23)) Ohne es explizit zu sagen, legt Mercier nahe, die Ungeheuerlichkeit des modernen Henkers darin zu sehen, dass er seinen Beruf mit der Neutralit\u00e4t und Indifferenz eines Funktion\u00e4rs aus\u00fcbt, der der Kontinuit\u00e4t des Staats- und Verwaltungsapparat verpflichtet ist und nicht, wie bei de Maistre, als verl\u00e4ngerter Arm Gottes die g\u00f6ttliche Ordnung garantiert.<\/p>\n<h3>Ent\/Heiligung von Herrschaft<\/h3>\n<p>Allerdings ist die Entzauberung nicht komplett, die Hinrichtung des K\u00f6nigs war ein Vorgang der De- und Resakralisierung. Die &#8222;Sakralit\u00e4t des K\u00f6nigs, um die es bei der Urteilsfindung und der Hinrichtung ging, \u00fcbertrug sich auf die Guillotine.&#8220; ((24))<\/p>\n<p>Bedeutsamer und folgenreicher als die \u00dcbertragung der Sakralit\u00e4t auf die Hinrichtungsmaschine war die Sakralisierung der Republik, die in diesem Ereignis, in dieser Zeremonie, vollzogen wurde. &#8222;Die Desakralisierung des K\u00f6nigs durch seine Hinrichtung bewirkte die Sakralisierung der Republik durch diesen Gr\u00fcndungsakt.&#8220; ((25))<\/p>\n<p>Statt dem nun weiter nachzugehen, abschlie\u00dfend nur noch Ann\u00e4herungen an eine Frage: War der K\u00f6nigsmord unumg\u00e4nglich? Elisabeth Roudinesco sagt im Dialog mit Derrida: &#8222;Mir scheint, der Regizid ist notwendig, damit sp\u00e4ter die Abschaffung der Todesstrafe komme.&#8220; Derrida hingegen umgeht eine solche Aussage: &#8222;Ich wei\u00df nicht, ob man den K\u00f6nig hinrichten <em>musste<\/em> oder nicht. [&#8230;] Was gewiss ist (und ich unterstelle, dass Sie dies mit dem &#8218;Gedanken vom notwendigen Regizid&#8216; unterstreichen), ist, dass so unzul\u00e4ssig der Terror erscheinen mag, er faktisch (<em>en fait<\/em>) (ich unterstreiche das R\u00e4tsel dieser Tatsache) der Preis war f\u00fcr eine gro\u00dfe Zahl wichtiger Errungenschaften [&#8230;], beispielsweise die Erkl\u00e4rung der Menschenrechte in ihrer historischen Entwicklung und das Ensemble revolution\u00e4rer Prinzipien, die zum universellen juristisch-politischen Diskurs der Moderne geh\u00f6ren. [&#8230;]<\/p>\n<p>Aber [,,,] ist der K\u00f6nig wirklich (<em>en fait<\/em>) tot. [&#8230;] Ein K\u00f6rper des K\u00f6nigs ist gewiss get\u00f6tet worden. Einer der zwei K\u00f6rper des K\u00f6nigs, Louis Capets, ist get\u00f6tet worden. Aber hat die Restauration je ein Ende genommen? Ist die monarchische Struktur und die Gestalt des Souver\u00e4ns jemals in der Geschichte der franz\u00f6sischen Republiken verschwunden?&#8220; ((26))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kein Zweifel, dass das Ereignis stattfand &#8211; aber hat es im Zuge der seitherigen Transformationen der Souver\u00e4nit\u00e4t, die heute einigen Turbulenzen ausgesetzt ist, seinen Ort gefunden? Und seine Interpretation? Ist das Ereignis angekommen? Wie wirkt es fort? Oder sind politische Philosophie und Theorie, politisches Denken sowohl der Fachleute und Deutungsexperten wie der citoyen(ne)s vielleicht noch &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/01\/der-kopf-des-konigs\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Der Kopf des K\u00f6nigs - graswurzelrevolution","description":"Kein Zweifel, dass das Ereignis stattfand - aber hat es im Zuge der seitherigen Transformationen der Souver\u00e4nit\u00e4t, die heute einigen Turbulenzen ausgesetzt ist,"},"footnotes":""},"categories":[401,1030],"tags":[],"class_list":["post-6574","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-295-januar-2005","category-es-wird-ein-laecheln-sein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6574","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6574"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6574\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6574"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6574"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6574"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}