{"id":6578,"date":"2005-01-01T00:00:05","date_gmt":"2004-12-31T22:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6578"},"modified":"2022-07-26T14:24:31","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:31","slug":"mama-miti-die-mutter-der-baume","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/01\/mama-miti-die-mutter-der-baume\/","title":{"rendered":"Mama Miti &#8211; Die Mutter der B\u00e4ume"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem sie den Friedensnobelpreis bekommen hat, wurde sie zu einem \u00f6ffentlichen Vortrag an ihre Alma Mater eingeladen &#8211; es ist ihre erste R\u00fcckkehr in offizieller Position, seit sie vor 22 Jahren ihre Professur zugunsten politischer Arbeit aufgegeben hat.<\/p>\n<p>In ihrem eigenen Leben hat die inzwischen 64-J\u00e4hrige immer wieder selber die Initiative ergriffen. In den 60er Jahren kam sie nach Abschluss ihres Biologiestudiums in den USA in ihre inzwischen von England unabh\u00e4ngige Heimat zur\u00fcck. Mit ihrer Promotion in Veterin\u00e4rmedizin &#8211; an der University of Nairobi &#8211; war sie die erste Frau, die an einer ostafrikanischen Hochschule den Doktortitel erhielt. In den Jahren 1976 bzw. 1977 bekam sie hier eine Professur und wurde Dekanin der Veterin\u00e4ranatomie, beides gleichfalls als erste Frau in der Region. Doch schon 1982 zog sie sich von der Universit\u00e4t zur\u00fcck. Der Versuch, an den Wahlen in diesem Jahr teilzunehmen, scheiterte jedoch am Ein-Partei-System des damaligen Pr\u00e4sidenten Daniel Arap Moi, und so ging sie ganz in die au\u00dferparlamentarische Opposition und wurde in den folgenden Jahren zu einer der entschiedensten Gegnerinnen der Regierung. Ihr Engagement f\u00fchrte auch dazu, dass ihr Ehemann sich in den 80er Jahren von ihr scheiden lie\u00df, da seine Frau ihm &#8222;zu gebildet, zu stark und zu schwer zu kontrollieren&#8220; war. Schon seit 1976 war sie in Kenias Nationalem Frauenrat aktiv, deren Vorsitzende sie sp\u00e4ter zeitweise wurde, und im Rahmen dessen hat sie das Green Belt Movement (Gr\u00fcner G\u00fcrtel Bewegung) ins Leben gerufen.<\/p>\n<p>Aus der Idee, Frauen in l\u00e4ndlichen Gegenden die Beschaffung von Feuerholz auf einem nachhaltigen Weg zu erm\u00f6glichen, wurde eine Bewegung, die einige der dringendsten \u00f6kologischen und sozialen Probleme der Region adressiert: durch das einfache, aber effektive und symboltr\u00e4chtige Pflanzen von B\u00e4umen. Durch die Aufforstung wird die Erosion n\u00e4hrstoffhaltiger Bodenschichten verhindert, und der Wald als nat\u00fcrlicher Wasserspeicher leistet einen wichtigen Beitrag zur Eind\u00e4mmung der W\u00fcstenbildung &#8211; abgesehen von der Verbesserung der Luftqualit\u00e4t und der Produktion des als Brenn- und Baumaterial wichtigen Rohstoffs Holz. W\u00e4hrend nach Einsch\u00e4tzung von Experten zur Erf\u00fcllung dieser Aufgaben zehn Prozent der Fl\u00e4che eines Landes mit Wald bewachsen sein sollten, sind dies in Kenia derzeit weniger als zwei Prozent. Ohne das Green Belt Movement w\u00e4ren es noch weniger, denn die Organisation hat in den letzten 27 Jahren \u00fcber 30 Millionen einheimische B\u00e4ume gepflanzt. Daf\u00fcr gibt es nach den weitaus bescheideneren Anf\u00e4ngen inzwischen \u00fcber 6.000 kleine Baumschulen, in denen mehr als 30.000 Frauen eine Nebenerwerbsm\u00f6glichkeit und so die M\u00f6glichkeit zu einer gewissen Selbstst\u00e4ndigkeit haben. Dar\u00fcber hinaus sind andere benachteiligte Bev\u00f6lkerungsschichten, wie Menschen mit k\u00f6rperlichen Behinderungen, in die Projekte integriert. Die Setzlinge werden vom Green Belt Movement aufgekauft und dann unter bestimmten Bedingungen kostenlos weitergegeben, um in &#8222;gr\u00fcnen G\u00fcrteln&#8220; auf \u00f6ffentlichem oder privatem Land angepflanzt zu werden &#8211; dies und die sp\u00e4tere Entwicklung der W\u00e4lder werden von der Organisation weiterhin begleitet. Durch die Einbindung in die Projekte und spezielle Bildungsma\u00dfnahmen wird der Bev\u00f6lkerung au\u00dferdem die Verantwortung f\u00fcr die Erhaltung der nat\u00fcrlichen Umgebung und damit verbunden die Notwendigkeit einer nachhaltigen Wirtschaftsweise &#8211; in gewissem Sinne auch eine R\u00fcckbesinnung auf Elemente der traditionellen Kultur &#8211; nahe gebracht und gleichzeitig die Zivilgesellschaft auf lokaler Ebene gest\u00e4rkt. Eine erfolgreiche Vorgehensweise, da den TeilnehmerInnen konkrete M\u00f6glichkeiten zur Verbesserung ihrer Lebenssituation geboten werden.<\/p>\n<p>Dieser Ansatz wird inzwischen auch in mehreren anderen afrikanischen L\u00e4ndern durchgef\u00fchrt, und in den 90er Jahren wurde zur Koordination ein afrikanisches &#8222;Gr\u00fcnes Netzwerk&#8220; gegr\u00fcndet. Ermutigt durch den Erfolg der Aufforstungskampagne hat das Green Belt Movement seine Aktivit\u00e4ten um Bildungsma\u00dfnahmen, \u00d6kotourismus und Lobbyarbeit erweitert. Als Ende der 80er Jahre die Vergabe von \u00f6ffentlichem Land an mit der Regierung Moi assoziierte Personen und Firmen einen H\u00f6hepunkt erreichte &#8211; nicht ohne Grund geh\u00f6ren die Familien der fr\u00fcheren Pr\u00e4sidenten Kenyatta und Moi zu den gr\u00f6\u00dften Landbesitzern Kenias -, konnten durch \u00f6ffentliche Proteste mehrere Projekte verhindert werden: so zum Beispiel die Zerst\u00f6rung von Nairobis zentralem Uhuru-Park f\u00fcr einen B\u00fcrokomplex und des stadtnahen Karura-Wald, denn die Thematisierung bewirkte den R\u00fcckzug internationaler Investoren.<\/p>\n<p>Mit ihrem Engagement war Wangari Maathai unter der Regierung von Moi eine Persona non grata. Ihr B\u00fcro wurde geschlossen, und sie bekam sogar Morddrohungen. Bei Protestaktionen wurde sie mehrfach verhaftet oder verletzt. Statt jedoch davon eingesch\u00fcchtert zu werden, wurde sie zu einer entschiedenen F\u00fcrsprecherin f\u00fcr eine Demokratisierung Kenias und zu einer der exponiertesten und beliebtesten Personen der Opposition. Neben ihrem Engagement f\u00fcr Umweltschutz brachte sie auch immer wieder soziale Probleme auf die Tagesordnung.<\/p>\n<p>Mit dem Machtwechsel bei der Wahl 2002 wechselte auch Wangari Maathai von der v\u00f6llig unabh\u00e4ngigen Opposition zur parlamentarischen Arbeit und damit auf den Weg, der ihr 20 Jahre zuvor verweigert worden war. In ihrem Wahlkreis eroberte sie den Parlamentssitz mit 98 Prozent der Stimmen. Im neuen Kabinett von Pr\u00e4sident Mwai Kibaki wurde sie daraufhin zur stellvertretenden Umweltministerin. Doch auch in dieser Position blieb sie, im Gegensatz zu einigen ihrer Kollegen, ihren Idealen treu.<\/p>\n<p>In der Ehrung des norwegischen Komitees hei\u00dft es, Maathai sei &#8222;eine Quelle der Inspiration f\u00fcr alle, die in Afrika f\u00fcr nachhaltige Entwicklung, Frieden und Demokratie k\u00e4mpfen.&#8220; Die Entscheidung f\u00fcr Wangari Maathai durch das norwegische Nobel-Komitee setzt mehrere erfreuliche Zeichen. Nicht nur wird zum ersten Mal eine afrikanische Frau mit diesem Preis geehrt, sondern die Definition von Frieden wird breiter aufgefasst als in der bisherigen Nobel-Geschichte. Der Preis wird ihr nicht nur wegen ihres Einsatzes f\u00fcr die Demokratisierung Kenias zugesprochen, sondern insbesondere auch f\u00fcr ihr Engagement in den Bereichen Umweltschutz und Nachhaltigkeit sowie der Frauenrechte &#8211; was nat\u00fcrlich vor allem auch das Green Belt Movement in die Ehrung einschlie\u00dft. Damit geschieht auf dieser Ebene eine Verkn\u00fcpfung von sozialen und umweltpolitischen Themen mit Friedenspolitik und eine Anerkennung aller, die sich in Afrika und weltweit f\u00fcr L\u00f6sungen dieser Probleme einsetzen. Gleichzeitig wird auf die Bedeutung der nat\u00fcrlichen Ressourcen bei derzeitigen und zuk\u00fcnftigen Konflikten und das Potential von Nachhaltigkeit f\u00fcr deren Vermeidung und die Entwicklung der betroffenen L\u00e4nder hingewiesen.<\/p>\n<p>Der Nobelpreis ist nicht die erste Ehrung f\u00fcr Wangari Maathai und das Green Belt Movement. Sie wurde bereits 1984 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet und hat seitdem \u00fcber ein Dutzend weiterer Auszeichnungen bekommen, darunter den diesj\u00e4hrigen Petra-Kelly-Preis der B\u00f6ll-Stiftung. Der Nobelpreis ist jedoch sicher der bedeutendste von diesen und hatte dadurch entsprechende Auswirkungen in Kenia. In der Presse war der Nobelpreis \u00fcber Wochen ein viel diskutiertes Thema, und in der \u00d6ffentlichkeit wird Wangari Maathai als Nationalheldin gefeiert &#8211; mit enthusiastischen Reaktionen und Ehrerbietungen, so auch bei ihrem Vortrag an der University of Nairobi. Im Gegensatz zu vielen anderen Nobelpreistr\u00e4gern (von den vielen Staatsm\u00e4nnern, die meist f\u00fcr einzelne Leistungen und nicht ihr Lebenswerk geehrt werden, einmal abgesehen), wo der Preis als unerw\u00fcnschte Einmischung in die Angelegenheiten des Staates angesehen wird, wurde ihr von offizieller Seite gratuliert. Dabei muss sie sich vor Vereinnahmungen h\u00fcten, was sie jedoch bisher immer gemeistert hat, denn der Regierung Kibaki kommt der Preis in einer Zeit, in der ernst zu nehmende Korruptionsvorw\u00fcrfe gegen sein Kabinett vorgebracht werden, gerade recht. Gleichzeitig bietet die Ehrung in dieser Situation auch eine Chance, denn wenn sie es weiterhin &#8222;nicht schafft, den Mund zu halten, wenn ich Ungerechtigkeit sehe&#8220;, gewinnt ihre Stimme beim Einsatz f\u00fcr eine fortgesetzte Demokratisierung Kenias weiter an Gewicht.<\/p>\n<p>Eine Kontroverse, vor allem auf internationaler Ebene, verursachte Wangari Maathai jedoch, als sie in Folge der Nobelpreis-Verleihung Sympathien f\u00fcr eine Aids-Verschw\u00f6rungstheorie \u00e4u\u00dferte, wonach der HI-Virus von westlichen Wissenschaftlern oder Geheimdiensten als Biowaffe gegen die schwarze Bev\u00f6lkerung in Afrika ausgesetzt wurde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem sie den Friedensnobelpreis bekommen hat, wurde sie zu einem \u00f6ffentlichen Vortrag an ihre Alma Mater eingeladen &#8211; es ist ihre erste R\u00fcckkehr in offizieller Position, seit sie vor 22 Jahren ihre Professur zugunsten politischer Arbeit aufgegeben hat. 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