{"id":6580,"date":"2005-01-01T00:00:24","date_gmt":"2004-12-31T22:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6580"},"modified":"2022-07-26T14:24:31","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:31","slug":"mur-die-mauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/01\/mur-die-mauer\/","title":{"rendered":"&#8222;Mur&#8220; (Die Mauer)"},"content":{"rendered":"<p>2004 bekam sie f\u00fcr &#8222;Mur&#8220; den Gro\u00dfen Preis des Dokumentarfilm-Festivals in Marseille. Die israelische Pazifistin und Dokumentarfilmerin Simone Bitton verzweifelt nicht, sie k\u00e4mpft mit ihren Mitteln, den Mitteln des Films, und f\u00fcr ihre \u00dcberzeugungen, die denen von Graswurzelrevolution\u00e4rInnen, was Israel\/Pal\u00e4stina angeht, sehr nahe stehen. In einem fr\u00fcheren Film mit dem Titel &#8222;L&#8217;Attentat&#8220; (Das Attentat) kritisierte sie die gewaltsamen Kampfformen des pal\u00e4stinensischen Widerstands. Nun ist mit &#8222;Mur&#8220; die israelische Politik des Mauerbaus zwischen Israel und den besetzten Gebieten Thema ihrer Kritik. Der Film ist beeindruckend und aussagekr\u00e4ftig, eine politische Denunziation und ein Aufruf, Mauern und Grenzen nicht zu akzeptieren. Es ist zu hoffen, dass er baldm\u00f6glichst auch den Weg in deutsche Kinos findet, nachdem er nun seit einiger Zeit in Frankreich gezeigt wird.<\/p>\n<p>Simone Bitton bezeichnet sich als arabische J\u00fcdin und wurde in Marokko geboren. Mit ihrer Familie zog sie 1966 nach Israel. Als Soldatin der israelischen Armee beteiligte sie sich am Yom-Kippur-Krieg 1973. Nach dieser Erfahrung kehrte sie dem israelischen Militarismus den R\u00fccken und wurde als pazifistische Filmemacherin zu einer wichtigen Stimme der israelischen Friedensbewegung. Sie entwickelte eine besondere Abscheu vor Grenzen, auch kultureller Art, und will alle drei Kulturen miteinander vermischen, die j\u00fcdische, die arabische und die pazifistische.<\/p>\n<p>Bei ihrem bisherigen Meisterwerk, &#8222;Mur&#8220;, bleibt Simone Bitton dem Genre des Dokumentarfilms wohltuend eng verhaftet. Sie dokumentiert in Wort und Bild Beginn und Entwicklung der Arbeiten an der Mauer zwischen Israel und den besetzten pal\u00e4stinensischen Gebieten. Im Gegensatz etwa zu Michael Moore gibt es keine kommentierende Stimme aus dem Off, die Aufnahmen von den Bauarbeiten und Interviews sowohl mit pal\u00e4stinensischen wie israelischen Anrainern der Mauer, mit Betroffenen ebenso wie israelischen Ministern (und deren haarstr\u00e4ubenden Begr\u00fcndungsversuchen) sprechen f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Wir sehen, wie verarmte pal\u00e4stinensische Arbeiter aus Nachbard\u00f6rfern ihre eigene Mauer bauen; wir sehen Milit\u00e4rkontrollen, Stacheldraht und immer wieder Menschen, die die Mauer passieren, um zu ihrer Arbeitsstelle auf der anderen Seite zu gelangen. Am Ende des Films hatte ich den Eindruck, die ganze Welt bestehe aus Mauern.<\/p>\n<p>Der Mauerbau ist das Ende einer langen Geschichte verpasster M\u00f6glichkeiten. Besonders deutlich wird das an einer Stelle im Film, als ein israelischer Siedler eines Dorfes im Angesicht der entstehenden Mauer auf sein pal\u00e4stinensisches Nachbardorf blickt, das alsbald hinter Beton verschwinden wird. Er erz\u00e4hlt eine wahre Geschichte: Ein Pal\u00e4stinenser aus dem Nachbardorf hat zwei j\u00fcdische Kinder aus der Siedler-Gemeinde beim Baden im nahegelegenen See beobachtet, als diese fast ertrunken w\u00e4ren. Geistesgegenw\u00e4rtig hat er sie gerettet, ist aber bei der Rettung selbst ertrunken. Der interviewte Siedler dachte sich, nun m\u00fcsse endlich etwas geschehen, eine Kontaktaufnahme; es m\u00fcsse endlich damit begonnen werden, gutnachbarliche Beziehungen zum pal\u00e4stinensischen Dorf aufzubauen, endlich begonnen werden, das Schweigen, die gegenseitige Unkenntnis und das daraus entstandene Misstrauen zu brechen. Er erreichte, dass der Gemeinderat eine Abordnung ins pal\u00e4stinensische Dorf sandte, um sich dort f\u00fcr die selbstlose Rettungstat zu bedanken und gemeinsam um den Toten zu trauern. Erste pers\u00f6nliche Kontakte wurden gekn\u00fcpft. Nur so k\u00f6nnte sich zum Beispiel ein pal\u00e4stinensisches Gemeinwesen entwickeln, das j\u00fcdischen SiedlerInnen Minderheitenrechte einr\u00e4umt (Voraussetzung f\u00fcr jegliches Bleiben unter pal\u00e4stinensischer Vorherrschaft) und andererseits sich bei den SiedlerInnen Respekt vor und f\u00fcr die pal\u00e4stinensischen BewohnerInnen und ihre lange Geschichte permanenter Dem\u00fctigungen entwickelt. Im vorliegenden Fall gab es erste Gespr\u00e4che, Einladungen f\u00fcr Gegenbesuche wurden ausgetauscht. Doch das war sechs Tage, bevor Ariel Sharon auf dem Gel\u00e4nde der Al-Aksa-Moschee herumtrampelte und die zweite Intifada begann. Alle Kontakte zwischen den beiden D\u00f6rfern brachen zusammen und wurden nie wieder aufgenommen.<\/p>\n<p>Simone Bitton nimmt \u00fcber Internet Kontakt zu einem Gespr\u00e4chspartner in Gaza auf, einem Psychologen. Der Psychologe erkl\u00e4rt, dass heute 24 Prozent aller Jugendlichen in Gaza zu Selbstmordattentaten gegen\u00fcber israelischen B\u00fcrgerInnen bereit seien, eine Rekordchiffre, die weiter ansteige. Er erkl\u00e4rt, dass in Gaza das best\u00e4ndige Gef\u00fchl eines Gef\u00e4ngnisses unter freiem Himmel, des permanenten Eingesperrt Seins herrsche, das die Menschen verr\u00fcckt mache. Simone Bitton fragt ihn, ob sie denn auch als verr\u00fcckt gelte, wenn sie f\u00fcr Frieden k\u00e4mpfe. Antwort des Psychologen: Nein, f\u00fcr Frieden zu sein, ist f\u00fcr ihn als Psychologen normal.<\/p>\n<p>Doch hier in Gaza sei kaum jemand &#8222;normal&#8220;, die Verr\u00fcckten seien in der Mehrheit, das Unnormale werde zur Normalit\u00e4t erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Mich als gewaltfreien Revolution\u00e4r l\u00e4sst dieser Film ans Exil denken, obwohl das Exil im Film gar nicht vorkommt. In einer Situation, in welcher die Bedingungen f\u00fcr gewaltfreien Widerstand nicht mehr gegeben sind, ist das Exil eine M\u00f6glichkeit, diese Bedingungen \u00fcberhaupt erst wieder herzustellen. Der Film zeigt ein Leben, dessen Alltag derart von Grenzen und Mauern bestimmt wird, dass es einfach nicht auszuhalten ist. Und noch etwas zeigt mir der Film, was im Film selbst nicht vorkommt: dass es n\u00e4mlich verdammt gut ist, dass die Berliner Mauer weg ist, was auch immer danach kam! Mauern und Grenzen t\u00f6ten humane Gef\u00fchle, machen die Menschen im wahrsten Sinne des Wortes wahnsinnig, verbreiten ein Gef\u00fchl des Gef\u00e4ngnisses unter freiem Himmel, und deshalb ist der Aufschrei am Ende der Pink-Floyd-Oper &#8222;The Wall&#8220; noch immer aktuell: &#8222;Tear down the wall!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2004 bekam sie f\u00fcr &#8222;Mur&#8220; den Gro\u00dfen Preis des Dokumentarfilm-Festivals in Marseille. Die israelische Pazifistin und Dokumentarfilmerin Simone Bitton verzweifelt nicht, sie k\u00e4mpft mit ihren Mitteln, den Mitteln des Films, und f\u00fcr ihre \u00dcberzeugungen, die denen von Graswurzelrevolution\u00e4rInnen, was Israel\/Pal\u00e4stina angeht, sehr nahe stehen. 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