{"id":6582,"date":"2005-01-01T00:00:56","date_gmt":"2004-12-31T22:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6582"},"modified":"2022-07-26T14:15:05","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:05","slug":"jede-kommune-ist-anders","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/01\/jede-kommune-ist-anders\/","title":{"rendered":"Jede Kommune ist anders"},"content":{"rendered":"<p><strong>Graswurzelrevolution (GWR): Uwe, was ist eine Kommune?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Uwe:<\/strong> Eines vorweg: Ich kann nur meine Sicht der Dinge schildern. Wenn Du andere Kommunardinnen fragst, werden sie Dir wom\u00f6glich etwas ganz anderes erz\u00e4hlen. Wenn ich zum Beispiel den Begriff Anarchismus verwende, dann w\u00fcrden andere vielleicht entsetzt davon Abstand nehmen. Einverstanden?<\/p>\n<p>Eine Gro\u00dffamilie ist eine Kommune in keinem Fall. Familien sind hierarchisch organisiert, Papa, Mama und die vielen Kinder. &#8222;Papa&#8220; und &#8222;Mama&#8220; sollte es in der Kommune nicht geben. Als wir den Kommunefonds gr\u00fcndeten, mussten wir definieren, was \u00fcberhaupt eine Kommune ist. Welche Leute bekommen \u00fcberhaupt Geld und k\u00f6nnen Darlehen aufnehmen? Dabei haben wir gemerkt, dass es kein Kriterium gibt, das alle Kommunen auszeichnet. Jede Kommune ist anders, auch anders organisiert. Ich bin der Meinung, dass die, die sich selbst Kommune nennen und in unserem Kommunekreis sind, Kommunen sind. Wir kennen uns fast alle und treffen uns mindestens einmal im Jahr. Wir haben eine Zeitung, die &#8222;Kommuja!&#8220;. Sie wird alle zwei Monate (im Wechsel) von einer Kommune gemacht. Die Leute, die sich an diesem ganzen sozialen Miteinander beteiligen, nennen sich Kommunardinnen und Kommunarden. Die einen Kommunen haben eine gemeinsame \u00d6konomie, die anderen haben keine. Im Gro\u00dfen und Ganzen zeichnen die Kommunen sich dadurch aus, dass sie latent anarchistisch organisiert sind. Das hei\u00dft: Sie versuchen \u00fcber andere Menschen keine Herrschaft auszu\u00fcben. Das w\u00fcrde ausschlie\u00dfen, dass sie Angestellte besch\u00e4ftigen oder selbst als Angestellte arbeiten. Aber das ist meine Sicht der Dinge und wird nat\u00fcrlich nicht von allen geteilt. In der anarchistischen Kommune Lutter haben wir das jedoch sehr straight gehandhabt.<\/p>\n<p><strong>GWR: Die Leute aus der Kommune Lutter d\u00fcrfen nicht als Angestellte arbeiten? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Uwe:<\/strong> Von &#8222;D\u00fcrfen&#8220; kann \u00fcberhaupt keine Rede sein. Alle k\u00f6nnen das eh so machen, wie sie wollen. Es gibt ja keine Exekutive. Nur: es hat niemand gemacht. Ich denke, das hat mit dem politischen Bewusstsein zu tun.<\/p>\n<p>Als wir 1980 in Lutter anfingen, hab ich mir gesagt: Ich will anarchistisch leben. Ich will nicht irgendwelche Leute in eine Abh\u00e4ngigkeit zu mir bringen. Ich selbst will das auch nicht. In den ersten Jahren haben die meisten so gedacht. Das hat auch zur Folge gehabt, dass wir keine staatliche Knete genommen haben, wie Sozi- oder Arbeitslosengeld. Ob das heute noch so ist, wei\u00df ich nicht, ich bin ja schon lange weg. Aber solange ich da war, wurde das so gehandhabt.<\/p>\n<p>Hier im Osten ist eh alles anders. In der Kommune Olgashof geh\u00f6rt zwar der Grund und Boden allen, die hier leben, die Werkst\u00e4tten auch. Wir haben auch eine gemeinsame K\u00fcche, einen Garten, einen Obstgarten, &#8230;<\/p>\n<p>Aber hier ist das so, dass jeder einen bestimmten Betrag in die Hauskasse tun muss. Auch die Essenskasse wird gleichm\u00e4\u00dfig von allen getragen. Was jeder mit dem Lohn seiner Arbeit macht, bleibt ihm \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Praktisch sieht es bei mir so aus, dass das Meiste ins Projekt flie\u00dft, weil dieser Platz unser Lebensraum ist und wir wollen, dass es hier sch\u00f6n ist.<\/p>\n<p>Wo jeder die M\u00e4use herbekommt, ist seine Sache. Es gibt hier keine Autorit\u00e4t, die dar\u00fcber befinden kann.<\/p>\n<p><strong>GWR: Und Sozialhilfe und Arbeitslosengeld?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Uwe:<\/strong> Das gibt es hier auch. In der Kommune Olgashof k\u00f6nnten wir das kurzbeinsche Dogma gar nicht durchhalten.<\/p>\n<p>Ich bin nach wie vor \u00fcberzeugt, dass wir von dieser Immobilie hier leben k\u00f6nnten. Wir haben eine Tischlerei, die produzieren k\u00f6nnte, eine Architekturwerkstatt, ein Tagungshaus, das bisher nicht so gut l\u00e4uft, wir haben den Gem\u00fcsegarten, der unseren Bedarf abdeckt. Das ist viel. Es k\u00f6nnten schon alle Leute, die hier leben, auch hier ihre materielle Existenz aufbauen. Es k\u00f6nnte einen Kindergarten, einen Waldkindergarten geben, es k\u00f6nnten tausend Sachen stattfinden, &#8230; Das lie\u00df sich bisher aber noch nicht so einrichten. Dazu m\u00fcssen Leute da sein, die sagen &#8222;Ich will jetzt dies oder das tun&#8220;, und wenn die Leute nicht da sind, dann sind alle Visionen und M\u00f6glichkeiten nur schleichender Nebel.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie viele Leute leben im Moment in der Kommune Olgashof?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Uwe:<\/strong> Sechs \u00e4ltere, zwei junge Erwachsene und drei kleine Kinder. Wir sind im Wachsen.<\/p>\n<p><strong>GWR: 1980 hast Du die anarchistische Kommune Lutter mitgegr\u00fcndet. Wie seid Ihr damals auf die Idee gekommen? Wie bist Du zum Anarchismus gekommen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Uwe:<\/strong> Tja, wie bin ich zum Anarchismus gekommen? Dass das Anarchismus sein k\u00f6nnte, wusste ich damals noch nicht.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie bist Du politisiert worden?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Uwe:<\/strong> Das hat sich daraus ergeben, dass ich schon fr\u00fch auf Baustellen gearbeitet habe, als Einschaler und Zimmermann, als Architekt, als Bauleiter. Auf den riesengro\u00dfen Baustellen erlebst du die ganze soziale Schei\u00dfe geb\u00fcndelt. Da ist alles zu finden, was in dieser Gesellschaft lebt. Mein Freund Fritz und ich haben in dieser Zeit eine kritische Haltung entwickelt.<\/p>\n<p>Das war die Zeit, in der noch Arbeiter in den s\u00fcdlichen L\u00e4ndern angeworben wurden, um auf den Baustellen zu arbeiten. Das war zur Zeit des Wirtschaftsaufschwungs in den 60er- und Anfang der 70er-Jahre, und ohne die Ausbeutung der Arbeiter aus dem S\u00fcden h\u00e4tte es den gar nicht so geben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir kamen beide ziemlich zeitgleich auf die Idee, den Job beim Krauter zu schmei\u00dfen. Ich wollte weiter studieren und habe das dann in Braunschweig gemacht. Das erste, was ich in Braunschweig auf der TU erlebt habe, waren Mensablockaden. Und zwar monatelang. Meine erste politische Aktion auf der Uni hatte mit den Hochschulgesetzen zu tun. Ich hatte die Idee, Briefe an die Abgeordneten zu schreiben und diese aufzufordern, dagegen zu stimmen. Das war nat\u00fcrlich naiv. Ich war in vielen Gremien, vor allen Dingen als studentischer Vertreter im Vorstand des Studentenwerkes. Mit dem Ansteigen der politischen Arbeit ging mein Studium langsam baden.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wann war das?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Uwe:<\/strong> 1972 bin ich angefangen, 1974 habe ich voll studiert und 1977\/78 war dann ein Jahr der Niederlagen. Ich war verheirat und dann geschieden.<\/p>\n<p>Dann habe ich in diversen Initiativen gearbeitet, Anti-AKW-Gruppen, &#8230; 1 \u00bd Jahre habe ich im Frauenhaus-Verein gearbeitet. Zu der Zeit gab es noch kein Haus, das sollte erst noch besorgt werden. Die Frauen hatten ein Flugblatt gemacht, auf dem stand: &#8222;Wir suchen Leute, die mitmachen. Auch M\u00e4nner.&#8220;<\/p>\n<p>Ich bin da hingegangen. Es waren 30 Frauen da, und die guckten mich alle an: &#8222;Guck mal, ein Mann ist da.&#8220; Meine G\u00fcte, das war ein Frauenverein, was soll ich denn da als Mann?!<\/p>\n<p>Verstehste?<\/p>\n<p><em>Gel\u00e4chter<\/em><\/p>\n<p>Sie haben mich nicht rausgeschmissen.<\/p>\n<p>Ich kannte die Bauarbeiter und wusste, wie sie mit ihren Frauen umgingen. Fritz und ich haben ja \u00f6fter eingegriffen. Ich habe gesagt: &#8222;Ich bin Architekt. Wenn ihr ein Haus bauen wollt, dann kann ich euch helfen.&#8220; Ich habe dann Frauenberatung gemacht. Nach 1 \u00bd Jahren haute das nicht mehr hin. Zu der Zeit war das \u00fcbrigens allen noch nicht so klar, dass es Bereiche gibt, in denen M\u00e4nner nichts zu suchen haben. Das war ein Kl\u00e4rungsprozess. Als das f\u00fcr die Frauen und f\u00fcr mich klar war, da haben wir uns getrennt.<\/p>\n<p>So war ich von morgens bis abends besch\u00e4ftigt. In der Zeit gab es in Braunschweig schon die ersten Kollektive in kleinen besetzten Fabriken. In Berlin war diese politische Entwicklung schon fast wieder Geschichte. Aus diesen Erfahrungen heraus gab es dann f\u00fcr mich nur die Perspektive eines basisdemokratischen Projekts.<\/p>\n<p>Es hat sich die Burg Lutter aufgetan, und dann ging&#8217;s los. Wir hatten kein Programm, wir sind einfach eingezogen. Fast \u00fcber Nacht waren wir 40 Leute. Das ging drunter und dr\u00fcber. Keiner hatte eine Ahnung von Gruppendynamik. Supervision gab es nicht. Nach drei Jahren gab es schon so viele Palastrevolutionen auf der Burg Lutter, dass nur noch f\u00fcnf M\u00e4nner \u00fcbrig geblieben sind.<\/p>\n<p>Nach zwei weiteren Jahren und dem Zuzug von 7 Frauen waren wir als Kommune so weit, dass wir gesagt haben: &#8222;Wenn wir jetzt weitermachen wollen, dann m\u00fcssen wir eine Supervision machen.&#8220;<\/p>\n<p>Mit Psychologie anzufangen?<\/p>\n<p>Das war eine Zeit, in der bist du ausgelacht worden. Es war nicht selbstverst\u00e4ndlich, dass jemand zum Psychotherapeuten gegangen ist, oder dass eine Gemeinschaft gesagt hat: &#8222;Wir brauchen Hilfe von au\u00dfen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>GWR: Die Kommune Lutter kenne ich von den bundesweiten Infoladentreffen, die dort Anfang der 90er Jahre stattgefunden haben. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Uwe:<\/strong> Ja, es sollte immer auch eine Burg sein, in der alle m\u00f6glichen Treffen stattfinden konnten. Das Projekt-A-Treffen mit Horst Stowasser war auch jedes Jahr zu Gast.<\/p>\n<p>Letztens habe ich mit einer ehemaligen Verb\u00fcndeten telefoniert. Sie meinte, Lutter war wirklich ein Traum, der sich so realisieren konnte, wie sie sich das vorgestellt hatte. Ich sehe das ein bisschen anders. Es ist eine wichtige Lebenszeit gewesen. F\u00fcr alle Leute, die da sind, oder da gelebt haben.<\/p>\n<p><strong>GWR: Weggezogen bist Du 1998, weil Du dich frisch verliebt hast? <\/strong><strong>Du bist hierhin gezogen, weil sie schon hier gelebt hat?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Uwe:<\/strong> Ne, Barbara kommt aus \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>Ich habe immer eine Sehnsucht nach der Ostsee gehabt.<\/p>\n<p>Lutter ist f\u00fcr Barbara von den \u00e4u\u00dferen Gegebenheiten her ein Hardcoreprojekt, ein einziges Chaos. Lutter hatte mit einem geordneten Haushalt nichts zu tun.<\/p>\n<p>Daraufhin haben drei Alt-Lutteraner sich tief in die Augen geguckt und gesagt: &#8222;O.k., wir probieren es noch einmal.&#8220; Wir haben die Landkarte geholt. L\u00fcbeck, Wismar, Schwerin, das war das Dreieck. Ich habe dem Landrat geschrieben, dass wir hier eine anarchistische Kommune aufmachen wollen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Und wie haben die reagiert? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Uwe<\/strong>: Sofort haben sie die Unterlagen r\u00fcbergeschickt. Anderthalb Monate sp\u00e4ter haben wir den Kaufvertrag unterschrieben.<\/p>\n<p>Die Kommune Olgashof ist l\u00e4ngst nicht das, was Lutter von der Ausstrahlung her war. F\u00fcr mich sollte das auch gar nicht so sein, weil ich mich ein bisschen zur\u00fcckziehen wollte.<\/p>\n<p><strong>GWR: Besuchen viele politische Gruppen die Kommune Olgashof? <\/strong><strong>Finden hier politische Tagungen oder Seminare statt?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Uwe:<\/strong> Kaum. Das h\u00e4ngt sicher auch damit zusammen, dass der Olgashof am Arsch der Welt liegt. Es kommen Genossinnen und Genossen, die hier Urlaub machen wollen, so wie ihr zum Beispiel. Darauf werden wir uns einrichten.<\/p>\n<p>Es gibt eine Vision, die nicht nur von mir getragen wird, sondern auch von Freunden aus Schwerin und Bremen. Ihnen schwebt vor, hier wissenschaftliche Arbeitspl\u00e4tze einzurichten, so dass junge Leute, die selber etwas schreiben wollen, sich hierhin zur\u00fcckziehen und in aller Ruhe arbeiten k\u00f6nnen. Bibliotheken gibt es in der N\u00e4he. In diesem Bildungsbereich l\u00e4sst sich sicher etwas machen.<\/p>\n<p>Jetzt biete ich hier das erste Seminar an.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie sieht es mit Vernetzung aus? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Uwe:<\/strong> Es gibt auch das &#8222;Los geht&#8217;s&#8220;-Treffen f\u00fcr Neueinsteigerinnen und f\u00fcr Leute, die neue Kommunen gr\u00fcnden m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Das Kommunetreffen ist dagegen eigentlich nur f\u00fcr uns. Es sollen m\u00f6glichst keine Zaung\u00e4ste dabei sein, sondern da wollen wir unsere Sachen unter uns besprechen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie viele Kommunen sind das zur Zeit?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Uwe:<\/strong> Ich w\u00fcrde sagen, es sind ungef\u00e4hr 40, die nicht nur als Lebensgemeinschaft, sondern als &#8222;politische Kommune&#8220; bezeichnet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es werden immer neue Kommunen gegr\u00fcndet. Deshalb haben wir einen Kommune-Fonds, in den wir einzahlen. Junge Kommunen, die Geld brauchen, k\u00f6nnen sich Geld pumpen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Das h\u00f6rt sich ein bisschen nach &#8222;Projekt A&#8220; an. Die Idee, die Horst Stowasser im &#8222;Projekt-A-Buch&#8220; formuliert hat, finde ich nach wie vor genial, sprich: Doppelprojekte und Fonds, mit denen dann wieder neue Projekte vorfinanziert werden k\u00f6nnen, der Aufbau anarchistischer sozialer Netzwerke, &#8230;<\/strong><\/p>\n<p><strong>Uwe:<\/strong> Innerhalb der Kommunen findet st\u00e4ndig solch eine F\u00f6rderung statt. Stowassers Idee geht ein bisschen in die Richtung &#8222;vorne die Bildzeitung und hinten der politische Salon&#8220; &#8230;<\/p>\n<p><strong>GWR: Warum m\u00f6chtest Du unbedingt in einer Kommune wohnen? Du h\u00e4ttest ja auch sagen k\u00f6nnen, Lutter hat mir jetzt gereicht &#8230;<\/strong><\/p>\n<p><strong>Uwe:<\/strong> Als wir die Burg in Lutter gekauft haben, gab es den Punkt, an dem ich mir gesagt habe, wenn ich jetzt ja sage, dann ist das eine Entscheidung f\u00fcrs Leben. Entweder riskierst du das, oder nicht. Ich habe mich dann auf dieses Abenteuer eingelassen.<\/p>\n<p>Auch im Nachhinein muss ich sagen, dass die Vorteile in der Gemeinschaft einfach gigantisch sind. Von welcher Seite ich das auch betrachte. Nehme ich mal das Materielle: So billig wie in einer Kommune kann ich nirgendwo leben. Wenn ich an meine kreativen M\u00f6glichkeiten denke, die sind unbegrenzt, in Lutter noch mehr als hier. Hier auch. Ich kann alles machen, was ich will. Die Kommunen sind in gewisser Weise &#8222;befreite Gebiete&#8220;. Hier laufen Dinge, die in einer kleinen Zwei-Personen-Wohnung praktisch nicht stattfinden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was war die sch\u00f6nste politische Aktion, an der Du beteiligt warst?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Uwe: <\/strong>Widerstandsaktionen sind f\u00fcr mich nie sch\u00f6n, weil sie mich von meinem Weg ablenken.<\/p>\n<p>Aber sie m\u00fcssen nat\u00fcrlich auch stattfinden. Insofern verzeihe ich mir diese Spa\u00df-Aktion.<\/p>\n<p>Schacht Konrad ist nicht weit weg. Wir hatten uns vorgenommen, vor das Rathaus in Salzgitter Lebenstedt einen 14 Meter hohen Turm zu stellen, der genau so aussehen sollte wie der Turm am Schacht Konrad. Das musste nat\u00fcrlich so schnell gehen, dass die Polizei gar nicht sofort versteht, was dort passiert.<\/p>\n<p>Ich habe eine Konstruktion entwickelt, die man mit 100 Leuten einfach aufstellen kann.<\/p>\n<p>Dann hatten wir einen LKW, Maschinen, Schutzhelme, Megafone, Sachen, an die du sonst nur schwer ran kommst. Es war alles da. Das ist fast wie im Paradies. Der Turm stand in 15 Minuten. Die Polizei brauchte Stunden, um ihn wieder abzubauen. Als politische Aktion kann ich das eigentlich nicht bezeichnen. Das war etwas f\u00fcrs Herz. Romantisch verkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Auch der pers\u00f6nliche Entwicklungsweg jedes Einzelnen kann in einer Kommune Fortschritte machen. Nicht nur: &#8222;Wir machen alles zusammen&#8220;, sondern in Richtung der Individualit\u00e4t und der Selbst\u00e4ndigkeit. Wissen, was er oder was sie will, reden k\u00f6nnen, agieren k\u00f6nnen, \u00fcberzeugen k\u00f6nnen. Das ist aus meiner Sicht eine sehr lobenswerte Entwicklung. Ich bin in meiner Kommunezeit immer ges\u00fcnder geworden, durch gute Ern\u00e4hrung, dadurch, dass ich \u00fcber meine Sachen reden kann, Kummer nicht in mich reinschlucken muss &#8230; es hat sich in der Kommune Lutter so entwickelt, dass das Suchtverhalten im Laufe der Jahre immer st\u00e4rker abgenommen hat. Also, ich war in bester Gesellschaft Alkoholiker, und die Genossen haben gekifft. Als ich gegangen bin, trank \u00fcberhaupt keiner mehr Bier.<\/p>\n<p><strong>GWR: In dem M\u00fcnsteraner Wohnprojekt Breul\/Tibusstra\u00dfe, in dem ich seit 1991 lebe, ist es \u00e4hnlich. Fr\u00fcher haben dort viele Leute gekifft, geraucht und Alkohol getrunken. Das wurde mit den Jahren weniger, und auch die Ern\u00e4hrung hat sich verbessert. Wir sind aber keine Kommune, haben keine gemeinsame \u00d6konomie.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Aber es hat sicher \u00e4hnliche Gr\u00fcnde wie bei der Kommune Lutter. Zehn Jahre lang war unser Wohnprojekt abrissbedroht, die meisten der 45 Bewohnerinnen und Bewohner hatten &#8211; wenn \u00fcberhaupt &#8211; nur Pseudountermietvertr\u00e4ge, in denen uns gedroht wurde, dass die H\u00e4user abgerissen werden und wir innerhalb von drei Monaten wieder ausziehen m\u00fcssten. Wir haben uns erfolgreich gegen die Abrisspl\u00e4ne gewehrt, haben Stra\u00dfenfeste, Benefiz-Konzerte, Demos, direkte gewaltfreie Aktionen organisiert und unsere R\u00e4umungsprozesse gewonnen. Aus einer &#8222;Zwangsgemeinschaft&#8220;, die sich bilden musste, um sich gegen die Spekulanten zu stemmen, aus unterschiedlichsten Leuten ist eine Gemeinschaft von Freundinnen und Freunden gewachsen. Fr\u00fcher wurden wir von der Lokalpresse angegriffen als &#8222;M\u00fcnsters Hafenstra\u00dfe&#8220;: &#8222;Dieser Schandfleck muss beseitigt werden&#8220;&#8230; Nach der Sanierung hat unser <em>Verein zur Erhaltung preiswerten Wohnraums<\/em> einen Preis f\u00fcr \u00f6kologisches und selbstverwaltetes Bauen bekommen. Von M\u00fcnsters Hafenstra\u00dfe zum Vorzeigeprojekt des Land NRW. Wir produzieren unseren eigenen Strom &#8230; Dass wir unsere H\u00e4user sanieren konnten und heute &#8211; trotz fehlender Bedrohung &#8211; immer noch eine Gemeinschaft sind, es viele Freundschaften gibt innerhalb des Projekts, hat sicher auch dazu gef\u00fchrt, dass der Bier- und Hanfkonsum zur\u00fcckgegangen ist. Eine wichtige Rolle spielen auch die vielen Kinder, die mittlerweile mit uns leben. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Uwe:<\/strong> Es ist einfach aus sozialen Gr\u00fcnden nicht mehr n\u00f6tig, zum Beispiel in die Kneipe zu gehen. Oder, was ich fr\u00fcher gemacht habe, Currywurst zu essen. Die Bed\u00fcrfnisse \u00e4ndern sich total.<\/p>\n<p>Das sind alles Vorteile, die ich nicht missen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Was das Alter angeht: Da ist eine Kommune eine ideale Alternative. Wenn ich auf Hilfe angewiesen bin, sitze ich nicht allein in meiner Butze, sondern finde hier Leute, die mir helfen k\u00f6nnen. Ich habe etwas zu tun, und sei es, dass ich die Kinder \u00e4rger. Es ist ein sch\u00f6nes Leben.<\/p>\n<p><strong>GWR: In der 1986 gegr\u00fcndeten Kommune Niederkaufungen leben zur Zeit rund 70 Menschen um gemeinsam ihr Leben zu gestalten. Dort gibt es auch ein Altersversorgungs-Projekt? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Uwe:<\/strong> Ja, sie sind dabei, eine Altentagesst\u00e4tte einzurichten.<\/p>\n<p>Das hat aber noch nicht so konkret mit ihren eigenen alten Leuten zu tun.<\/p>\n<p>Hier wird es so aussehen, dass ich ein Altenteil baue, in dem ich auch schon wohne, und mich im Laufe der Jahre langsam aus den Entscheidungsfindungen zur\u00fcckziehe. Ich habe nat\u00fcrlich immer noch meine Dogmen, die ich mit meinem Sturkopf auch durchzudr\u00fccken versuche. Aber oft genug habe ich damit auch keinen Erfolg mehr. Zum Beispiel, dass wir keine Bankschulden machen. Ich will nicht f\u00fcr die Bank arbeiten, aber das m\u00fcsste ich, wenn ich mir von ihr Geld leihe.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie war das w\u00e4hrend des Jugoslawien-, des Afghanistan- und 3. Golfkriegs?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Gab es da Aktionen in Schwerin oder Wismar, an denen Ihr euch beteiligt habt? Gibt es dort gr\u00f6\u00dfere linke Szenen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Uwe:<\/strong> Hier in Wismar oder Schwerin gibt es keine linke politische Szene, so wie sie in Westdeutschland in jeder Kleinstadt zu finden ist.<\/p>\n<p>Es gibt hier die institutionalisierten &#8222;Bewegungen&#8220;, wie &#8222;Arbeit und Leben&#8220;, Kirche, Sozis, Gewerkschaft, Ausl\u00e4nderrat usw.<\/p>\n<p>Als im Herbst 2001 die Bombardierung Afghanistans losging, haben wir spontan die Montagsdemonstrationen wieder ins Leben gerufen und sind drei, vier Monate lang jeden Montag in Schwerin durch die Stadt marschiert. Das war auch inhaltlich gut. Wir haben ein paar Zeitungen rausgebracht.<\/p>\n<p><strong>GWR: Und was passiert jetzt?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Uwe: <\/strong>Wir k\u00f6nnen nicht immer demonstrieren. Das schl\u00e4ft einfach ein.<\/p>\n<p>Es gibt in Schwerin mittlerweile einen etwas gr\u00f6\u00dferen Kreis, der das j\u00e4hrliche Friedensfest organisiert und jetzt z. B. sich auch mit dem Sozialforum besch\u00e4ftigt. Also, ich habe schon mit politischen Leuten zu tun. Aber ich w\u00fcrde das nicht unbedingt als Szene bezeichnen. Was aber sehr auff\u00e4llig ist, ist, dass viele alte Menschen sich politisch engagieren. Das ist das, was ich im Westen vermisst habe.<\/p>\n<p><strong>GWR: Einen Infoladen gibt es in Wismar nicht?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Uwe:<\/strong> Es gibt das Tiko, ein kleines alternatives Caf\u00e9, mit Kulturveranstaltungen und Kino.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem gibt es den Tauschring und einen ganz r\u00fchrigen Attac.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was w\u00fcrdest Du Leuten, die dieses Interview lesen und auf die Idee kommen, eine Kommune zu gr\u00fcnden, empfehlen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Uwe: <\/strong>Anfangen. Ich empfehle: nicht zu lange zu warten.<\/p>\n<p>Es gibt Gemeinschaften, die h\u00e4ngen f\u00fcnf, sechs Jahre rum und kommen nicht in die Puschen. Das bringt nur Frust.<\/p>\n<p>Insofern ist es wichtiger, lieber ins kalte Wasser zu springen und die ganzen Erfahrungen zu machen, auch wenn das zuerst negative sein k\u00f6nnten. Wenn die Leute dabei bleiben, dann werden es positive Erfahrungen.<\/p>\n<p>Meine Schwester sagte neulich: &#8222;Uwe, wir brauchen Genossinnen und Genossen, die durchhalten k\u00f6nnen&#8220;. Kommune ist keine Aktion f\u00fcr einen Augenblick. Kommune sind Experimente, die Generationen andauern.<\/p>\n<p>Die Leute m\u00fcssen wissen, warum sie das machen. Sie brauchen einen langen Atem. Wenn sie sich dar\u00fcber im Klaren sind, dass das ein harter Weg ist, dann werden sie viel Spa\u00df haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Uwe, was ist eine Kommune? 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