{"id":6590,"date":"2005-01-01T00:00:17","date_gmt":"2004-12-31T22:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6590"},"modified":"2022-07-26T14:15:05","modified_gmt":"2022-07-26T12:15:05","slug":"der-freiheit-nach-dem-hunger-davon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/01\/der-freiheit-nach-dem-hunger-davon\/","title":{"rendered":"Der Freiheit nach &#8211; dem Hunger davon"},"content":{"rendered":"<p>Schon Marx, der in ihnen nur &#8222;Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen&#8220; ((1)) erkennen wollte, hat diese Richtung (bis heute) vorgegeben.<\/p>\n<p>Er hielt sie jeder Schlechtigkeit f\u00fcr f\u00e4hig, wenn sie nur etwas Handgeld daf\u00fcr bek\u00e4men: &#8222;Das Lumpenproletariat, diese passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft, wird durch eine proletarische Revolution stellenweise in die Bewegung hineingeschleudert, seiner ganzen Lebenslage nach wird es bereitwilliger sein, sich zu reaktion\u00e4ren Umtrieben erkaufen zu lassen&#8220;, hatten er und Friedrich Engels bereits im &#8222;Manifest der kommunistischen Partei&#8220; geschrieben. ((2))<\/p>\n<p>Im Anarchismus finden sich derartige Kategorisierungen nicht. Um ihn aber zu diskreditieren, wird die Zuschreibung, eine &#8222;kleinb\u00fcrgerliche Ideologie&#8220; zu sein, die aus dem &#8222;Lumpenproletariat&#8220; komme und sich an dieses wende, von den KommunistInnen seit Marx aufrechterhalten.<\/p>\n<p>Dessen ungeachtet gab es aus der anarchistischen Bewegung tats\u00e4chlich Impulse, Angeh\u00f6rige des &#8222;f\u00fcnften Standes&#8220; gezielt f\u00fcr freiheitliche Ideen zu gewinnen und unter ihnen f\u00fcr Selbsterkenntnis, Selbstorganisierung und Selbstbefreiung zu werben.<\/p>\n<h3>Ich hab&#8216; mein&#8216; Sach auf nichts gestellt<\/h3>\n<p>Der Anarchist und Bohemien Erich M\u00fchsam lernt fr\u00fch ihre Kompromi\u00dflosigkeit, ihren fehlenden Hang, sich in der Gesellschaft in irgendeiner Form einrichten zu wollen, sch\u00e4tzen. Er stellt fest: &#8222;Es ist dieselbe Sehnsucht, die die Ausgesto\u00dfenen der Gesellschaft verbindet [&#8230;]. Verbrecher, Landstreicher, Huren und K\u00fcnstler &#8211; das ist die Boheme, die einer neuen Kultur die Wege weist.&#8220; ((3))<\/p>\n<p>1909\/10 wirbt M\u00fchsam deshalb mit der Gruppe &#8222;Tat&#8220; in M\u00fcnchen gerade auch unter den Angeh\u00f6rigen des sogenannten &#8222;Lumpenproletariats&#8220;, um sie f\u00fcr die Ideen des &#8222;Sozialistischen Bundes&#8220; um Gustav Landauer zu gewinnen. &#8222;Ich fragte mich: Sind unter diesen Arbeitsscheuen, Verbrechern, Lumpen, Vagabunden, Gesunkenen nicht solche, denen man durch Aufzeigen eines neuen menschlichen Ziels Halt und Hoffnung geben k\u00f6nnte?&#8220; ((4))<\/p>\n<p>Die Gruppe l\u00e4dt zu Versammlungen ein, f\u00fcr die sie in den Spelunken wirbt, vor allem im &#8222;Gasthof zum Soller&#8220;. Um das Interesse etwas anzukurbeln, schenkt man Freibier aus. &#8222;Sollte ich hoffen, da\u00df sie um meiner sch\u00f6nen Augen willen kommen m\u00fc\u00dften?&#8220;, wird M\u00fchsam sp\u00e4ter ihr Vorgehen verteidigen. ((5)) Die an ihre Agitation gekn\u00fcpfte Hoffnung jedoch, die Gr\u00fcndung einer Gruppe &#8222;Vagabund&#8220; anzusto\u00dfen, wird bald entt\u00e4uscht. M\u00fchsam wird denunziert, verhaftet und wegen &#8222;Geheimb\u00fcndelei&#8220; angeklagt; der Proze\u00df endet mit Freispruch.<\/p>\n<h3>Gregor Gog<\/h3>\n<p>Siebzehn Jahre sp\u00e4ter ist es wieder ein Anarchist, der sich um die Sammlung der Ausgesto\u00dfenen der Gesellschaft bem\u00fcht: Gregor Gog (1891-1945).<\/p>\n<p>Gog, der 1910 freiwillig bei der Marine anheuert, weil ihn Welt und See lockten, wird im ersten Weltkrieg als Gesch\u00fctzf\u00fchrer zweimal wegen antimilitaristischer Propaganda und Meuterei vors Kriegsgericht gestellt, zu sechs Wochen Haft verurteilt und dreimal in eine &#8222;Irrenanstalt&#8220; eingewiesen. Gog und Theodor Plivier, mit dem er sich bereits bei Kriegsbeginn auf dem Vorpostenschiff &#8222;SMS Fuchs&#8220; anfreundete ((6)), lernen 1916 bei der 1. Marinedivision in Wilhelmshaven den anarchistischen Schriftsteller und Kupferschmied Karl Raichle kennen. Gemeinsam f\u00fchren sie in einem Kasernenkeller geheime Treffen durch, an denen sich noch weitere Matrosen beteiligen. Gelesen und diskutiert werden die Schriften von Stirner, Proudhon, Bakunin, Kropotkin und Tolstoi. 1917 wird Gog als &#8222;dauernd kriegsuntauglich&#8220; entlassen. Er arbeitet als G\u00e4rtner, reist als Handelsvertreter durch Deutschland, findet sp\u00e4ter f\u00fcr kurze Zeit Anstellung als Erzieher. Gog wird in der Lebensreform- und Siedlungsbewegung (u.a. 1924 auch in Brasilien) aktiv. Er engagiert sich in der Christ-Revolution\u00e4ren Bewegung und wird Mitherausgeber und Autor der Zeitschrift &#8222;Weltwende&#8220;. Schlie\u00dflich l\u00e4\u00dft er sich 1925 in Balingen bei Stuttgart nieder, wohnt zun\u00e4chst mit seiner zweiten Ehefrau, der Schriftstellerin Anni Geiger, bei Freunden, um dann in ein selbst gebautes Holzhaus in Stuttgart-Degerloch zu ziehen. Er arbeitet als freier Schriftsteller, ist Autor diverser Beitr\u00e4ge f\u00fcr anarchistische und anarcho-syndikalistische Zeitungen. Das bescheidene Einkommen sichert Anni Geiger durch die Honorare f\u00fcr ihre Kinderb\u00fccher.<\/p>\n<p>Gog, gl\u00fchender Verfechter der Ideen Tolstois, Kropotkins und Landauers, wird 1927 Schriftleiter der erstmals im Fr\u00fchjahr vom Balinger Landstreicher und Schriftsteller Gustav Br\u00fcgel herausgegebenen Zeitschrift &#8222;Der Kunde&#8220;. ((7)) Gleich die erste Nummer wird beschlagnahmt. Br\u00fcgel, der darin unter Pseudonym die Liebe zwischen dem Knaben Rolf und dem Wanderprediger und Eremiten Polo beschrieben hatte, wird vors Amtsgericht geladen, setzt sich aber \u00fcber \u00d6sterreich nach Jugoslawien ab. Alle weiteren Hefte bis Ende 1929 werden von der von Gog initiierten &#8222;Bruderschaft der Vagabunden&#8220; ((8)) herausgegeben. Um die Zeitschrift scharen sich innerhalb k\u00fcrzester Zeit eine ganze Reihe von vagabundierenden SchriftstellerInnen, K\u00fcnstlerInnen, Akademikern, Wanderpredigern und Religionsphilosophen nebst SympathisantInnen. Zu letzteren geh\u00f6rt auch Erich M\u00fchsam.<\/p>\n<p>70.000 LandstreicherInnen ziehen zu jener Zeit \u00fcber die Stra\u00dfen Deutschlands, davon 80 Prozent Erwerbslose auf der Suche nach Arbeit. Andere haben bewu\u00dft ihr b\u00fcrgerliches Leben hinter sich gelassen, um den Klassenschranken auf der Landstra\u00dfe zu entfliehen.<\/p>\n<h3>Beginnen!<\/h3>\n<p>Die &#8222;Bruderschaft der Vagabunden&#8220; eint das Ziel, all jene ArbeiterInnen zusammenzufassen, die der Kapitalismus auf die Landstra\u00dfen geworfen hatte.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst geht es aber um die Hebung des Selbstbewu\u00dftseins, das Erkennen der eigenen Lage in den gesellschaftlichen Zusammenh\u00e4ngen, um Solidarit\u00e4t und gegenseitige Hilfe. In der Sammlung der Kr\u00e4fte sieht die Bruderschraft eine Vorbedingung zum Sturz der bestehenden Ordnung.<\/p>\n<p>Die Vagabundenbewegung lehnt staatliche und kirchliche F\u00fcrsorgeeinrichtungen (Herbergen, Wanderarbeitsst\u00e4tten) wie jegliche Formen der Armutsverwaltung grunds\u00e4tzlich ab. Sie setzt auf Selbsthilfe: Von KundInnen selbst aufgebaute Herbergen sollen an ihre Stelle treten, um sich so der Kontrolle der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft zu entziehen (eine Forderung, die sich auch schon bei M\u00fchsam und der Gruppe &#8222;Tat&#8220; findet). Ihre Kritik schlie\u00dft die Erwerbslosenunterst\u00fctzung als G\u00e4ngelband des Staates mit ein.<\/p>\n<p>&#8222;Der Kunde&#8220;, die erste &#8222;Zeit- und Streitschrift der Vagabunden&#8220; (so der Untertitel) soll dieses soziale Bewu\u00dftsein schaffen und die Vereinzelung aufheben. \u00dcberall m\u00fc\u00dften sich die VagabundInnen zusammenschlie\u00dfen, um Druck auszu\u00fcben. Die Zeitschrift erscheint etwa viermal im Jahr mit einer Auflage von 1000 Exemplaren. Ca. ein Drittel davon wird in den Stempelstellen und Arbeits\u00e4mtern, in den Herbergen und Obdachlosen-Asylen verteilt. Zudem werden sie von Hand zu Hand weitergereicht und d\u00fcrften so einen weitaus gr\u00f6\u00dferen Verbreitungsgrad gefunden haben, als die Auflage verspricht. VagabundInnen, die &#8222;unterwegs&#8220; sind, m\u00fcssen nichts bezahlen. Die Zeitschrift enth\u00e4lt ein Potpourri aus autobiographischen Berichten, Zeichnungen und Gedichten, Liedern und Spottversen, Sozialreportagen und Geschichten sowie Beschwerden und praktischen Tips f\u00fcr das \u00dcberleben auf der Landstrasse. Gew\u00fcrzt wird das Ganze mit einem geh\u00f6rigen Schu\u00df &#8222;Philosophie der Landstra\u00dfe&#8220; aus anarchistisch-religi\u00f6ser Perspektive. Die Beitr\u00e4ge stammen von VagabundInnen f\u00fcr VagabundInnen. &#8222;Der Syndikalist&#8220; \u00fcber den &#8222;Kunden&#8220;: &#8222;Eine der originellsten Zeitschriften, die je erschienen sind. Eine Zeitschrift von seltsam geistigem Format! Von Kunden geschrieben und herausgegeben, ganz im Sinne jener gro\u00dfen heimatlosen Wanderer und vagabundierenden Dichter: Villon, Rimbaud, Peter Hille, Jack London, Walt Whitman.&#8220; ((9))<\/p>\n<p>Bald geht die Bruderschaft dazu \u00fcber, \u00f6ffentliche Versammlungen zu organisieren. Der erste \u00f6ffentliche &#8222;Vagabundenabend&#8220; findet am 14. April 1928 in Stuttgart statt; es folgen weitere in Berlin, Mannheim, Hamburg und Dortmund.<\/p>\n<h3>Generalstreik das Leben lang!<\/h3>\n<p>In ihren Versammlungen und der Zeitschrift wenden sich die VagabundInnen nicht nur gegen die Arbeitsdienstpflicht und Zwangsarbeitsst\u00e4tten ((10)), sondern gegen jegliche Form der Lohnarbeit. Sie erkl\u00e4ren sich selbst f\u00fcr &#8222;bewu\u00dft &#8218;faul'&#8220; (Gog). &#8222;Seine Aufgabe ist in dieser Welt nicht die spiessb\u00fcrgerliche Arbeit. Diese Arbeit w\u00e4re Mithilfe zur weiteren Versklavung, w\u00e4re Arbeit an der b\u00fcrgerlichen H\u00f6lle! Sklavendienst zum Schutze und zur Erhaltung der Unterdr\u00fccker! Der Kunde, revolution\u00e4rer als alle K\u00e4mpfer, hat die volle Entscheidung getroffen: Generalstreik das Leben lang! Lebensl\u00e4nglicher Generalstreik! Nur durch einen solchen Generalstreik ist es m\u00f6glich, die kapitalistische, &#8218;christliche&#8216;, kerkerbauende Gesellschaft ins Wackeln, ins Wanken, zu Fall zu bringen!&#8220; Wenn sie sich vom G\u00e4ngelband l\u00f6sen wollten, mussten sich die KundInnen gegen Staat und Kirche, die St\u00fctzen der bestehenden Ordnung, auflehnen: &#8222;Der Staat ist nur der Zuh\u00e4lter der Kirche; darum bek\u00e4mpfen wir ihn nur als das, was er ist: als den Zuh\u00e4lter der Kirche. Der Staat f\u00e4llt mit der Kirche. Die Kirche ist das geistige Nachthaus, die Nacht der Finsternis, die verschleiert, dass hinter dieser Welt eine andere ist. Sie verlegt das Jenseits \u00fcber die Wolken &#8211; diese &#8218;L\u00fcgnerin von Anbeginn&#8216;!<\/p>\n<p>Die Erde ist ein wunderbares Haus und Feld, und alles, was die sesshafte und nichtsesshafte Menschheit leidet, stammt aus den k\u00fcnstlich geschaffenen Grenzen, Grenzen, die nur auf dem Papier bestehen. Oder habt ihr schon je einmal solche Grenzen, wie sie auf dem Papier bestehen, in Wirklichkeit gesehen und gefunden bei eurer Wanderung \u00fcber die Erde, Kumpels?!&#8220; ((11))<\/p>\n<p>Das Ziel der Vagabundenbewegung bleibt erkl\u00e4rterma\u00dfen die freie, klassenlose Gesellschaft. Um frei zu werden, m\u00fcssen die VagabundInnen selbst handeln. Vehement wenden sie sich deshalb gegen jede Art von Bevormundung durch eine Avantgarde: &#8222;Dieser Kampf da spielt sich nicht mit einem Parteibuch in der Hand ab, der Kampf wird nicht mit dem Federhalter zwischen Daumen und Zeigefinger gef\u00fchrt. Diese Menschen da haben keine dickleibigen, phrasendreschenden F\u00fchrer, die ihnen das Problem ihrer Freiheit aus den N\u00f6ten von Rednertrib\u00fcnen aus vorillusionieren.&#8220; ((12))<\/p>\n<h3>AnarchistInnen und Anarcho-SyndikalistInnen<\/h3>\n<p>Die &#8222;Bruderschaft der Vagabunden&#8220; besteht zu einem Gro\u00dfteil aus MitstreiterInnen, die anarchistischen Ideen nahestehen. Einige VagabundInnen schreiben aber nicht nur f\u00fcr den &#8222;Kunden&#8220;, sondern ver\u00f6ffentlichen auch Beitr\u00e4ge in anarcho-syndikalistischen Bl\u00e4ttern: Gregor Gog beispielsweise im &#8222;Syndikalist&#8220;, der Vagabund Gerhard Siegismund (gen. Siegi) in &#8222;Besinnung und Aufbruch&#8220;. Die N\u00e4he der Vagabundenbewegung zur Freien Arbeiter Union Deutschlands (FAUD) kommt nicht von ungef\u00e4hr, geh\u00f6ren ihr doch auch ein paar aktive Mitstreiter an: Artur Streiter (1905-1946), Schriftsteller, Maler und Landstreicher aus Berlin, ist seit der Gr\u00fcndung beim &#8222;Kunden&#8220; und der &#8222;Bruderschaft&#8220; dabei. ((13)) Dazu kommen Helmut Klose (1904-1987), Schneider, Kundendichter und Landstreicher ((14)), Hermann Giesau (von seinem Freund Landauer &#8222;Nieselprim&#8220; genannt), der schon 17 Jahre auf der Landstrasse lebt ((15)), und Karl Heinz Bodensieck, K\u00fcnstler ((16)). \u00dcber diese vier Genossen kommt die enge Verbindung zur Berliner FAUD und der &#8222;Gilde freiheitlicher B\u00fccherfreunde&#8220; (GfB) zustande. ((17))<\/p>\n<h3>Linksschwenk, marsch!<\/h3>\n<p>Seit 1928 werden fieberhafte Vorbereitungen getroffen, um ein erstes &#8222;Vagabundentreffen&#8220; zu organisieren, das schlie\u00dflich vom 21. bis 23. Mai 1929 mit ca. 500 TeilnehmerInnen im Freidenker-Jugendgarten in Stuttgart stattfindet.<\/p>\n<p>Die Zahlen bleiben zwar hinter den Erwartungen zur\u00fcck, aber die Beh\u00f6rden hatten es den OrganisatorInnen auch nicht gerade leicht gemacht.<\/p>\n<p>KundInnen hatten \u00fcberall Flugbl\u00e4tter ausgelegt, viele erfuhren davon \u00fcber &#8222;Mund-zu-Mund-Propaganda&#8220;. Das Treffen wird ein voller Erfolg. Das Kunsthaus Hirrlinger \u00f6ffnet zeitgleich seine Pforten zur ersten &#8222;Vagabunden-Kunstausstellung&#8220;.<\/p>\n<p>Mehr als 30 sollen noch folgen, an denen sich Mitglieder der im Fr\u00fchjahr 1928 gegr\u00fcndeten &#8222;K\u00fcnstlergruppe der Bruderschaft der Vagabunden&#8220; beteiligen. Die zweite gro\u00dfe Vagabunden-Kunstausstellung findet am 1. Mai 1931 in den R\u00e4umen von Herwarth Waldens &#8222;Sturm&#8220; statt, auf der die K\u00fcnstlergruppe ihren Anschlu\u00df an die kommunistische &#8222;Assoziation revolution\u00e4rer bildender K\u00fcnstler Deutschlands&#8220; (ASSO) ((18)) erkl\u00e4rt. Doch schon kurz nach dem Vagabundentreffen kommt es zur ersten Krise: Gog st\u00fcrzt sich in die Arbeiten am Film &#8222;Vagabund&#8220; (Regie: Fritz Weiss, Erdeka-Film GmbH, Berlin), der am 16. Juni 1930 im Marmorhaus Berlin seine Urauff\u00fchrung erlebt und in den darauffolgenden Monaten noch in anderen gro\u00dfen Berliner Filmtheatern l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Die K\u00fcnstlerin und Autorin Jo Mihaly, seit 1929 Mitstreiterin in der Bruderschaft und mit Gog befreundet, beschreibt das Mi\u00dftrauen und die Entt\u00e4uschung \u00fcber Gog in dieser Zeit.<\/p>\n<p>&#8222;Der Kunde&#8220; erscheint 1930 nicht.<\/p>\n<p>Einen Monat nach der Urauff\u00fchrung des Films reist Gog in die Sowjetunion. Sein besonderes Interesse gilt dem Leben der Besprisornij, der vagabundierenden Kinderbanden, die auf Gehei\u00df des sowjetischen Erziehungsministeriums in Heimen und Kolonien &#8222;in den gesellschaftlichen Aufbauproze\u00df integriert&#8220; werden sollen. Gog, der leidenschaftliche Anarchist, der zusammen mit seinem Freund, dem K\u00fcnstler Hans Tombrock, auf dem Vagabundentreffen noch jegliche Vereinnahmungsversuche kommunistischer Parteifunktion\u00e4re entschieden zur\u00fcckgewiesen hatte, kehrt als \u00fcberzeugter Kommunist nach Deutschland zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Anfang 1931 gibt Gog wieder eine Zeitschrift heraus: &#8222;Der Vagabund&#8220;. Sich und die &#8222;Bruderschaft der Vagabunden&#8220; erkl\u00e4rt er pl\u00f6tzlich zu einem Teil der kommunistischen Arbeiterbewegung. Die Spaltung ist bereits mitten im Gange: Gog unterscheidet nunmehr in &#8222;Kunden&#8220; und &#8222;Vagabunden&#8220;. Als letztere bezeichnet er nur noch die &#8222;bewu\u00dften Landstreicher&#8220;, die eine Art &#8222;Reservearmee der Arbeiterklasse&#8220; bilden sollen. Kommunistische statt anarchistisch-utopische Positionen bestimmen das Blatt. Die Losung &#8222;Generalstreik ein Leben lang&#8220; f\u00e4llt zugunsten von &#8222;Wandertrieb ist Hungertrieb&#8220;. Die Bruderschaft soll Wahlagitation f\u00fcr die KPD betreiben; Gog versucht, die LandstreicherInnen an die Urnen zu bringen. Ende 1932 tritt Gog selbst der KPD bei.<\/p>\n<h3>Niedergang und Verfolgung<\/h3>\n<p>Seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 wandelt sich die Situation auf der Landstrasse grundlegend: bis 1933 w\u00e4chst die Zahl der LandstreicherInnen auf 450.000, darunter viele Notwanderer, die von der Erwerbslosenf\u00fcrsorge ausgesteuert worden waren. Zu Beginn der drei\u00dfiger Jahre gewinnen die Nazis gerade unter den jungen arbeitslosen Notwanderern zunehmend an Einflu\u00df. Etliche f\u00fcllen die Reihen der SA. Gog warnt vor dieser Entwicklung, steht aber schon weitestgehend isoliert da. Seine Wandlung zum Kommunisten hatte viele vor den Kopf gesto\u00dfen. Als erste hatten sich die libert\u00e4ren VagabundInnen abgewandt, die die Parteidisziplin und pl\u00f6tzliche Staatsh\u00f6rigkeit Gogs grundlegend ablehnen.<\/p>\n<p>Einer der ersten war der Anarcho-Syndikalist Helmut Klose. Aber auch die \u00fcbrigen schreckt die Unfreiheit, die eine starre, zentralistische Organisation verhei\u00dft. Gog kannt zwar noch junge ArbeiterInnen, Erwerbslose um sich sammeln, aber das ist nicht mehr dasselbe wie vorher. Er verliert endg\u00fcltig seine FreundInnen und einen Gro\u00dfteil seiner Anh\u00e4ngerInnen auf der Landstra\u00dfe. 1933 existiert die Bruderschaft schon nicht mehr.<\/p>\n<p>Anfang April wird Gog zusammen mit seiner Frau Anni Geiger-Gog verhaftet. Das gesamte Archiv der Bruderschaft wird von der Gestapo beschlagnahmt und abtransportiert. W\u00e4hrend Anni wenig sp\u00e4ter freikommt, wird Gog ins KZ Heuberg gesperrt. Siebeneinhalb Monate sp\u00e4ter wird er &#8222;zur Heilbehandlung&#8220; (Wirbels\u00e4ulenleiden) entlassen. Ihm gelingt die Flucht in die Schweiz, von dort reist er im Juni 1934 weiter in die Sowjetunion. Er kn\u00fcpft Kontakte zu anderen Exilanten der Bruderschaft: Johnny Rieger in D\u00e4nemark und Hans Tombrock in Schweden. Nach Jahren, die immer wieder von Krankheit gezeichnet sind, stirbt er im Oktober 1945 in einem Taschkenter Sanatorium an seinem chronischen Nierenleiden aus dem Ersten Weltkrieg.<\/p>\n<h3>Res\u00fcmee<\/h3>\n<p>Der Versuch der &#8222;Bruderschaft der Vagabunden&#8220;, eine umfassende Selbstorganisation der Nichtsesshaften, von VagabundInnen auf \u00fcberregionaler Ebene zu initiieren, steht bis heute einmalig da. Sicherlich gab es auch in der j\u00fcngeren Vergangenheit immer wieder Ans\u00e4tze dazu.<\/p>\n<p>Meist waren sie nur von kurzer Dauer oder blieben lokal beschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Was aber hat sich im Vergleich von damals zu heute vom Grundsatz her ge\u00e4ndert? Armutsverwaltung, kirchliche und staatliche F\u00fcrsorgeprogramme, Zwangsarbeit f\u00fcr Sozialhilfeempf\u00e4ngerInnen, an Restriktionen gekn\u00fcpfte Besch\u00e4ftigungsprogramme f\u00fcr Erwerbslose,<\/p>\n<p>Leiharbeit bzw. Wanderarbeit (Montage), Streichung von Unterst\u00fctzungsgeldern, Ausbruch aus dem b\u00fcrgerlichen Leben und Verweigerung von Lohnarbeit, Vertreibung und Kriminalisierung Nichtsesshafter &#8211; sind das denn tats\u00e4chlich so neue Entwicklungen?<\/p>\n<p>Oder nicht doch nur wieder eine Seite der gleichen Medaille?<\/p>\n<p>Gut, es gibt keine Arbeitsh\u00e4user mehr. In den Naturalverpflegungs- und Wanderarbeitsst\u00e4tten wurde aber auch nichts anderes als eine Arbeitsleistung gefordert, um in den Genu\u00df elementarer Leistungen (Nahrung und Unterkunft) zu gelangen.<\/p>\n<p>Die Arbeiterkolonien dienten allein dem Ziel, &#8222;Arbeitsf\u00e4hige&#8220; von &#8222;Arbeitsunwilligen&#8220; zu trennen.<\/p>\n<p>Die ArbeiterInnen mu\u00dften sich f\u00fcr ca. drei bis zw\u00f6lf Monate vertraglich verpflichten, die geforderten Arbeiten zu verrichten &#8211; f\u00fcr &#8217;nen Appel und &#8217;nen Ei. Bei Zuwiderhandlungen wurden sie von der F\u00fcrsorge ausgeschlossen und auf &#8222;schwarze Listen&#8220; gesetzt. Die Not- und Berufswanderer zogen nur auf der Suche nach Erwerbsarbeit und Auskommen durchs Land, arbeiteten einen Tag hier, die andere Woche vielleicht dort.<\/p>\n<p>Die Arbeitsformen und ordnungspolitischen Instrumente haben demnach nur einen anderen Namen bekommen.<\/p>\n<p>Die Grundprobleme sind damit jedoch nicht verschwunden: sie hei\u00dfen Staat und Kapitalismus. In Zeiten grassierender Armut, mit der Perspektive der Verelendung von noch weit gr\u00f6\u00dferen Teilen der Bev\u00f6lkerung (mit Alg II), dr\u00e4ngt sich die Frage geradezu auf, was die direkt und indirekt Betroffenen dem entgegenzusetzen haben.<\/p>\n<p>Eigentlich ist meine Antwort darauf immer dieselbe: Selbstorganisierung und Aufbau gesellschaftlicher Gegenstrukturen.<\/p>\n<p>Zerschneidet das G\u00e4ngelband!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon Marx, der in ihnen nur &#8222;Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen&#8220; ((1)) erkennen wollte, hat diese Richtung (bis heute) vorgegeben. 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