{"id":6650,"date":"2005-02-01T00:00:51","date_gmt":"2005-01-31T22:00:51","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6650"},"modified":"2022-07-26T13:06:01","modified_gmt":"2022-07-26T11:06:01","slug":"etwas-physisch-politisch-unertragliches","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/02\/etwas-physisch-politisch-unertragliches\/","title":{"rendered":"&#8222;Etwas physisch, politisch Unertr\u00e4gliches&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Es gibt einen Mann, der in Auteuil wohnt und der in der Nacht von Montag auf letzen Dienstag einemillionzweihunderttausend Francs verdient hat. Monsieur Obrecht hat zweimal an der Schnur gezogen: sechshunderttausend Francs f\u00fcr einen in einen Korb springenden Kopf.<\/p>\n<p>Das gibt es noch, das macht einen Teil unserer Institutionen aus, versammelt um seine Zeremonie die Richterschaft, die bewaffneten Polizisten und, im Schatten, den Pr\u00e4sidenten der Republik &#8211; kurz alle Gewalten: es gibt da etwas physisch, politisch Unertr\u00e4gliches.&#8220;<\/p>\n<p>Dies schrieb Michel Foucault nach der Hinrichtung von Claude Buffet und Roger Bontems am 29. November 1972 eingangs seines Textes <em>Les deux morts de Pompidou<\/em> im Magazin <em>Le Nouvel Observateur<\/em>. ((1))<\/p>\n<p>Der kurze Text verdient es aus mehrerlei Gr\u00fcnden, heute in Erinnerung gerufen zu werden.<\/p>\n<p>Erstens verweist Foucault mit der Kritik am Pr\u00e4sidenten implizit auf das diesem zustehende Begnadigungsrecht, eines der deutlichsten \u00dcberbleibsel monarchischer Souver\u00e4nit\u00e4t in der Republik. Zweitens steht Foucaults Intervention als Intellektueller im Kontext seiner seit 1970 Zug um Zug ausgearbeiteten radikalen Kritik des modernen Strafsystems, die keine blo\u00dfe Schreibtisch- und H\u00f6rsaal-Aktivit\u00e4t eines hochgradig entlasteten Akademikers war, sondern in einem politischen Aktionskollektiv, der Gruppe Gef\u00e4ngnis-Information, entwickelt wurde. Drittens wird dieser Text merkw\u00fcrdigerweise in j\u00fcngeren Debatten \u00fcber Foucaults Position(en) zur Todesstrafe \u00fcbersehen; in dieser Rezeption der Schriften und Gesten Foucaults hat sich einiger Schutt angeh\u00e4uft, der beseitigt werden muss, bevor Foucaults analytische <em>Destruktion<\/em> der Souver\u00e4nit\u00e4t beleuchtet werden kann.<\/p>\n<h3>Souver\u00e4nit\u00e4t und Gnade<\/h3>\n<p>Indem Foucault bereits im Titel von den &#8222;zwei Toten Pompidous&#8220; spricht, macht er die Verantwortung des damaligen franz\u00f6sischen Staatspr\u00e4sidenten Georges Pompidou klar. Da dem Staatspr\u00e4sidenten das Begnadigungsrecht obliegt, h\u00e4tte er die Hinrichtungen verhindern k\u00f6nnen. Das pr\u00e4sidiale Begnadigungsrecht ist kein spezifisches Merkmal der auf einen starken Mann, urspr\u00fcnglich den General de Gaulle, zugeschnittenen Verfassung der V. Republik, die ein sp\u00e4terer Amtstr\u00e4ger, Fran\u00e7ois Mitterand, ja mal mit einigem Recht einen &#8222;permanenten Staatsstreich&#8220; genannt hatte.<\/p>\n<p>Dass der Pr\u00e4sident als ein auf Zeit gew\u00e4hlter Quasi-Monarch \u00fcber das Recht auf Begnadigung verf\u00fcgt, ist ein auch in Verfassungen mit weit schw\u00e4cherer Stellung des die Souver\u00e4nit\u00e4t symbolisch verk\u00f6rpernden Staatsoberhauptes, beispielsweise der der Bundesrepublik Deutschland, zu findendes \u00dcberbleibsel ehedem monarchischer Souver\u00e4nit\u00e4t. Dass 1793 der Kopf des K\u00f6nigs Ludwig XVI. gefallen ist &#8222;hei\u00dft nicht, dass das Gespenst der Monarchie &#8211; der souver\u00e4ne Vater als Bedingung der Einheit der Staats-Nation &#8211; sein Ende gefunden h\u00e4tte&#8220;. ((2))<\/p>\n<h3>Kritik der Gef\u00e4ngnisse<\/h3>\n<p>Auf die von Derrida betonte politisch-theologische Dimension, die im Begnadigungsrecht des Pr\u00e4sidenten deutlich wird, geht Foucault im zitierten Text indes nicht ausdr\u00fccklich ein. Das sollte nicht \u00fcberinterpretiert werden, passt aber zu seinen wenige Jahre sp\u00e4ter vorgelegten Macht-Analysen in den B\u00fcchern <em>Surveiller et punir<\/em> und <em>La volont\u00e9 de savoir <\/em>((3)) sowie seinen Vorlesungen am Coll\u00e9ge de France aus diesem Zeitraum, die nach und nach vollst\u00e4ndig (auch in deutscher \u00dcbersetzung) publiziert werden. ((4)) Hier sieht Foucault Souver\u00e4nit\u00e4t vorrangig als Hindernis an, das bei der Analytik der Macht zu umgehen sei. Doch soll in der Darstellung nichts \u00fcbereilt werden, auch wenn dies Ungeduldige &#8218;auf die Folter spannt&#8216; (merkw\u00fcrdige Redensart), indem es sie auf eine sp\u00e4tere Folge warten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Foucaults eingangs zitierte \u00f6ffentliche Intervention steht im Kontext radikaler Kritik der Gef\u00e4ngnisse, die er gemeinsam mit dem Groupe d&#8217;information sur les prisons (GIP) betrieb. ((5))<\/p>\n<p>Der Kampf gegen die Todesstrafe war f\u00fcr die &#8222;Gruppe Gef\u00e4ngnis-Information&#8220; nur eine Aktivit\u00e4t neben anderen. Entsprechend argumentierte Foucault auch in &#8222;Die zwei Toten Pompidous&#8220;: &#8222;Aber die Guillotine ist in Wahrheit nichts als der sichtbare Gipfel, die rote und schwarze Spitze einer hohen Pyramide. Das gesamte Strafsystem ist im Grunde auf den Tod hin ausgerichtet und wird von ihm regiert. Ein Urteilsspruch entscheidet nicht, wie man glaubt, \u00fcber Gef\u00e4ngnis <em>oder<\/em> Tod; sondern wenn er das Gef\u00e4ngnis vorschreibt, dann f\u00fcgt er als M\u00f6glichkeit hinzu: den Tod. [&#8230;]<\/p>\n<p>Das Gef\u00e4ngnis ist keine Alternative zum Tod, es bringt den Tod mit sich. Ein und derselbe rote Faden durchl\u00e4uft diese ganze Strafinstitution, die angeblich das Gesetz anwendet, es tats\u00e4chlich jedoch suspendiert: hinter den Toren des Gef\u00e4ngnisses regieren die Willk\u00fcr, die Drohung, die Erpressung, die Schl\u00e4ge. Gegen die Gewalt des Gef\u00e4ngnispersonals haben die Verurteilten nichts mehr als ihre K\u00f6rper, um sich zu verteidigen, und nur noch ihre K\u00f6rper zu verteidigen. Um Leben oder Tod, nicht um &#8218;Besserung&#8216;, geht es in den Gef\u00e4ngnissen.&#8220; ((6))<\/p>\n<p>Die politischen Aktivit\u00e4ten des GIP bilden den Hintergrund f\u00fcr Foucaults Studie <em>\u00dcberwachen und Strafen<\/em>. Dieses Buch, dem nicht zu Unrecht &#8222;intellektuelles Charisma&#8220; ((7)) zugeschrieben wird, l\u00f6ste die internationale Foucault-Rezeption in den Sozialwissenschaften erst aus; theoretisch war es zudem ein wichtiger Auftrieb f\u00fcr den Abolitionismus als radikaler Institutionenkritik und Reformbewegung. ((8)) Der britische Historiker Richard J. Evans betonte schlie\u00dflich zwei Jahrzehnte sp\u00e4ter in seiner monumentalen Geschichte der Todesstrafe in Deutschland, Foucaults Buch habe &#8222;so nachhaltige Auswirkungen auf dieses Forschungsgebiet gehabt, dass eine kritische Auseinandersetzung mit ihm im Mittelpunkt jeder Bem\u00fchung stehen muss, die Geschichte des Strafvollzugs auf einer anderen als der rein empirischen Ebene abzuhandeln&#8220;. ((9))<\/p>\n<h3>Evans&#8216; Kritik an Foucault<\/h3>\n<p>Evans&#8216; Lob von <em>\u00dcberwachen und Strafen<\/em> f\u00e4llt allerdings im Rahmen einer \u00fcberaus fragw\u00fcrdigen Foucault-Interpretation, die wegen der Bedeutung seiner Studie f\u00fcr die Debatte eine kritische Betrachtung wert ist. ((10)) Evans ist Spezialist f\u00fcr deutsche Geschichte und insbesondere Nazismus. ((11)) Die Verteidigung berief den in Cambridge Lehrenden als Gutachter im Prozess, den der Auschwitzleugner David Irving gegen Deborah Lipstadt angestrengt hatte und &#8211; nicht zuletzt aufgrund von Evans&#8216; Gutachten &#8211; verlor. ((12)) Mit dem Thema Todesstrafe besch\u00e4ftigte sich Evans mehr als zwei Jahrzehnte, w\u00e4hrend der er in zahlreichen Archiven forschte und schlie\u00dflich eine nicht nur zeitlich weit gestreckte, n\u00e4mlich vom 16. Jahrhundert bis zur Abschaffung der Todesstrafe in der DDR 1987 reichende, umfassende Darstellung und Analyse der vielf\u00e4ltigen Aspekte des Machtrituals \u00fcber Leben und Tod verfasste. Dabei dr\u00fcckt sich Evans auch nicht vor schwierigen Fragen; so weicht er nicht dem Frage-Komplex aus, welche Rolle die Todesstrafe als Teil eines langfristigen historischen Prozesses f\u00fcr Entstehung und Entfaltung des Nazismus und seiner Vernichtungspolitiken hatte, angefangen mit der von Evans bestrittenen These, die <em>terreur<\/em> der Franz\u00f6sischen Revolution h\u00e4tte mit der Anonymisierung und Mechanisierung massenhaften Mordens direkt zu den Gaskammern gef\u00fchrt. ((13)) All dies kann hier nicht diskutiert werden. Die folgende Kritik beschr\u00e4nkt sich auf nur wenige, allerdings im Grundger\u00fcst der Argumentation wichtige, Seiten von insgesamt 1300 Seiten; sie ist also von begrenzter Reichweite und entzieht sich gezielt jener gegen schneidenden Logik, die nur entweder &#8222;ja&#8220; oder &#8222;nein&#8220; zu einem Buch oder einer Theorie sagen will, nur komplette Zustimmung oder vollst\u00e4ndige Verdammung kennt.<\/p>\n<p>Neben der Kritik an einzelnen historischen Thesen Foucaults zielt Evans&#8216; Foucault-Kritik vor allem auf methodologische Fragen und politische Positionen Foucaults. Irrt\u00fcmlich schlie\u00dft Evans Foucaults Methode in <em>\u00dcberwachen und Strafen<\/em> kurz mit seinen fr\u00fcheren Arbeiten zur &#8222;Arch\u00e4ologie des Wissens&#8220; und folgt, konsequent auf dieser falschen Spur bleibend, Jean-Paul Sartres Kritik, Foucault sei ein &#8222;Geologe des Wissens&#8220;, der geschichtliche Ver\u00e4nderungen nicht zu analysieren verm\u00f6ge. ((14)) Diese Kritik bezog sich auf Foucaults <em>Die Ordnung der Dinge<\/em> und traf, abgesehen von anderen Eins\u00e4tzen, die damals im Spiel waren, in der Tat ein Problem dieser Studie: dass n\u00e4mlich dort die \u00dcberg\u00e4nge von einer Episteme zur n\u00e4chsten nicht gekl\u00e4rt wurden. Diese Kritik Sartres einfach auf <em>\u00dcberwachen und Strafen<\/em> zu verl\u00e4ngern, ist allerdings nicht legitim; an die Stelle der dortigen &#8222;Arch\u00e4ologie&#8220; war l\u00e4ngst ein genealogisches Vorgehen getreten. Dass Evans Foucaults Studie zur &#8222;Geburt des Gef\u00e4ngnisses&#8220; auf dieser falschen Folie interpretiert, zeigt sich dann auch darin, dass er Foucaults Analyse auf blo\u00dfen &#8218;Diskurs'&#8220; (und zwar im eingeschr\u00e4nkten Sinne von &#8218;Debatte&#8216;, &#8218;blo\u00dfem Gerede&#8216;) reduziert, derweil Foucault diese &#8211; in <em>Die Ordnung der Dinge<\/em> tats\u00e4chlich vorfindliche &#8211; Einengung l\u00e4ngst (wieder) \u00fcberwunden hatte.<\/p>\n<p>Nur auf der Basis diesen arg reduktionistischen Verst\u00e4ndnisses von <em>\u00dcberwachen und Strafen<\/em> kann Evans seine &#8218;Drei-Ebenen-Anordnung&#8216; von Foucault, Norbert Elias und Philippe Ari\u00e8s vollziehen, deren erste Ebene, f\u00fcr die Foucault stehe, die des Diskurses sei: .&#8220;Vereinfacht gesagt, ist damit gemeint, was die Menschen \u00fcber die Todesstrafe sagten und schrieben, welche Argumente sie gebrauchten, um sie zu verteidigen oder zu kritisieren, und auf welche Weise sie diese Strafe auf die gr\u00f6\u00dferen sozialen und politischen Ziele bezogen, die sie verfolgten.&#8220; ((15)) Gegen diesen von ihm selbst konstruierten Popanz &#8222;Foucault&#8220; argumentiert Evans: &#8222;Bei der Besch\u00e4ftigung mit einem Thema wie der Todesstrafe d\u00fcrfen wir nie vergessen, dass dies mehr als eine blo\u00dfe Debatte [&#8230;] ist. Letzten Endes wurden Menschen vom Staat get\u00f6tet &#8211; blutig, st\u00fcmperhaft und oft in riesiger Zahl. Wir sind es ihnen schuldig, ihre Not und ihr Schicksal ernst zu nehmen.&#8220; ((16))<\/p>\n<p>Was Evans hier schreibend produziert, ist ein moralisch aufgeladener Spezialdiskurs (Geschichtswissenschaft), in dem er die Todesstrafe als etwas Reales, das realen Menschen widerfuhr und widerf\u00e4hrt, aufbietet, um im Diskurs der Wissenschaften gegen andere zu punkten, gegen reale Menschen, deren reale Texte er bisweilen chirurgisch fein, bisweilen brutal amputiert und f\u00fcr seine Argumentation zurechtst\u00fcckelt. ((17))<\/p>\n<p><strong>James Millers Schl\u00fcsselloch-Perspektive<\/strong><\/p>\n<p>Evans war schlecht beraten, als er sich auf James Millers sensationsheischende Foucault-Biographie st\u00fctzte. Miller ging bei seiner Recherche von dem Ger\u00fccht aus, Foucault habe im Wissen um seine HIV-Infektion weiter die schwulen Badeh\u00e4user San Franciscos besucht und dabei &#8222;vors\u00e4tzlich andere Menschen mit dem Virus infiziert&#8220;. ((18)) Damit ist Miller auf eine Schl\u00fcsselloch-Perspektive festgelegt. Nachgerade obsessiv verfolgt er sein Thema, eine Foucault unterstellte Faszination f\u00fcr Tod, Selbstmord, Gewalt und Sadomasochismus, die er in reduktionistisch-psychobiographischer Manier als Interpretationsschl\u00fcssel benutzt. Mit teilweise erb\u00e4rmlichen Ergebnissen. Zwei Kostproben aus der laut Evans &#8222;brillanten Darstellung von Leben und Denken Foucaults&#8220; ((19)): Foucaults Aussage, Samuel Becketts <em>Warten auf Godot<\/em> sei f\u00fcr seinen intellektuellen Werdegang von entscheidender Bedeutung gewesen ((20)), veranlasst Miller zur Beckett-Lekt\u00fcre, w\u00e4hrend derer er auf einige Zeilen st\u00f6\u00dft, die wohl Foucaults Interesse an diesen gro\u00dfen literarischen Werk erkl\u00e4ren sollen: &#8222;&#8218;Sollen wir uns aufh\u00e4ngen&#8216;, sagt einer.<\/p>\n<p>&#8218;Dann geht noch mal einer ab&#8216;, erwidert der andere.<\/p>\n<p>&#8218;Dann geht einer ab? (&#8230;) Komm, wir h\u00e4ngen uns sofort auf.'&#8220; ((21)) Diese Art &#8218;Stellen&#8216;-Lekt\u00fcre er\u00f6ffnet literarischen Rezeptionsanalysen wahrlich neue Perspektiven, und zwar weit \u00fcber Becketts Werk hinaus: ganze Forschungsprogramme k\u00f6nnten sich damit besch\u00e4ftigen, ob beispielsweise Interpreten von de Sade beim Schreiben einer abging, was &#8211; um nur ein prominentes Werk zu nennen, das durch die sexologische Miller-M\u00fchle gedreht werden k\u00f6nnte &#8211; ganz sicher das Verst\u00e4ndnis des Kapitels zu de Sade in der <em>Dialektik der Aufkl\u00e4rung<\/em> voranbringen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Im Zuge der Darstellung von Foucaults Aktivit\u00e4ten mit der Gruppe Gef\u00e4ngnis-Information rutscht Miller eine ihrerseits interpretationsw\u00fcrdige interpretierende Zwischenbemerkung raus: Er zitiert Foucaults Zusammenfassung von Details des Gef\u00e4ngnisalltags, die die Gef\u00e4ngnis-Psychiaterin Rose enth\u00fcllt hatte ((22)), wie folgt: &#8222;&#8218;M\u00e4nner tagelang an F\u00fc\u00dfen und Handgelenken angekettet, (&#8230;) routinem\u00e4\u00dfiger Wechsel zwischen Schl\u00e4gen und Beruhigungsmitteln, Gewahrsam\/Spritze, Kerker\/Valium (oh, die beruhigende Kraft der Moral); Autodiebe, die im Alter von zwanzig Jahren zu Berufsverbrechern gemacht werden&#8216; (eine Behauptung, die in <em>\u00dcberwachen und Strafen<\/em> im Mittelpunkt stehen sollte); und &#8211; <em>wie k\u00f6nnte sich Foucault diese Tatsache entgehen lassen<\/em> [Hrvh. v. AS] &#8211; &#8218;fast jede Nacht Selbstmordversuche&#8216;.&#8220; ((23)) Zuvor hatte sich Miller gro\u00dfe M\u00fche gegeben, Foucaults Faible f\u00fcr Selbstmord herauszustellen. Aber: bedarf es eines Hangs zum Selbstmord, um die Aufmerksamkeit f\u00fcr die hohe Selbstmordrate in Gef\u00e4ngnissen aufzubringen?<\/p>\n<p>Und um die h\u00e4ufigen Selbstmorde in Gef\u00e4ngnissen im Rahmen einer <em>Kritik<\/em> der Inhaftierungspraxis zu benennen? Erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig und (mehr als) eine Zwischenbemerkung wert w\u00e4re allenfalls, \u00fcber diese Tatsache hinwegzusehen.<\/p>\n<h3>Foucaults &#8218;maoistische&#8216; Irrwege<\/h3>\n<p>Mit Recht erinnert Evans an ein zwar kurzes, aber sehr finsteres Kapitel in der Biographie Foucaults, das in vielen Darstellungen gerne ausgespart oder nur ganz am Rande behandelt wird, von Miller hingegen breit exponiert wird. ((24)) 1972 publizierte die Zeitschrift <em>Les Temps modernes<\/em> im Rahmen einer von der Redaktion der Zeitschrift <em>Cause du peuple<\/em> (&#8222;Sache des Volkes&#8220;) und maoistischen Aktivisten gestalteten Sondernummer ein Gespr\u00e4ch Foucaults mit maoistischen Genossen, darunter Pierre Victor, ein in der Illegalit\u00e4t lebender, aus \u00c4gypten stammender j\u00fcdischer Einwanderer und maoistischer F\u00fchrer, sp\u00e4terer Sekret\u00e4r Jean-Paul Sartres und noch sp\u00e4ter unter seinem richtigen Namen Benny L\u00e9vy zum orthodoxen Judentum (re)konvertiert. ((25)) Eine deutsche \u00dcbersetzung erschien im selben Jahr bei Wagenbach. Die These vom sich auf den demokratischen Rechtsstaat st\u00fctzenden &#8222;neuen Faschismus&#8220; und seiner &#8222;pr\u00e4ventiven Konterrevolution&#8220; boomte also auch in Teilen der westdeutschen Linken; &#8222;die Lehren&#8220; der franz\u00f6sischen Diskussion &#8222;f\u00fcr die BRD und Westberlin&#8220;, so hei\u00dft es in der deutschen Vorbemerkung, &#8222;dr\u00e4ngen sich [&#8230;] geradezu auf&#8220;. ((26))<\/p>\n<p>Ganz im \u00dcberbietungsgestus linksradikaler Debatten pries Foucault in diesem Gespr\u00e4ch die Septembermorde w\u00e4hrend der Franz\u00f6sischen Revolution 1792; solche Entladung revolution\u00e4rer Energien des Volkes solle, so Foucault in diesem Gespr\u00e4ch, nicht durch Volkstribunale gebremst werden. Evans behauptet, Foucault habe &#8222;auch weiterhin seinen emphatischen Glauben an die Volksjustiz&#8220; ((27)) bewahrt. Erst &#8222;Anfang der 1980er Jahre&#8220; habe Foucault &#8222;sein revolution\u00e4r get\u00f6ntes Eintreten f\u00fcr die Volksjustiz&#8220; aufgegeben. ((28))<\/p>\n<p>Man darf sich verwundert fragen, warum Evans, der so viel Wert auf &#8222;objektiven&#8220; Umgang mit Quellen legt, in sein Foucault-Bild nicht die angesichts seines Themas doch nahe liegende Tatsache erw\u00e4hnt, dass Foucault in den siebziger Jahren ebenso wie Anfang der achtziger Jahre sich mit einiger Beharrlichkeit gegen die Todesstrafe engagierte, ob 1975 in Spanien oder in mehreren Texten ((29)) w\u00e4hrend der Debatte \u00fcber die Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich und dabei keineswegs auf die &#8218;Entladung von Energien des Volkes&#8216; setzte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Es gibt einen Mann, der in Auteuil wohnt und der in der Nacht von Montag auf letzen Dienstag einemillionzweihunderttausend Francs verdient hat. Monsieur Obrecht hat zweimal an der Schnur gezogen: sechshunderttausend Francs f\u00fcr einen in einen Korb springenden Kopf. Das gibt es noch, das macht einen Teil unserer Institutionen aus, versammelt um seine Zeremonie die &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/02\/etwas-physisch-politisch-unertragliches\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Etwas physisch, politisch Unertr\u00e4gliches\" - graswurzelrevolution","description":"\"Es gibt einen Mann, der in Auteuil wohnt und der in der Nacht von Montag auf letzen Dienstag einemillionzweihunderttausend Francs verdient hat. Monsieur Obrech"},"footnotes":""},"categories":[405,1030],"tags":[],"class_list":["post-6650","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-296-februar-2005","category-es-wird-ein-laecheln-sein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6650","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6650"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6650\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6650"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6650"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6650"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}