{"id":666,"date":"1996-10-01T00:00:00","date_gmt":"1996-09-30T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=666"},"modified":"2022-07-26T14:17:08","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:08","slug":"der-traum-ist-aus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/10\/der-traum-ist-aus\/","title":{"rendered":"Der Traum ist aus!"},"content":{"rendered":"<pre>Ich hab getr\u00e4umt\r\nder Winter w\u00e4r vorbei\r\ndu warst hier\r\nund wir warn frei\r\nund die Morgensonne schien\r\nes gab keine Angst\r\nund nichts zu verliern\r\nes war Friede bei den Menschen\r\nund unter den Tiern\r\ndas war das Paradies ((1))<\/pre>\n<p>Aus der Traum. Rio Reiser ist tot. Als ich die Nachricht in der Zeitung las, habe ich sie zun\u00e4chst einfach nur zur Kenntnis genommen. Erst in den Tagen danach wurde mir klar, wieviel mir die Musik und die Texte von Rio Reiser und den &#8222;Scherben&#8220; bedeuteten.<\/p>\n<p>Entdeckt habe ich Ton Steine Scherben erst sp\u00e4t, zu Anfang der 80er Jahre, w\u00e4hrend der Zeit meiner Ausbildung in einem gro\u00dfen Industriebetrieb. Die gro\u00dfe Zeit der Scherben war damals schon lange vorbei, und dennoch waren es gerade die Texte der fr\u00fchen Scherben, die genau meinen Nerv trafen.<\/p>\n<pre>Guten Morgen!\r\nWenn ich mich dann aufrapple\r\nGuten Morgen!\r\nund ab zur Arbeit geh\r\nGuten Morgen!\r\nund schon aus der Ferne\r\nGuten Morgen!\r\nmeine Firma seh\r\nden freundlichen Kasten aus Klinkerstein\r\nda sag' ich mir: mannometer wird das wieder fein ((2))<\/pre>\n<p>Das Gef\u00fchl, vom Wecker in aller Fr\u00fche aus dem Schlaf gerissen zu werden und sich zu einer Arbeit aufmachen zu m\u00fcssen, die einem nichts bedeutet &#8211; nie habe ich das so gut beschrieben geh\u00f6rt wie bei Ton Steine Scherben. Lieder wie diese, oder auch &#8222;Feierabend&#8220;, &#8222;Wir m\u00fcssen hier raus, das ist die H\u00f6lle&#8230;&#8220; trafen eine Stimmung, die f\u00fcr mich zu Anfang der 80er \u00e4hnlich gewesen sein mu\u00df wie f\u00fcr viele andere zu Beginn der 70er. Sie trafen den Nerv einer in den gro\u00dfen Industriebetrieben um jede Selbstbestimmung betrogenen Jugend, die in diesem Leben keine erstrebenswerte Zukunft entdecken konnte.<\/p>\n<p>Doch die Scherben waren und sind mehr als ein Ventil f\u00fcr den Frust. Mit Liedern wie &#8222;Schritt f\u00fcr Schritt ins Paradies&#8220;, mehr aber noch mit &#8222;Der Traum ist aus&#8220; laden sie auch zum Tr\u00e4umen ein, geben Kraft und Mut f\u00fcr den Kampf um Ver\u00e4nderung. Kein Wunder also, da\u00df die Scherben gerade zu Beginn der 70er Jahre fast schon so etwas wie &#8222;die Kult-Band&#8220; der Lehrlings- und Jugendzentrumsbewegung waren. Nicht selten kam es vor, da\u00df nach Konzerten der Scherben leerstehende H\u00e4user besetzt und selbstverwaltete Jugendzentren proklamiert wurden.<\/p>\n<pre>Der Traum ist aus\r\nder Traum ist aus\r\naber ich werde alles geben\r\nda\u00df er Wirklichkeit wird.\r\n\r\nDer Traum ist ein Traum\r\nzu dieser Zeit\r\ndoch nicht mehr lange\r\nmach dich bereit\r\nf\u00fcr den Kampf ums Paradies\r\nwir haben nichts zu verlieren\r\nau\u00dfer unsrer Angst\r\nes ist unsre Zukunft\r\nes ist unser Land\r\ngib mir deine Liebe\r\ngib mir deine Hand. ((3))<\/pre>\n<p>Auch wenn dieses Lied noch heute f\u00fcr mich so etwas wie eine Hymne ist, eine Hymne an die Utopie, an die gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft (auch wenn die Scherben mit Sicherheit nicht gewaltfrei waren), so lassen sich die Scherben nicht auf ihre fr\u00fchen Jahre reduzieren (wie es leider so h\u00e4ufig getan wird). Aber mit dem Abflauen der Jugendproteste zur Mitte der 70er Jahre wich auch aus den Texten der Scherben die revolution\u00e4re Ungeduld. Auch wenn sie noch so oft &#8222;Keine Macht f\u00fcr Niemand&#8220; und &#8222;Macht kaputt was euch kaputt macht!&#8220; sangen, die Revolution stellte sich nicht ein, und resignativ und trotzig sangen die Scherben dagegen an:<\/p>\n<pre>Und wir werden diesen Weg zu Ende gehn\r\nund ich wei\u00df wir werden die Sonne sehn\r\nWenn die Nacht am tiefsten ist\r\nist der Tag am n\u00e4chsten ((4))<\/pre>\n<p>Doch die &#8222;Linke&#8220; verfl\u00fcchtigte sich &#8211; auf der einen Seite in die dogmatischen K-Gruppen, die bei ihrer Anbiederung an die &#8222;proletarische Masse&#8220; mit dem Undogmatischen der Scherben nichts mehr anfangen konnten, auf der anderen Seite entstand auch etwas neues: alternative Projekte, die \u00d6kologiebewegung, die Frauenbewegung, etc. Auch an den Scherben ging das nicht spurlos vorbei, und sie zogen von der linken &#8222;Metropole&#8220; Berlin aufs Land, auf einen Bauernhof nach Fresenhagen, wo sie sozusagen ein alternatives Lebensprojekt bildeten.<\/p>\n<p>Diese anderen Scherben spiegelten eine Ver\u00e4nderung in der &#8222;Linken&#8220; wieder, die den Menschen nicht mehr auf den revolution\u00e4ren Kampf reduzierte und alles andere zum &#8222;Nebenwiderspruch&#8220; degradierte. Somit kamen auch pers\u00f6nliche Entt\u00e4uschungen, Hoffnungen, Orientierungslosigkeit und Verzweiflung wie selbstverst\u00e4ndlich und getreu dem Selbstverst\u00e4ndnis, da\u00df eben auch oder gerade das &#8222;private&#8220; politisch ist, neben &#8222;politischen&#8220; Themen in den Texten der Scherben vor, was ihnen von den alten linken K\u00e4mpferInnen oft als Entpolitisierung vorgeworfen wurde. Sicher, Parolen lie\u00dfen sich aus den Texten der &#8222;neuen&#8220; Scherben nicht entleihen, dennoch mochte ich gerade auch &#8222;diese&#8220; Scherben.<\/p>\n<pre>All die L\u00fcgen\r\ngeben dir den Rest\r\nHalt dich an deiner Liebe fest\r\n\r\nWenn der Novemberwind\r\ndeine Hoffnung verweht\r\nund du bist so m\u00fcde\r\nweil du nicht mehr weist\r\nwie's weitergeht\r\nwenn dein kaltes Bett\r\ndich nicht schlafen l\u00e4\u00dft\r\nHalt dich an deiner Liebe fest ((5))<\/pre>\n<p>Mit &#8222;Der Turm st\u00fcrzt ein&#8220; zeigen sich die Scherben Jahre sp\u00e4ter scheinbar optimistischer, wenn auch l\u00e4ngst nicht mehr so positiv utopisch wie in &#8222;Schritt f\u00fcr Schritt ins Paradies&#8220;. Lediglich die Hoffnung auf den Zusammenbruch des &#8222;gl\u00e4nzenden doch von Rost zerfressenen&#8220; Kapitalismus wird ausgedr\u00fcckt, doch nichts tritt an seine Stelle. In anderen Texten kommen dagegen noch viel st\u00e4rker Melancholie und Selbstzweifel zum Ausdruck:<\/p>\n<pre>Warum die menschlichen Schw\u00e4chen wecken\r\nWarum gut und b\u00f6se im Bett  verstecken\r\nWarum wurde ich in die Welt gejagt\r\nWarum wird mir immer nur das eine gesagt\r\n<strong>Zukunft<\/strong> ist wichtig\r\n<strong>Zustand<\/strong> egal\r\n<strong>Alles ist richtig<\/strong>\r\nAlles normal ((6))<\/pre>\n<p>Und so geh\u00f6rten die Scherben nie zu den musikalischen VertreterInnen der Friedensbewegung, dazu pa\u00dften viel besser die &#8222;Bots&#8220; (die heute nienamd mehr kennt) oder andere, die entsprechend dem fehlenden inhaltlichen Tiefgang dieser Bewegung die passende &#8222;Friede-Freude-Eierkuchen&#8220;-Musik lieferten. Damit konnten die Scherben gerade zu dieser Zeit \u00fcberhaupt nicht dienen, viel zu nachdenklich waren ihre Texte, viel zu wenig an der Tagespolitik dieser Friedensbewegung ausgerichtet.<\/p>\n<p>Trotzdem spielten die Scherben auch zu dieser Zeit in der Regel f\u00fcr die Sozialen Bewegungen: Konzert f\u00fcr Nicaragua, die Menschenkette der Friedensbewegung von Ulm nach Stuttgart, usw. Gefragt waren hier aber vor allem die &#8222;alten&#8220; Scherben. Doch es gab auch noch andere Scherben, weder resignativ noch den &#8222;alten&#8220; Parolen verhaftet, und ich wei\u00df nicht wie oft meine diversen WGs das folgende Lied ertragen mu\u00dften. Mit &#8222;La\u00df uns&#8217;n Wunder sein&#8220; hatten die Scherben auch ein Liebeslied vorgelegt, das nicht vor Kitsch trieft und das Gl\u00fcck der Zweisamkeit besingt, sondern versucht, eine andere Art von Liebe und Beziehung musikalisch und textlich umzusetzen:<\/p>\n<pre>Ich will nicht\r\nDa\u00df du mir geh\u00f6rst\r\nMich bedienst oder verehrst\r\nDa\u00df du immer an mich denkst\r\nWie'n Schmuckst\u00fcck an mir h\u00e4ngst\r\nUnd die M\u00e4use f\u00fcr mich f\u00e4ngst\r\nMir dein ganzes Leben schenkst\r\n\r\nLa\u00df uns'n Wunder sein\r\nN wunderbares Wunder sein\r\nNicht nur du und ich allein\r\nK\u00f6nnte das nicht sch\u00f6n sein\r\nK\u00f6nnte das nicht wunderbar sein ((7))<\/pre>\n<p>Nach &#8222;Rio I&#8220;, der ersten Solo-LP von Rio Reiser, habe ich ihn so langsam aus den Augen (oder besser: den Ohren) verloren, doch deswegen sind Rio&#8217;s Musik und Texte f\u00fcr mich nicht weniger wichtig geworden. Und auch wenn zwischen &#8222;Der Traum ist aus&#8220; und &#8222;K\u00f6nig von Deutschland&#8220; Welten liegen, so finden sich selbst auf &#8222;Rio I&#8220; Lieder und Texte, in denen deutlich die alten Ton Steine Scherben durchscheinen.<\/p>\n<pre>Oh der Mond scheint langsam und golden\r\n\u00fcber den Wolken\r\nschaut durch die B\u00e4ume auf schlafende Blumen\r\nRehe und Hasen\r\nBerge und T\u00e4ler  Wiesen und W\u00e4lder\r\nOh es is 'n sch\u00f6nes Land\r\nBei Nacht\r\n\r\nBei Nacht -\r\nWenn die Sonne auf der anderen Seite der Erde\r\nihre Strahlen in die Stra\u00dfen und H\u00fctten\r\nvon Rio und Sao Paulo senkt\r\nBei Nacht -\r\nWenn die Sonne weit weit weg im Osten\r\nin Bombay und Kalkutta und Neu Delhi\r\nden Kindern in den Augen brennt\r\n\r\nBei Nacht\r\nUnd nicht mal dann\r\nweil die tiefsten Wunden selbst in der Nacht\r\nnoch grell erleuchtet sind\r\nBei Nacht\r\nUnd nicht mal dann\r\nweil in der Nacht die \u00fcberwachen Augen\r\nzehnmal sch\u00e4rfer sehn\r\nNicht mal dann ((8))<\/pre>\n<p>Die Z\u00e4une von Wackersdorf kamen mir dabei gleich in den Sinn, oder auch andere Gro\u00dfprojekte der Zeit &#8211; Volksz\u00e4hlung und neuer Personalausweis. &#8222;Bei Nacht&#8220; oder auch &#8222;Junimond&#8220;, beides eher stillere, melancholischere Texte, die nicht den Bruch zu den &#8222;Scherben&#8220; sondern im Gegenteil die Kontinuit\u00e4t beweisen. Rio war zwar nicht mehr der jugendliche Rebell, der glaubhaft &#8222;Keine Macht f\u00fcr Niemand&#8220; singen konnte, aber deswegen immer noch politischer und tiefsinniger als alle sogenannten PolitrockerInnen von Gr\u00f6nemeyer bis Wolf Mahn.<\/p>\n<p>Und immer wieder entdecke ich beim Durchh\u00f6ren der alten Platten neue Texte, die f\u00fcr mich in meiner aktuellen Situation von Bedeutung sind, die mich packen und meine derzeitige Stimmung gut wiederspiegeln:<\/p>\n<pre>Ich stell mir meine Arbeit vor\r\nund fr\u00fcher, in der Schule\r\nmontags die normalen K\u00f6pckes\r\nund die mit ihrer Manneskraft\r\nMein Gott, was sind die liberal\r\ndie l\u00e4stern so ganz nebenbei\r\nmal wieder \u00fcber die warmen Br\u00fcder\r\n\r\nIch grins' sie an\r\nund sag ganz cool:\r\nwi\u00dft ihr, ich bin selber schwul ((9))<\/pre>\n<p>Rio ist tot. Er war f\u00fcr mich zu den verschiedenen Zeiten von ganz unterschiedlicher Bedeutung: als Rebell, Anarchist, selbstbewu\u00dfter Schwuler (wenn auch das schwule Coming Out in den Texten erst sehr sp\u00e4t auftaucht). Rio ist tot. Der Traum ist aus. Nun ist es an uns: &#8211;<\/p>\n<pre>aber ich werde alles geben\r\nda\u00df er Wirklichkeit wird!<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hab getr\u00e4umt der Winter w\u00e4r vorbei du warst hier und wir warn frei und die Morgensonne schien es gab keine Angst und nichts zu verliern es war Friede bei den Menschen und unter den Tiern das war das Paradies ((1)) Aus der Traum. Rio Reiser ist tot. 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