{"id":6669,"date":"2005-03-01T00:00:12","date_gmt":"2005-02-28T22:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6669"},"modified":"2022-07-26T13:31:30","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:30","slug":"moderner-militarismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/03\/moderner-militarismus\/","title":{"rendered":"Moderner Militarismus"},"content":{"rendered":"<p>Im Kaiserreich sorgte der allgemeine Kriegsdienstzwang, den Preu\u00dfen-Deutschland im 19. Jahrhundert als einziges europ\u00e4isches Land in Friedens- wie Kriegszeiten aufrechterhalten hatte, f\u00fcr eine einzigartige soziale Militarisierung. Aber immer blieb das Milit\u00e4r eine exklusive Gruppe; gerade die Heroisierung des Soldaten (wie erb\u00e4rmlich das Kasernendasein auch sein mochte) erforderte die Aufrichtung von Schranken gegen die verd\u00e4chtig-ver\u00e4chtlichen Zivilisten. Das Offizierskorps als Elite der Nation hielt auf einen strikten Ehrenkodex: ja, den preu\u00dfischen Leutnant &#8211; denkt der Untertan Diederich He\u00dfling bewundernd, als er sich, vor der Duellforderung kneifend, gedem\u00fctigt aus dem Zimmer ebendieses Leutnants schleicht &#8211; den macht uns eben doch keiner nach!<\/p>\n<p>Kriegervereine und -denkm\u00e4ler, Milit\u00e4rmusik, Fackelz\u00fcge &#8211; die Rituale des klassischen Militarismus machten das Milit\u00e4r zwar \u00f6ffentlich un\u00fcbersehbar, grenzten es aber auch von der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft ab.<\/p>\n<p>Die war schlapp und verweichlicht; auf Olaf Gulbranssons Simplicissimus-Karikatur schnauzt der bullige Feldwebel unter der Pickelhaube den windschiefen Rekrutenhaufen an: &#8222;Aus euch werden wir erst mal Menschen machen!&#8220;<\/p>\n<p>Die Werte und Verhaltensweisen des Milit\u00e4rs waren allgegenw\u00e4rtig, aber nicht jedem erreichbar; und das pa\u00dfte der Bourgeoisie im Grunde ganz gut: sie hatte nur Sinn f\u00fcr Heroismus auf Distanz: Heldenverehrung gerne, aber sich selber in den Schlamm schmei\u00dfen? Ich bitte Sie, man hat seine Leute. Entweder die armen Schlucker, die in eine Berufsarmee eintreten mu\u00dften, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, oder die Kriegsdienstpflichtigen, denen unter der kulturellen Hegemonie des klassischen Militarismus die Erniedrigungen des Milit\u00e4rdienstes als unentbehrlicher Bestandteil einer m\u00e4nnlichen Identit\u00e4t erschienen.<\/p>\n<p>Einen in diesem Sinn militaristischen Staat gibt es unter den Staaten, die eine globale milit\u00e4rische Macht darstellen, den USA und der Europ\u00e4ischen Union, nicht mehr. Ihre Armeen kommen zunehmend zivil daher, und die Rituale des klassischen Militarismus machen immer mehr den Eindruck von Relikten einer vergangenen Zeit.<\/p>\n<p>Die Rhetorik, mit der Bundeswehrvertreter, Verteidigungsexperten und R\u00fcstungslobbyisten die \u00d6ffentlichkeit bearbeiten, ist weich und weicher geworden: keineswegs gehe es darum, Krieg zu f\u00fchren, vielmehr um peace keeping &#8211; na, schlimmstenfalls peace enforcing &#8230; Keine Rede k\u00f6nne davon sein, da\u00df wir eine Interventionsarmee h\u00e4tten oder haben wollten (die US-Amerikaner schon); aber wir m\u00fc\u00dften bereit sein, international Verantwortung zu \u00fcbernehmen und humanit\u00e4re Hilfe zu leisten!<\/p>\n<p>Selbst da, wo sich nicht verschleiern l\u00e4\u00dft, da\u00df gek\u00e4mpft wird, handelt es sich scheinbar nicht um etwas so \u00dcbles wie Krieg: allenfalls werden Milit\u00e4rschl\u00e4ge, und zwar pr\u00e4zise, durchgef\u00fchrt. Mit offen dargestelltem Heroismus ist kein Blumentopf mehr zu gewinnen und keine Armee mehr zu rechtfertigen. Parallel dazu wird die Bundeswehr umgebaut: von einer sogenannten Verteidigungsarmee, deren Aufgabe es war, im Rahmen der Abschreckungsstrategie des Kalten Krieges die F\u00e4higkeit zum Krieg zu demonstrieren und damit Gewalt anzudrohen, zu einer Armee im Einsatz, die Gewalt tats\u00e4chlich anwendet; da, wo es zur Durchsetzung der Interessen der Bundesrepublik erforderlich ist. Struktur und Ausr\u00fcstung werden diesen Erfordernissen seit Jahren angepa\u00dft; die Ausbildung, die h\u00e4rter und einsatzorientiert zu sein hat, ebenfalls; auch wenn es da anfangs zu Mi\u00dfverst\u00e4ndnissen gekommen zu sein scheint.<\/p>\n<p>Die F\u00e4higkeit des Staates, Krieg zu f\u00fchren, ist nicht mehr an das martialische Auftreten des klassischen Militarismus gebunden. Der Militarismus hat sich mit der Zeit gewandelt, er ist pragmatischer und ziviler geworden, er hat seine feudalen heroischen Anteile abgesto\u00dfen, um sich als Bestandteil der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft unauff\u00e4llig, aber wirkungsvoll zu pr\u00e4sentieren. Eine Big Band tourt durch die Lande, gibt Benefizkonzerte, auf denen Geld f\u00fcr wohlt\u00e4tige Zwecke gesammelt wird; auf dem Programm steht Jazz, die S\u00e4ngerin ist Afrikanerin, und die Musiker sind &#8211; Soldaten, denn es handelt sich um die Big Band der Bundeswehr. Was soll man denn dagegen haben? Schlie\u00dflich wird hier doch keine Propaganda f\u00fcrs Milit\u00e4r gemacht; Politik kommt gar nicht vor!<\/p>\n<p>Eben. Die Bundeswehr, Tr\u00e4ger des staatlichen Gewaltmonopols und eben dabei, sich f\u00fcr weltweite Kriegseins\u00e4tze auszur\u00fcsten, besetzt einen \u00f6ffentlichen Raum, un\u00fcbersehbar; und gleichzeitig macht sie jede Diskussion \u00fcber sich und das, was sie tut, unm\u00f6glich. Man kann nicht w\u00e4hrend eines Big-Band-Konzerts diskutieren oder mit einer Big Band oder \u00fcber den gemeinn\u00fctzigen Zweck, f\u00fcr den sie Geld sammelt. Die Aufgabe und die Handlungen der Armee verschwinden unter einem Klangnebel aus Swing.<\/p>\n<p>Wer Swing spielt, kann unm\u00f6glich milit\u00e4rische Haltung annehmen. Die Kasernenhofschindereien der kaiserlichen Armee wurden vom heroischen Ideal \u00fcberdeckt; die Kriegsausbildung bei der Bundeswehr vom legeren Auftreten ihrer Musiker oder Sportler und dem menschenfreundlichen Engagement ihrer humanit\u00e4ren Helfer.<\/p>\n<p>Kampftruppen gibt es aber auch? Das ist eben noch ein Job, den man bei der Bundeswehr machen kann. Die organisierte Gewaltanwendung des Milit\u00e4rs unterliegt nicht mehr den Zw\u00e4ngen eines feudalen Ehrenkodex, der f\u00fcr eine exklusive Gruppe von Kriegern verbindlich ist, sie ist ein Beruf wie jeder andere geworden: routiniert, effizient und ohne gro\u00dfartige Sperenzchen zu erledigen. Die Barrieren zwischen b\u00fcrgerlicher Gesellschaft und Milit\u00e4r sind gefallen, eines geht ins andere \u00fcber: so wird das Milit\u00e4rische ziviler, das Zivile aber auch milit\u00e4rischer. Die Existenz des Milit\u00e4rs und sein Zweck werden von niemandem au\u00dfer marginalen Gruppen in Frage gestellt (und in einem Aktionsb\u00fcndnis die Forderung nach Asyl f\u00fcr Deserteure durchzusetzen, ist ein Kraftakt!), die Anwendung von kriegerischer Gewalt zur Erreichung politischer Ziele wird entweder nicht als Problem zur Kenntnis genommen oder akzeptiert. Es gibt eine Art von ideologischem dual use: die Bilder und Haltungen, die die Kulturindustrie verbreitet, passen ebenso gut in einen zivilen wie in einen milit\u00e4rischen Kontext; was auszuwechseln w\u00e4re, ist die Kleidung, alles andere funktioniert hier wie dort.<\/p>\n<p>Der moderne Militarismus pflegt die alten Rituale vor allem im Interesse des Zusammenhaltes der Truppe selbst und nur noch begrenzt als Mittel der Au\u00dfendarstellung &#8211; das l\u00e4\u00dft sich etwa an \u00f6ffentlichen Gel\u00f6bnissen beobachten, deren \u00d6ffentlichkeit zum Teil eine sehr eingeschr\u00e4nkte ist, die aber einen Schlu\u00dfpunkt unter die milit\u00e4rische Initiation der Rekruten setzen. Sie werden noch einmal symbolisch in das milit\u00e4rische Kollektiv einverleibt, damit dem Einzelnen klar wird: Jetzt geh\u00f6rst du dazu! Darauf kann eine Organisation, die t\u00f6dliche Gewalt anwenden soll, nicht verzichten. Aber aus der Beobachtung, da\u00df diese Seite der Medaille nur noch relativ selten vorgezeigt wird, zu schlie\u00dfen, wir lebten in einer nachmilit\u00e4rischen Gesellschaft, w\u00e4re str\u00e4flich naiv.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Kaiserreich sorgte der allgemeine Kriegsdienstzwang, den Preu\u00dfen-Deutschland im 19. Jahrhundert als einziges europ\u00e4isches Land in Friedens- wie Kriegszeiten aufrechterhalten hatte, f\u00fcr eine einzigartige soziale Militarisierung. 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