{"id":6677,"date":"2005-03-01T00:00:41","date_gmt":"2005-02-28T22:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6677"},"modified":"2022-07-26T13:56:50","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:50","slug":"uhura-vom-ende-eines-modells","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/03\/uhura-vom-ende-eines-modells\/","title":{"rendered":"Uhura &#8211; Vom Ende eines Modells"},"content":{"rendered":"<p>Als 1966 die Science Fiction-Serie &#8222;Star Trek&#8220; im US-amerikanischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, war das ein humanistisches, fast revolution\u00e4res Wagnis: Auf der Br\u00fccke des Raumschiff Enterprise gab es nicht nur einen Vulkanier, sondern &#8211; auf dem H\u00f6hepunkt des Kalten Krieges &#8211; einen Russen in leitender Funktion. Auswirkungen \u00fcber den symbolpolitischen Rahmen hinaus hatte eine weitere Figur: Lieutnant Uhura, eine schwarze Frau, ihres Zeichens Kommunikationsoffizierin und Anlass f\u00fcr einige S\u00fcdstaaten-Fernsehanstalten, mit dem Boykott der Serie zu drohen. Als die Darstellerin Uhuras (was auf Swahili &#8222;Freiheit&#8220; bedeutet), Nichelle Nichols, nach der ersten Staffel aussteigen wollte, wurde sie von Martin Luther King zum Gespr\u00e4ch eingeladen und auf Grund ihrer identifikatorischen Bedeutung f\u00fcr die schwarze community zum Weitermachen \u00fcberredet. Die VertreterInnen verschiedener Minderheiten unter der Leitung von Captain Kirk waren das fortschrittliche Modell f\u00fcr &#8222;V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung&#8220; und die Anerkennung der Differenz.<\/p>\n<p>Nichts erm\u00f6glicht die H\u00e4me \u00fcber die Verfehlungen essentialistischer Differenzpolitik so sehr wie das zweite Regierungsteam von George W. Bush. In keiner Regierung der USA waren je so viele VertreterInnen ethnischer Minderheiten.<\/p>\n<p>Und kaum eine Regierung ist so daf\u00fcr pr\u00e4destiniert, die stringente Arbeit ihrer Vorg\u00e4nger an der Einschr\u00e4nkung von Rechten f\u00fcr Minderheiten bruchlos fortzusetzen. Condoleezza Rice, ehemalige Kommunikationsoffizierin von Captain Bush und nun zur Au\u00dfenministerin aufgestiegen, ist wegen ihrer L\u00fcgen im Zuge der Rechtfertigung des Irak-Krieges nicht gerade unumstritten. In Bushs neuer Freiheitsdoktrin, die u.a. auf das Recht der USA auf milit\u00e4rische &#8222;Pr\u00e4ventivschl\u00e4ge&#8220; setzt, spielt sie eine entscheidende Rolle. Von Verst\u00e4ndigung also keine Spur. Auch der neue Justizminister Alberto Gonzalez ist als Latino Vertreter einer wichtigen Minderheit. Nicht zuletzt deshalb haben auch die Demokraten im Senat nicht gegen den Mann gestimmt, der die Genfer Konvention f\u00fcr &#8222;kurios&#8220; und &#8222;veraltet&#8220; h\u00e4lt. In sein Ressort fallen genau die Einschr\u00e4nkungen der B\u00fcrgerInnenrechte, die &#8211; als &#8222;Patriot Act&#8220; im Oktober 2001 nach den Anschl\u00e4gen vom 11. September durchgesetzt &#8211; vor allem ethnische und soziale Minderheiten treffen.<\/p>\n<p>H\u00e4misch freuen k\u00f6nnen sich nun all jene rechten wie linken Universalisten, die schon immer meinten zu wissen, dass Quoten nichts bringen und dass jedes affirmative action-Programm rausgeschmissenes Geld ist. Denn die Vorstellung, unterdr\u00fcckte Minderheiten m\u00fcssten nur angemessen repr\u00e4sentiert werden und automatisch besserten sich auch ihre Lebensumst\u00e4nde, ist ad absurdum gef\u00fchrt. Das Modell Star Trek ist pass\u00e9. Deshalb best\u00e4tigt auch das neue Bush-Kabinett die Kritiken, die von Seiten postmoderner Theorie an die Vorstellung dieses Automatismus angelegt wurden. Judith Butler hatte darauf hingewiesen, dass der Bezug auf ein Kollektivsubjekt &#8222;Frauen&#8220; selbst Ausschl\u00fcsse hervorbringt und obendrein weder f\u00fcr die Entwicklung noch f\u00fcr die Durchsetzung feministischer Forderungen notwendig ist. Aus \u00e4hnlichen Gr\u00fcnden hatte auch Stuart Hall daf\u00fcr pl\u00e4diert, &#8222;schwarze&#8220; oder andere minorit\u00e4re Identit\u00e4ten nicht als wesenhaft, sondern als ver\u00e4nderbare Positionierungen zu begreifen. Beiden ging es dabei aber &#8211; und damit unterscheiden sie sich grunds\u00e4tzlich von den konservativen Besserwissern &#8211; nicht um eine Abschaffung, sondern um die Radikalisierung emanzipatorischer Politik. Auch mit Butler und Hall muss das V\u00f6lkerverst\u00e4ndigungsmodell der Enterprise verabschiedet werden. Und zwar nicht zuletzt deshalb, weil es auf der Kommando-Ebene spielt.<\/p>\n<p>Die Repr\u00e4sentation ist eben nicht alles. Die Einbeziehung von Minderheiten-VertreterInnen kollidiert keineswegs mit den eingesessenen Herrschaftscliquen wie der \u00d6l-Junta um Vizepr\u00e4sident Cheney. Im Sinne einer Modernisierung der rassistischen Sicherheitspolitiken ist sie sogar \u00e4u\u00dferst effektiv, indem sie die Betroffenen durch ihre Repr\u00e4sentantInnen symbolisch einbindet. Hoffnung in die Repr\u00e4sentationspolitik setzen konnte nur, wer von Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnissen nicht reden wollte. Die Anerkennung der Differenz ohne eine Perspektive sozialer und materieller Gleichheit erweist sich aus emanzipatorischer Sicht als \u00e4u\u00dferst kurzsichtig. Gerade im Kontext &#8222;unendlicher Weiten&#8220; (Star Trek) formuliert. Die 1991er-CD der zu Unrecht vergessenen Hamburger Schule-Band &#8222;Cpt. Kirk &amp;&#8220; hatte den Namen, der den Uhura-Komplex vielleicht ganz gut in einem Wort zusammenfasst: &#8222;Reformh\u00f6lle&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als 1966 die Science Fiction-Serie &#8222;Star Trek&#8220; im US-amerikanischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, war das ein humanistisches, fast revolution\u00e4res Wagnis: Auf der Br\u00fccke des Raumschiff Enterprise gab es nicht nur einen Vulkanier, sondern &#8211; auf dem H\u00f6hepunkt des Kalten Krieges &#8211; einen Russen in leitender Funktion. 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