{"id":6681,"date":"2005-03-01T00:00:32","date_gmt":"2005-02-28T22:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=6681"},"modified":"2022-07-26T13:31:30","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:30","slug":"zwischen-angst-und-hoffnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2005\/03\/zwischen-angst-und-hoffnung\/","title":{"rendered":"Zwischen Angst und Hoffnung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Graswurzelrevolution: Zeynettin, m\u00f6chtest du etwas zu deiner Geschichte erz\u00e4hlen? Was hat dich nach Deutschland verschlagen, und wie ist deine Situation heute?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Zeynettin:<\/strong> Seit fast 13 Jahren lebe ich in Deutschland, seit 9 Jahren in Heuchelheim bei Gie\u00dfen. Beruflich arbeite ich in einer Gastst\u00e4tte, ich bin gelernter Koch. Neben dieser T\u00e4tigkeit habe ich nun die Beratungsarbeit f\u00fcr Kriegsdienstverweigerer \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>Warum ich 1992 nach Deutschland gekommen bin? Damals herrschte bei uns Krieg. Auf offener Stra\u00dfe wurde geschossen. Was damals im t\u00fcrkischen Teil Kurdistans geschah, ist in mancher Hinsicht mit der heutigen Situation im Irak vergleichbar.<\/p>\n<p>Ich habe dann in Deutschland einen Asylantrag gestellt. 1997 habe ich mich entschlossen, offiziell meine Kriegsdienstverweigerung zu erkl\u00e4ren. Ich wollte nicht zum Milit\u00e4r. Ich wollte nicht t\u00f6ten, und ich wollte nicht get\u00f6tet werden. Dieser Entschluss war \u00fcber Jahre hinweg gereift. 15, 20 Jahre lang war ich Zeuge des Krieges in unserem Land gewesen. Dieser Krieg w\u00fctete auch in der Gegend, aus der ich komme. Wenn ich also zum Milit\u00e4r gegangen w\u00e4re, h\u00e4tte die Gefahr bestanden, dass ich in meinen Heimatort geschickt werde, um auf die Menschen dort zu schie\u00dfen &#8211; auf meine eigenen Leute, vielleicht auf meine Eltern oder meine Geschwister! Ich wollte also auf keinen Fall zum Milit\u00e4r. Deshalb habe ich an das t\u00fcrkische Konsulat und andere Beh\u00f6rden geschrieben und ihnen mitgeteilt, dass ich den Kriegsdienst verweigere.<\/p>\n<p>Ich sah, dass es nicht genug war, als Einzelner den Kriegsdienst zu verweigern. Darum schloss ich mich mit gleichgesinnten Leuten zusammen. Wir machten gemeinsam \u00d6ffentlichkeitsarbeit, organisierten Veranstaltungen und Demonstrationen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie hat der t\u00fcrkische Staat darauf reagiert?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Zeynettin: <\/strong>Wie ich vier Jahre sp\u00e4ter erfahren habe, f\u00fchrt die t\u00fcrkische Justiz seit meiner Verweigerungserkl\u00e4rung ein Strafverfahren gegen mich. Das habe ich \u00fcber meinen Anwalt in der T\u00fcrkei rausgekriegt. Offiziell wurde mir das nie mitgeteilt.<\/p>\n<p>Ein zweites Verfahren l\u00e4uft gegen mich, seitdem ich mich an einer Demonstration in Frankfurt beteiligt habe.<\/p>\n<p><strong>GWR: Trotzdem ist der Ausgang deines Asylverfahrens in Deutschland nach 13 Jahren immer noch offen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Zeynettin:<\/strong> Ja. Kriegsdienstverweigerung wird in Deutschland nicht als Asylgrund anerkannt. Zwischenzeitlich sollte ich schon einmal abgeschoben werden. Und das, obwohl ich klare Beweise vorlegen kann, dass ich in der T\u00fcrkei verfolgt w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Mit Unterst\u00fctzung meines Anwalts hier in Deutschland habe ich einen neuen Antrag an das Bundesamt f\u00fcr die Anerkennung ausl\u00e4ndischer Fl\u00fcchtlinge gestellt. Wir haben uns auch ans Innen- und Justizministerium und ans Ausw\u00e4rtige Amt in Berlin gewandt. Von diesen Stellen ist mir best\u00e4tigt worden, dass ich in der T\u00fcrkei bef\u00fcrchten m\u00fcsste, wegen meiner politischen Aktivit\u00e4ten verfolgt zu werden. Trotzdem l\u00e4uft mein neues Asylverfahren jetzt schon seit \u00fcber einem Jahr, und ich habe noch keine Antwort bekommen. Ich kann auch noch nicht einsch\u00e4tzen, wie sich das neue Zuwanderungsgesetz auf mein Verfahren auswirken wird. Auf jeden Fall leben ich und meine Familie st\u00e4ndig in der Gefahr, abgeschoben zu werden.<\/p>\n<p><strong>GWR: Deine Familie lebt auch in Deutschland?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Zeynettin: <\/strong>Ich habe zwei Kinder. Mein \u00e4lterer Sohn ist sieben, der j\u00fcngere drei Jahre alt. Meine Frau und ich haben vor acht Jahren geheiratet, aber da ich den Kriegsdienst verweigere, weigern sich die t\u00fcrkischen Beh\u00f6rden, uns die entsprechenden Dokumente auszustellen. Deshalb sind wir zwar aus religi\u00f6ser Sicht verheiratet, aber staatlich nicht als Ehepaar anerkannt. So tragen unsere Kinder den Familiennamen ihrer Mutter, aber wir leben als Familie zusammen in unserer gemeinsamen Wohnung.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wenn du nicht als Asylberechtigter anerkannt wirst, welche Folgen hat das f\u00fcr dich und deine Familie?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Zeynettin:<\/strong> Nach 13 Jahren abgeschoben zu werden, w\u00fcrde f\u00fcr mich Gef\u00e4ngnis bedeuten. Ich wei\u00df, dass ich wegen meiner KDV und meiner politischen Aktivit\u00e4ten in der T\u00fcrkei angeklagt bin. Fast alle abgeschobenen Kriegsdienstverweigerer werden in der T\u00fcrkei festgenommen und vor Gericht gezerrt und m\u00fcssen sich f\u00fcr die Kriegsdienstverweigerung und ihre politische Arbeit in Deutschland verantworten. F\u00fcr meine Familie w\u00fcrde es bedeuten: Meine Kinder sind hier in Deutschland geboren, sie wachsen in dieser Gesellschaft auf, gehen hier in den Kindergarten und zur Schule. Deutsch ist praktisch ihre Muttersprache geworden. Wenn sie nun pl\u00f6tzlich in der T\u00fcrkei leben m\u00fcssen, ist das f\u00fcr sie ein fremdes Land. Die Vorstellung allein ist schrecklich. Wenn ich dar\u00fcber nachdenke: Seit 13 Jahren hier, und das Verfahren l\u00e4uft immer noch.<\/p>\n<p><strong>GWR: Hat die Tatsache, dass deine Kinder in Deutschland geboren sind und hier aufwachsen, keinen Einfluss auf dein Asylverfahren?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Zeynettin:<\/strong> Nein, das wird nicht ber\u00fccksichtigt. Seit Januar 2005 gilt au\u00dferdem das neue Zuwanderungsgesetz. Es schr\u00e4nkt unseren Spielraum noch weiter ein.<\/p>\n<p>Und ich bin kein Einzelfall. Es gibt Tausende von Leuten, die seit vielen Jahren in Deutschland leben. Ein Bekannter von mir ist k\u00fcrzlich nach 17 Jahren abgeschoben worden.<\/p>\n<p>Du kannst total \u00fcberraschend abgeschoben werden. Oft gibt es keine Vorwarnung, keine Vorbereitungszeit. Du hast nicht mal Gelegenheit, dich hier zu verabschieden oder den Angeh\u00f6rigen in der T\u00fcrkei Bescheid zu geben, dass du zur\u00fcckkommst. Eines Morgens um vier Uhr steht die Polizei vor deiner T\u00fcr und holt dich aus dem Bett. Du musst dich anziehen und mitkommen und wirst direkt zum Flughafen geschafft, und von dort fliegst du dann nach Istanbul. Diese st\u00e4ndige Bedrohung ist eine gro\u00dfe psychische Belastung, mit der wir leben m\u00fcssen: Seit Jahren lebst du in diesem Land, hast hier deine Arbeit, deine Familie, du baust dir dein Leben auf, und pl\u00f6tzlich wirst du abgeholt und abgeschoben und kannst nicht mal einen Koffer mitnehmen.<\/p>\n<p>Ob du Arbeit hast oder nicht, spielt da keine Rolle. Ob du politisch aktiv warst, auch nicht. Pl\u00f6tzlich k\u00f6nnen sie vor deiner T\u00fcr stehen und sagen: Mitkommen, Ende.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie gehst du mit dieser Angst im Alltag um?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Zeynettin:<\/strong> Ich habe einen sehr guten Rechtsanwalt, der schon vieles f\u00fcr mich erreicht hat und der mir immer wieder Mut macht. Aber die Angst ist nat\u00fcrlich in unseren K\u00f6pfen, wir leben jeden Tag mit ihr. Manchmal sagen wir: Wir haben das angefangen, wir m\u00fcssen das nun durchziehen, egal, was passiert. Wir haben so vieles schon geschafft, wir werden es durchstehen. Es gibt keinen anderen Weg.<\/p>\n<p>Es ist sehr belastend, die Zukunft nicht planen zu k\u00f6nnen. F\u00fcr uns hat es keinen Sinn, zu \u00fcberlegen, was wir in drei Jahren machen. Wir wissen ja nicht mal, ob wir n\u00e4chste Woche noch hier sind. Das ist unser Leben.<\/p>\n<p>Ich hoffe, dass irgendwann mehr Stabilit\u00e4t in unser Leben einkehrt. Aber wenn ich mir die neuen Gesetze ansehe, zweifle ich manchmal, ob das jemals passieren wird. Manchmal denke ich, ich schaffe es nicht, ich habe nicht die Kraft dazu. Aber dann machen wir doch wieder eine Veranstaltung oder eine Demonstration, arbeiten weiter, zusammen mit den hiesigen Friedensgruppen und Organisationen, und das gibt mir wieder Auftrieb. Dann kommt die Hoffnung zur\u00fcck: Wir k\u00f6nnen etwas tun, wir k\u00f6nnen etwas ver\u00e4ndern. Nicht nur f\u00fcr mich, sondern f\u00fcr alle Kriegsdienstverweigerer hier in Deutschland.<\/p>\n<p><strong>GWR: Du hast die Beratungsstelle der DFG-VK f\u00fcr Kriegsdienstverweigerer aus der T\u00fcrkei \u00fcbernommen. Welche Chancen siehst du in dieser Arbeit, welche M\u00f6glichkeiten, politisch Einfluss zu nehmen oder juristische Unterst\u00fctzung zu leisten?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Zeynettin:<\/strong> Zum einen kenne ich mich inzwischen mit den einschl\u00e4gigen Gesetzen gut aus, zum anderen ist es wichtig, dass wir als t\u00fcrkische Kriegsdienstverweigerer uns selbst organisieren. Die DFG-VK bietet uns eine gute Arbeitsgrundlage. Ein wichtiger Partner ist auch Connection e.V. aus Offenbach. Dar\u00fcber hinaus haben wir inzwischen ein vielf\u00e4ltiges Netz von Beziehungen gekn\u00fcpft. So arbeiten wir sehr gut zusammen mit verschiedenen Friedensgruppen, Menschenrechtsorganisationen und mit der Kirchengemeinde vor Ort. Wir wollen aber unbedingt noch mehr Kontakte kn\u00fcpfen und unser Anliegen st\u00e4rker an die \u00d6ffentlichkeit tragen. Wir m\u00fcssen den Menschen vermitteln, warum wir den Kriegsdienst verweigern, warum wir Krieg und Milit\u00e4r ablehnen. Da ist noch viel Erkl\u00e4rungsarbeit zu leisten.<\/p>\n<p><strong>GWR: Arbeitet ihr auch mit Gruppen und Organisationen in der T\u00fcrkei zusammen?<\/strong><\/p>\n<p>Zeynettin: Der &#8222;Verein der KriegsgegnerInnen&#8220; in der T\u00fcrkei ist eine Partnerorganisation. Sie leisten seit vielen Jahren Beratungsarbeit f\u00fcr Kriegsdienstverweigerer, organisieren Anw\u00e4lte usw. Sie sind starker Repression durch den t\u00fcrkischen Staat, durch Beh\u00f6rden und Gerichte ausgesetzt und sind oft gezwungen, illegal zu leben und zu arbeiten.<\/p>\n<p><strong>GWR: In M\u00fcnster hast du zum Internationalen Tag der Kriegsdienstverweigerung am 15. Mai 2004 die Aktionstage &#8222;Asyl f\u00fcr Deserteure!&#8220; ((1)) mitorganisiert &#8211; dabei arbeitete eure Initiative kurdisch-deutscher KriegsgegnerInnen mit Pro Asyl, der DFG-VK, Connection e.V., der<em> Graswurzelrevolution<\/em> u.a. zusammen. Was war die Idee hinter diesen Aktionstagen, und was haben sie gebracht?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Zeynettin:<\/strong> Wir f\u00fchren seit Jahren immer wieder Demonstrationen und Veranstaltungen durch, um unser Anliegen in die \u00d6ffentlichkeit zu tragen, aber noch nie zuvor hatte ich eine derartige Unterst\u00fctzung von so vielen Friedensgruppen und befreundeten Organisationen hier in Deutschland erfahren.<\/p>\n<p>\u00dcber diese Solidarit\u00e4t habe ich mich sehr gefreut. Ich hatte das Gef\u00fchl: Die t\u00fcrkischen Kriegsdienstverweigerer stehen in Deutschland nicht allein, sie k\u00f6nnen auf die Unterst\u00fctzung der Kollegen hier z\u00e4hlen. Das gibt mir Hoffnung, dass wir mit unserem Anliegen durchkommen werden, dass unser Recht auf Kriegsdienstverweigerung anerkannt wird.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was sind eure n\u00e4chsten Projekte?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Zeynettin:<\/strong> Dar\u00fcber wollen wir heute Nachmittag diskutieren. Wir besprechen und beschlie\u00dfen gemeinsam, wie wir unsere Kriegsdienstverweigerung und unsere Asylverfahren hier in Deutschland betreiben und wie wir auf Ver\u00e4nderungen in der T\u00fcrkei hinarbeiten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wir w\u00fcnschen euch alles Gute f\u00fcr eure weitere Arbeit und danken dir f\u00fcr das Interview.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution: Zeynettin, m\u00f6chtest du etwas zu deiner Geschichte erz\u00e4hlen? Was hat dich nach Deutschland verschlagen, und wie ist deine Situation heute? Zeynettin: Seit fast 13 Jahren lebe ich in Deutschland, seit 9 Jahren in Heuchelheim bei Gie\u00dfen. Beruflich arbeite ich in einer Gastst\u00e4tte, ich bin gelernter Koch. 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